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Vergleich der Zensurstrukturen in Österreich und Preußen von 1819 bis 1840 und der Untersuchung der Ursachen für ihre Unterschiede

Essay 2012 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenstand der Zensur

3. Struktur des Zensurapparates

4. Die Sicht der Höfe auf Staat, Öffentlichkeit und Presse sowie ihre Auswirkungen auf die Zensur

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Dass die Zensur keineswegs eine Neuerung der Restaurationszeit ist, zeigen allein die österreichische Zensurordnung von 1781 sowie das preußische Zensuredikt von 1788. Die Zensur des Vormärz knüpft vielmehr an jene Edikte des vorherigen Jahrhunderts an und überwindet somit eine kurze Phase der Liberalisierung der Presse während der Befreiungskriege gegen Napoleon. Zwischen 1815 und 1819 bestätigte sich die Auffassung derjenigen, die in der Ausführung des Artikels 18 d) der Bundesakte, die „Abfassung gleichförmiger Verfügung über die Pressefreiheit“, und der Einlösung des Versprechens nach „landständischen Verfassungen“ (Artikel 13) einen unzertrennlichen Zusammenhang gesehen hatten. Mit den Beschlüssen von Karlsbad sowie denen der Bundesversammlung vom 20. September 1819 (hierbei vor allem dem Bundespressegesetz) erloschen die Hoffnungen auf das Fortbestehen jener Liberalität sowie die Beteiligung der Öffentlichkeit durch konstitutionelle Regierungssysteme. Die Ereignisse führten in den Folgejahren zu einer Verschiebung des freien Meinungsaustausches, welcher in Form von Treffen in Lesezirkeln oder Diskussionen in den Salons von Bekannten eine zunehmende Privatisierung erfuhr, da der Weg über die Publizistik und damit die Möglichkeit der (politischen) Meinungsäußerung gegenüber einer breiten Leserschaft durch die länderspezifische Umsetzung der Bundesbeschlüsse unterschiedlich stark beschränkt wurde.

Der vorliegende Essay vergleicht die Handhabung der Zensur in den beiden den Deutschen Bund dominierenden Staaten, Preußen und Österreich, und erarbeitet hierbei die Ursachen, die zur unterschiedlichen Ausgestaltung ihrer Verordnungen führten. Hierbei werden wir feststellen, dass sowohl das Quantum und Quale der Öffentlichkeit als auch die Konstitution des Hofes sowie dessen Stellung im gesamtstaatlichen System entscheidende Faktoren bilden. Der Essay leistet dabei keine Betrachtung der Zensur im gesamten Vormärz, sondern beschränkt sich vorwiegend auf die Zeitspanne zwischen den Karlsbader Beschlüssen vom August 1819 und dem Tod Friedrich Wilhelms III. am 7. Juni 1940 und hierbei nur auf die Zensur, welche die Prüfung von Druckerzeugnissen zum Gegenstand hatte.

Den Ausgangspunkt für diese Untersuchung bilden die Betrachtungen von Uta Monecke und Julius Marx, welche in ihren Werken „Zwischen staatlicher Obrigkeit und bürgerlichem Aufbruch. Preußische Zensur und städtische Zensoren in Halle und Naumburg 1816–1848“ (Monecke) bzw. „Die österreichische Zensur im Vormärz“ (Marx) eine Übersicht über die Zensurstrukturen und – gesetze der beiden Staaten liefern. Während Moneckes Ausführungen hauptsächlich auf die Darstellung eines systematischen Institutionengebildes auf Grundlage des geschriebenen Rechts zielen, betrachtet Marx in großen Teilen seiner Arbeit die Auswirkungen des Gewohnheitsrechts sowie der am Zensurprozess partizipierenden Personen. Dass diese jedoch auch im preußischen Staat die Art und Weise der Zensur maßgeblich beeinträchtigten, wird in der Literatur nicht zusammenfassen erwähnt und ist daher nur aus untersuchten Einzelbeispielen heraus erkennbar, wie etwa aus Manfred Laubterts Untersuchung der „Presse und Zensur der Provinz Posen in neupreußischer Zeit (1815-1847).“ Die bis jetzt erwähnten Arbeiten fokussieren sich auf die Auseinandersetzung mit der (gewohnheits)rechtlichen und politischen Dimension der Zensur und lassen dabei deren andere Aspekte, welche Wolfram Siemann in „Ideenschmuggel. Probleme der Meinungskontrolle und das Los deutscher Zensoren im 19.Jahrhundert“ definiert. Der vorliegende Essay kann hierbei auch kein Aufgreifen aller bei Siemann genannten Dimensionen leisten, sondern betrachtet solche Aspekte als gegeben, in denen beide Länder Ähnlichkeiten aufweisen und die daher nicht die Ursachen der Unterschiede in den Zensurgesetzen erklären können (wie beispielsweise die technisch - industrielle Dimension), wohingegen gesamtgesellschaftliche Aspekte wie die politisch – staatsbürgerliche sowie die religiös – konfessionelle Dimension stärker fokussiert werden. Hierzu tritt eine Erweiterung dieser Dimensionen, wobei beispielsweise die Dimension der gegenseitigen, auswärtigen Sicht und die außenpolitische Einflussnahme auf den Gegenstand der Zensur, welche in „Pressepolitik und Polizeistaat Metternichs. Die Überwachung von Presse und politischer Öffentlichkeit in Deutschland und den Nachbarstaaten durch das Mainzer Informationsbüro (1833-1848)“ von Frank Thomas Hoefer beschrieben werden, einen maßgeblichen Beitrag zur Ausgestaltung der Zensur leisteten. Neben der Sekundärliteratur bezieht sich der Essay auf diverse Zensuredikte des Bundes und der beiden Länder, wie der preußischen Zensurverordnung vom 18.10.1819 (welche im Essay als preußische Zensurverordnung abgekürzt wird) oder dem österreichischen Zensuredikt vom 14.09.1810 (von dem im Essay auch nur als österreichischen Zensuredikt die Rede ist).

