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Volksleiden Burnout: Die Modekrankheit der Postmoderne

Hausarbeit 2012 25 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Deutliche Zunahme von Burnout-Phänomenen

2. Volksleiden Burnout: Die Modekrankheit der Postmoderne
2.1 Definitionsansätze des Begriffs Burnout
2.2 Ursachen eines Burnout
2.2.1 Die Bedeutung persönlicher Ursachen
2.2.2 Gesellschaftsbezogene Ursachen
2.2.3 Burnout als Produkt der modernen Arbeitswelt?
2.3 Symptomatologie und Verlauf
2.3.1 Die drei Phasen einer Stressreaktion
2.3.2 Begleiterkrankungen
2.4 Diagnostik des Burnout-Syndroms
2.4.1 Laboruntersuchungen, manualmedizinische und ärztliche Untersuchungen
2.4.2 Differenzialdiagnostik: Depression, Neurasthenie, Fibromyalgie, CFS
2.5 Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Burnout
2.6 Burnout in und durch das Bildungssystem
2.6.1 Burnout durch das Bildungssystem
2.6.2 Der Beruf des Lehrers als Risikofaktor für einen Burnout
2.7 Die Burnout-Therapie
2.7.1 Der Ausstieg auf eigene Faust
2.7.2 Ambulante Behandlung: Westliche vs. Östliche Medizin
2.7.3 Stationäre Behandlung bei akut gefährdeten Patienten
2.8 Burnout-Prophylaxe
2.8.1 Prophylaxe auf Organisations- und Systemebene
2.8.2 Prophylaxe auf gesellschaftlicher Ebene
2.8.3 Prophylaxe auf individueller Ebene

3. Fazit: Burnout als Folge postmoderner Lebensbedingungen

Literaturverzeichnis

1. Deutliche Zunahme von Burnout-Phänomenen

Ausgebrannt! Immer häufiger wird die Diagnose Burnout von deutschen Ärzten dokumentiert. Dies zeigt eine Untersuchung der Krankmeldungen von mehr als zehn Millionen AOK-versicherten Beschäftigten zwischen 2004 und 2010: Um etwa das Neunfache - von 8,1 Arbeitsunfähigkeitstagen auf 72,3 Tage je 1.000 AOK-Mitglieder - sind die Krankheitstage wegen Burnout angestiegen. Hochgerechnet auf ca.34 Millionen gesetzliche krankenversicherte Arbeitnehmer bedeutet dies an die 100000 Menschen mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Fehltagen, die im Jahr 2010 aufgrund eines Burnouts krankgeschrieben wurden (Handwerksblatt, 2011).

Dabei kann das Burnout-Syndrom jeden treffen, bekannteste Vertreter sind die Popstars Britney Spears, Mariah Carey oder Robbie Williams, Profisportler Sven Hannawald oder Sebastian Deisler und auch Spitzenpolitiker Matthias Platzeck, die sich alle mindestens eine Zeit lang eine berufliche Auszeit nahmen oder gar die eigene Karriere beenden mussten.

Das Ausgebrannt sein ist eine Folge des veränderten Lebensstils und der Lebensbedingungen der Postmoderne: Die (beruflichen) Anforderungen, Unzufriedenheit und Unsicherheiten steigen stetig, Zusammenhänge werden immer komplexer, jeder ist permanent mit dem Handy erreichbar, Emails werden von unterwegs versendet, die Erwartungshaltungen und der Druck von außen werden immer größer und der Tag-Nacht-Rhythmus ist häufig gestört. Diese und weitere postmoderne Entwicklungen können schnell zu einem Gefühl des Ausgebrannt sein und der Erschöpfung führen.

Laut einer repräsentativen Umfrage der GFK-Marktforschung im Auftrag der ,Apotheken Umschau‘ ist dies im Oktober 2011 eigenen Angaben zufolge bereits bei 9,1 Prozent der deutschen Berufstätigen der Fall. Diese fühlen sich so gestresst und belastet, dass für sie ein Burnout nicht mehr weit entfernt liegt, gar 9,9 Prozent beschreiben sich als so ausgebrannt, dass sie kurz davor sind einfach umzukippen (Apotheken Umschau, Oktober 2011).

Es sollen im Folgenden Ursachen, Symptome, Verlauf und Diagnostik des BurnoutSyndroms untersucht, auf geschlechtsspezifische Unterschiede eingegangen, das Burnout im und durch das Bildungssystem näher erläutert, sowie Therapie- und Prophylaxemöglichkeiten dargestellt werden.

