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Antiker Humanismus als pädagogische Bewegung

Altes oder zeitloses Phänomen?

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abgrenzende Definition grundlegender Begriffe
2.1 Humanismus
2.2 Bildung

3. Beiträge der römisch- griechischen Antike zum Humanitätsgedanken
3.1 Der griechische Humanismus
3.2 Der römische Humanismus

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aktuelle Bedrohungen bestimmen das Leben auf unserer Erde. Zahlreiche Kongresseinberufungen versuchen den globalen gegenwärtigen Gefahren entgegenzuwirken: weltweite Armutsbekämpfung, internationaler Kampf gegen Terror und Gewalt, Auswirkungen des Klimawandelt. Die Forderung nach einer neuen Ethik, nach neuen Wirtschaftserneuerungen und eine völkerbindende Politik stehen im Zentrum dieser internationalen Konferenzen. Dies lässt den Anschein zu, dass das Bewusstsein für diese Bedrohungen durchaus existent ist. Dennoch scheitern die Versuche der Gegenmaßnahmen der Akteure. Ferner bestimmten Naturkatastrophen, Ressourcenmangel, soziale Unruhen und vieles mehr das Leben der Menschen. Das Projekt der Moderne und das damit einhergehende technische Weltbild verdrängen die zentralen Fragen des Menschseins.

Die Theodizeefrage nach dem Sein und Sinn der Menschen ist gewiss nicht neu, da der Mensch als kulturelles und formbares Wesen seit der Antike Gegenstand der bewussten Gestaltung ist. Doch die Menschen reagieren unterschiedlich auf die drohenden Gefahren mit veränderten Denk- und Verhaltensweisen. Welchen Stellenwert hat der an der Antike orientierte Humanismus in der heutigen Zeit und wird dieser den Anforderungen des 21. Jahrhunderts noch gerecht? Durch was kann das Bewusstsein für humanistisches Handeln wieder geweckt werden, welches ausschlaggebend für die Gestaltung der Gesellschaft ist? Es ist fragwürdig, ob der antike Humanitätsgedanke in der heutigen Gesellschaft noch eine Rolle spielt, da zahlreiche Aspekte, wie das Schwinden der griechisch-römischen Kultur und deren alte Sprachen, oder das Zurückgehen der Schüler humanistischer Gymnasien eine Phase des Umbruchs des politischen Bildungssystems verzeichnen. Lange galt die Antike als Vorbild in Philosophie, Rhetorik und zahlreichen weiteren Wissenschaften, welche heutige Grundlagen bezüglich des Mensch- und Weltbildes geschaffen haben. Kann man hier jedoch von einer unüberwindbaren Barriere für den traditionellen antiken Humanismus sprechen? Wenn ja, durch was könne diese gebrochen werden?

Diese Problematik und die daraus entstandenen Fragen stellen die Thematik der vorliegenden Arbeit dar. Daraus ergibt sich folgende Gliederung: Zu Beginn wird zunächst das primäre Begriffskonstrukt des HUMANISMUS, gefolgt von dem der BILDUNG vorgestellt, um eine gewisse Verständnisgrundlage zu schaffen. Es folgt die Differenzierung zwischen der griechischen Antike und der römischen Antike, wobei hier die historische Komponente, welche essentiell wichtig für den Gesamtkontext ist, im Vordergrund steht. Ein eingehendes Fazit bildet den Schluss der Arbeit und stellt einen Versuch zur Klärung der Fragen dar.

2. Abgrenzende Definition grundlegender Begriffe

2.1 Humanismus

„ Mit dem Wort des Humanismus ist es so, daß , wer zu einem ganz feststehenden und allgemein akzeptierten Sinn desselbigen gelangen möchte, sich irgendwann in der Wüste der Bibliographie verirren muß . “ 1 Diese Arbeit intendiert, lediglich Wegweiser in diese Wüste zu geben, anstatt neue Dünen zu schaffen.