2. Gegenstand der Zensur

Sowohl Preußen als auch Österreich gaben den Zensoren in ihren Verordnungen eine grobe Orientierung, welche Themen mit welcher Strenge zu zensieren seien und damit über die Intention der Zensur selbst. Diese beschränkt sich nicht nur auf politische Themen an sich, sondern richtet sich teilweise nach einem vom jeweiligen Staat gedachten Idealbild des Untertanen und hat somit eine erzieherische Wirkung. Dies zeigt sich vor allem im Umgang mit Trivialliteratur und sonstigen Werken, von denen man annehmen konnte, dass sie von einem größeren Teil der Leserschaft konsumiert werden: Die erzieherische Motivation veranlasste Österreich zur Selektion und zum Verbot von minderwertigen Schriften aus dem Bereich der Unterhaltungsliteratur, welche neben esoterischer, abergläubischer, erotischer u.a. Genres gegen das Prinzip der guten Sitten verstieß. Da jene Sitten nicht durch eine Verordnung definiert wurden, lag deren Auslegung im Ermessen der Zensoren bzw. der zuständigen Zensurbehörden. Diese Verhältnisse finden sich auch in Preußen, wobei auch hier die Beleidigung der Moral und Sitte zwar als Gegenstand der Zensur im Artikel 2 der Zensurverordnung vom 18.10.1819 verrechtlicht, jedoch nicht näher spezifiziert wird. Jener Artikel benennt zugleich solche Schriften als Zensurgegenstand, welche den allgemeinen Grundsätzen der Religion zuwiderlaufen. Hierbei ist auffällig, dass das protestantische Preußen auf explizite Vorschriften zur Zensur spezifischer Religionen bzw. Gruppierungen innerhalb einer Religion verzichtet und damit prinzipiell die kritische Diskussion bestimmter Lehren ermöglicht. Die einzige Ausnahme bildet hierbei der Katholizismus, wobei nach Artikel 5 derselben Verordnung die katholischen Religions – und Andachtsbücher erst eine religionsinterne Zensur (durch den Ordinarus oder dessen Stellvertreter) durchlaufen müssen, ehe sie der weltlichen Zensur des preußischen Staates unterzogen werden. Im daraus resultierenden Schutz der katholischen Lehre kann zum einen die Rücksichtnahme Preußens auf die katholischen deutschen Staaten und somit die Erfüllung des Artikel 4 des Bundespressegesetzes vom 20.09.1819 gesehen werden, zum anderen galt jene Rücksicht auch gegenüber der Rheinprovinz, deren Integration in den preußischen Staat aufgrund der Entfernung von Berlin sowie der regionalen Eigenarten nur mühsam vonstatten ging. Im Gegensatz hierzu lässt sich in Österreich eine strengere Zensur der protestantischen Schriften gegenüber den katholischen feststellen. Die Intention hierbei bildet jedoch in erster Linie nicht der Schutz vor der Verletzung der Würde der Religion oder anderer Staaten, sondern vielmehr die Angst vor der Ausbreitung des Protestantismus, in dem Österreich den Vorläufer des staatgefährdenden philosophischen Idealismus sah. Neben dem Protestantismus wurde diese Strenge ebenfalls gegenüber hebräischen und religionsschwärmerischen Schriften entgegengebracht, sodass man bei Österreich (im Gegensatz zu Preußen) eine eindeutige Parteinahme für die staatstragende Religion erkennen kann, die sich ebenfalls in der Befreiung des Katholizismus von der weltlichen Zensur äußert. Wurde die Zensur der Religion seitens der beiden Staaten als politisches Instrument benutzt, so achtete man andererseits im hohen Maße darauf, dass von der Religion selbst keine Initiative in Richtung der Politik ausgeht, wie der bereits erwähnte Artikel 2 der preußischen Zensurverordnung zeigt.