2. Volksleiden Burnout: Die Modekrankheit der Postmoderne

2.1 Definitionsansätze des Begriffs „Burnout“

Das Burnout-Syndrom ist gemäß des internationalen Diagnose- Klassifikationssystems ICD-101 keine Krankheit, sondern wird als ein Problem der Lebensbewältigung bezeichnet und liefert somit lediglich eine Rahmen- oder Zusatzdiagnose, jedoch keine Behandlungsdiagnose, weshalb es auch noch keine allgemeingültige Definition gibt (Vgl. Dr. Nelting, M. 2010, S. 31). Die ersten wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema wurden 1975 vom amerikanischen Psychologen Herbert Freudenberger verfasst, der Burnout 1974 als „Nachlassen bzw. Schwinden von Kräften oder Erschöpfung durch übermäßige Beanspruchung der eigenen Energie, Kräfte oder Ressourcen“ beschreibt (Freudenberger, H./North, G. 1992).

Cherniss definiert Burnout 1980 als das „Resultat eines transaktionalen Prozesses, der sich aus Arbeitsbelastungen, Stress und psychologischer Anpassung zusammensetzt, in welchem ein ursprünglich engagierter Professioneller sich als Reaktion auf die in der Arbeit erfahrenen Stressoren und den erlebten Stress von der Arbeit zurückzieht“ (Vgl. Büssing, A. & Perrar, K. M. 1994, S. 330). Und Burisch (2006) bezeichnet Burnout psychologisch-metaphorisch als „eine langandauernde zu hohe Energieabgabe für zu geringe Wirkung bei ungenügendem Energienachschub (Burisch, M 2006, S. 7).“

Beim Burnout-Syndrom (engl. to burn out: „ausbrennen“) handelt es sich also weitestgehend um eine körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung aufgrund beruflicher Überlastung, die meist durch Stress ausgelöst wird, der aufgrund verringerter Belastbarkeit kaum bewältigt werden kann (Vgl. Jaggi, F. 2008, S. 6-7).

2.2 Ursachen des Burnout

2.2.1 Die Bedeutung persönlicher Ursachen

Ein Burnout kann jeden Menschen treffen. Ob oft krank oder stets gesund, erfolgreich oder erfolglos, kommunikativ oder introvertiert, mit behüteter Kindheit oder ohne, es gibt kein typisches Persönlichkeitsprofil für ein Burnout-Syndrom. Die Gemeinsamkeit aller Betroffenen ist, dass sie etwas, was sie bewältigen wollen, nicht können. Diese Bewältigungsstörungen können zunächst einmal in der eigenen Lebensgeschichte begründet liegen (Vgl. Dr.Nelting, M. 2010, S.123). Hier zu nennen sind zum einen die Gene eines jeden Menschen. Jedes Individuum hat seine eigene ganz individuelle Genausstattung, die ihn zwar nicht in seinem Handeln und Verhalten festlegt und determiniert, jedoch in einem gewissen Rahmen einen Menschen widerstandsfähiger oder anfälliger für eine Sache (z.B. Infektion) machen. Es gibt auf dem aktuellen Forschungsstand zwar noch kein Burnout-Gen, jedoch flacht die Diskussion heutzutage aufgrund der mehr und mehr zunehmenden Zahl der Betroffenen nicht mehr ab, ob auch psychische Störungen wie Depressionen oder Burnout vererbt werden können (Vgl. Dr.Nelting, M. 2010, S.124f.).

Zudem können auch familiäre Belastungen bei einem Kind oder Jugendlichen ein Burnout-Syndrom auslösen. Diese entstehen meist von Seiten der Eltern aus. Häufige Gefühlsausbrüche der Eltern, auch dem Kind gegenüber, Bestrafungen oder gewalttätiges und vernachlässigendes Behandeln können, ähnlich wie andere prägende Kindheitserlebnisse (z.B. lange Krankheit, Trennung oder Tod innerhalb der Familie), schwere traumatische Folgen beim Kind haben (Vgl. Dr.Nelting, M. 2010, S.131f.). Dies passiert ebenso, wenn eigene elterliche traumatische Erlebnisse auf das Kind reflektiert werden und die Kinder nicht mehr erzogen, sondern dressiert werden, um so innere Konflikte der Eltern zu kompensieren (z.B. „Ich konnte nicht studieren, jetzt muss mein Kind es tun.“). All das sind unlösbare Lebensanforderungen der Eltern an die Kinder, die Probleme bewältigen sollen, die sie aber nicht bewältigen können und sich deshalb ständig mit dem eigenen Versagen beschäftigen müssen. Dies kann zu einer psychischen Störung des Kindes führen, einem Burnout oder im schlimmsten Falle und heutzutage immer öfter gar zu einem Suizid (ebd.).

