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Der tragische Abschied der Liebenden

Didaktische Überlegungen zur Behandlung von Piccolominis Bestseller "Euryalus" und "Lucretia" im Unterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 13 Seiten

Latein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gründe für und gegen Euryalus undLucretia als Anfangslektüre

3. Fachliche und Didaktische Analyse der Textstelle

4. Kompetenzen

5. Arbeitsaufträge

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll die Erzählung von Euryalus und Lucretia {História de duobus amanti- bus), ein im Jahre 1444 entstandenes Werk Enea Silvio Piccolominis, des späteren Papstes Pi­us II., als mögliche Anfangslektüre vorgestellt werden. Im Mittelpunkt der Betrachtung sollen dabei die Abschiedsbriefe des Liebespaares, die auf Seite 34 der Transit-Schülerausgabe zu finden sind, stehen.[1] In diesem Textabschnitt versucht Lucretia ihren Geliebten Euryalus, der mit dem Kaiser fortgehen muss, dazu zu überreden, sie mitzunehmen und nicht in Liebes­kummer zurückzulassen. Euryalus hält dies jedoch aus verschiedenen Gründen für unmöglich und ist bemüht, ihr von ihren Plänen abzuraten.

Zunächst soll dargestellt werden, aus welchen Gründen sich die Erzählung als Anfangslektüre eignet, was Piccolominis Werk für die Schüler[2] interessant macht. Vor diesem Hintergrund soll dann die ausgewählte Textstelle fachlich und didaktisch unter verschiedenen Gesichts­punkten analysiert werden. Dabei werden auch die Kompetenzen formuliert, über die die SuS am Ende der Lektüre verfügen sollen. Im Anschluss daran sollen mögliche Interpretations­aufgaben und weitere Arbeitsaufträge vorgestellt werden, die man den SuS erteilen könnte.

2. Gründe für und gegen Euryalus und Lucretia als Anfangslektüre

Die Erzählung von Euryalus und Lucretia ist nicht irgendeine Liebesgeschichte, sie war ein Bestseller des 15. Jahrhunderts. Der literarische Erfolg, der Piccolomini zuteil wurde, war nicht nur in Italien überragend. Auch im Ausland erfreute sich die Geschichte ungemeiner Be­liebtheit. „Bis zum Jahre 1500 erschienen mehr als 70 Ausgaben, zunächst in lateinischer Sprache, dann auch in italienischen, französischen, spanischen und deutschen Übersetzung­en."[3] Viele spätere Autoren haben sich Piccolominis Werk zum Vorbild gemacht und Motive aus seiner Erzählung übernommen. Tatsächlich lassen sich einige Parallelen zu Shakespeare's Romeo und Julia ziehen, ein Liebesdrama, das den SuS wohl bekannt sein sollte.

Enea Silvio Piccolomini (1405-64) stammt aus einer verarmten Adelsfamilie aus Corsignano nahe Siena. Früh schon widmete er sich humanistischen und juristischen Studien und stieg bald zum bischöflichen und kaiserlichen Sekretär auf. Neben diesen Tätigkeiten begann er allmählich mit der Schriftstellerei. Die Erzählung von Euryalus und Lucretia entstand im Jah­re 1444. Piccolomini verfasste das Werk, wofür er sich später, als er zum Papst gewählt wur­de, zutiefst schämte („Paenitet olim composuisse tractatum de duobus amantibus.") für einen Freund, der ihn darum gebeten hatte, ihm eine Liebesgeschichte zu erzählen.[4] Piccolominis Werk nimmt seit geraumer Zeit einen festen Platz in den Lehrplänen für Latein ein. Die allgemeinen Kriterien für eine Anfangslektüre sind hinsichtlich der Sprache ein ein­facher Wortschatz, eine simple Syntax und nicht zu lange Perioden. Darüber hinaus sollte der Inhalt für die SuS im Hinblick auf ihre Allgemeinbildung relevant sein. Er sollte das Interesse der SuS wecken und nicht zu komplizierte Sachverhalte darstellen. Das Ziel sollte eine flüssi­ge Lektüre sein. Im Folgenden soll dargestellt werden, inwieweit sich die Liebesgeschichte als Anfangslektüre eignet, aber auch, welche Nachteile zu sehen sind.

Für die SuS könnte es anregend sein sich mit einem literarischen Bestseller vor mehr als 500 Jahren zu beschäftigen, der von seinem Erfolg her im Vergleich zur heutigen Zeit durchaus mit Harry Potter oder anderen bekannten Romanen verglichen werden könnte. Da die Erzäh­lung aus der Zeit der Renaissance stammt, findet man klassisches Latein vor, womit die SuS in der Lehrbuchphase bereits vertraut worden sind. Abgesehen davon enthält die Geschichte weitere Anklänge an die Antike, vor allem der antike Mythos spielt eine wichtige Rolle und selbst die vorkommenden Namen sind antiken Ursprungs. Manche Begebenheiten sollten den SuS bereits aus dem Unterricht bekannt sein. Durch den hohen Grad an Intertextualität und die vielen Vergleiche, die im Laufe der Erzählung angestellt werden, erhalten die SuS einen Eindruck von anderen wichtigen lateinischen Werken und sehen, inwieweit sich Piccolomini klassische Autoren wie Ovid oder Vergil zum Vorbild genommen hat. Hinsichtlich der inter- textuellen Bezüge sollte man als Lehrer jedoch daran denken, den SuS ausreichend Entlas­tung zu bieten, indem man ihnen wichtige Hintergrundinformationen gibt, da diese oft nicht ganz leicht sind und die SuS an dieser Stelle über kein oder zumindest nicht genug Vorwissen verfügen dürften.

