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Hugo Dingler: Die Ergreifung des Wirklichen

Referat (Ausarbeitung) 2003 17 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

1 Vorbemerkungen

1.1 Zur Biografie Hugo Dinglers

Hugo Albert Emil Hermann Dingier wurde am 7. 7.1881 in München geboren und besuchte das Gymnasium in Aschaffenburg. Er studierte in Erlangen, Mün­chen und Göttingen Philosophie, Mathematik und Physik, promovierte 1906 in München, wurde dort 1912 Assistent und 1920 schließlich Professor.

Der Ruf an die TH Darmstadt 1932 blieb nur ein kurzes Intermezzo, da Ding­ier seinen Lehrstuhl schon 1934 aus politischen Gründen wieder aufgeben muss­te. Es ist davon auszugehen, dass hierfür sein dezidiert prosemitisches Werk »Die Kultur der Juden«1 zumindest mitverantwortlich war.

Im Anschluss war Dingier in München lehrbeauftragt und äußerte für den Rest der Zeit des Nationalsozialismus in erheblichem Maße regimetreue und antisemitische Ansichten, war angeblich sogar ein »Theoretiker der sogenannten deutschen Physik«2.3

Hugo Dingier war hierdurch eine geringere Bedeutung beschieden, als er sie verdient hätte; wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt Beachtung fand, dann auf Grund seiner politischen Entgleisungen. Seine Wissenschaftstheorie, die als Grundlegung des methodischen Konstruktivismus Erlanger Schule gel­ten kann, ist jedoch naheliegenderweise völlig unpolitisch und ihre Rezeption sollte daher von Dinglers Ansichten, seien sie nun Überzeugung oder auch nur opportunistische Fassade zur Rettung seiner Karriere im gleichgeschalteten na­tionalsozialistischen Wissenschaftsbetrieb, ungetrübt bleiben.

Dingier starb am 29. 6.1954 in München.4

1.2 Stellung und Bedeutung des Texts in Dinglers Werk

»Die Ergreifung des Wirklichen« wurde 1953 kurz vor dem Tod des Autors fertiggestellt und konnte somit nur noch posthum (1955) erscheinen. Das Werk wurde vielleicht schon unter den Vorzeichen des näherrückenden Lebensendes verfasst; auf jeden Fall handelt es sich um eine kompakte Zusammenfassung von Hugo Dinglers Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie.

Dieses Referat wurde gehalten in einer Veranstaltung namens »Warum passt die Mathematik auf die Natur?«. Besondere Berücksichtigung erhielten demzu­folge die Kapitel I und II, in denen die verwendete Methodologie dargelegt und anschließend die vier sogenannten Idealwissenschaften beschrieben werden, auf denen nach Dinglers Ansicht jede vollbegründete Wissenschaft aufbauen muss, und zu denen auch erhebliche Teile dessen, was traditionell Mathematik genannt wird, gehören. Den Inhalt der Kapitel III und IV werde ich nicht ausführlich referieren, sondern nur hier und dort anschneiden, wo es die Argumentation verlangt.

2 Argumentation im Text

2.1 Gestecktes Argumentationsziel

Dingier gibt in seinen »Begrifflichen Vorbemerkungen«5 gleich zu Anfang sein Ziel an: Es geht um »echte Beweisbarkeit«6, um die »prinzipielle Bereitstel­lung von Unterlagen, die hinreichend sind, eine Aussage vollbegründet zu ge­winnen«7, ja sogar um »einen solchen Beweis, der überhaupt keinen Raum für irgend einen Zweifel mehr übrig lässt«8.

Dieses Ziel ist also durchaus hoch gegriffen: Es soll ein Verfahren gezeigt werden, Aussagen auf so sichere Füße zu stellen, dass das zu Grunde liegende System von jedermann akzeptiert werden muss. Angewandt wird dieses Verfah­ren im Folgenden hauptsächlich auf die Aussagen der Naturwissenschaften; die »Ergreifung des Wirklichen« geht jedoch über dieses wissenschaftstheoretische Kernanliegen streckenweise weit hinaus.

2.2 Methodologische Forderungen

Das Dinglersche Verfahren kann in der Sprache des Autors der »systematische, vollbegründete Aufbau« genannt werden. Er vollzieht sich dabei nach zwei Ord­nungsprinzipien, dem pragmatischen und dem logischen.

2.2.1 Vollbegründetheit und der Aufbau

Aufbau nennt Dingier das System auseinander hervorgehender Folgerungen, in dem sich eine Aussage oder Theorie gründet. Bereits die Wahl dieses Wortes, das einerseits Substantiv, andererseits substantiviertes Verb ist, weist darauf hin, dass der Prozesscharakter des Aufbaus entscheidende Bedeutung hat; wort­spielerisch ließe sich sagen, dass Dinglers methodologische Forderungen Regeln für den Aufbau des Aufbaus liefern.

