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Die Rezeption des Hererokriegs in der Satirezeitschrift "Simplicissimus"

Bachelorarbeit 2011 53 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der deutsche Kolonialismus im politischen Diskurs

3. Der Simplicissimus – Geschichte und Positionierung

4. Die Rezeption des Hererokriegs im Simplicissimus

5. Das Verhältnis des Simplicissimus zu seinen Lesern

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Im Zuge des imperial turn findet der Kolonialismus seit einigen Jahren wachsende Aufmerksamkeit in der deutschen Geschichtswissenschaft. Insbesondere die Frage, inwiefern Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus bestehen, steht dabei im Fokus. Zentraler Gegenstand der Diskussion ist der Hererokrieg und dessen Definition als Genozid. Die Kontroverse[1] u. a. zwischen Jürgen Zimmerer und Birthe Kundrus hat dabei große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Während Zimmerer den Hererokrieg eindeutig als Genozid definiert und die koloniale Erfahrung als Ideengeber für den Nationalsozialismus sieht, hinterfragt Kundrus diese Definition. Sie kommt zu dem Schluss, dass das genozidale Potential sich erst entwickelt hat. Ohne eine grundlegende rassistische Ideologie sei es kein Genozid gewesen, da die physische Vernichtung der Herero erst aus dem Entstehungskontext resultiert habe.[2]

Allein diese skizzenhafte Darstellung der Diskussion verdeutlicht, dass aus heutiger Forschungsperspektive die Themen Genozid und Nationalsozialismus eine zentrale Rolle einnehmen. Das verwundert kaum, ist das 20. Jahrhundert doch von den Ereignissen des 2. Weltkriegs enorm geprägt. Die Tatsache, dass die Zeitgenossen den Kolonialismus − ohne das Wissen über die weiteren historischen Entwicklungen − durchaus anders wahrgenommen haben müssen, rückt in den Hintergrund. Während in der heutigen Forschung der Genozid diskutiert wird, waren es womöglich ganz andere Themen, die im Zentrum der Debatte standen. Es stellt sich dabei auch die Frage, wie und in welcher Form der Hererokrieg in der deutschen Presse stattgefunden hat. Insbesondere satirische Darstellungen sind für eine solche Untersuchung äußerst ergiebig. Satire als literarische Form und Karikaturen als ihre Abbildungen[3] wollen bestimmte Personen, Anschauungen, Ereignisse oder Zustände kritisieren und lächerlich machen.[4] Folgt man der These von Angelika Plum, sind Karikaturen dabei nicht Ausdruck subjektiver Meinung, sondern Spiegel kollektiver Vorstellungen.[5] Zwar wird der Wirkungsgrad von Karikaturen insgesamt sehr unterschiedlich bewertet, fest steht jedoch, dass beispielsweise im Fall von stereotypen Darstellungen bereits vorhandene Vorurteile im Betrachter aufgerufen werden – nur durch einen gemeinsamen Erfahrungshorizont kann Satire überhaupt funktionieren.[6] Die Gattung ist somit besonders interessant, da ihr bereits eine gewisse Wirklichkeit der gesellschaftlichen Wahrnehmung immanent ist. Allein aus der Untersuchung einer einzelnen Zeitschrift kann man jedoch keine fundierten Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Wahrnehmung ziehen. Die vorliegende Arbeit versteht sich deshalb auch als Beitrag zu einer umfangreicheren Diskursanalyse des Hererokriegs im Deutschen Reich.

Von den Satiremagazinen der Zeit eignet sich der Simplicissimus besonders gut für die angestrebte Untersuchung. Zum einen hat die Zeitschrift ein hohes künstlerisches Niveau, zum anderen schließt sie als überparteiliches Organ keine Lesergruppen aus. Als ein Gesellschaftsschichten-übergreifendes Medium besitzt der Simplicissimus somit zusätzliche Breitenwirkung und Authentizität. Die Relevanz des Simplicissimus ist in vielen Studien untersucht worden. Nicht nur seine allgemeine Wirkungsgeschichte, sondern auch einzelne Themengebiete wurden erarbeitet. Der Kolonialismus jedoch wird − wenn überhaupt − nur randständig thematisiert.[7] Eine genaue Analyse insbesondere des Hererokriegs steht aus und soll in dieser Arbeit verwirklicht werden.