Den Raum, den der Schutz der Würde und der Sicherheit aller Staaten des Deutschen Bundes und solchen, zu denen Preußen diplomatische Beziehungen pflegte (wie beispielsweise Russland), in jenem Artikel einnimmt, ist bezeichnend für die Wichtigkeit dieser Intention, welche schon auf Bundesebene den maßgeblichen Anstoß für die Pressegesetzgebung lieferte. Hierbei sollte die Zensur in beiden Systemen nicht nur solche Schriften erfassen, welche gegenüber den Regierungen negativ ausgerichtet waren, sondern auch jene Publizistik, die mit ihren Äußerungen liberale, demokratische oder die Staaten anderweitig gefährdende Elemente beförderten. Die Achtsamkeit auf solche politischen Äußerungen wuchs hierbei mit der Auflage des jeweiligen Druckerzeugnisses, wobei das Interesse des Publikums zum einen von der Brisanz der darin behandelten Objekte und zum anderen von der Länge des Textes abhing. Diese beiden Faktoren gaben somit Aufschluss über die zu erwartende Leserschaft und bestimmten daher maßgeblich die Härte der Zensur und (wie noch zu zeigen sein wird) die jeweilige Zuständigkeit für eine bestimmte Kategorie von Schriften im Zensursystem. Aus diesem Grund lassen sich in den Nachlässen der österreichischen Zensur nur wenige große Schriften auf den Verbotslisten finden. Dabei verursachte allein die Größe der Werke, zu der oft noch die Eigenschaft der Mehrbändigkeit hinzutrat, einen hohen materiellen Wert, sodass deren Beschaffung die Leserschaft auf bestimmte, wohlhabendere Kreise reduzierte. Für die Zensur in beiden Staaten war somit nicht nur das Werk an sich entscheidend für dessen Behandlung, sondern ebenso das Alter, der soziale Status sowie die Bildung (einschließlich der Zeit, die zur Bildung bzw. zum Lesen von größeren Werken benötigt wird) der Konsumenten. Die Beziehung der Kategorisierung von Werk und Leser verdeutlicht die Fokussierung der Zensur auf die „kleineren“, mit politischen Inhalten versehenen Schriften. Jene billigen Werke unter 20 Bogen waren in den Augen Österreichs und Preußens massentauglich, weshalb sie eine besondere Sensibilität gegenüber jenen Themen verlangten, welche die bereits benannte Sicherheit der Staaten gefährdeten. Dass die beiden Staaten hierbei in erster Linie um die Stabilität der eigenen Systeme besorgt waren, zeigten deren Vorstöße in den Karlsbader Konferenzen, die zu einer bundesweit verbindlichen Zensur der periodischen Schriften und solchen unter 20 Bogen im Bundespressegesetz führten. Dass Preußen in dieser Frage nicht nur Mitläufer Metternichs war, sondern jene Politik im eigenen Interesse weiter vorantrieb, zeigt weiterhin die Tatsache, dass man sich während der Karlsbader Konferenzen für eine Erhöhung der Bogenuntergrenze von 15 auf 20 aussprach und (wie Österreich) ebenso über diese Grenze hinaus im landesrechtlichen (d.h. eigenständigen) Rahmen zensierte.

Eine weitere wichtige Kategorie für die Zensur bilden die wissenschaftlichen Schriften. Trotz der Bestrebungen zur Einschränkung der Zensur für derartige Werke wurde deren Abschaffung in keinem der beiden Staaten durchgesetzt.

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Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656243854
ISBN (Buch)
9783656246183
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197180
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1.7
Schlagworte
vergleich zensurstrukturen österreich preußen untersuchung ursachen unterschiede

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Titel: Vergleich der Zensurstrukturen in Österreich und Preußen von 1819 bis 1840 und der Untersuchung der Ursachen für ihre Unterschiede