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Anthropologien im Vergleich: Thomas Hobbes und Helmuth Plessner

Seminararbeit 2009 22 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Anthropologie von Thomas Hobbes
2.1 Einführung
2.2 Die Bestimmung des Menschen im Leviathan
2.3 Naturzustand und Staatsbildung

3. Die Anthropologie von Helmuth Plessner
3.1. Einführung
3.2 Die Bestimmung des Menschen in Die Stufen des Organischen und der Mensch
3.2.1 Die exzentrische Position
3.2.2 Das Gesetz der natürlichen Künstlichkeit
3.2.3 Gesetz der vermittelten Unvermittelbarkeit Immanenz und Expressivität
3.2.4 Das Gesetz des Utopischen Standortes Nichtigkeit und Transzendenz
3.3 Macht und menschliche Natur
3.3.1 Unergründlichkeit
3.3.2 Der Mensch als Macht

4. Auswertung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit ca. dem 16. Jahrhundert ist Anthropologie als die Lehre von der Natur des Menschen bekannt. Ihr Ziel ist es universelle Eigenschaften des Menschen zu finden, d.h. unabhängig von verschiedenen Gruppen und Kulturen, dem Wechsel von Situationen und dem Verlauf der Geschichte. Im Besonderen wurde dabei stets auf die menschlichen Handlungen und das Reden eingegangen. Damit soll es möglich sein, auch

[…] in Situationen bedrohter oder fehlender Gemeinsamkeit hinsichtlich grundlegender Lebensorientierungen, Handlungsziele oder Redenormen (d.i. in Krisenzeiten) wieder eine Gemeinsamkeit herzustellen.[1]

Von den verschiedenen Ansätzen, die im Verlauf der Geschichte der Anthropologie entstanden sind, sollen hier nur zwei bearbeitet werden. Zum einen die Auffassung von Thomas Hobbes, wie er sie im Leviathan dargestellt hat, zum anderen die von Helmuth Plessner, die aus seiner philosophischen Anthropologie herausgearbeitet werden soll. Im Einzelnen wird es dabei um die beiden Schriften Die Stufen des Organischen und der Mensch und Macht und menschliche Natur gehen.

Die anthropologischen Theorien von Thomas Hobbes (1711 - 1776) und Helmuth Plessner (1882 - 1985) lassen sich insgesamt inhaltlich, schon aufgrund der zeitlichen Differenz, nur schlecht vergleichen. Allein die wissenschaftlichen Grundlagen der jeweiligen Zeit sind ganz verschieden. Im Speziellen ist ein Vergleich schwierig, weil sich die beiden Theorien auf verschiedene Grundlagen stützen.

Für Hobbes der Mensch von seinen Leidenschaften getrieben wird, seine Theorie kann dem Naturalismus zugeordnet werden. Dies bedeutet, dass vor allem die Naturwissenschaften als alleinige Basis zur Erklärung aller Dinge herangezogen werden und dass eine Einheit der Natur angenommen wird, sodass alle Naturgesetze und naturwissenschaftlichen Theorien in eine einheitliche Theorie zusammengefasst werden können.[2]

Plessner betrachtet die exzentrische Position des Menschen und seine Unergründlichkeit als die wichtigsten Merkmale. Er ist, wie bereits angedeutet, Vertreter der philosophischen Anthropologie. Er selbst beschreibt sie als „[…] Lehre von den Bedingungen eines menschenhaften Wesens der vollen Erfahrung in Natur und Geschichte.“[3] Der Mensch lässt sich also nicht mit nur einer Wissenschaft erklären. Die Schwierigkeit in der Erklärung seines Ansatzes wird es sein, die Bestimmung des Menschen von den anderen Bereichen, die Macht und menschliche Natur anspricht, zu unterscheiden. Dazu gehören z.B. die Frage nach der Vorgehensweise innerhalb der philosophischen Anthropologie und Konstitution der politischen Anthropologie, die für Plessner mit der philosophischen verschränkt ist. Das Politische wird in der Arbeit zwar angesprochen werden, aber nur soweit es für die Arbeit und den Vergleich mit Hobbes zwingend notwendig ist.