Die zentralen Fragen dabei sind, inwiefern der Hererokrieg thematisiert wurde, in welcher Form dies geschah und wo die Zeitschrift sich dabei in der politischen Diskussion positionierte. Die Arbeit basiert dabei auf einer Untersuchung der Ausgaben, die während des Hererokriegs in den Jahren 1904 bis 1907 erschienen sind. Dabei wurden alle Nennungen des Kolonialismus im Allgemeinen und des Hererokriegs im Speziellen gesichtet und den Hauptaspekten entsprechend in Themengebiete eingeteilt. Die beigefügte Tabelle[8] zeigt, welche Themen zu welchem Zeitpunkt von Interesse waren. Diese quantitative Analyse trägt dazu bei, fundierte Aussagen über die Darstellung und Haltung des Simplicissimus treffen zu können. Aus allen gesichteten Beiträgen werden zur Untersuchung jene mit charakteristischer Aussage exemplarisch analysiert, kontextualisiert und interpretiert. Mithilfe von Bild- und Textanalyse soll dabei zudem untersucht werden, in welcher Form, mit welchem Ton, Humor etc. die Entwicklungen dargestellt wurden. Als weitere Quellen werden zusätzlich Briefwechsel der Redakteure in die Untersuchung einbezogen.

Zu Beginn wird der politische Diskurs über den deutschen Kolonialismus dargestellt. Dabei geht es einerseits um die Argumentationswege der politischen Strömungen, andererseits darum, den Wandel in der Haltung angesichts der historischen Entwicklungen aufzuzeigen. Daraufhin wird die Geschichte des Simplicissimus kurz dargestellt und gezeigt, wo die Zeitschrift in ihrer Grundhaltung politisch zu verorten ist. Im anschließenden Hauptteil folgt die Analyse der Darstellungen des Hererokriegs. In Rückbezug auf den allgemeinen politischen Diskurs wird anhand verschiedener Themenbereiche aufgezeigt, welche Haltung eingenommen wurde. Abschließend soll diskutiert werden, ob der Simplicissimus Meinung gemacht oder reflektiert hat. Dabei wird insbesondere der genaue Anspruch untersucht, den der Simplicissimus an sich selbst hatte, inwiefern er umgesetzt wurde und wie sich dies auf den Inhalt ausgewirkt hat.

2. Der deutsche Kolonialismus im politischen Diskurs

Im Gegensatz zu den großen Kolonialmächten entwickelten sich in Deutschland nur langsam imperiale Tendenzen in der Politik. Jedoch gab es bereits lange bevor der Begriff Kolonialismus von offizieller Seite fiel deutsche Unternehmungen in Afrika. Diese waren jedoch meist nicht nationalpolitischer Natur, sondern von privatem Engagement motiviert. Dabei unterschieden sich sowohl die Protagonisten als auch ihre Interessen in den afrikanischen Gebieten. So waren es zum einen Missionare, die sich aus christlichem Sendungsbewusstsein berufen fühlten, zum anderen Kaufleute, die auf ertragreiche Absatzmärkte hofften. So besaß u. a. der Hamburger Kaufmann Adolph Woermann bereits 1849 Niederlassungen in Westafrika.[9] Obwohl sich demnach schon vor der deutschen Reichsgründung eine rege koloniale Bewegung entwickelt hatte, rückte die Frage nach einer formalen deutschen Expansion in Afrika erst im Laufe der 1870er Jahre konkret in den Fokus des politischen Diskurses. Welche Motive bzw. Kritikpunkte in der pro- und anti-kolonialen Argumentation dabei eine Rolle gespielt haben, soll im Weiteren kurz dargestellt werden.

