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Analyse des Werkes „3100 Gramm“ (Carsten Hennig)

Seminararbeit 2012 22 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hintergrundinformationen
2.1 Zum Komponisten
2.2 Zum Werk

3 Analyse des Stücks
3.1 Erste Eindrücke und Grobanalyse
3.2 Details und Feinanalyse
3.2.1 Abschnitt A
3.2.2 Abschnitt B
3.2.3 Abschnitt C
3.2.4 Abschnitt D
3.2.5 Abschnitt E
3.2.6 Abschnitt F
3.2.7 Abschnitt G

4 Zusammenfassung der Ergebnisse

II. Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Seminar Tonsatz / Werkanalyse stand im Wintersemester 2011/2012 die projekt- und praxisorientierte Arbeit mit vier Dresdner Komponisten im Vordergrund. Es handelte sich hierbei um Manfred Weiss (* 12.02.1935 in Niesky / Oberlausitz), Jörg Herchet (* 20.09.1943 in Dresden), Wilfried Krätzschmar (* 23.03.1944 in Dresden) und Carsten Hennig (* 01.07.1967 in Dresden). Bis auf den letztgenannten sind alle während der Zeit des Deutschen Nationalsozialismus zur Welt gekommen. Somit war eine regionale und größtenteils auch eine zeitliche Eingrenzung vorgegeben. Auch die Wahl der zu analysierenden Stücke erfolgte nach einem bestimmten Kriterium, nämlich dem einer relativ kleinen Besetzung.

Nach persönlichen Vorträgen der einzelnen Komponisten in Leipzig wurde in kleinen Arbeitsgruppen von vier bis fünf StudentInnen jeweils mit ihnen gearbeitet. Dabei fanden Gespräche statt, man besuchte sich, telefonierte und hielt Kontakt über das Internet. Schließlich fassten die einzelnen Arbeitsgruppen in Referaten das Schaffen ihres gewählten Komponisten zusammen und stellten den anderen StudentInnen ausgewählte Werke vor.

Meine Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit dem jüngsten der vier Komponisten, Carsten Hennig. Nachdem wir in unserem Referat Hennigs Stücke „Kadenzes - 13 Fälle“, „lost“, „Kammerflimmern“ sowie „3100 Gramm“ unter dem Aspekt der zeitlichen Entwicklung seiner Kompositionen kurz und eher oberflächlich vorgestellt haben, soll in dieser Hausarbeit das Werk „3100 Gramm“ intensiver betrachtet werden. Während der Analyse wird häufig auf genaue Taktzahlen hingewiesen, weshalb eine parallele Arbeit mit Text und Partitur (im Anhang) empfohlen wird. Um „3100 Gramm“ nicht völlig losgelöst von seinem Kontext darzustellen, sehe ich es als erforderlich an, zuvor über wesentliche biografische Fakten Carsten Hennigs sowie über Hintergründe zur Entstehung des Werks zu informieren. Die Analyse selbst wird zunächst allgemeiner und schließlich spezieller vorgenommen, denn die Länge und Komplexität von „3100 Gramm“ würde ansonsten die Fasslichkeit erschweren. In einer kurzen Zusammenfassung werde ich aufzeigen, welche wesentlichen Punkte sich in der genauen Analyse herauskristallisiert haben.

2 Hintergrundinformationen

2.1 Zum Komponisten

Carsten Hennig wurde am 1. Juli 1967 in Dresden geboren, wo er noch heute als freischaffender Komponist lebt. Ab dem Alter von 15 Jahren erhielt er zunächst Klavier- und dann Orgelunterricht. Nach dem Abitur studierte er Schulmusik an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und ging anschließend für ein Studium der Filmmusik an die Filmakademie Baden-Württemberg. Seine Hochschulausbildung setzte er am Mozarteum Salzburg sowie an der Hochschule für Musik und Theater Rostock fort, wo er Komposition studierte.

Carsten Hennig ist immer interessiert an einem „Bezug von musikalischem Material auf außermusikalische Prozesse, [...] die im günstigsten Fall sogar die gesamte gesellschaftliche Situation in irgendeiner Weise betreffen.“1

Größere Erfolge stellten sich ab der Jahrtausendwende ein. Hennigs musikalisches Schaffen erfuhr Förderung durch Arbeitsstipendien des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Mecklenburg-Vorpommern sowie der Kulturstiftung Sachsen. Des Weiteren erhielt er das Stipendium der Villa Massimo Rom und der Villa Aurora in Pacific Palisades, Los Angeles. 2002 gewann Hennig den 2. Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb Luxembourg, 2005 den BMW-Kompositionspreis der Musica Viva und 2007 den 1. Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb Mecklenburg-Vorpommern. Die Blütezeit seines Schaffens liegt also in der Gegenwart bzw. in sehr naher Vergangenheit.2

