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Die sozialkritische Komponente in den Novellen von Gottfried Keller

Hausarbeit 2003 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gottfried Keller ein Sozialrebell?
2.1. Gottfried Keller und die Kirche

3. Sozialkritik als Element in ausgewählten Novellen von Gottfried Keller

4. Schlusswort

5. Literaturangaben

6. Anhang

1. Einleitung

Gottfried Keller meinte in seinem Tagebuch über Freundschaften, dass es sich bei ihm von selbst versteht, „dass alle tüchtigen und offenherzigen Leute sich gegenseitig gut sind“ und es eine Zeit gegeben haben mag, „wo die großen leidenschaftlichen und idealen Freundschaften gerechtfertigt waren.“ Jetzt aber, so glaubt er ist dem nicht mehr so.[1]

Diese melancholische Ansicht aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sowie die vorrevolutionäre Stimmung des Vormärzes stellt die Frage auf, ob Gottfried Keller sozialkritische Ansichten in seinen Werken verarbeitete. Im ersten Teil der Arbeit soll dies im Hinblick auf seine Biografie erläutert werden. Hierbei werden weitere Werke, beispielsweise aus dem lyrischen Bereich, zu Rate gezogen. Einen gesonderten Abschnitt nimmt folgend die Thematik der Beziehung zwischen Gottfried Keller und der Kirche ein.

Im zweiten Teil werden verschiedene Novellen des Zyklus „Die Leute von Seldwyla“ betrachtet, um eventuell konkrete Beispiele einer Sozialkritik zu nennen. Aufgrund der rein expliziten Beispielhaftigkeit werden nicht alle Novellen untersucht. Somit kann diese Arbeit keinesfalls dem Anspruch standhalten, Vollständigkeit zu erheben.

2. Gottfried Keller ein Sozialrebell?

Die Kindheit Gottfried Kellers war sehr ernst. Der frühe Tod seines Vaters und die fehlende Liebe seiner Mutter[2], sowie seine ersten schulischen Erfahrungen auf einer Armenschule sensibilisierten ihn für Armut, Krieg, Hunger und Aufruhr. Durch seine Mitschüler, bei denen er sich mehr aufhielt, als im eigenen Elternhaus, sah er das Resultat der sozialen Ungerechtigkeit.

Auf der Armenschule war er der meist wohlhabende Junge unter seinen Mitschülern. Dieses Blatt drehte sich um, als er an das „Landknabeninstitut“ kam, wo er „der Ärmste unter den Reichen“[3] war. 1834 wurde er unfreiwillig und doch gewollt Rädelsführer eines Schülerstreiches, aus dem einzigen Grunde, wie er später angibt, dass seiner Phantasie sogleich gelesene Volksbewegung und Revolutionsszenen vorschwebten. Als Strafe musste er am 9. Juli 1834 die Schule verlassen, eine Maßnahme, die seine Antipathie gegenüber dem aristokratischen Erziehungssystem fundierte.

Gottfried Keller konnte sich Zeit seines Lebens nicht zwischen der Malerei oder der Schriftstellerei entscheiden. Während seine Schulzeit geprägt wurde von künstlerischen Versuchen, die ihn teilweise viel Respekt als Landschaftsmaler einbrachten, kamen die ersten lyrischen Versuche neun Jahre später, im Juli 1843. Im Zuge des Vormärzes bekam er die Möglichkeit seine aufgestaute Antipathie gepaart mit seiner melancholische Ader gegenüber allem Konservativen in Form von verschiedenen Gedichten auszudrücken. In der ersten Strophe des zweiten Sonetts des Gedichtes „Der Grüne Baum“[4] findet sich so ein Beispiel.

Aber auch anderweitig beschäftigte sich Keller rege mit der Politik. Als aufrechter freiheitsliebender Demokrat verstand, sich für die Menschenrechte einzusetzen. Als 1848 einige reaktionäre Kantone versuchten sich von der Schweiz zu lösen, schloss sich Gottfried Keller einer Freischar an, die gegen diese Kantone zog. Johannes Ruff[5] hielt dies als Kupferstecher in einer Karikatur fest: „Im vorderen Glied marschierte der ernsthaft dreinschauende, körperlich kleine Dichter mit Brille und Bocksbärtchen. Er trägt einen hohen Zylinderhut und ein grünes Mäntelchen und rührt eifrig die Trommel.“[6]

Einige Jahre später bot der polnische Guerillakrieg 1863 – 1865 gegen die russischen Besatzer – ein Freiheitskrieg, welcher unter den intellektuellen mittel- und westeuropäischen Bürger große Sympathien hervorrief – eine Möglichkeit der politischen Arbeit. Dem „Provisorischen Komitee zur Unterstützung der Polen“, gegründet in Zürich, in leitender Position angehörend, bot Gottfried Keller seine Diensträume als Beratungszimmer an. Vielleicht gerade aus diesem Grunde soll der Leser Sympathien gegenüber der Hauptfigur der Novelle „Kleider machen Leute“ – Wenzel Strapinski entwickeln.[7]

2.1. Gottfried Keller und die Kirche

In seinem ganzen Leben hegte Gottfried Keller große Skepsis gegenüber der christlichen Kirche. Besonders abstoßend empfand er die Jesuiten, da sie genau das Gegenteil von seinem Traumbild eines freien wandlungsfähigen Menschen, der sein persönliches Leben und das seiner Gemeinschaft bestimmend mitgestalten kann, symbolisierten. Das Recht der Glaubensfreiheit sollte jedoch bestehen bleiben, da dies nicht der praxisfernen Religiosität, des praxisfernen Denkens der Institution der Kirche entspricht. In weiteren Zitaten engt er diesbezüglich den Begriff der Kirche auf das Jesuitentum und den Pietismus ein.[8] Ein weiteres Beispiel für seine Abneigung gegen die Jesuiten findet sich in dem Jesuitenlied, welches am 3. Februar 1844 in der Zeitung „Freie Schweiz“ abgedruckt wurde.[9]