Ausgangspunkt für die spätere Kolonialismusbegeisterung der Deutschen war u. a. das mit der Reichsgründung einhergehende Verlangen nach nationaler Geltung. Die Einigung ermöglichte es, als ganzdeutscher Staat mit den großen Kolonialmächten wie Großbritannien gleichzuziehen. Zudem sehnte man sich nach wirtschaftlicher Sicherheit, insbesondere nach der Gründerkrise von 1873. Diese Sicherheit hoffte man, durch neue Absatzmärkte in Afrika gewährleisten zu können. Allerdings sollten die afrikanischen Besitzungen nicht nur als Abnehmer industrieller (Über-)Produktionen nützen, sondern auch als Symbol für die Ambition stehen, sich zukünftig als Weltmacht etablieren zu wollen. Ökonomische und nationalideologische Motive spielten somit eine zentrale Rolle in der pro-kolonialen Argumentation. Darüber hinaus zeigte sich auch schon früh die Tendenz zu einem Überlegenheitsdenken gegenüber der indigenen Bevölkerung. So war ein weiterer Beweggrund für den Kolonialismus eine sozialdarwinistische Perspektive. Ein bedeutender Teil der Bevölkerung − insbesondere innerhalb des Bürgertums − war davon überzeugt, anderen Staaten und Kulturen als Herrenvolk überlegen zu sein. Man sah es daher geradezu als Verpflichtung an, die vermeintlich primitive Bevölkerung Afrikas zu kultivieren. Einher mit der christlichen Mission ging somit auch eine Kulturmission.[10]

Während diese Vorstellung hauptsächlich von Seiten der bürgerlichen und kaisertreuen Gesellschaft vertreten wurde, standen andere politische Strömungen der Thematik kritisch gegenüber. Als einer der ersten deutschen Sozialisten, der sich mit dem Thema Kolonialismus beschäftigte, sprach sich Karl Kautsky dafür aus, der indigenen Bevölkerung mit einem moralischen Verantwortungsgefühl gegenüberzutreten. Zwar waren auch seine Vorstellungen von dem zeittypischen Überlegenheitsgedanken geprägt, Ausbeutung und inhumanes Verhalten der deutschen Siedler und Kaufleute gegenüber den Afrikanern lehnte er jedoch ab. Kautsky befürchtete darüber hinaus, dass eine mit Gewalt betriebene Kolonialpolitik negative Rückwirkungen auf das Mutterland selbst haben könnte, da sich in den Kolonien eine Art Herrenmentalität entwickeln würde, die einen moralisch negativen Einfluss nicht nur auf die Behandlung der indigenen Bevölkerung, sondern auch auf die deutsche Gesellschaft ausüben könnte.[11] Darüber hinaus sah Kautsky zudem Probleme in Hinsicht auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der kolonialen Unternehmungen. Er bezweifelte die Rentabilität der Kolonien; sollte wider Erwarten doch ein wirtschaftlicher Gewinn entstehen, so Kautsky, könnten daraus neue soziale Probleme entstehen. Eine erfolgreiche Wirtschaft hätte demnach zur Folge, dass Kaufleute und Siedler immer reicher würden, während die deutsche Arbeiterschaft zusehends verarmen würde.[12] So betrachtet waren die kolonialen Gebiete Objekte der Ausbeutung des Kapitalismus und demnach abzulehnen. Diese Ansichten führten auch August Bebel und Wilhelm Liebknecht im Zeichen der Sozialdemokratie und als Mitglieder der späteren SPD weiter. Die Kolonialpolitik als Teil der bürgerlichen Weltsicht wurde im Sinne des Klassenkampfes und des Strebens nach einer neuen gesellschaftlichen Ordnung in ihrer bestehenden Form abgelehnt.[13]

Auch aus den Reihen der Liberalen erhob sich Kritik. Den Begriff Liberalismus an dieser Stelle allgemein zu verwenden, wäre allerdings nicht legitim, da sich die Ansichten schon bald nach 1848 in verschiedene Richtungen entwickelten. Es gilt demnach, in dieser Sache zu differenzieren. Bereits 1866 spaltete sich ein Teil der Deutschen Fortschrittspartei aufgrund politischer Kontroversen ab. Die daraus hervorgehende Nationalliberale Partei bejahte Bismarcks außen- wie innenpolitisches Handeln, sprach sich für die Reichseinigung aus und war durch ihre Unterstützung die wichtigste Säule für Bismarck im Reichstag. In den folgenden Jahren zeichneten sich weitere Separationsbewegungen innerhalb der Deutschen Fortschrittspartei ab. Streitpunkt waren dabei insbesondere wirtschaftspolitische Ansichten. So plädierte der linke Flügel für das liberale Ideal des Freihandels, während der andere Part Bismarcks Kurswechsel zur Schutzzollpolitik folgte.[14] Diese protektionistische Entwicklung führte auch hinsichtlich des Kolonialismus zu neuer Kritik von Seiten der Linksliberalen. Die Wortführer dabei waren u. a. Eugen Richter und Ludwig Bamberger. Beide waren von einem liberalen Freihandel überzeugt. Anders als die Sozialdemokraten lehnten sie somit eine handelspolitische Expansion nicht ab, sie begrüßten diese sogar. Jedoch setzten sie auf das Prinzip des Individualismus und nicht auf staatliche Intervention. Eine aktive staatliche Kolonialpolitik könne zu außenpolitischen Konflikten führen und infolgedessen zu einer Zersplitterung der militärischen Kräfte des Deutschen Reiches. Zudem beinhalte ein staatliches Eingreifen die Gefahr der Monopolbildung.[15]

