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Schlüsselfaktoren für einen erfolgreichen Übergang von der Proto-Industrie zur Industrialisierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 26 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsdesign der Proto-Industrialisierung

3. Schlüsselfaktoren
3.1. Ressourcen& Technologie
3.2. Finanzkapital
3.3. Humankapital
3.4. Infrastruktur
3.5. Wirtschafts- und Herrschaftsform
3.6. Unternehmergeist

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Viele Historiker betrachteten die Industrialisierung als ein großindustrielles, überregionales Phänomen. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass die Weichenstellungen dieser Wirtschaftsphase sich nicht allein über einen verallgemeinernden Blick auf Städte und ganze Staaten analysieren lässt. So produzierten in der Frühen Neuzeit bereits viele ländliche Regionen für internationale Märkte und schufen wichtige Vorbedingungen für eine erfolgreiche Industrialisierung wie die ersten großen wirtschaftlichen Kapitalakkumulationen und schufen früh ein feines Geflecht von Handelsrouten und Marktverbindungen.

Das Begriffspaar Proto-Industrialisierung und Industrialisierung suggeriert zunächst, dass es einen konditionellen wie auch chronologischen Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen gibt. Betrachtet man das Paar jedoch genauer, lässt sich feststellen, dass zahlreiche De-Industrialisierungen auch in Gebieten stattfanden, die zuvor eine gut funktionierende Proto-Industrialisierung durchschritten hatten, woraus die Frage entsteht, was für einen erfolgreichen Übergang von der Proto-Industrie zur Industrie nötig war.

Daher möchte ich die Frage nach den Schlüsselfaktoren für einen erfolgreichen Übergang von der Proto-Industrie zur Industrialisierung zunächst anhand der Arbeit zugrunden liegende Forschungsdesign der Proto-Industrialisierung und den Forschungsstand erläutern. Darauf werden die von mir beim Studium der fachspezifischen Lektüre identifizierten relevantesten Punkte für einen erfolgreichen Übergang von der protoindustriellen Region zu einer industriellen Region vorgestellt und ihre Abhängigkeiten aufgezeigt. Schließlich soll dann im Fazit anhand von prägnanten Beispielen geklärt werden, wo sich diese Faktoren in der Realität finden lassen und wie ihre Wirkung zu bewerten ist.

2. Das Forschungsdesign der Proto-Industrialisierung

Die Intention des dieser Arbeit zugrunde liegenden Foschungskonzepts der Proto- Industrialisierung von Franklin Mendels war, zunächst die Basis der europäischen Industrialisierung zu untersuchen. Am Beispiel von Flandern untersuchte er das Zusammenwirken einer agrarisch und einer gewerblich struktuierten Region, wobei er in letzerer eine Vorstufe der industriellen Region sah.1 Kriedte, Medick und Schlumbohm erweiterten diesen Forschungsansatz ca. 7 Jahre später um ein theoretisches Fundament und eine Analyse der Mikrobene.2 Das zentrale Theorem der drei Autoren war hier das der Selbstausbeutung, welches ähnlich wie die Neoklassik, die Prozesse der Makroebene aus Prinzipien der Mikroebene zu erklären versucht. Konkret unterstellten sie, dass die hausindustriellen Produzenten sich durch Prokduktivitätssteigerung weiterhin selbst versorgen konnten und somit in der Lage waren, Arbeitskraft gewerblich zu einem Preis unter ihren Subsistenzkosten anzubieten, was zu Kostenvorteilen für die Proto-Industrie sorgte.3 Dies mündete den Autoren zufolge in einer Expansion des Bevölkerungswachstums, der aber keine entsprechende Expansion des Arbeitsplatzangebots gegenüber stand, weshalb dem nur durch Abwanderung oder eine Änderung der Bevölkerungsweise entgegengewirkt werden konnte.4