2.2.2 Gesellschaftsbezogene Ursachen

Karriere und Erfolg scheinen in unserer postmodernen wettbewerbsorientierten Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert einzunehmen. Höher, schneller, weiter- die olympische Idee leitet den Erfolgsmenschen von heute mehr denn je. Wer leistet, der ist etwas wert, der wird anerkannt und geschätzt. Frauen müssen aufgrund des gesellschaftlichen Drucks Kinder, Haushalt und Beruf unter einen Hut bringen. Männer ernten dennoch immer noch Hohn, wenn sie der typischen Rollenerwartung des Haupternährers der Familie nicht entsprechen. Äußere Werte wie Statussymbole, Einkommen, Führungspositionen und unzählige Überstunden machen einen Mann aus gesellschaftlicher Sicht erfolgreich. Dazu wird die nötige Klarheit über sichere Arbeitsplätze den Menschen entzogen. Alles zusammen hohe Anforderungen, die ohne entsprechende Bewältigungsstrategien leicht und schnell zu einem Burnout führen können (Burnout-Info.de 2010).

2.2.3 Burnout als Produkt der postmodernen Arbeitswelt?

Neben Anspruchsdenken, Neid, Lebensstandard und Erfolgsstreben sind Stress, Mobbing und Angst vor Arbeitsplatzverlust sind die Schlagwörter, wenn man von der postmodernen Arbeitswelt spricht, die sich in den letzten zwanzig Jahren von einer Industriegesellschaft zu einer Informations- und Dienstleistungsgesellschaft gewandelt hat. Durch die damit verbundenen neuen Arbeitsbedingungen entstehen auch andere Anforderungen an die Beschäftigten (ebd.).

Allein in Deutschland wurden im Jahr 2007 knapp drei Milliarden Überstunden abgeleistet. Jede zweite davon unbezahlt, wie Berechnungen bzw. Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg zeigen (welt- online.de 2008). In Zeiten der Wirtschaftskrise und drohendem Arbeitsplatzverlust verschärft sich diese Lage zusätzlich.

Die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes belastet die Beschäftigten zunehmend und zurecht, denn Unternehmenssanierungen, Kreditengpässe und Firmenfusionen führen von Zeitverträgen bis zu Massenentlassungen und somit zu erheblichen Existenzängsten aller Entlassenen und noch Beschäftigten. Stress pur also für die Seele, ausgelöst durch Überforderungen, Überlastungen durch unregelmäßige und Wochenarbeitszeiten, Leistungsdruck, Unsicherheiten des Arbeitsplatzes und permanente Erreichbarkeit selbst im Urlaub (Vgl. Dr.Nelting, M. 2010, S. 154ff.). Die Autorin und Journalistin Bärbel Kerber beschreibt dieses Phänomen wie folgt: „Bestand im Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert vor allem die Gefahr der Entfremdung von der Arbeit und der Fremdausbeutung, droht mittlerweile in der Dienstleistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts plötzlich das Gegenteil: die Selbstausbeutung.“ (Vgl. Kerber, B. 2005, S.28).

Hinzu kommt zudem das aufstrebende Problem des Mobbing, welches jeden Menschen gleichermaßen treffen kann und vor allem in Gesundheits- und Erziehungsberufen, in der öffentlichen Verwaltung und im Bankensektor auftritt und aktuell ca. eine Millionen Beschäftigte in Deutschland betreffen soll (Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff 2002). Mobbing-Opfer sollen meist in ihrem Ansehen geschädigt werden oder aus einer Position vertrieben werden und sind durch die ständigen Angriffe auf ihre Person anfälliger für psychische Krankheiten oder ein Burnout-Syndrom. Prof. Dr. med. Daniel Hell aus Zürich meint dazu: „Die Tendenz zur Individualisierung scheint bei erhöhtem Konkurrenzdruck dazu zu verleiten, dass sich existenziell gefährdete Menschen gegenüber Arbeitskollegen wehren, indem sie diese an ihrer Schwachstelle treffen wollen, um sich selbst zu überleben.“ (Vgl. Duffner, K. 2007, S.8).