Nachdem die grundlegenden Argumentationsmuster für und gegen eine aktive Kolonialpolitik dargelegt wurden, soll im Folgenden untersucht werden, welche Aspekte angesichts der historischen Entwicklungen an Relevanz gewonnen haben und welche in den Hintergrund gerückt sind. Zudem soll dargestellt werden, wie die verschiedenen Parteien zu den zentralen Aspekten standen und welche Begebenheiten zu möglichen Diskontinuitäten in der Parteipolitik führten. Die Darstellung ist dabei lediglich skizzenhaft und thematisiert allein die Aspekte und Ereignisse, die für die Untersuchung im Weiteren von Interesse sein werden.

Mit Bismarck stand der einflussreichste Politiker der Zeit dem Kolonialismus zu Beginn kritisch gegenüber. Er sah in einer staatlichen Intervention der Kolonien unwägbare außen- und finanzpolitische Risiken für das Reich. Dennoch kann man nicht von einer gänzlichen Ablehnung der wirtschaftlichen Expansion reden. Bismarcks Vorstellung einer erfolgreichen Kolonialpolitik sah vor, die private Initiative von Kaufleuten und Unternehmen zu unterstützen, beispielsweise durch die Einrichtung von Handelsstützpunkten − dies allerdings nur, solange keine außenpolitischen Interessen dagegen sprachen.[16] Was Bismarck schließlich dazu bewog, sich einer staatlichen Expansion hinzuwenden, ist unter Historikern umstritten. So wird sein Verhalten einerseits als Reaktion auf gesellschaftliche Bewegungen interpretiert, als Mittel zur politischen Manipulation der öffentlichen Meinung; aber auch wirtschaftspolitische Ansätze wie die Suche nach neuen Absatzmärkten und außenpolitische Aspekte werden als mögliche Motive angesehen.[17] Der erste Schritt zu einer Intervention des Deutschen Reiches erfolgte 1884, als Südwestafrika zum deutschen Schutzgebiet erklärt wurde. Vorerst war dies kein direktes Eingreifen, denn nach dem Vorbild der British East India Company unterstützte man lediglich Kolonialgesellschaften und Unternehmen im Erwerb von Land. So gewährleistete man eine gewisse Sicherheit der Expansion und stand selbst dennoch nicht in der Verantwortung, da die Verwaltung der Territorien den Gesellschaften oblag. Dieses System ging jedoch nicht wie erhofft auf, da sowohl Firmen als auch die Kolonialgesellschaft in ihren Vorhaben scheiterten. Die Kolonien waren unrentabel, die deutsche Regierung musste deshalb eingreifen, um Schlimmeres zu vermeiden, sodass Südwestafrika letztlich doch unter deutscher Verwaltung stand.[18] Zudem führte auch mangelnde Kooperation mit der indigenen Bevölkerung wiederholt zu Aufständen und gewaltsamen Konflikten. Das Deutsche Reich sah sich deshalb Ende der 1880er Jahre gezwungen, zu einer staatlich-formellen Kolonialherrschaft überzugehen.[19]