Eine empirische Verifizierung der theoretischen Annahmen der Göttinger Autoren, vor allem mit Blick auf die Bedeutung der Verflechtungen zwischen Agrarbereich und Heimgewerbe und den demographischen Schlüssen, konnte jedoch durch die zahlreichen Folgestudien nicht erfolgen. Der Grund dafür ist darin zu sehen, dass Mendels Konzept wie zuvor erwähnt auf einer Studie der Region Flandern fußte, die Folgestudien sich allerdings auf die unterschiedlichsten Regionen des Deutschen Reichs und Osteuropas konzentrierten, die sich vor allem in ihren staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen radikal von Flandern unterschieden.5

Als Konsequenz aus der Bedeutung von Institutionen wie dem staatlichen und dem rechtlichen Rahmen, fand in vielen Forschungsarbeiten seitdem eine Konzentration auf eben diese statt, wobei eine interdisziplinäre und empirisch fundiertere Betrachtung leider weites gehend auf der Strecke blieb. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Untersuchungen gibt, denen es an wirtschaftsgeschichtlichem Fokus fehlt. So untersucht der renomierte Münsterer Wirtschaftshistoriker Ulrich Pfister6 beispielsweise die Produktionsfunktion proto-industrieller Haushalte mit einem neoklassischen und institutionenökonomischen Ansatz und somit mit Blick auf eine effiziente Allokation des Produktionsfaktors Arbeit. Anhand der unten dargestellten Grafik kann dieser Ansatz verdeutlicht werden. Der Haushalt hat das Ziel, ein bestimmtes Lohnniveau zu erhalten (z. B. von w1 und L1 begrenzte Fläche). Ein Rückgang der Nachfrage nach Arbeit (D1→D2) führte zu sich der Arbeitseinsatz zur Kompensation des Lohnniveaus erhöhen (A1→A2, L1→L2; wobei die das Einkommen darstellende Fläche gleich bleibt). Nimmt das Arbeitsangebot zu (S→S‘), werden die Haushalte für den gleichen Lohn mehr arbeiten, was zu einer Erhöhung des Einkommens, trotz fallender Löhne führt. Die Elasizität der Arbeitszeit ist nach Pfister somit elastischer in Bezug auf das Arbeitsangebot und Pfister nennt dies daher Fleißrevolution.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Seine Theorie besteht im Wesentlichen aus 3 Punkten. So steigt die Nachfrage nach Marktgütern und das Angebot von Konsumgütern bedingt durch Transaktionskosten. Da hier neoklassisch gesehen ein höherer Preis erzielt werden kann, werden sich die Haushalte als Produzenten auf die Produktion von Konsumgütern konzentrieren und als Nachfrager mehr dieser Güter nachfragen. Da sich der Absatzmarkt in weiter entfernten Regionen befindet, ist für die Konstitution des Preises die staatlich bereitgestellte Infrastrukutr ebenso von großer Bedeutung wie Such- und andere Transaktionskosten. In Folge der Präferenzänderung wird Arbeit für den Subsistenzbereich durch Arbeit für den Konsumgüterbreich subsitutiert. Da die Menschen nun mehr für den Konsum arbeiten, denn unproduktiv zu sein und nur die Subsistenz zu sichern, spricht Pfister dann von einer Fleißrevolution.7

