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Mary Pickford - "Amerikas Sweetheart"

Fachbuch 2010 67 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Zu den berühmtesten weiblichen Stummfilm-Stars gehörte die kanadische Schauspielerin Mary Pickford (1892–1979), eigentlich Gladys Mary Smith. Der blonde Lockenkopf mit dem süßen Engelsgesicht und dem bezaubernden Lächeln galt als „Königin des Stummfilms“, „Sweetheart of America“ („süßes Herz Amerikas“) und „Engel der Nächstenliebe“. Die clevere Mary spielte von 1909 bis 1955 in rund 250 Filmen mit und war eine der vier Gründer des Filmstudios „United Artists“.

Gladys Mary Smith kam am Freitag, 8. April 1892, als ältestes Kind von John Charles („Jack“) Smith senior (gestorben 1898) und dessen Ehefrau Elsie Charlotte Smith (1873–1928), geborene Printer, in Toronto (Kanada) zur Welt. Sie wurde im Sternkreiszeichen Widder geboren. Ihr Vater war der Sohn methodistischer britischer Einwanderer, arbeitete als Seemann und hatte eine Schwäche für Alkohol. Ihre Mutter war vor der Heirat irisch-katholisch. Später trat sie unter den Künstlernamen „Charlotte Hennessy“ und „Charlotte Pickford“ als Filmschauspielerin auf. Sie gebar 1893 die Tochter Charlotte (1893–1936), genannt „Chuckie“ oder „Lottie“, und 1896 den Sohn John Charles junior (1896–1933), genannt „Jack“. Die jüngeren Geschwister von Gladys machten später ebenfalls eine Filmkarriere.

Die Ehe der Eltern wurde bereits 1895 geschieden. Drei Jahre später starb „Jack“ Smith senior 1898 an einer Hirnblutung infolge seines starken Alkoholkonsums. Nach der Trennung von ihrem Ehemann und der Geburt ihres Sohnes „Jack“ musste die Mutter – unterstützt von ihrer ältesten Tochter Gladys – für den Unterhalt der vierköpfigen Familie sorgen. Die Mutter verdiente Geld, indem sie Untermieter aufnahm. Gladys trug durch Auftritte im Theater zum Unterhalt bei.

Bereits im Alter von fünf Jahren wurde Gladys von der „Valentine Stock Company of Toronto“ für das Stück „Bootl’s Baby“ engagiert. Unter dem Künstlernamen „Baby Gladys“ ging sie mit verschiedenen Schauspieltruppen auf Tournee durch Kanada und die USA. Später trat sie zusammen mit ihrer Mutter Charlotte sowie ihrem Bruder „Jack“ und ihrer Schwester „Lottie“ mit mehreren Schauspieltruppen und Theatergesellschaften auf.

Die beiden jüngeren Geschwister „Lottie“ und „Jack“ hatten seit ihrer Kindheit ein sehr inniges Verhältnis zueinander. „Lottie“ vergötterte ihren Bruder „Jack“ regelrecht. Weil Mary als ältestes der drei Smith-Kinder gewissermaßen die Vaterrolle übernahm und dabei den jüngeren Geschwistern oft als streng erschien, war ihre Beziehung angespannt.

In ihrer Teenager-Zeit feierte die jüngere Schwester „Lottie“ legendäre Partys, bei denen reichlich Drogen, Alkohol und Sex im Spiel waren und die bis zum Morgen dauerten. Wenn die ältere Schwester Mary überraschend nach Hause kam, hüpften „Lottie“ und ihre Freunde rasch in ihre Schlüpfer.

Schon als 14-Jährige überredete Gladys, die damals weiche, goldene Locken hatte, in New York City den erfolgreichen Theaterproduzenten David Belasco (1853–1931) dazu, ihr eine Hauptrolle zu geben: 1907 stand Gladys in dem Stück „The Warrens of Virginia“ erstmals auf einer Bühne am Broadway in New York City. Weil ihr richtiger Name Gladys Smith etwas bieder klang, prägte Belasco für sie das Pseudonym „Mary Pickford“, das sie fortan trug. Auch die Mutter hat zeitweise den Künstlernamen „Pickford“ benutzt.

1909 stellte sich Mary Pickford beim Filmstudio „Biograph Motion Picture Company“ („American Mutoscope & Biograph“) in Crestwood (Kentucky) vor. Bei dieser Gelegenheit brachte sie den amerikanischen Filmpionier David Wark Griffith (1875–1948) dazu, sie einzustellen. Ihr Debütfilm hieß „Pippa Passes“ (1909). Dabei konnte man nur ihr Gesicht in einer Menschenmenge sehen. Anfangs arbeitete sie noch anonym als Statistin, doch allmählich entwickelte sie sich zum Star. Ihre erste Hauptrolle spielte sie in „Her First Biscuits“ (1909). Bei „Biograph“ verdiente sie 40 US-Dollar pro Woche.