Offensichtlich stand diese Entwicklung der Kolonialpolitik unter Bismarck im Kontrast zu den liberalen Vorstellungen. Wie sich in der späteren Untersuchung zeigen wird, war der Simplicissimus durchaus liberal geprägt. Angesichts dessen ist es an dieser Stelle wichtig, die Entwicklung des Liberalismus genauer zu betrachten. Insbesondere muss man erneut unterstreichen, dass hinter dem Begriff Liberalismus längst kein einheitliches politisches Programm mehr stand. So gab es einerseits die nationalliberalen, andererseits die linksliberalen Strömungen. Auch diese differenzierten sich jedoch immer weiter aus. Nach diversen Abspaltungen linker Flügelgruppen, während denen sich auch Richter und Bamberger in ihren Ansichten zunehmend voneinander distanzierten, entstand folgende Konstellation: Die Gruppe um Richter fand sich Anfang der 1890er zur Freisinnigen Volkspartei (FsVp) zusammen und folgte den traditionellen Idealen, lehnte somit aus wirtschaftlichen Gründen Militär- und Kolonialpolitik ab. Das Gegenstück bildete die Freisinnige Vereinigung (FsVg), die das Kompromissprogramm der Vorgängerpartei fortführte.[20] Schon diese, bis auf ein Minimum reduzierte Darstellung zeigt die Komplexität der Organisationsformen, in denen der Liberalismus Ende des 19. Jahrhunderts in Erscheinung trat. Die zentrale Feststellung dabei ist, dass eine konkrete oppositionelle Haltung von einem immer kleineren Teil des ursprünglichen Liberalismus getragen wurde. Wie der Simplicissimus diese Entwicklung rezipierte, wird im Späteren untersucht.

Während demnach Konflikte innerhalb der Parteien eine zunehmend starke Rolle einnahmen, entwickelte sich in der breiten Öffentlichkeit im Laufe der 1890er Jahre eine wahre Kolonialbegeisterung. Dabei ging es nicht um den Erwerb der Kolonien oder um deren wirtschaftliche Rentabilität, sondern um das Prestige der Nation und die Stellung Deutschlands in der Weltpolitik. Die tendenziell defensive Haltung Bismarcks wurde demzufolge unter Wilhelm II. durch eine nationalpolitisch geprägte Kolonialpolitik abgelöst.[21]

Dass der deutsche Kolonialismus bei aller Zustimmung jedoch nicht unumstritten war, zeigten u. a. die sogenannten Kolonialskandale, von denen besonders die Fälle Leist und Peters in den Jahren 1894 bis 1897 für Aufsehen sorgten. Dabei ging es um die menschenunwürdige Behandlung der indigenen Bevölkerung durch die deutschen Kolonialherren. Zwar wurden beide aus dem Dienst entlassen, dies war jedoch eine äußerst milde Reaktion angesichts der Brutalität, mit der Peters und Leist gegen die Afrikaner vorgegangen waren. Die Skandale führten insbesondere bei der SPD zu scharfer Kritik, sah man die Prognose Kautskys bestätigt, nach der das Kolonialsystem der Deutschen verrohende Auswirkungen hervorrufe. Bebel und Liebknecht forderten eine schärfere Kontrolle der Verwaltung in den Kolonien. Auch das Zentrum, insbesondere der kolonialpolitische Sprecher Matthias Erzberger, übte harsche Kritik und forderte, die Rechte der Afrikaner zu berücksichtigen, indem beispielsweise die Arbeitsbedingungen besser überwacht werden sollten.[22]