Eine weitere wichtige Variable sieht Pfister in dem Faktor Kapital, das zur Anschaffung von Produktionsfaktoren (wie Garn, Webstühlen oder schlicht Land) erforderlich ist und dazu führt, dass zu einer Unterscheidung zwischen verschiedenen Schichten des Bauerntums und dessen Markteintrittschancen zwingt. Pfisters Ansatz ist hier, wie er selbst eingesteht, bisher nur hypothetisch und hat noch kein empirisches Fundament.8 In Pfisters Publikationen spiegelt sich zum einen der aktuelle (theoretische) Forschungsstand wieder, da er sein Modell an den bisherigen Erkenntnissen ausrichtet, zum anderen zeigt sich hier aber auch ein großes Problem dieser Forschungsrichtung. So bleiben wichtige Fragen offen, auch in Bezug auf das Thema der vorliegenden Arbeit, wie ein erfolgreicher Übergang von der Proto-Industrialisierung zur Industrialisierung zu bewerkstelligen ist, da die Epoche meist statisch und nicht dynamisch betrachtet wird und mit unterschiedlichsten Ansätzen gearbeitet wird. So werden in den meisten Studien zwar die demographischen und strukturellen Veränderungen in der Epoche analysiert, jedoch nicht deren Konsequenzen für die weitere Entwicklung in der Region.9 Teilweise ist dies einem Kernproblem der Geschichtswissenschaft geschuldet, wird durch die „ex-post-Sicht Erfolg eher untersucht als Scheitern.“10 Da jedoch zugleich von vielen Forschern befunden wird, dass „Historians find very few regions of Europe that had an industrial revolution without first going through a phase of proto-industrialization“11, werden im nächsten Abschnitt jene Faktoren einer tieferen Betrachtung unterzogen, welche sich während der proto-industriellen Region bildeten und/oder verfestigten und den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachten.

3.Schlüsselfaktoren

3.1. Ressourcen und Technologien

Die erste Assoziation, die die meisten Menschen bei dem Begriff „Industrialisierung“ haben, ist sicher die dampfender Maschinen und Fabriken. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, dass der Schlüssel zum Erfolg weniger in der Schwer- als vielmehr in der Textilindustrie liegt. So haben nahezu alle Wirtschaftsmächte ihre Vormachtstellung auf Textilien aufgebaut - das britische Empire ebenso wie die USA oder in jüngster Zeit die Volksrepublik China.

Wirtschaftswissenschaftlich gesprochen, ist die Textilindustrie ein Leitsektor der sich industrialisierenden Region. In jenem werden in Folge einer neuen Produktionsfunktion, also nicht nur einer reinen Steigerung der Produktivität durch Faktorvariation, Produktionsfaktoren wie Arbeit und Kapital in den Leitsektor gezogen.12 Im konkreten Fall handelt es sich hier um das Substitut Baumwolle, welches im Vergleich zu anderen Repetierfaktoren zu enormen relativen Kostensenkungen führte.13 Auch im Bereich der Potentialfaktoren kam es zu Basisinnovationen. So traten an die Stelle einzelner Spindeln, an denen nur wenige Arbeitsschritte simultan ausgeführt werden konnte, kombinierte Spinnmaschinen, an die Stelle des einzelnen Webstuhls die Webmaschinen, die den Output noch einmal exponential erhöhten und darüber hinaus mit anderen Innovationen kombiniert werden konnten. Auf die disposivitiven Faktoren sei hier nur der Vollständigkeit halber hingewiesen, da sie einen eigenen Unterpunkt dieses Kapitels bilden. Darüber hinaus entstehen schließlich Koppelungseffekte, da die Textilindustrie die Nachfrage nach Gütern der vorgelagerten Sektoren (Herstellung von Webstühlen, Transport von Elementarfaktoren) erhöht und für die nachgelagerten Sektoren Vorleistungen bereitstellt.14