In ihrer Anfangszeit war Mary Pickford als „The Girl with the Curls“ („Mädchen mit den Locken“) bekannt. In der Literatur über sie findet man auch die Spitznamen „Baby Gladys“, „The Girl with the Golden Hair“, „The Glad Girl“, „Americas Sweetheart“, „The World’s Sweetheart“ und „Little Mary“.

Als erwachsene Frau war Mary Pickford 1,54 Meter groß und somit relativ klein, aber oho. Ihre Fans mochten ihren seelenvollen Augenaufschlag, ihre engelhaften Korkenzieherlocken und ihren schmalen Körper einer Kindfrau.

Von 1909 bis 1912 wirkte Mary Pickford in mehr als 140 kurzen Filmen mit. Darunter waren Melodramen, Western und Literatur-Adaptionen. In den frühen Tagen des Films war es nicht unüblich, dass Schauspieler/innen innerhalb eines Jahres in etlichen Streifen auftraten. 1909 beispielsweise drehte Mary sage und schreibe 51 Filme, also fast jede Woche einen anderen.

Unter der Regie von David Wark Griffith spielte Mary Pickford neben Owen Moore (1886–1939) eine Hauptrolle in „The Violin Maker of Cremona“ („Der Geiger von Cremona“, 1909). Moore wurde am 7. Januar 1911 ihr erster Ehemann. Ihren ersten Erfolg feierte sie als „Little Mary“ in „The Little Teacher“ (1909). Bei dem in Kentucky ansässigen Studio „Biograph Motion Picture Company“ drehte Mary auch einige Filme, deren Handlung sich in diesem US-Bundesstaat abspielte. So in „In Old Kentucky“ (1909), „In the Border States“ (1910) und „A Feud in the Kentucky Hills“ (1912).

Auch 1910 verlief hektisch für Mary Pickford. In jenem Jahr stand sie für 49 Filme vor der Kamera. In „A Victim of Jealousy“ traten Mary und ihre Mutter Charlotte Pickford gemeinsam auf. Für „A Gold Necklace“ (1910) bezahlte man Mary 175 US-Dollar pro Woche. 1910 beschaffte sie ihrem Bruder „Jack“ einen Vertrag beim Filmstudio „Biograph Motion Picture Company“. Ihre Mutter sah man in „The Impalement“ (1910).

Im Dezember 1910 verließ Mary Pickford das Filmstudio „Biograph Motion Picture Company“. 1911 wechselte Mary zum Studio „Indepedent Motion Picture Company“ („IMP“) von Carl Laemmle (1867–1939).

1911 brachte es Mary Pickford auf 27 Filme. Für „The Courting of Mary“ (1911) erhielt sie 275 US-Dollar pro Woche. Bei „Sweet Memories“ (1911) wirkten Mary, ihr Bruder „Jack“, ihre Schwester „Lottie“ und ihre Mutter Charlotte mit. Im Oktober 1911 urteilte ein Gericht, der Vertrag mit dem Studio „IMP“ sei ungültig, weil Mary zum Zeitpunkt der Unterzeichnung noch minderjährig war.

Die Mutter Charlotte Smith förderte die Filmkarriere ihrer Kinder Mary, „Lottie“ und „Jack“ nach Kräften und war für ihr Verhandlungsgeschick bekannt. Charlotte Smith und Margaret „Peg“ Talmadge, die Mutter der Schauspielerin Norma Talmadge (1894–1957), gehörten zu den intelligentesten Frauen in Hollywood.

Im Laufe des Jahres 1912 kehrte Mary zu David Wark Griffith und „Biograph Motion Picture Company“ zurück. 1912 arbeitete sie auch für das von Adolph Zukor (1873–1976) gegründete Filmstudio „The Famous Players Film Company“. Zukor zahlte ihr pro Woche 500 US-Dollar.

1913 reduzierte Mary Pickford die Zahl ihrer Filme drastisch. In jenem Jahr kam sie lediglich auf vier Filme: „The Unwelcome Guest“, „Fate“, „In the Bishop’s Carriage“ und „Caprice“.

Für 1914 erwähnt die Filmdatenbank „Internet Movie Database“ sieben Filme von Mary Pickford. Davon war „Hearts Adrift“ ein überwältigender Erfolg. Ihre Schwester „Lottie“ spielte in „The House of Bondage“ (1914) erstmals die Hauptrolle. Dabei verkörperte sie eine Prostituierte, befand sich damit im starkem Kontrast zu „Amerikas Sweetheart“ und bekam keine guten Kritiken.

Während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) besuchte Mary Pickford im Sommer gelegentlich Verwandte in Port Dalhousie (Ontario) in Kanada. Dort half Mary ihren Vettern, die auf dem lokalen Strand einen Hotdog-Stand betrieben, beim Dienst an hungrigen Kunden.

Für „Rags“ (1915) kassierte Mary Pickford 4.000 US-Dollar pro Woche. In „Fanchon, the Cricket“ (1915) traten die drei Geschwister Mary, „Lottie“ und „Jack“ Pickford zusammen auf. Lange Zeit galt dieser Film als verschollen, doch dann wurde er von einem Fan im „British Film Institute“ wieder entdeckt.

