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Politischer Sprachgebrauch im Wandel

Eine beispielhafte Untersuchung anhand einer politischen Rede Joseph Goebbels von 1944 und Gerhard Schröders von 2001

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Historischer Kontext
2.1 Goebbels Rede
2.2 Schröders Rede

3 Lexik

4 Suggestion von Gruppenzugehörigkeit

5 Absolutheitsanspruch und göttliche Fügung

6 Beschönigung und Übertreibung

7 Vergleich der Goebbels Rede mit der Sprache Schröders Regierungserklärung
7.1 Suggestion von Gruppenzugehörigkeit
7.2 Absolutheitsanspruch und göttliche Fügung
7.3 Beschönigung und Übertreibung

8 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

"Um einen Stein zu zertrümmern, braucht man einen Hammer, aber um eine kostbare Vase zu zerbrechen, genügt eine flüchtige Bewegung und um das Herz eines Menschen zu treffen, genügt oft ein einziges Wort" (http://www.magicofword.com/). Den enormen Einfluss von Sprache, von Wörtern, auf das Denken eines Menschen haben nebenEugen Drewermann, von dem dieses Zitat stammt, auch schon Adolf Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels erkannt. Ihre politischen Reden vermochten es, die Menschen zu überzeugen, mitzureißen, anzustacheln und zu begeistern. Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wie ihnen dies gelingen konnte. Dazu sollen anhand einer Analyse einer konkreten Propagandarededie typischen Merkmale nationalsozialistischer Sprache herausgearbeitet werden. Die dabei analysierte Rede stammt von Joseph Goebbels und stellt seine Reaktion auf den Anschlag auf Adolf Hitler dar. Sie wurde am 26. Juli 1944 per Rundfunk ausgestrahlt. Diese Rede Goebbels und der ihr zu Grunde liegende Sprachgebrauch des Nationalsozialismus sollen abschließend mit einer zeitgemäßen Rede verglichen werden. Die hierzu herangezogene Rede stammt von Gerhard Schröder, der sich zu den Anschlägen des 11. Septembers äußert. Sicherlich wäre eine Rede Angela Merkels aktueller gewesen. Gerhard Schröder als „Medienkanzler“ bildet aber eine bessere Ausgangsbasis für einen Vergleich mit dem intensiv auf Propaganda und Öffentlichkeitsarbeit ausgerichteten Joseph Goebbels.

Natürlich bringt eine solche Untersuchung zwangsläufig Probleme mit sich. Diese finden sich insbesondere in Bezug auf die Vergleichbarkeit jener Reden: Den Reden Goebbels und Schröder liegen zweifellos unterschiedliche historische Begebenheiten zu Grunde und sie richten sich an unterschiedliche Rezipienten. Diese Diskrepanzen sollen im Folgenden jedoch weitestgehend vernachlässigt werden, da sie im Rahmen einer rein linguistischen Untersuchung weniger bedeutend sind.

An dieser Stelle sei betont, dass diese Untersuchungen rein linguistischer Natur sind. Sämtliche politischen Wertungen, die durch Verwendung von Begriffen wie „der Feind“ in Bezug auf die Kriegsgegner der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, oder „das deutsche Volk“ im Bezug auf das „arische deutsche Volk“, exklusive der Juden und anderer Gruppen, impliziert werden könnten, beziehen sich ausschließlich auf das von Joseph Goebbels verwendete Vokabular und stellen keine Evaluation von Völkergruppen oder historischen Begebenheiten dar.

Im Folgenden sollen zunächst die den Untersuchungen zu Grunde liegenden Reden, ihre Inhalte und Hintergründe, kurz vorgestellt werden. Dann soll eine ausführlichere Analyse des Sprachgebrauchs in der Goebbels-Rede erfolgen. Zunächst wird dabei kurz auf die Lexik der Rede eingegangen werden. Der Schwerpunkt soll aber auf den Intentionen dieses Sprachgebrauchs liegen.

Abschließend werden die Absichten der Goebbels-Rede mit jenen der Schröder-Rede verglichen. Mit einher geht dabei ein Vergleich der Stilmittel,welche die Redner einsetztenum ihre die jeweiligen Intentionen durchzusetzen.

2 Historischer Kontext

2.1 Goebbels Rede

Die zu untersuchende Rede stammt von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und wurde am 26. Juli 1944 per Rundfunk publiziert. Goebbels äußert sich darin zu dem Bombenanschlag auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Dieser Anschlag scheiterte ebenso wie die damit verbundene „Operation Walküre“. Die mit dem Anschlag oder Militärputsch in Verbindung stehenden Menschen wurden hingerichtet oder nahmen sich selbst das Leben.

Goebbels äußert sich in seiner Rede zunächst zu seiner persönlichen Reaktion auf das Attentat und verurteilt es auf das Schärfste als „hinterlistige[n] Anschlag“ der „nur von einem abgrundtief bösen und verworfenen Menschen begangen worden sein“ kann (Heiber 1972: 344). Er beschreibt dann detailliert die Abläufe dieses Attentats und appelliert an das deutsche Volk,seine „gesamte Kraft“ für den Sieg einzusetzen (Heiber 1972: 351). Dabei stellt er das Attentat in einen Gesamtzusammenhang mit dem Krieg und betont, wie positiv sich die Lage momentan für die Deutschen darstellt, da sie „neuartige Waffen“ (Heiber 1972: 356) aber auch „Hände und Herzen“ hätten, die den Erfolg sicherten (vgl. Heiber 1972: 358). Er schließt damit, dass er den Sieg des deutschen Volkes als gottgewollt, und somit als sicher beschreibt (vgl. Heiber 1972: 359).