Mit Blick auf die Frage, ob sich eine proto-industrielle Region zu einer industriellen Region entwickeln konnte, ist eine vorsichtige Bewertung angebracht. Es ist beispielsweise nicht zielführend, digital zu unterscheiden, ob ein Produktionsfaktor in der zu untersuchenden Region vorhanden war oder nicht. Betrachtet man dazu die Repetierfaktoren Baumwolle und Kohle, lässt sich feststellen, dass erstere auch ohne Kolonien importiert werden konnte und selbst das Musterbeispiel der Industriellen Revolution - England - lange Zeit Kohle aus Schweden importieren musste. Somit verfügten die großen Kolonialmächte wie Großbritannien oder die Niederlande zwar über absolute Kostenvorteile, doch genossen auch Regionen anderer Staaten einen Zugang zu den Rohstoffmärkten.15 Entscheidend ist also, ob eine Region sich Zugang zum Rohstoffmarkt sichern konnte und ob sie diesen auch nutzte. Zudem ist bei den Rohstoffen von Bedeutung, auf die Gefahr von Lock-In- Effekten hinzuweisen. So waren beispielsweise die Webstühle der Zeit enorm teuer, aber nicht dazu in der Lage mit verschiedenartigen Stoffen zu arbeiten, was dazu führte, dass bei einem Umstieg auf einen anderen Rohstoff enorme Wechselkosten aufzuwenden waren. So war die frühe Baumwollindustrie beispielsweise vorallem in Regionen angesiedelt, die schon wenige Jahrzehnte zuvor ein solches Gewerbe aufwiesen.16

Schließlich ist noch auf die temporären Monopole Großbritanniens im technologischen Bereich einzugehen. Aufgrund der Tatsache, dass viele wegweisende Erfindungen in England getätigt wurden, lässt sich die Vorreiterrolle recht banal erklären. Doch auch hier ist eine genauere Betrachtung ratsam. Zunächst einmal stießen die technischen Neuerungen nicht in allen Teilen Englands auf Gegenliebe bei der Bevölkerung, was zu regional äußerst unterschiedlichen Entwicklungen führte. Trotz guter landwirtschaftlicher Bedingungen siedelten sich in Essex (Seidenindustrie), East Anglia (Wollproduktion), Norfolk und Suffolk (Leinen), Buckinghamshire und Huntingtonshire (Stroflechterei) sowie Lancashire (Tuchmacherei) Landindustrien an.17 Investitionslust und Profitchancen trotz guter Bodenverhältnisse spielen hier eine ebenso wichtige Rolle wie die Rezeption neuer Techniken und Arbeitsformen seitens der Arbeitnehmerschaft. Der Erfolg wie beispielsweise in Birmingham ist auch einer religiösen Tendenz, institutioneller Regulierung, Arbeitsqualifikation, kooperierender Handwerker, Agglomeration verschiedener Branchen, Vielfalt von Produkten, Märkten und einem Wettbewerb zwischen ländlichen, städtischen, kleineren und größeren Produzenten geschuldet.18 Auch wird die industrielle Flexibilität in der Anwendung von Technik für die Entwicklungsausrichtung genannt. In West Country beschäftigten viele Tuch-Unternehmer mehr als 100 Arbeiter.

[...]


1 Mendels 1969

2 Kriedte, Medick, Schlumbohm 1975

3 Kriedte u.a. 1975: 274 ff.

4 Kriedte u.a. ebd.

5 Gorissen 2002: 17

6 Pfister 1992

7 Pfister 1998: 44

8 Pfister 1998: 47

9 Ein Überblick z.B. bei Markus Cerman, Sheilagh C. Ogilvie: 1994. Lex Heerma Van Voss, Lex Heerma Van Voss, Els Hiemstra-kuperus and Els Hiemstra-kuperu : 2010

10 Mendels: 1972

11 Lex Heerma Van Voss, Lex Heerma Van Voss, Els Hiemstra-kuperus and Els Hiemstra-kuperu 2010:579 5

12 Pfister 1998: 32

13 ebd.

14 Pfister 1998: 45

15 z.B. Sachsen oder die Nordschweiz

16 Ogilvie 1993 oder auch Hudson 1986 und Coleman 1978

17 Coleman 1978

18 ebd

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656232124
ISBN (Buch)
9783656233411
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197132
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Insitut für Wirtschaftsgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
VWL Geschichte Proto-Industrie Industrialisierung Industrielle Revolution

Autor

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Titel: Schlüsselfaktoren für einen erfolgreichen Übergang von der Proto-Industrie zur Industrialisierung