Von den drei Pickford-Geschwistern soll „Lottie“ das schwächste Talent für die Schauspielerei besessen haben. Angeblich fand Mary, dass „Lottie“ nicht hübsch genug für Filme gewesen sei und sie soll ihr Bestes getan haben, um sie davon fernzuhalten. Doch dagegen spricht, dass „Lottie“ in zahlreichen Filmen zu sehen war. Die Filmographie für „Lotti“ Pickford in der „Wikipedia“ erwähnt für 1909 bis 1925 immerhin 82 Titel von „To Save Her Soul“ bis „Don Q. Son of Zorro“. Darin trat sie unter verschiedenen Namen auf: Charlotte Smith, Lottie Pickford Forrest, Lottie Pickford Rupp, Lotta Rupp.

1916 wechselte Mary Pickford zu „Artcraft Pictures Corporation“. Der Film „Less Than the Dust“ (1916) bescherte ihr 10.000 US-Dollar pro Woche Außerdem erhielt sie damals durch die Gründung einer eigenen Produktionsgesellschaft namens „Mary Pickford Corporation“ einen einmaligen Bonus von 300.000 US-Dollar und die Hälfte der Einspielergebnisse.

1917 wechselte Mary Pickford zum neugegründeten Filmstudio „First National Exhibitor’s Circuit“ und erhielt dort 350.000 US-Dollar pro Film sowie volle Autonomie über ihre Filme vom Drehbuch bis zum Final Cut. Ihrem Bruder „Jack“ verhalf sie ebenfalls zu einem Vertrag mit diesem Studio. Der gut aussehende Jack spielte oft romantische Liebhaber und wurde zum Star.

Insgesamt mehr als eine Million US-Dollar kassierte Mary Pickford für die Filme „Daddy long legs“ („Mein lieber, süßer Onkel Langbein“), „The Hoodlum“ und „Hearts o’ the Hills“, die alle drei 1919 in die Kinos kamen. Für jeden dieser Steifen betrug ihre Gage 350.000 US-Dollar.

In „Daddy long legs“ spielt Mary Pickford das Waisenmädchen Jerusha Abbott, das bis zum 18. Lebensjahr im Waisenhaus lebt. Anschließend wird Jerusah von einem reichen Aufsichtsrat des Waisenhauses wegen ihrer literarischen Begabung auf das College geschickt. Ihr edler Gönner will unerkannt bleiben, wünscht aber, dass Jerusha jeden Monat einen Brief über ihre Fortschritte im College schreibt, ohne jemals Antwort darauf zu bekommen. Nach dem Eintritt ins College schildert Jerusha alles, was sie erlebt, dem unbekannten Aufsichtsrat. Sie nennt ihn „Daddy Langbein“, weil sie von ihm nur seinen Schatten kennt, der seine Beine unverhältnismäßig lang aussehen lässt. Auf dem College lernt sie Jervis Pendleton, den Onkel einer Mitstudentin, kennen. Ihm begegnet sie, wie es scheint, zufällig immer wieder. Allmählich kommen sie einander näher. Am Ende der Collegezeit von Jerusha entpuppt „Daddy Langbein“ sich als Jervis Pendleton.

Zusammen mit David Wark Griffith, Charlie Chaplin (1889–1977) und Douglas Fairbanks senior (1883–1939) gründete Mary Pickford 1919 das Filmstudio „United Artists Corporation“. Sie wollten nicht länger, dass Produzenten den Löwenanteil der von ihren Filmen eingespielten Gewinne einstrichen.

1920 drehte Mary Pickford zwei Filme. Sie hießen „Pollyanna“ („Sonne im Herzen“) und „Suds“. Davon war „Pollyanna“ ein großer Publikumserfolg.

Die erste Ehe von Mary Pickford mit Owen Moore hielt neun Jahre. Sie endete am 2. März 1920 offiziell mit der Scheidung.

Am 28. März 1920 schloss Mary Pickford ihre zweite Ehe mit Douglas Fairbanks senior und unternahm eine Hochzeitsreise nach Europa. Durch diese Ehe wurde Mary eine Bürgerin der USA. Später erlangte sie die kanadische Staatsbürgerschaft wieder. Als sie starb hatte sie die Staatsbürgerschaft von Kanada und den USA.

Nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise ließ sich das Paar in dem Landhaus mit dem Spitznamen „Pickfair“ in Beverly Hills nieder. Während dieser Ehe war Mary die Stiefschwiegermutter der Schauspielerin Joan Crawford (1905–1977), die von 1929 bis 1933 mit ihrem Stiefsohn Douglas Fairbanks junior (1909–2000) verheiratet war.

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Details

Seiten
67
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656234104
ISBN (Buch)
9783656234432
Dateigröße
3.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196843
Note
Schlagworte
Mary Pickford Film Filmstars Filmschauspielerinnen Schauspielerinnen Frauenbiografien Kurzbiografien Biografien

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