Trotz der besprochenen Unterschiede lassen sich einige Merkmale in den Theorien der beiden Philosophen vergleichen, z.B. das Einbeziehen von verschiedenen Wissenschaften in ihre Auffassung vom Menschen oder Fähigkeiten und Merkmale, die sie ihm beide zuordnen. Der Vorteil des Vergleiches dieser beiden Theorien liegt darin, dass Plessner sich gelegentlich auf naturalistische Theorien bezieht und eine Begründung für seine Ablehnung derselben mit einbezogen werden kann.

Zunächst sollen jeweils kurze Einführungen zu den Philosophen und ihren Arbeits- und Denkweisen werden. Drauf folgen dann die Untersuchung und der Vergleich der anthropologischen Theorien.

2. Die Anthropologie von Thomas Hobbes

2.1 Einführung

Hobbes’ Interessen waren weit gefächert. Er übersetzte beispielsweise Thukydides’ Werk über den Peloponnesischen Krieg, in welchem es vordergründig um Gebrauch und Eigenlogik von Macht geht. Eine Thematik, die er auch in Machiavellis Werk untersuchte. Dies sollen zwei wichtige Einflüsse für seine eigene Staatsphilosophie werden. Neben historischen und sprachlich orientierten Thematiken, beschäftigte er sich auch eingehend mit Physik, Mathematik und seiner historischen Zeitgenossenschaft. Besonders interessant ist dabei der Blick auf den konfessionellen Bürgerkrieg, nicht nur weil dieser ihn selbst (aufgrund seines Rufes als Atheist) bedrohte, sondern auch weil Bezüge zwischen Bürgerkrieg und seiner Version des Naturzustandes im Leviathan nicht zu übersehen sind.[4] Bevor nun aber Die anthropologischen und politischen Grundzüge des Leviathan untersucht werden, soll dieser knapp in den Kontext seines philosophischen Überbaus eingeordnet werden. „Denn um nichts Geringeres ging es ihm: um die Beschreibung und Deutung aller Vorgänge und Geschehnisse, die das Sein bestimmen, unter einem methodischen Überbau, seien es organische, anorganische oder soziale Gebilde.“[5]

In seinem philosophischen System versucht Hobbes „[…] wissenschaftstheoretische, physikalische und anthropologische Grundlagen für eine metaphysikfreie Natur- und Gesellschaftswissenschaft […]“[6] zu vereinbaren.

Für seine Philosophie sind zwei Begriffe ganz entscheidend: Körper und Bewegung. Nur Körper sind mögliche Gegenstände der Erkenntnis, wobei er darunter alles versteht, was sich begrifflich in seine Elemente zerlegen lässt. Auch der Mensch ist demnach ein Körper, und zwar ein natürlicher, während der Staat ein künstlicher Körper ist.[7] Aus der Mechanik übernimmt Hobbes das Gesetz der Bewegung, „[…] mit dessen Hilfe sich die als gegeben betrachteten logischen Zusammenhänge der Natur erkennen lassen“[8] und überträgt es auf die Anthropologie. So erklärt sich z.B. Wahrnehmung folgendermaßen: „Die äußeren Objekte üben einen mechan. Reiz auf die Sinnesorgane aus, der dann durch die Reaktion der inneren «Lebensgeister» die entsprechende Vorstellung im Gehirn auslöst.“[9] Doch darauf wird im nächsten Abschnitt eingegangen, wichtig ist hier nur der Hinweis auf das Mechanische in Hobbes’ Auffassung vom Menschen.