2.2 Zum Werk

Entstanden ist „3100 Gramm“ als Auftragswerk für den Französischen Verein temp' ó ra und das Ensemble unitedberlin. Im Rahmen dieses Projekts wurde das Stück vom Ensemble in Bordeaux Anfang 2011 uraufgeführt. Temp' ó ra ist ein Projekt, das durch Konzerte mit zeitgenössischer Musik für ein besseres Verständnis der Kulturen in der Welt beitragen will.3 Das Ensemble unitedberlin wurde 1989 in der heutigen Bundeshauptstadt gegründet und zeichnet sich besonders durch seine grenzüberschreitenden Arbeiten aus.4

Die Ausgangsbedingungen, unter denen sich das musikalische Material in „3100 Gramm“ entwickelt, werden deutlich reglementiert. Hennig nutzt einen Ziegelstein, dessen Gewicht - nämlich 3100 Gramm - dem Stück seinen Namen gibt und der auf der Klaviertastatur liegend für einen zusätzlichen Resonanzraum mit lebendigen Eigenschaften sorgt. Die Saiten, in deren Bereich der Stein liegt, schwingen frei und erzeugen als Reaktionen auf die Komposition komplexe Obertonresonanzen. Hennig selbst spricht hier genau genommen von einem „Resonanzbiotop Klavier“.

3 Analyse des Stücks

3.1 Erste Eindrücke und Grobanalyse

Die Besetzung ist übersichtlich gehalten und weist einige Gemeinsamkeiten zu anderen Stücken Hennigs auf, wie beispielsweise zu „Kammerflimmern“. In „3100 Gramm“ steht eine Bläsergruppe bestehend aus Flöte (zwischenzeitlich Piccoloflöte) und B- Klarinette einem Streicher-Trio aus Violine, Viola und Violoncello gegenüber. Zwischen den beiden Gruppen befindet sich ein Klavier, welches unter Zuhilfenahme eines Plektrums sowie eines 3100 Gramm schweren Ziegelsteins mit den Maßen 24x12x7 cm gespielt werden soll. Da beim Einsatz des Plektrums die Saiten des Klaviers direkt angespielt werden, ist die Verwendung eines Flügels erforderlich. Den Ziegelstein stellt Hennig bei Aufführungen zur Verfügung, da dies eine für das Ensemble unübliche und schwer ausführbare Aufgabe darstellt. Damit das Klavier beim Einsatz des Steins nicht beschädigt wird, hat Hennig diesen zusätzlich präpariert.

Durch die Nutzung des Ziegelsteins werden auch die Grenzen des Stücks gezogen. Er wird zu Beginn auf die Klaviertasten im Bereich von d bis g1 aufgelegt und bleibt dort ununterbrochen liegen, bis er im letzten Takt in einer schnellen Bewegung von den Tasten gehoben wird. Da der Stein anfangs einen direkten Anschlag auf die betroffenen Saiten ausübt, kann man den ersten Klang als großes Cluster bezeichnen, das sich über einen Umfang von etwa 1,5 Oktaven erstreckt. Dies ist aber noch nicht der Effekt, um den herum sich nachfolgend das gesamte Stück aufbaut. Durch das ständige Gedrückthalten der bezeichneten Klaviertasten nämlich werden die zugehörigen Saiten nicht mehr abgedämpft, was üblicherweise beim Loslassen einer Klaviertaste passiert. Dieser Umstand bietet jene Saiten als Angriffsfläche an, denn sie nehmen andere Schwingungen auf - insbesondere die des Klaviers selber - und beginnen unterschiedlich stark zu schwingen. Es entsteht der Eindruck eines klanglichen Vorder- und eines Hintergrunds, in welchem sich das sehr leise Resonanzschwingen der Klaviersaiten und die weit gefächerte Dynamik des Ensembles gegenüberstehen. Das mag in der Theorie zwar nachvollziehbar klingen, birgt bei einer Aufführung jedoch Nachteile, die gerade durch diese enormen Dynamikunterschiede zwischen Ensemble und Resonanzschwingen auftreten. Ich selbst habe noch keine Aufführung des Stücks erlebt. Daher konnte ich ausschließlich eine Aufnahme heranziehen, bei der meines Erachtens nach die „Obertoninsel“ nur schwach zu erkennen ist und auch überhaupt nur dann, wenn das Ensemble pausiert. Jedoch hat ein anderer Seminarteilnehmer bereits Hörerfahrung bei einer Aufführung von „3100 Gramm“ gemacht, bei der er eigenen Angaben zufolge weitaus weniger Resonanzschwingen wahrgenommen hatte als bei der gehörten Aufnahme. Diese Eindrücke lassen zunächst die Frage entstehen, ob das Klangexperiment überhaupt geglückt ist. Fest steht, dass seitens des Komponisten gar kein extrovertiertes Hervortreten der frei schwingenden Klaviersaiten angestrebt worden ist. Das Resonanzschwingen soll also tatsächlich nur hintergründig bleiben. Und bei Musik kommt es ohnehin häufig auf die Elemente an, deren Existenz der Hörer erst bei ihrer Abwesenheit vermissen würde.

