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Tabus über dem Lehrberuf: Adornos soziologische Ausführungen über den Beruf des Lehrers

Ausarbeitung 2012 16 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Biographischer Abriss

2. Negative Dialektik

3. Dimensionen, aus denen die Abneigung gegen den Lehrberuf resultieren
a. Das Selbstbild der Lehramtsstudenten / des Lehrers
b. Der negative Ruf des Lehramtsstudiums / des Lehrberufs
c. Der Lehrer als Beamter
d. Der Lehrer als Erbe des Mönchs und des Schreibers
e. Der Lehrer als Prügler, der physische Gewalt ausübt
f. Der Lehrer als quasi Kastrierter bzw. infantiles Wesen
g. Die doppelte Hierarchie innerhalb der Schule
h. Die Schule als Ort gesellschaftlicher Entfremdung
i. Die Archaismen im Verhalten des Lehrers

4. Problemlösungsansätze

Fazit

Einleitung

Am 20. Mai 1963 hielt Theodor W. Adorno am Institut für Bildungsforschung einen Vortrag, der stichwortartig im Jahr 1965 unter dem Titel „Tabus über dem Lehrberuf“ veröffentlicht wurde. Adorno beleuchtet die tragische Situation der Lehrer aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus. Grundlagen hierfür bilden jedoch keinesfalls empirische Untersuchungen – wie er selbst betont - vielmehr stützt Adorno seine Ausführungen auf Erfahrungen mit Absolventen der Lehrämter.

In der nachfolgenden Ausarbeitung soll zunächst ein kurzer biographischer Abriss Adornos erfolgen, denn sein Leben im 20. Jahrhundert, geprägt vom Nationalsozialismus und Exil, steht untrennbar im Zusammenhang mit seinem Denken. Danach gehe ich knapp auf seine ‚negative Dialektik‘ ein, um die Argumentationsstruktur des Aufsatzes zu verdeutlichen. Das Hauptanliegen der nachfolgenden Ausarbeitung liegt allerdings darin, die unterschiedlichen Perspektiven zu skizzieren, aus denen heraus Adorno die Abneigung gegen den Lehrerberuf begründet. Im Anschluss daran werden Adornos Problemlösungsansätze vorgestellt. Abschließend findet eine Reflexion bezüglich der Aktualität der unterschiedlichen Dimensionen, die zur Abneigung gegen den Lehrberuf führen, statt, auf deren Basis das Fazit formuliert wird.

1. Biographischer Abriss

Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1969) wird als Sohn des deutsch-jüdischen Weinhändlers Oscar Alexander Wiesengrund und seiner Frau, der genuesisch-korsisch-deutschen Sängerin Maria Calvelli-Adorno, in Frankfurt/Main geboren. (vgl. Müller-Doohm, 2011: S. 22f.). Bereits mit 17 Jahren studiert er Philosophie, Psychologie, Soziologie und Musikwissenschaft in Frankfurt am Main. Zunächst promoviert er, dann wird Adorno im Jahr 1931 an der Frankfurter Universität im Fachbereich Philosophie habilitiert und zum Privatdozenten berufen (vgl. Müller-Doohm, 2011: S. 930). Im Jahr 1933 entziehen ihm die Nationalsozialisten die Lehrbefugnis und er emigriert nach London, wo er in Oxford an zahlreichen Publikationen arbeitet. Bereits fünf Jahre später siedelt er mit seiner Frau Gretel nach New York um und arbeitet gemeinsam mit seinem Kollegen und Trauzeugen, Max Horkheimer, an dem Institute of Social Research (vgl. ebenda). Es folgen zahlreiche Forschungsprojekte und Publikationen u.a. zusammen mit Horkheimer Dialektik der Aufklärung (vgl. ebenda). Im Jahr 1953 kehrt Adorno nach Frankfurt am Main zurück, wo er an der Goethe Universität eine Professur für Philosophie und Soziologie erhält und zum stellvertretenden Direktor des Instituts für Sozialforschung ernannt wird (vgl. Müller-Doohm, 2011: S. 934f.). Im Jahr 1966 erscheint seine negative Dialektik. Drei Jahre später stirbt er während eines Schweiz Urlaubs an einem Herzinfarkt (vgl. Müller-Doohm, 2011: S. 940).

Seine skeptische Haltung gegenüber der Großen Koalition brachte er ebenso deutlich zum Ausdruck, wie seine Gesellschaftskritik. Durch seine Schriften wird deutlich, dass er ein hohes Ideal eines gelingenden Lebens hatte. Seine Haltung und Kritik an dem Herrschaftssystem war charakteristisch für die Menschen, die in den Nachkriegsjahren lebten, in denen zahlreiche NS-Größen Karriere machten, anstatt zur Verantwortung für die Ermordung von Millionen von Juden herangezogen zu werden.

2. Negative Dialektik

Bevor eine inhaltliche Darstellung des Aufsatzes erfolgt, soll zunächst Adornos Dialektik vorgestellt werden, die in diesem Text erkennbar ist.