2.2 Schröders Rede

Gerhard Schröders Regierungserklärung stellt eine Stellungnahme zu den Ereignissen der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York dar. Sie wurde einen Tag nach den Anschlägen, am 12. September 2001, abgegeben. Schröder bezeichnet den Anschlag zunächst als „Kriegserklärung an die zivilisierte Völkergemeinschaft“ und erklärt dann, dass Deutschlands „uneingeschränkte Solidarität“ Amerika und dem amerikanischen Präsidenten gelte. Der Terrorismus bedrohe „unmittelbar die Prinzipien menschlichen Zusammenlebens in Freiheit und Sicherheit“. Er stelle eine „Kriegserklärung an die freie Welt“ dar und erfordere es, die „Initiative zu ergreifen“. Schließlich skizziert Schröder kurz die Sicherheitslage in Deutschland und betont, dass „keine Hinweise auf eine außerordentliche Bedrohung der Sicherheit unseres Landes“ vorlägen. Er habe trotzdem „zusätzliche Maßnahmen“ ergriffen, die „zum Schutz der Menschen in unserem Land erforderlich sind“. Schröder schließt mit einem Appell an den Zusammenhalt der Völker: „Gemeinsam werden wir uns dieser verbrecherischen Herausforderung gewachsen zeigen“.

3 Lexik

Der erste Aspekt, der im Folgenden untersucht werden soll, ist das Vokabular des Nationalsozialismus. Hierzu ist es zunächst von Nöten, eine grundsätzliche Diskussion über den zu untersuchenden Gegenstand voranzustellen. Diese Diskussion bezieht sich auf die Frage, ob von einer eigenen Lexik zu Zeiten des Nationalsozialismus überhaupt die Rede sein darf, ob eine „Sprache des Nationalsozialismus“ also überhaupt existiert. Die folgenden Untersuchungen orientieren sich dabei an der Beantwortung dieser Frage durch C.J. Wells:

Da den Nationalsozialisen jegliche zusammenhängende politische Philosophie fehlte, entwickelten sie auch keine konsequente ideologische Sprache und bezogen ihre Ideen aus einem bunten Durcheinander an Quellen. […] Aber mit Hilfe gekonnter Propaganda, totaler Kontrolle über die Nachrichten- und kulturellen Medien und durch politische Überwachung aller wichtigen Tätigkeitsbereiche zwangen die Nationalsozialisten ihre so disparate ideologische Sprache mit einer Intensität ohnegleichen den Deutschen auf. […] Einige Ausdrücke bleiben so beschmutzt, daß sie heute nicht mehr verwendet werden können - oder erst recht als Provokation ausgesprochen werden. Und in dieser Hinsicht können wir in der Tat von ‚der Sprache des Nationalsozialismus‘ sprechen. (Wells 1990: 436)

Wells sieht diese Selbständigkeit der Sprache des Nationalsozialismus dabei hauptsächlich im Bereich der Semantik. Es komme größtenteils zu einer Bedeutungsänderung bereits existierender Wörter durch „ideologische Verzerrung“ (Wells 1990: 436), weniger aber zu einer völlig neuen Lexik. C. Schmitz-Berning führt in ihrem Buch Vokabular des Nationalsozialismus dagegen zusätzlich zu den von Wells genannten umgedeuteten oder bedeutungserweiterten Wörtern auch noch Worttypen an, die „von den Nationalsozialisten neugeprägt wurden“ (Schmitz-Berning 2007: XIV). In einem vorhergehenden Buch spricht Schmitz-Berning (damals „Berning“) explizit von „neugebildeten Wörtern“ (Berning 1964: 5) und auch K. Brackmann und R. Birkenhauer bestätigen die Existenz von Neologismen (Brackmann / Birkenhauer 1988: 6). W.W. Sauer erwähnt bei seinen Untersuchungen des NS-Vokabulars im Duden insbesondere „Neuschöpfungen“ durch Komposita, vor allem in Verbindung mit „-reich“ bzw. „Reich-“ (vgl. Sauer 1989: 111). Diese finden sich auch in der Goebbels-Rede: „Reichsminister“ (Heiber 1972: 351); „Reichsbahn“ und „Reichspost“ (Heiber 1972: 353); „Reichsmarschall“ (Heiber 1972: 353); u.a. Da sich die Neubildungen von Wörtern vor allem auf Grund der Einrichtung und Benennung neuer Institutionen ergaben (vgl. Sauer 1989: 110), soll der Schwerpunkt hier auf der semantischen Umdeutungen einzelner Wörter und auf Wortverwendungen durch die NS-Diktatur im Allgemeinen liegen. Insbesondere werden auch die Gründe für die Benützung und Bedeutungsänderungen jener Wörter durch das NS-Regime beleuchtet. Die Untersuchungen der NS-Sprache erfolgt daher im Folgenden gegliedert nach ihrer Funktion.

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Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656235293
ISBN (Buch)
9783656235460
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197342
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
politischer sprachgebrauch wandel eine untersuchung rede joseph goebbels gerhard schröders

Autor

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