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Kohlbergs Theorie des moralischen Lernens und ihre Kritik

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie des moralischen Lernens nach Kohlberg
2.1. Kohlbergs Adaption von Piagets Theorie
2.2. Das moralische Urteil
2.2.1. Der Inhalt des moralischen Urteils
2.2.2. Die sequenzielle Stufenform des moralischen Urteils
2.3. Die sozio-moralische Perspektive der Moralentwicklung

3. Kritik der Theorie des moralischen Lernens nach Kohlberg
3.1. Das strukturelle Problem auf der Ebene der Methoden
3.2. Ein struktureller Engpass - Das Stufenmodell in der Kritik
3.3. Postkonventionalität als Konstrukt eines problematischen Prinzipienbegriffs..
3.4. Der Standpunkt der Moral in kritischer Reflexion
3.5. Autonomie als Voraussetzung der Theorie

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die moralische Entwicklung des Menschen ist aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht vollständig entschlüsselt. Es gibt die verschiedensten Ansätze im Bereich des moralischen Lernens. Angefangen bei soziologischen Erklärungsversuchen bis hin zu allgemeinen entwicklungspsychologischen Theorien (vgl. Kohlberg 1976, S. 162). Eine der bekanntesten Arbeiten zum Thema Moralentwicklung stammt von Lawrence Kohlberg und wurde seit der Erstveröffentlichung der Dissertation ‚The Developmernt of Modes of Moral Thinking and Choice in the Years 10 to 16‘ im Jahre 1957 bis zur Herausgabe des ‚Standard Form Scoring‘ aus dem Jahre 1978 von ihm konsequent weiterentwickelt (Garz 1989, S.90).

Der Inhalt dieser Hausarbeit lässt sich in zwei Hauptteile strukturieren:

Im ersten Teil liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung der Moraltheorie von Kohlberg. Es beginnt mit einem Resümee ihrer Wurzeln in der Studie von Piaget, gefolgt von einer konkreten Darlegung der Theorie des moralischen Urteils mit einem kurzen Verweis auf die sozio-moralische Perspektive, die Kohlberg im Rahmen seiner Moralstufen auf der Grundlage von Selmans Theorie zur Rollenübernahme entwickelt.

Der zweite Teil widmet sich der Kritik und dem Diskurs, denen die Theorie des moralischen Lernens bis heute ausgesetzt wird. Die hier aufgeführte Kritik folgt dabei zwei Hauptströmungen der Kritiker; zum einen Kohlbergs Sicht auf die Verbindung von Wissenschaft und Philosophie, die u.a. auch in seiner Adaption des Begriffs des philosophischen Prinzips zeigt. Zum anderen einem strukturellen Problem, dass sich von den Methoden Kohlbergs Studien bis zu seinem Konstrukt des Stufenmodells zieht.

2. Die Theorie des moralischen Lernens nach Kohlberg

Allgemein lassen sich die Theorien des moralischen Lernens (oder auch Theorien des Moralerwerbs) in drei verschiedene Modelle gliedern (vgl. Kohlberg 1976, S. 162).

Zum einen gibt es die Theorien der kognitiven Entwicklung, denen sich u.a. auch Piagets Arbeiten zuordnen lassen, ihnen liegt eine altersbezogene, sequenzielle Reorganisation der moralischen Entwicklung zu Grunde, zweitens die Sozialisationstheorien, die die Grundmotivation von Moralität entweder in biologischen Bedürfnissen oder dem Streben nach sozialer Anerkennung sehen, und als drittes die psychoanalytischen Theorien, welche aufbauend auf der Freudschen Theorie ihren Schwerpunkt auf den Aspekt der Internalisierung verschoben haben (vgl. Kohlberg 1976, S.163).

Kohlberg strebt mit seiner Theorie nach einer Analysierung der Moralentwicklung unter dem Gesichtspunkt der Strukturierung und Einordnung der Moralforschung (vgl. Dülmer 2000, S. 17). Dabei basiert die Theorie auf einem hierarchischen Stufenmodell und ist somit eindeutig den kognitiven Theorien des Moralerwerbs zuzuzählen (vgl. Kohlberg 1976, S. 162). Nach Kohlberg sind die Moralstufen vorwiegend als ÄResultat der Interaktion des Kindes mit anderen zu verstehen und dürfen nicht als unmittelbare Entfaltung biologischer und neurologischer Strukturen betrachtet werden“ (Kohlberg 1968, S.31).

2.1. Kohlbergs Adaption von Piagets Theorie

Die Grundlage für Kohlbergs Theorie der Moral bilden seine eigenen Studien zu den Moraltypen nach Piaget in der ‚Theorie des moralischen Urteils beim Kinde‘ (Hofmann 1991, S. 108). Kohlberg dehnte diese dann auf das moralische Lernen bis ins Erwachsenenalter aus (vgl. Dülmer 2000, S. 17) und erweiterte Piagets Moraltypen zu einer fundierten sechsstufigen Entwicklungssequenz (vgl. Dülmer 2000, S. 18).