Ein Ziel Kellers war es, das Bewusstsein für die „Vollendung des Menschen im Leben“ zu fördern. So lehnt er die Glorifizierung des „Jenseits“ strikt ab. Die Menschen sollten das „Diesseits“ fördern, sowie hier ihre bestmöglichsten Taten vollbringen, da nur dieses einen rational-logischen Sinn verfolgt. Dass es genug zu tun gäbe, machte er in vielen melancholischen Aussagen klar, wie zum Beispiel, dass er das „Reale zwar anerkenne, doch in keiner Weise stolz darauf wäre“.[10]

3. Sozialkritik als Element in ausgewählten Novellen von Gottfried Keller

Zeitlich gesehen sind die meisten Werke Gottfried Kellers in der literarischen Epoche des bürgerlichen Realismus eingebettet, welchen man in der Regel von den Zeitrahmen von 1850 bis 1890 ausgeht. Der Bürgerliche Realismus ist die literarische Verklärung durch einen besonderen Ausdruck der Subjektivität. Er kann als Antwort auf die immanenten Veränderungen im sozialen, politischen, ökonomischen und ideologischen Bereich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesehen werden. Er soll die Reaktion auf den schnellen Verfall der moralischen und ethischen Werte sein, womit er eine Gegenreaktion auf die Industrialisierung darstellt und der als lebensfeindlich empfundenen Moderne.

An dieser Stelle setzt die Untersuchung an, ob Gottfried Keller sozialkritische Elemente in seinen Novellenzyklus Leute von Seldwyla verwendet hat. Nach Rainer Poppe hat es sich der Schriftsteller Keller zur Aufgabe gemacht mit diesem Erzählzyklus das kleinliche und verbohrte Philistertum zu geißeln, unter dem er als Kind und Jugendlicher augenscheinlich litt.[11]

Julia und Romeo auf dem Dorfe, eine Novelle innerhalb des Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“, beinhaltet kritische Passagen gegenüber der bürgerlichen Welt. Angelehnt an das Vorbild „Romeo und Julia“ von Shakespeare, bettet Gottfried Keller die Geschichte in die sozial-politische und wirtschaftliche Thematik der aktuellen Gesellschaft. Keller glaubte, dass hohe Literatur ein Mittel sei, positive soziale Änderungen zu initiieren. Die Intensität dieses Einflusses ist die Wertung der Kunst. Die beiden Bauern Manz und Marti handeln stellvertretend für die gesamte Gesellschaft egozentrisch - kapitalistisch, ein markierender Kritikpunkt für das 19. Jahrhundert. Sali und Vrenchen werden Opfer dieses, die gesamte Gemeinde umfassenden, bürgerlichen Geizes. Sie befinden sich in einem ständigen Konflikt zwischen ihrer Liebe und den bürgerlichen Tugenden mit dem Wunsch Teil der Gesellschaft zu werden. So ruft Keller traditionelle Werte und Normen wach, hinterfragt aber gleichzeitig, wie weit diese gehen dürfen und wo sie ihre Grenzen haben. Abstrahiert kann man die These aufstellen, dass die Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ den Konflikt zwischen ordentlich – angepasster Lebensweise und non – konformen, von Trieben gesteuerten Wünschen zum Hauptgegenstand hat.[12]

[...]


[1] Bernd Breitenbruch, Gottfried Keller, Hamburg 1994, S. 7

[2] vgl. Die drei gerechten Kammmacher, S.329: Eine sozialmoralische Kritik verbirgt sich hinter der Wahl des Gesellentums für die Novelle „Die Drei gerechten Kammmacher“. Sie ist gleichzeitig eine Satire des „Muttersohns“ und Junggeselle Keller, dem ein Geselle die Mutter in zweiter Ehe weggenommen hat.

[3] Breitenbruch, Gottfried Keller, S. 22

[4] Siehe Anhang 1

[5] vgl. die Abbildung in dem Reader des Aufbaukurses „Gottfried Kellers Novellen“, Sommersemester 2003, Universität Rostock, S. 215

[6] vgl. Gottfried Keller: Sänger und Vorkämpfer der Freiheit, Berlin 1947, S. 22-23: Dies beschreibt, wiesehr ihn seine Umgebung auf das äußere reduzierte, ohne zu erkennen, welchen sozialkritischen Wert seine Lyrik haben kann, beispielsweise Anhang 3; Zitat: Keller: Sänger und Vorkämpfer der Freiheit, S.23

[7] Walgura Freund – Spork, Lektüreschlüssel: Gottfried Keller: Kleider machen Leute, Stuttgart 2002, S.6 - 9

[8] Richard R. Ruppel, Erläuterungen zu Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe, Hollfeld 1998, S.135-137

[9] Breitenbruch, Gottfried Keller, S. 37; In dem Anhang 2 finden Sie die 4. Strophe des Jesuitenliedes

[10] R. Ruppel, Erläuterungen: Romeo und Julia auf dem Dorfe, S. 137

[11] Reiner Poppe, Erläuterungen zu Gottfried Keller: Kleider machen Leute, Hollfeld 1993, S. 60

[12] R. Ruppel, Erläuterungen: Romeo und Julia auf dem Dorfe, S. 125 – 128

Details

Seiten
14
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638237635
ISBN (Buch)
9783638819725
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19705
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
2,7
Schlagworte
Komponente Novellen Gottfried Keller Aufbaukurs Kellers

Autor

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