Während zu Beginn des Diskurses hauptsächlich wirtschaftliche Überlegungen im Fokus der Kritik standen, kamen demnach zunehmend humanitäre Aspekte hinzu. Dabei waren die Kolonialskandale erst der Auftakt. Insbesondere mit dem Beginn des Hererokriegs 1904 rückte die Kolonialpraxis als Kritikpunkt in den Vordergrund. Die Beziehung der deutschen Kolonialherren und der Herero war bereits seit den 1890er Jahren von Abhängigkeiten geprägt. Unter anderem durch die Unterstützung des umstrittenen Hereroführers Samuel Maharero konnte man sich die Kontrolle über die Mehrheit der Herero sichern.[23] Um die Stellung Mahareros zu stärken, wurden konkurrierende Machtzentren der Herero mit deutscher Unterstützung gezielt zerschlagen. Dabei wuchs der Einfluss der Kolonialherren beständig. Die Folge dessen war ein stetiger Gebietsverlust der Herero an Deutsche − einhergehend mit Enteignungen und Vertreibungen.[24] Daraus resultierte u. a. der Zerfall der kulturellen und sozialen Strukturen des Hererovolks. Hinzu kamen eine Rinderpest und mehrere Dürreperioden, die den Menschen die Existenzgrundlage raubten – all diese Faktoren gipfelten im Januar 1904 in der Erhebung der Herero.[25] Nicht zuletzt aufgrund der symbolischen Aussagekraft der Herausforderung forderte die deutsche Regierung eine sofortige Niederschlagung. Die aus damaliger Sicht milde Politik des Gouverneurs Theodor Leutwein wurde in der Folge abgelehnt. Die Forderung nach der physischen Vernichtung des ganzen Hererovolks drängte zunehmend in den Vordergrund. Mit der Berufung Lothar von Trothas zum Oberbefehlshaber entwickelte sich der Aufstand zum Rassen- und Vernichtungskrieg.[26] Beispielhaft für das radikale Vorgehen von Trothas dabei war der Schießbefehl von Anfang Oktober 1904. Er besagt, dass jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, erschossen werden sollte. Männliche Gefangene sollten nicht mehr gemacht werden.[27] Zwar musste dieser Befehl auf Anweisung Berlins offiziell aufgehoben werden, das rigorose, brutale Vorgehen wurde jedoch in diesem Sinne fortgesetzt. Erst am 31. März 1907 wurde der Kriegszustand offiziell aufgehoben.[28] Die Verluste waren verheerend: So berichtet die Volkszählung von 1911 von 15 000 Herero, dem gegenüber steht die Zahl 80 000 vor dem Krieg.[29]

Deutlicher als die Kolonialskandale zeigte der Hererokrieg, dass sich die Aussage Kautskys bewahrheitet hatte. Nachdem in Deutschland bekannt wurde, mit welcher Brutalität von Trotha gegen die indigene Bevölkerung vorging, verweigerte die SPD jegliche Mitarbeit im Reichstag in Bezug auf die Kolonien. Dies ist insofern zu betonen, als dass die Sozialdemokraten – trotz aller Kritik – den Kolonialismus nicht mehr komplett ablehnten. Zwar sah die Partei sich prinzipiell in Opposition zum Kaiserreich als System, nahm aber durchaus ihre nationalen Verpflichtungen ernst. Die Grundidee eines Freihandelsimperialismus wurde längst nicht mehr uneingeschränkt abgelehnt. Es ging nicht um die Frage, ob Kolonialismus betrieben werden sollte, vielmehr stand man zur Zeit des Hererokriegs dem Vorgehen und dem kolonialen Herrschaftssystem kritisch gegenüber.[30] Auch das Zentrum zweifelte nicht am Kolonialismus an und für sich; schon die Tatsache, dass die Mission in Afrika dem christlichen Glauben eine neue Plattform bot, legitimierte die Kolonialpolitik. Die Umsetzung des Deutschen Reiches stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch deutlich in der Kritik.[31] Als Höhepunkt der Kolonialkrise können dabei die Hottentottenwahlen von 1907 angesehen werden, von denen später noch die Rede sein wird.

3. Der Simplicissimus – Geschichte und Positionierung

Ende des 19. Jahrhunderts erschienen im Deutschen Reich unzählige humoristische Zeitschriften. Nahezu alle diese Veröffentlichungen sind heute in Vergessenheit geraten. Das verwundert kaum angesichts der Tatsache, dass beispielsweise Das humoristische Deutschland oder die Lustige Welt sowohl aus künstlerischer, als auch unterhaltender Perspektive wenig Qualität zeigten und sich mit platten Witzen an ein eher anspruchsloses Publikum wendeten. Zwar gab es beispielsweise mit dem Kladderadatsch ein Medium, das gesellschaftskritische Töne anschlug und auch qualitativ überzeugte, doch war die Zeitschrift merkbar nationalliberal und bismarcktreu ausgerichtet. Was demnach fehlte, war eine Zeitschrift, die unabhängige, politische Satire betrieb und zudem künstlerischen Anspruch hatte.[32] Albert Langen, ein rheinländischer Industriellensohn, erkannte diese Lücke in der deutschen Presselandschaft während seines dreijährigen Aufenthalts in Paris. Hier lernte er u. a. die Zeitschriften Le Charivari und Gil Blas kennen. Während Le Charivari die soziale und politische Karikatur in der französischen Presse seit den 1830er Jahren etabliert hatte,[33] vereinte Gil Bas die gesellschaftskritischen Tendenzen mit einem hohen künstlerischen Anspruch.[34] Langen, der einsehen musste, dass er sich selbst nicht als Künstler oder Schriftsteller etablieren konnte, machte es sich zur Aufgabe, entsprechende Arbeiten zu verlegen. So gründete er 1895 den Albert Langen Buch- und Kunst-Verlag. Noch im selben Jahr fiel die Entscheidung, eine eigene Satirezeitschrift herauszugeben.[35]