Anspruchsdenken und Neid, Konkurrenzdruck und Mobbing unter Kollegen sind ebenso Wegbereiter für einen Burnout wie die ständig präsente Unsicherheit um den Verlust des Arbeitsplatzes und der damit verbundenen Langzeitarbeitslosigkeit, die den wohl größten Stressor darstellt und dem unbedingt mit mehr Leistung, mehr Überstunden, mehr Engagement und Produktivität gegengesteuert wird. All diese Faktoren erhöhen den Alltagsstress massiv und lassen den Arbeiter in permanenter Angst um die eigene Existenz leben. Unter diesen Umständen kann sich ein BurnoutSyndrom schnell und leicht entwickeln.

Man kann also zusammenfassend tatsächlich durchaus davon sprechen, dass das Burnout-Syndrom als ein Produkt der veränderten Bedingungen und An- bzw. Überforderungen der postmodernen Arbeitswelt gesehen werden kann, die durch ihre Schnelllebigkeit, Unsicherheit und Undurchsichtigkeit auch andere psychische Erkrankungen auslösen kann.

2.3 Symptomatologie und Verlauf

2.3.1 Die drei Phasen einer Stressreaktion

Auslöser eines Burnout-Syndroms ist Stress, mit dem nicht mehr umgegangen werden kann und der nicht mehr bewältigt werden kann. Daher sind der Verlauf und die Symptomatik eines Burnout-Syndroms zum größten Teil gleich denen einer Stressreaktion, welche ein biologisches Anpassungsprogramm ist, das im Notfall äußere (z.B. Lärm) und innere (z.B. Gefühl der Überforderung) Stressoren bewältigt (Pschyrembel 1998, S. 81). Die Stressreaktionen werden nach Hans Selye (1907- 1982), dem führenden Stressforscher, in drei Phasen eingeteilt (ebd., S. 1450):

Zunächst ist ein Betroffener überengagiert und aktiv (Aktivierungsphase). Das sympathische Nervensystem wird angeregt ((Nor-)Adrenalin-und Kortisolausschüttung) und klinische Symptome wie Zittern, Schwitzen, erhöhte Herzfrequenz, Übelkeit, vermehrter Harndrang, Diarrhö und motorische und nervöse Überaktivität (z.B. Zähneknirschen, Nägelknabbern, Redefluss) treten auf. Diese Reaktionen des Körpers gehen auf die früheste Steinzeit zurück und bereiteten den Menschen bei drohender Gefahr ursprünglich auf eine Flucht oder einen Kampf vor. (Vgl. Jaggi, F. 2008, S.8).

In der zweiten Phase, der Widerstandsphase, verliert der Betroffene nach und nach jedoch die Lust am Arbeiten, es kommt zur inneren Kündigung von und Distanzierung zu Vorgesetzten, sowie zu aggressivem Verhalten und unangebrachter Kritik. Die Widerstandsphase ist zudem u.a. gekennzeichnet durch eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels, einer Schilddrüsenunterfunktion, sexueller Unlust, Schlafstörungen, Erschöpfung, Atembeschwerden und Schwindel (ebd.). Schließlich tritt mit Beginn der Erschöpfungsphase eine große Verzweiflung ein. Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und im schlimmsten Fall Suizidgedanken können auftreten, das Immunsystem bricht zusammen. Außerdem kann es zu Problemen des Herz-Kreislaufsystems und des Gastrointestinaltraktes kommen. Diese Endphase der Stressreaktion kann aufgrund der schweren psychischen und psychosomatischen Probleme mitunter eine lange Arbeitsunfähigkeit der Betroffenen zur Folge haben und benötigt dringend eine entsprechende Behandlung (ebd.). Eine sehr ausführliche und differenziertere Beschreibung der Phasen eines Burnout- Syndroms liefert Matthias Burisch, der den Verlauf folgendermaßen sieht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Burnout-Symptomatik nach Burisch, M. 2006, S. 25 f.

[...]


1 „ICD-10“ steht für „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems” und bezeichnet das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene wichtigste, aktuelle und weltweit anerkannte Diagnoseklassifikations- und Verschlüsselungssystem der Medizin

Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656232681
ISBN (Buch)
9783656233220
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196913
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Institut für Erziehungswissenschaft/Lehrstuhl für Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
volksleiden burnout modekrankheit postmoderne

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