Hinsichtlich der Thematik wirkt eine Liebesgeschichte auf den ersten Blick nicht sonderlich ansprechend für SuS, insbesondere für Jungen, die dies als langweilig oder gar peinlich em­pfinden könnten. Die Tatsache, dass eine Liebesgeschichte einen sehr persönlichen Charakter hat, könnte es womöglich noch erschweren interaktive Aufgaben zu stellen, da diese dem ein oder anderen unangenehm sein könnten. Verglichen mit dem Apollonius-Roman, einer weite­ren möglichen Anfangslektüre, passiert hier relativ wenig, die Handlung ist eingeschränkt. Nichtsdestotrotz ist die Erzählung von Euryalus und Lucretia auf ihre Weise abwechslungs­reich und mitunter auch recht amüsant.[5] Die Charaktere sind interessant, komplex und dyna­misch und durchleben intensiv sowohl Höhen als auch Tiefen. Vielfältigkeit ist auch hinsicht­lich der Textform und Kommunikationsstruktur geboten. Es liegen erzählende Passagen vor, hin und wieder auch Kommentare des Erzählers, doch vorwiegend finden sich Dialoge und Briefe. Durch die Lektüre der Erzählung von Euryalus und Lucretia erhalten die SuS einen Einblick in die Verwendung des Genus „Brief in der fiktiven Literatur, lernen sie im Latein­unterricht doch sonst dieses Genus „meist in der Form authentischer Briefe der Autoren Ci- cero oder Plinius oder als Lehrbriefe des Philosophen Seneca kennen."[6] Die Briefe sollten den SuS auch einen direkteren Zugang zu den beiden Hauptfiguren ermöglichen, wodurch es ih­nen erleichtert wird, sich in diese hineinzuversetzen oder sich mit ihnen zu identifizieren. Ge­rade dadurch, dass es zwei Perspektiven gibt, die der Frau und die des Mannes, sollten alle SuS aktiviert werden. Die starken Emotionen, die in den Briefen zum Ausdruck kommen, sollten zusätzlich verstärken, dass die SuS eine affektive Verbindung zu den Charakteren auf­bauen und dazu angeregt werden, mit ihnen „mitzufiebern".

Ein weiterer Grund für die Wahl der Erzählung Piccolominis als Anfangslektüre wäre, dass in dem Text eine breite Schul-Grammatik abgeprüft wird, sodass diverse grammatische Phäno­mene intensiver eingeübt und vertieft werden können. Die SuS können auf die in der Lehr­buchphase erworbenen Sprachkompetenzen aufbauen, um diese bei fortschreitender Lektüre zu erweitern und ihr grammatisches Wissen zu festigen, sodass ihnen der Umgang mit Ori­ginaltexten in Zukunft leichter fällt.[7] Der Schwierigkeitsgrad des mittelalterlichen Werkes ist hinsichtlich der Grammatik insgesamt gesehen sicher nicht höher als bei klassischen Texten - die Perioden sind nicht übermäßig lang, die Syntax zum größten Teil recht einfach, wodurch eine flüssige Lektüre ermöglicht wird. Worauf man als Lehrer jedoch unbedingt achten sollte, ist, dass der Transit-Schülerausgabe der Bamberger Wortschatz zugrunde gelegt ist, der einige Vokabeln umfasst, die SuS aus anderen Bundesländern unbekannt sein dürften. Insofern müsste man einige zusätzliche Angaben machen, um den SuS eine Entlastung zu bieten. Ein weiteres Problem im Hinblick auf den Wortschatz ist die Polysemie. Viele verwendete Voka­beln haben mehrere Bedeutungen, oft ist es schwierig, die passende zu erschließen. An be­troffenen Textstellen wäre es vielleicht sinnvoll, als Lehrer eine Angabe dazu zu machen, bevor die SuS den Text übersetzen, um möglichen Frustrationen vorzubeugen.

Eine Frage, der man als Lehrer tagtäglich nachgehen muss, insbesondere auch, um sein Vor­gehen im Unterricht zu rechtfertigen und didaktisch begründen zu können, ist, was die SuS am Ende der Lektüre eines Textes überhaupt wissen sollten, über welche Kompetenzen sie verfügen sollten. Abschließend zur Betrachtung der Novelle als Ganzes soll nun eine Zusam­menfassung über die erwarteten Sprach-, Text- und Kulturkompetenzen geboten werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Lateinischer Text

[2] Im Folgenden abgekürzt als SuS.

[3] Rädle (1993), 126.

[4] Vgl. Rädle (1993), 121/22; Buchwald et al. (1982) 642/43.

[5] Die römische Komödie hatte Einflüsse auf Piccolominis Schaffen.

[6] Niemann (2009), 37.

[7] An der Bearbeitung Kammerers für die Transit-Schülerausgabe wäre zu bemängeln, dass sie den Text Piccolo­minis z.T. stark verändert hat, weshalb den SuS letztlich kein Originaltext vorliegt. An einigen Stellen wäre es si­cherlich angebracht, mit den SuS einen Vergleich zwischen der Schülerausgabe und dem Originaltext anzustellen

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656235323
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197330
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Schlagworte
Anfangslektüre Übergangslektüre; Latein; Piccolomini; Euryalus und Lucretia; Lateinunterricht

Autor

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