Der gedankliche Ausgangspunkt für die Theorie über ‚das moralische Urteil beim Kinde‘ nach Piaget ist die typologische Unterscheidung zwischen einer heteronomen und einer autonomen Moral (vgl. Dülmer 2000, S. 17).

Die heteronome Moral geht von der einseitigen Achtung bzw. dem Zwang einer dem Subjekt übergeordneten Macht, wie z.B. Eltern, aus (vgl. Dülmer 2000, S. 17). Die konträre autonome Moral beschreibt hingegen eine weitergehende Entwicklung des Beziehungsverhältnisses, die der gegenseitigen Achtung Gleichgestellter entspringt (vgl. ebd.). Dabei beschreibt die Weiterentwicklung des Heteronomen hin zum Autonomen die Grundlage des moralischen Urteils (vgl. ebd.).

Die Entwicklungstheorie des logischen Denkens nach Piaget bildete für Kohlberg eine Leitlinie für die Formulierung der Moralstufen (vgl. Hofmann 1991, S. 104). Jedoch umging Piaget das strukturelle Problem der Stufenentwicklung indem er die situationsspezifische Anwendung in der Praxis durch raffinierte Regeln definiert (vgl. Döbert 1987, S. 489 f) und den direkten Praxisbezug ausschließt.

2.2. Das moralische Urteil

Das moralische Urteil bezeichnet die Theorie des moralischen Lernens nach Kohlberg. Er unterscheidet dabei zum einen den Inhalt des moralischen Urteils, in dem er die moralische Entscheidung in drei verschiedene Inhaltskategorien unterteilt (vgl. Dülmer 2000, S.36ff). Und zum anderen in die strukturellen Informationen, die sich in den Stufen der Moralentwicklung widerspiegeln, welche im Anschluss an die Inhaltskategorien eine schematische Vergleichbarkeit im Prozess der Entwicklung verschiedener Individuen zulässt (vgl. ebd.).

2.2.1. Der Inhalt des moralischen Urteils

Inhaltlich lässt sich das moralische Urteil in drei Kategorien unterteilen: Standpunkte, Normen und Elemente (vgl. Dülmer 2000, S.36ff). Der ‚Standpunkt‘ macht eine Aussage über die konkrete getroffene Entscheidung eines Individuums. Dieser wird z.B. in einem Dilemma- Interview, wie die von Kohlberg durchgeführten, durch ein Auswertungshandbuch den verschiedenen Entscheidungsergebnissen zugeordnet (vgl. Dülmer 2000, S.37). Die ‚Normen‘ beschreiben die Begründung für die Entscheidung des Befragten (vgl. Dülmer 2000, S. 38). Diese beiden ersten Bestandteile des Inhalts des moralischen Urteils repräsentieren gemeinsam die folgenden neun Werte: Leben, Eigentum, Wahrheit, Bindung/Zugehörigkeit, Autorität, Gesetz, Vertrag, Gewissen und Strafe (vgl. ebd.).

Die dritte Inhaltskategorie ist benannt mit ‚Elemente‘ und befasst sich mit dem moralischen Wert der angewendeten Norm des Individuums. Dieser letzte inhaltliche Punkt knüpft für Kohlberg einen Verbindungspunkt von Psychologie und Philosophie und lässt sich aufteilen in zwei teleologische Kategorien, die perfektionistische und die utilitaristische, und in zwei deontologische Kategorien, eine Fairnessorientierung und eine normative Orientierung (vgl. Dülmer 2000, S. 38f).

2.2.2. Die sequenzielle Stufenform des moralischen Urteils

Kohlberg unterteilt die psychologische Moralentwicklung des Individuums in sechs Stufen, die in drei moralische Hauptniveaus zusammengefasst werden (vgl. Kohlberg 1976) und dabei eine Entwicklungssequenz darstellen (vgl. Wilkening et al 2009, S. 73). Jedes dieser Niveaus spiegelt dabei eine Ebene von Beziehungen zwischen dem Selbst und den vorherrschenden gesellschaftlichen Regeln wieder (vgl. Kohlberg 1976, S. 127).

Die unterste moralische Ebene, auch präkonventionelle Ebene genannt, ist im Besonderen bei Kindern bis zum neunten Lebensjahr zu beobachten. Sie kennzeichnet sich durch eine reine Äußerlichkeit der Normen und Regeln der Gesellschaft, d.h. das Subjekt handelt im Normalfall zwar nach den gesellschaftlichen Normen, aber es internalisiert sie nicht, sondern sieht sie immer als einen von außen festgelegten Rahmen an (vgl. Kohlberg 1976, S. 127). In der ersten Stufe, der Stufe der heteronomen Moralität, zeigt sich das Subjekt regeltreu, da es eine Bestrafung vermeiden möchte und einer ungewissen Autorität eine übergeordnete Macht einräumt (vgl. Kohlberg 1976, S. 128), dabei unterliegt es einer Straf- und Gehorsamkeitsorientierung (vgl. Wilkening 2009, S.74).

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Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656238157
ISBN (Buch)
9783656238263
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197450
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
Kohlberg Moral Moralforschung Ethik Psychologie Kritik Moraltheorie

Autor

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Titel: Kohlbergs Theorie des moralischen Lernens und ihre Kritik