2.2 Die Bestimmung des Menschen im Leviathan

Der Ansatz der Bestimmung des Menschen bei Hobbes wird schon deutlich, wenn man sich im Leviathan das Inhaltsverzeichnis zum ersten Teil ansieht. Überschrieben mit „Vom Menschen“ kann man darunter Kapitel von den Sinnen, von der Einbildungskraft, der Vernunft und den Leidenschaften finden. Gerade die Leidenschaften werden von Hobbes schon in der Einleitung als das alle Menschen vereinigende Merkmal aufgeführt, denn diese,

[…] so verschieden sie auch immer sein mögen, haben dennoch eine so große Ähnlichkeit untereinander, daß jeder, sobald er über sich nachdenkt […], auch eben dadurch aller anderen Menschen Gesinnungen und Leidenschaften, die aus ähnlichen Quellen entstehen, deutlich kennenlernt […].[10]

Da die Bestimmung des Menschen von Hobbes von einem Kapitel zum nächsten sorgfältig aufgebaut wird, scheint es sinnvoll sich seiner Vorgehensweise anzuschließen und so die wichtigsten Punkte seiner Anthropologie, zumindest in Auszügen, nachzuvollziehen.

Im ersten Kapitel des Leviathan wird das Denken irgendeiner Eigenschaft eines Gegenstandes als Erscheinung oder Vorstellung bezeichnet, deren Ursprung von unseren Sinnen herrührt. „Denn wir können uns nichts denken, wenn es nicht zuvor ganz oder zum Teil in einem unserer Sinne erzeugt war.“[11]

Der Eindruck, den ein Gegenstand auf einen jeweiligen Sinn macht, wirkt vermittelst der Nerven auf das Gehirn und von dort aus aufs Herz. Daraus folgt entweder ein Widerstand oder ein Streben des Herzens, die beide als Empfindungen bezeichnet werden.[12]

Kapitel zwei schließt sich an die Thematik der Einbildungs- bzw. Vorstellungskraft an. Das Bild, welches von einem Gegenstand in der Seele zurückbleibt, hat laut Hobbes den Begriff der Einbildungskraft veranlasst. Diese sei „[…] nichts als die aufhörende Empfindung oder die geschwächte und verwischte Vorstellung […]“[13], die beinahe eins mit dem Gedächtnis genannt werden könne. Erfahrung ist daher auch nichts anderes, als das Vermögen, sich vieler Ereignisse zu erinnern. Frank Grunert bezeichnet daher Erfahrung, wie sie bei Hobbes geschildert wird, als Plural von Erinnerung.[14]

Wie jede Vorstellung nur aus Empfindungen entstehen kann, kann auch jeder Übergang von einem Gedanken zum nächsten nur dann stattfinden, wenn er vorher in der Empfindung gewesen sei. Diesen Übergang der Gedanken nennt Hobbes Gedankenfolge, welches er als innerlichen Prozess betrachtet.[15] Dabei werden zwei Arten von Gedankenfolgen unterschieden, von denen hier nur die zweite wichtig ist:

[...]


[1] Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Hrsg. von Jürgen Mittelstraß. Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler 2004. Bd. 1, S.126

[2] Vgl.: ebd. Bd. 2, S. 964

[3] Plessner, Helmuth: Der Aussagewert einer philosophischen Anthropologie, In: Die Frage nach der Conditio humana. Aufsätze zur philosophischen Anthropologie. Baden-Baden: Suhrkamp 1976, S. 196

[4] Vgl.: Metzler Philosophen Lexikon. Hrsg. von Bernd Lutz. Dritte Auflage. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler 2003, S. 313

[5] ebd.

[6] Enzyklopädie, Bd. 2, S 117

[7] Vgl.: DTV- Atlas der Philosophie. Hrsg. von P. Kunzmann, F.-P. Burkhard und F. Wiedemann. 7. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2005, S. 117

[8] Enzyklopädie, Bd. 2, S. 117

[9] DTV, S. 117

[10] Hobbes, Thomas: Leviathan. Stuttgart: Philipp Reclam Verlag. 2005, S.7

[11] ebd. S. 11

[12] Vgl.: ebd.

[13] ebd. S. 14

[14] Vgl.: Grunert, Frank: Erinnerung und Gedächtnis in der Anthropologie des Leviathan. In: Der lange Schatten des Leviathan. Hobbes’ politische Philosophie nach 350 Jahren. Hrsg. von Dieter Hüning. Berlin: Duncker & Humboldt. 2005, S. 41

[15] Vgl.: Leviathan, S. 21

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656235989
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197407
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Seminar für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Anthropologie Thomas Hobbes Helmuth Plessner

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