In Adornos ‚negativen Dialektik‘, die sein philosophisches Hauptwerk war, zugleich aber auch der Entwurf einer neuen Philosophie darstellt, begegnen uns Phänomene als Widersprüche, die keine sind. In dem vorliegenden Aufsatz werden Aussagen zwangslos angeordnet, „in dem sich Begriffe wechselseitig erläutern, einschränken und kritisieren“ (Müller, 2006: S. 198). „Wichtige Strukturen geschichtlicher, sozialer und psychischer Erfahrung“ (Müller, 2006: S. 194) werden zum Bestandteil einzelner Aussagen und können auch nicht hinweggedacht werden. Phänomene und auch Objekte werden aus unterschiedlichen Dimensionen heraus betrachtet und so ihre individuelle, erfahrungsbezogene Eigenheit erfasst. Sachverhalte, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, explizieren diese und verdeutlichen ihre Vielschichtigkeit. Adornos Gesellschaftskritik kommt dadurch klar zum Ausdruck. Er benennt die Dinge beim Namen, indem er unmittelbar daraufhin darstellt, dass das soeben Ausgeführte keine exklusive Gültigkeit mehr besitzt, aber trotzdem tief im Hinterkopf, der Menschen, die in der Gesellschaft leben, verwurzelt ist. Diese Art von Reflexion und Auseinandersetzungen sind charakteristisch für seine entwickelte ‚negative Dialektik‘. Als negativ bezeichnet er seine Dialektik, weil sie „kein vorbestimmtes Ende besitzt und darüber hinaus an einzelmenschliche Erfahrung gebunden ist“ (Müller, 2006: S. 194).

3. Dimensionen, aus denen die Abneigung gegen den Lehrberuf resultie- ren

a. Das Selbstbild der Lehramtsstudenten / des Lehrers

Zunächst stellt Adorno anhand eines Beispiels dar, dass Lehrern durchaus bewusst ist, welch schlechtes Image der Lehrberuf in der Gesellschaft hat. Bei Partneranzeigen in Zeitungen versichern sie häufig, sie seien nicht lehrerhaft (vgl. Adorno: S. 657). Der Begriff ‚oberlehrerhaft‘ wird als Synonym für Besserwisserei und Kleinlichkeit verwendet, es verwundert daher nicht, dass diese Eigenschaften geleugnet werden. Bereits durch den abwertenden Begriff „Pauker“ wird deutlich, dass der Lehrberuf mit negativen Vorstellungen verknüpft wird (vgl. ebenda). Als Grund, warum Absolventen des Lehramts, den Lehrerberuf als letzten Ausweg betrachten, führt Adorno, die „Antipathie gegen das Reglementierte“ (Adorno: S. 656) auf. Lehrer wirken eben nicht frei, sondern erhalten ihre Anordnungen von dem Direktorium, der Schulbehörde, dem Bundesland, in dem sie unterrichten und nicht zuletzt erfolgt eine Einschränkung durch Lehrpläne. Offenbar wird aber auch das Vorurteil über die schlechte Lehrerbezahlung bei den Absolventen nicht abgebaut, so dass auch „materielle Motive“ gegen die Ausübung des Lehrerberufes sprechen (ebenda). Dies sind keineswegs bewusste bzw. real existierende Beweggründe. Vielmehr spricht Adorno von Vorurteilen, die „zäh erhalten und ihrerseits wieder in die Realität zurückwirken“ (Adorno: S. 657). Diese „Tabus“, sind also „unbewusste oder vorbewusste Vorstellungen“ (ebenda).

b. Der negative Ruf des Lehramtsstudiums / des Lehrberufs

Verglichen mit dem Studium der „Jurisprudenz und Medizin“ hat das Lehramtsstudium unter geringerer Reputation zu leiden (Adorno: S. 657f.) und auch in der gesellschaftlichen Anerkennung des Akademikerstatus‘ liegt der Lehrerberuf weit hinten (vgl. Adorno: S. 658). Im Gegensatz dazu spricht Adorno von einer „Ambivalenz“ (Adorno: S. 658) in Bezug auf die höchste gesellschaftliche Anerkennung, die dem Universitätsprofessor zukommt, während dem Lehrer jedoch nur Missachtung entgegengebracht wird (vgl. ders.). Ein Grund hierfür liegt in der begrifflichen Trennung von ‚Professor‘ und ‚Lehrer‘, die in Deutschland vollzogen wird, in anderen Ländern jedoch unterbleibt (vgl. ebenda). Das hohe gesellschaftliche Ansehen der Universitätsprofessoren kommt vor allem aber durch ihre Forschungsaufgaben zustande. Sie wirken kaum pädagogisch, sondern geben ihr Wissen in der Lehre weiter, anstatt mit diesem einen höheren materiellen Reichtum zu erlangen, wofür sie wiederum von der Gesellschaft bemitleidet werden (vgl. Adorno: S. 662).

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Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656232896
ISBN (Buch)
9783656233329
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197286
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut der Sekundarstufe
Note
1,0
Schlagworte
tabus lehrberuf adornos ausführungen beruf lehrers

Autor

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