Der Aufbau wird erst dadurch gerechtfertigt, dass er korrekt aufgebaut wor­den ist. Um weiter auch noch als vollbegründet gelten zu können, muss er in einem Nullpunkt ruhen, »auf dem (...) überhaupt nichts behauptet werden darf und kann«9: Um etwas voll zu begründen, muss es durch einen kunstgerechten Aufbau untermauert werden, der mit den Füßen im Apriorischen steht. (Zur Natur des Nullpunktes siehe Abschnitt 2.3.)

2.2.2 Die Prinzipien der pragmatischen bzw. logischen Ordnung

Die erste methodologische Regel, der sich ein Aufbau zu unterwerfen hat, ist das Prinzip der logischen Ordnung. Es verlangt, einem Satz nichts vorauszusetzen, was erst aus ihm hervorgeht, und ist mithin die Forderung der Zirkelfreiheit. Noch allgemeiner ist das Prinzip der pragmatischen Ordnung. Nicht nur das logische Schließen, sondern überhaupt alles Handeln, das zum Teil eines Aufbaus werden soll, darf keine seiner eigenen Produkte zur Voraussetzung haben.10

Das Prinzip der pragmatischen Ordnung schließt jenes der logischen Ordnung in sich ein, da auch logisches Schließen nur Handeln ist. Die Zusammenfassung beider Prinzipien zum Prinzip der methodischen Ordnung, wie sie später vorge­nommen worden ist11, liegt hier bereits nahe.

Bedeutend ist, dass die Ordnungsprinzipien eine Gerichtetheit des philosophi­schen Begründens verlangen; sie definieren die Relationen ‘pragmatisch vor’ und ‘pragmatisch nach’12. Eine Theorie ist nur vollbegründet, wenn sie sich auflö­sen lässt in pragmatisch Vorausgehendes, wofür natürlich wieder dasselbe gelten muss. Um dies zu prüfen, ist ein vollständiger Rekurs zum Nullpunkt und ein schrittweiser Aufbau von dort zurück zur Ausgangserkenntnis notwendig.13

Die Forderung nach methodischer Ordnung impliziert somit bereits das Ver­fahren der von Dingier betriebenen, aber noch nicht so genannten methodischen Rekonstruktion14.

2.3 Wille und Handeln als Anfangspunkt

Das skizzierte Verfahren verlangt nun nach einer klaren Festsetzung des genann­ten Nullpunktes, da die Rekursion sonst zu früh oder überhaupt nicht abbricht (entsprechend den Szenarien ‘dogmatischer Abbruch’ bzw. ‘infiniter Regress’ des Münchhausen-Trilemmas).

Dieser Nullpunkt ist als einzig »unhintergehbar Reales«15 das aktive Handeln. Tut jemand etwas, so ist dies unbezweifelbar wirklich und gegenwärtig. Jedes Betrachten des Tuns verlangt, sich außerhalb dieses Tuns zu stellen (‘hinter es zu gehen’, daher ‘Unhintergehbarkeit’) und ist damit schon kein Teil mehr davon, folgt also pragmatisch nach dem Handeln selber.

Das aktive Handeln ist also ein Punkt, an dem von nichts gesprochen wer­den kann, und demgegenüber jede Reflexion sekundär ist. Zweifeln am Handeln würde Zweifeln an allem bedeuten, das Handeln kann mithin als das schlecht­hin Gegebene gelten. Versprachlicht werden kann das Handeln als Nullpunkt eines in Sätzen zu fassenden Gedankengangs durch Aufforderungen (bei Dingier »operative Sätze, kurz O-Sätze«16 ): Diese verlangen keine Begründung, keinen Beweis.

Im Handeln nimmt also der Aufbau seinen Anfang. Es gründet sich im Willen, der, so wie man stets nur eine Handlung gleichzeitig aktiv ausführen kann, zu jedem Zeitpunkt nur eines aktiv wollen kann.17 Wille und Handlung bilden eine Einheit, und nichts außer ihnen kann für a priori genommen werden. Man kann von einem ‘Willens-’ oder besser ‘Handlungsapriori’ sprechen. Wie Descartes’ Cogito steht ein ungeschriebenes ‘Ich will und handle, also bin ich’ Dinglers Werk voraus.

Das Ich, d. h. das Bewußtsein, der Wille und seine Punktion des Denkens ist ebenso primär einfach da, wie das Unberührte einfach da ist.18

2.4 Das Unberührte, Innen- und Außenwelt

Uber alles andere ist noch nicht gesprochen worden. Alles andere ist pragmatisch sekundär. Der Handelnde definiert in der Gegenwart des Handeln das Jetzt19 und durch das Handeln selber das Ich20.