Mit München als Verlagsort hatte sich Langen dabei die optimale Umgebung ausgesucht, denn hier versammelten sich um die Jahrhundertwende etliche Künstler. Schnell konnte er hochrangige Mitarbeiter für sein Vorhaben gewinnen, u. a. den Mitbegründer Thomas Theodor Heine, der durch seine Zeichnungen die gestalterische Linie der Zeitschrift prägte, den späteren Redakteur Ludwig Thoma, zudem namhafte Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke oder Stefan George.[36] Anders als andere Blätter zeigte die wöchentlich erscheinende Zeitschrift Simplicissimus dabei starke literarische Tendenzen. Zu Beginn waren die Ausgaben tatsächlich textlastiger und allgemeiner gehalten, der satirischen Ausrichtung tat dies jedoch keinen Abbruch. In einer der ersten Veröffentlichungen wird deutlich, nach welchen Prinzipien der Simplicissimus funktionieren sollte. Nachdem die ersten Ausgaben empörte Reaktionen hervorgerufen hatten, die den Simplicissimus als sozialistisch, revolutionär, unsittlich und pornographisch bezeichneten, reagierte die Redaktion mit einem Brief an die Leser. Dort hieß es:

Was hat der arme Schelm [der Simplicissimus] mit irgend welcher Politik zu thun? Der Kunst allein will er seine schwachen Kräfte widmen. Aber diese Kunst soll frei sein, ihren Vorwurf zu wählen, wo es ihr beliebt, ohne sich in die Zwangsjacke einer verlogenen Sitte, oder irgend welcher politischen Phrase einstecken zu lassen.[37]

Die Kunst war demnach Ausgangspunkt aller Arbeiten, die politische Kritik einzig Resultat. In den folgenden Jahren jedoch fand eine deutliche Entwicklung hin zu einem politischen Blatt statt. Das vorrangige Ziel war es, die Scheinheiligkeit, Selbstzufriedenheit und Ignoranz der deutschen Gesellschaft zu entschleiern.[38] Überwiegend prägte dabei das Verhältnis zwischen Arm und Reich die Inhalte. So wurden einerseits die politischen Akteure, die für die soziale Schere verantwortlich waren, karikiert, andererseits das gehobene Bürgertum, dessen Lebensstil als unmoralisch, korrupt und fern jeder Alltags-Realität dargestellt wurde. Dabei prägten verschiedene (Stereo-)Typen zunehmend das Profil des Simplicissimus, beispielsweise die Bauern von Paul, die Studenten und Leutnants von Thöny oder Rezniceks Darstellungen der Bourgeoisie. Neben diesen Werken, die den andauernden sozialen Zustand reflektierten, spielten zudem aktuelle Geschehnisse eine zentrale Rolle. Wo immer es sich anbot, floss die Kritik an den gesellschaftlichen Missständen so mit ein. Der Spott über die deutsche Innenpolitik und die gesellschaftlichen Verhältnisse zog sich demnach wie ein roter Faden durch die Geschichte des Simplicissimus. Der Humor war dabei nicht durchweg aggressiv, vielmehr mischte sich Bloßstellung mit spielerischem Wortwitz und Entrüstung mit Schmunzeln. In Kombination mit dem künstlerisch-literarischen Anspruch erhielt der Simplicissimus so einen unverkennbaren Charakter.

[...]