Beim Überfliegen der Partitur stechen sofort einige markante Eigenschaften ins Auge. Carsten Hennig nutzt wie bereits erwähnt eine große Bandbreite an Dynamiken im Ensemble. Diese wechseln gleichermaßen fließend wie sprunghaft und halten sich insgesamt in einem Rahmen zwischen pppp (Takt 145) und ff (Takt 166) auf. Dabei kommen längere laute Passagen fast nie vor, sondern fungieren zumeist als kurzer abschließender Extrempunkt eines vorherigen Crescendos.

Nicht nur die Dynamik ist weit gefächert, sondern auch der genutzte Tonumfang der einzelnen Instrumente. Auch hier zeigt sich eine Ausgeglichenheit aus fließenden und sprunghaften Anteilen. Die Violine spielt als tiefsten Ton ein (kleines) gis (Takt 24) und als höchsten ein h3 (Takt 145ff), um nur ein Beispiel unter allen Instrumenten zu nennen.

Zusätzlich werden häufig Mikrointervalle (Vierteltönigkeit) genutzt. Die Notenwerte kommen ebenfalls in unterschiedlicher Couleur vor. Teils werden Töne über mehrere Takte gehalten (Bläser in Takt 1-6), teils erleben wir aber auch 32'tel-Läufe (selbige in Takt 9). Rhythmisch fallen insbesondere die Ostinato-Passagen auf, die zumeist in Achtelnoten (Klarinette und Streicher in Takt 61-63) aber auch triolisch (außer Violine in Takt 128-132) eher leise gespielt werden. In Kontrast zu diesen vergleichsweise simplen Strukturen stehen rhythmisch komplexe Gebilde, denen keine Regelmäßigkeit zu entnehmen ist (Takt 74-76).

Das Stück hat ein Grundtempo von 92 Schlägen pro Minute. Die 15 - fast immer fließenden - Tempowechsel sowie 113 Taktwechsel bei insgesamt 171 Takten sind in der gesamten Komplexität kaum wahrzunehmen. Das Metrum des einzelnen Taktes verliert zugunsten eines gleichförmigen Zeitverlaufs seine Bedeutung.

Eine weitere markante Eigenschaft im Werk ist die vielfältige Verwendung von Vortragsbezeichnungen, die nicht selten von unkonventioneller Art sind (Klavier in Takt 23).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Carsten Hennig in „3100 Gramm“ für viel abwechslungsreiche Bewegung sorgt, die sich in eben genannten Merkmalen äußert. Wie sich das Werk hinsichtlich dieser Merkmale entwickelt, darauf soll die nachfolgende Feinanalyse vertiefend eingehen.

3.2 Details und Feinanalyse

Anders als bei seinen früheren Werken nimmt Carsten Hennig in „3100 Gramm“ keine Organisation in Abschnitte vor. Es handelt sich um eine Gesamtkomposition ohne vorgegebene Einzelteile. Die nun folgende detaillierte Analyse wird sich dennoch in Teilstücke gliedern, um einen einfacheren Überblick zu ermöglichen. Die Wahl dieser Abschnitte erfolgte dabei weniger auf Grundlage unterschiedlicher Motivik, da diese generell nur partiell zu erkennen ist. Vielmehr habe ich Aspekte wie Tempowechsel, Dynamiksprünge, Generalpausen und besondere Spielweisen als Indikatoren für eine grundlegende Veränderung im Stück angesehen. Die vorliegende Taktzahl nach einem Wechsel und auch die Taktdauer der einzelnen Sektoren bestätigen oftmals zusätzlich die Legitimität des vorgenommenen Einschnittes. Ein solches Vorgehen hat eine Unterteilung in insgesamt sieben Abschnitte zur Folge. In den Unterpunkten jedes Abschnitts werde ich auch auf die Gründe eingehen, die mich zu meiner Wahl bewogen haben. Trotzdem soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der von mir vorgenommenen Einteilung um eine persönliche Entscheidung handelt, die keine abschließende Gültigkeit haben muss.

3.2.1 Abschnitt A

Der erste Teil von „3100 Gramm“ umfasst eine Dauer von exakt 20 Takten.

Das Auflegen des Steins erfolgt in mittlerer Lautstärke, wirkt durch die Vielzahl der angeschlagenen Saiten aber lauter, was den in forte einsetzenden Bläsern und Streichern entgegenkommt.

[...]


1 Interview im Patchwork-Video (Timecode: 1.31).

2 Vgl. Homepage von Carsten Hennig (29.01.2012).

3 Vgl. Homepage von Temp'óra (29.01.2012).

4 Vgl. Homepage von unitedberlin (29.01.2012).

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656228455
ISBN (Buch)
9783656231165
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196810
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Musikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
analyse werkes gramm carsten hennig

Autor

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Titel: Analyse des Werkes „3100 Gramm“ (Carsten Hennig)