Alles andere steht dem handelndem Ich als noch unerschlossen gegenüber; Dingier nennt dieses ‘Alles-Andere’ das »Unberührte«21. Jede Hypothese, jedes Schließen, jedes Handeln, ja schon jedes Prägen ist ein Hinzufügen geistiger Konstruktionen zum Unberührten.

Deutlich wird das in den zahlreichen angeführten Beispielen unter anderem zur Bewegung von Objekten22 und zum einäugigen Sehen23. Die Bewegung ei­nes Objektes ist im Unberührten einfach da; die Präge nach einer Zeitachse, nach einem räumlichen Bezugssystem, nach der Unendlichkeit der durchlaufe­nen Raumpunkte (hierzu wird naheliegenderweise Zeno von Elea angeführt), stellt sich im Unberührten nicht. Genauso ist es im Unberührten nicht rätsel­haft, warum das Abschätzen von Entfernungen, das Kennen der räumlichen Ausdehnung und Struktur von Gegenständen auch mit einem zugehaltenen Au­ge möglich ist - das Rätsel ergibt sich erst, wenn die zahllosen Hinzufügungen gemacht werden, die die Theorie vom stereoskopischen Sehen ausmachen.

Diese Hinzufügungen beginnen dabei schon mit der Annahme, dass es eine äußere Welt aus realen Gegenständen, die Licht zurückwerfen, gibt, und dass wir dieses reflektierte Licht mit unseren Augen einfangen! Dass wir materiell von der Umwelt geschiedene Wesen sind, die sich in einer von ihnen unabhän­gigen Realität bewegen, ist bereits Konstrukt. Es wird daher auch nicht vom Wahrnehmen, sondern vom ‘Haben’ des Unberührten gesprochen, da der Be­griff ‘Wahrnehmung’ bereits eine Trennung in einen Wahrnehmenden und etwas Wahrgenommenes impliziert.

[...]


1 Vgl. Lorenz, Kuno/JOrgen Mittelstrass, Die methodische Philosophie Hugo Dinglers. In: Hugo Dingier: Die Ergreifung des Wirklichen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1969, S. 7, Fußnote 1.

2 A.a.O., S.7.

3 Bemerkenswert hierzu Dinglers Bemerkung (aus dem Jahre 1953!) zu einer der zentralen Formeln der durch die ‘Deutsche Physik’ am schärfsten angegriffenen ‘jüdischen’ Theorien, nämlich Einsteins Relativitätstheorie: »So stellt z.B. das ‘Gesetz’ E = m . c2 eine z. Z. praktische Faustregel dar, trotzdem es den Grundbegriffen der I. W. [IdealwissenschaftenJ widerspricht (...). Aber diese Regel kann niemals ein Grundgesetz sein.« (Dingler, S. 218) Es fällt schwer, sich hier aller Spekulation über die Motivation dieses Satzes zu enthalten.

4 Nicht gesondert genannte Quellen zur Biografie: Philosophisches Archiv der Universität Konstanz, Bestände: Sammlung Hugo Dingier. (URL: http://www. uni-konstanz.de/FuF/Philo/philarchiv/bestaende/Dingler.htm) - Zugriff am 2003­09-03, Stadt Aschaffenburg, Menschen: Hugo Albert Emil Dingier. (URL: http: //www.aschaffenburg.de/wDeutsch/tourismus/menschen/details/dingler_hae.php) - Zugriff am 2003-09-03.

5 Vgl. Dingler, S. 59-69.

6 A. a. O., S. 59.

7 A. a. O.

8 A.a.O., S. 64.

9 Dingler, S. 66.

10 Vgl. a.a.O., S.65f., 77.

11 Vgl. Janich, Peter, Logisch-pragmatische Propädeutik. Ein Grundkurs im philosophischen Reflektieren. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2001, S. 55.

12 bzw. ‘logisch vor/nach’, ‘methodisch vor/nach’

13 Informatisch gesprochen kann der Nullpunkt als Abbruchbedingung einer Endrekursion (‘tail recursion’) gesehen werden.

14 Vgl. a.a.O., S. 69-71.

15 Dingler, S. 76.

16 A. a. O., S. 77Í.

17 Vgl. a.a.O., S. 77.

18 Dingler, S. 255 (Hervorhebung im Original).

19 Vgl. a. a. Q, S. 75f.

20 Vgl. a. a. Q, S. 78f.

21 A. a. Q, S. 80.

22 Vgl a. a. Q, S. 82f.

23 Vgl a. a. Q, S. 83f.

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638237772
ISBN (Buch)
9783640111633
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19724
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Philosophie
Note
sehr gut
Schlagworte
Dingler Mathematik Natur Ergreifung des Wirklichen Konstruktivismus Erlanger Konstruktivismus Erlanger Schule

Autor

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