[1] Vgl. Kundrus, Birthe: Kontinuitäten, Parallelen, Rezeptionen. Überlegungen zur „Kolonialisierung“ des Nationalsozialismus, in: WerkstattGeschichte, Jg. 15 (2006), Nr. 43, S. 45-62; Zimmerer, Jürgen: Nationalsozialismus postkolonial. Plädoyer zur Globalisierung der deutschen Gewaltgeschichte, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 57 (2009), S. 529-548.

[2] Die Argumente von Kundrus haben durchaus Berechtigung, die vorliegende Arbeit wird sich jedoch hinsichtlich des Hererokriegs auf den Begriff Genozid festlegen. Dieser repräsentiert die Begebenheiten in Südwestafrika angebracht, eine andere Definition würde dem Vernichtungskrieg nicht gerecht.

[3] Allen, Ann Taylor: Satire and Society in Wilhelmine Germany. Kladderadatsch & Simplicissimus 1890-1914, Lexington 1984, S. 5.

[4] George, Siegfried: Satire, in: Lexikon der politischen Bildung, Bd. 3, hg. v. Hans-Werner Kuhn u. Peter Massing, Schwalbach 2000, S.158.

[5] Plum, Angelika: Die Karikatur im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Eine ikonologische Untersuchung zu Feindbildern in Karikaturen, Aachen 1998, S. 21.

[6] Ebd., S. 218.

[7] Allen: Satire and Society in Wilhelmine Germany, S. 125; Zimdars, Hasso: Die Zeitschrift “Simplicissimus”. Ihre Karikaturen, Bonn 1972, S. 34f.

[8] Siehe Anhang 1.

[9] Speitkamp, Winfried: Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005, S. 17f.

[10] Zimmerer, Jürgen: Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Münster 2004, S. 15.

[11] Schwarz, Maria-Theresia: „Je weniger Afrika, desto besser“. Die deutsche Kolonialkritik am Ende des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1999, S. 211f.

[12] Ebd., S. 212.

[13] Ebd., S. 309.

[14] Ebd., S. 44.

[15] Ebd., S. 305f.

[16] Conrad, Sebastian: Deutsch Kolonialgeschichte, München 2008, S. 23.

[17] Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte, S. 23.

[18] Schwarz: „Je weniger Afrika, desto besser“, S. 28.

[19] Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte, S. 35.

[20] Schwarz: „Je weniger Afrika, desto besser“, S. 45f.

[21] Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte, S. 35.

[22] Ebd., S. 138f.

[23] Zimmerer: Deutsche Herrschaft über Afrikaner, S. 23f.

[24] Ebd., S. 25.

[25] Ebd., S. 31.

[26] Ebd., S. 37.

[27] Ebd., S. 38f.

[28] Ebd., S. 48.

[29] Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte, S. 53.

[30] Stuchtey, Benedikt: Die europäische Expansion und ihre Feind. Kolonialismuskritik vom 18. bis in das 20. Jahrhundert, München 2010, S. 235.

[31] Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte, S. 139.

[32] Christ, Richard: Glanz und Elend der Satire. Zur Geschichte des „Simplicissimus“, in: Simplicissimus 1896-1914, hg. v. Richard Christ, Berlin 1972, S. 7.

[33] Gutbrod, Helga: Macht und Ohnmacht der Satire. Zur Geschichte des „Simplicissimus“, in: 100 Jahre Simplicissimus. Zeichnungen aus einer süddeutschen Privatsammlung, hg. v. Helga Gutbrod, Tegernsee 1996, S. 10.

[34] Ebd., S. 9.

[35] Christ: Glanz und Elend der Satire, S. 6.

[36] Gutbrod: Macht und Ohnmacht der Satire, S. 9.

[37] Simplicissimus spricht, in: Simplicissimus, Jg. 1 (1896), Nr. 7; siehe Anhang 2.

[38] Gutbrod: Macht und Ohnmacht der Satire, S. 11.

Details

Seiten
53
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656232568
ISBN (Buch)
9783656550846
Dateigröße
8.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197200
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Geschichtswissenschaft
Note
1,1
Schlagworte
Herero Genozid Simplicissimus Kolonialismus Satire Lothar von Trotha Albert Langen Thomas Theodor Heine Bismarck Zentrum SPD Liberalismus Hererokrieg Deutsch Südwest Kaiserreich Bülow Wilhelm

Autor

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