Der Begriff Humanismus geht auf den lateinischen Termini humanus (menschlich) bzw. humanitatis (Menschlichkeit) zurück und beschreibt allgemein eine Weltanschauung, welche auf den Interessen, den Werten und der Würde des Individuums basiert. Weiterhin beruht diese auf Prinzipien wie Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit und setzt sich mit Fragen zur Thematik der Gesamtheit der Ideen zur Menschlichkeit auseinander. Ferner beschreibt der Begriff laut Lexikon das Streben, das menschliche Dasein zu verbessern.2

Nach eingehender Recherche jedoch stellt sich eine gewisse Unschärfe und Vielschichtigkeit des Begriffes heraus, da dieser als gesellschaftliches Phänomen dem Wandel der Zeit unterliegt. Somit wird der Begriff des Humanismus unterschiedlich interpretiert. Um die Sandkörner in der Wüste zu ordnen, wird versucht, den Begriff einzugrenzen. Dazu wird der hilfreiche Aspekt von Müller herangezogen, dem Begriff stets ein Attribut beizufügen, um Aufschluss über den intendierten Begriffsinhalt zu erhalten. Daher seien an dieser Stelle wichtige Epochen nennenswert: Der erste römische Humanismus, der Renaissance-Humanismus, der klassische Neuhumanismus, sowie der Moderne Humanismus. Auch Kessler gibt diesen Hinweis zur Relativierung des Begriffes, indem er diese essentiell wichtigen Epochen der europäischen Kulturgeschichte erwähnt, in denen sich besondere Ausprägungen des Humanismus finden lassen. Diese Zeiträume werden ebenso in weiterer Literatur genannt.3 Es ist jedoch schwer, wenn nicht unmöglich, die genannten Humanismen unter denselben Gesichtspunkten zu betrachten. Der folgende Abschnitt beschreibt in Kürze einen historischen Abriss der genannten Epochen, um die Veränderungen und die Auswirkungen der jeweiligen Zeit auf den Begriff des Humanismus nachvollziehen zu können. Dabei wird der erste römische Humanismus in Kapitel drei behandelt, welcher den Schwerpunkt der Arbeit darstellt.

Der Renaissance-Humanismus impliziert das 15. und 16. Jahrhundert, indem sich ein sozialer und kultureller Wandel zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit vollzog. Humanismus galt als die Bildungsbewegung in dieser Epoche. Der lateinische Begriff humanista wurde als allgemeiner Begriff für einen Lehrer, einen Professor oder für die Studenten humanistischer Fächer verwendet. In einem Kanon festgeschriebener erforderlicher Disziplinen, genannt die studia humanitatis, fanden sich Fächer wie Grammatik, Rhetorik, Geschichte, Dichtkunst und Moralphilosophie, die die Studenten erlernen mussten. Diese fungierten im 15. Jahrhundert als Gestaltungsmittel der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse.4 Sowohl die antike Kultur, die antike Literatur sowie die antike Bildung wurden als unübertreffliche Vorbilder für die Gesellschaft empfunden. Daher rührt das Menschenbild, dass der Mensch das Werk seiner selbst sei, sprich, er könne sich durch Bildung selbst bestimmen und nach dem uomo univeralse, dem idealen Menschenbild dieser Zeit streben.

Ein berühmter und einflussreicher Humanist dieser Zeit war Erasmus von Rotterdam.5

Mitte des 18. Jahrhunderts fand eine Erneuerung der humanistischen Bewegung statt, um die spätfeudale Ständeordnung zu überwinden. Die Prämisse war es, dass der Mensch durch freie Entfaltung seine menschliche Individualität verwirklichen soll um über seine Lebensbedingungen autonom bestimmen zu können. Durch diesen Gedanken ist eine Verbindung zum klassischen Altertum erkennbar. Schiller, wie auch Humboldt, einflussreiche Repräsentanten dieser Epoche, betonten die menschliche Bildung, durch die der Mensch geformt wird . 6 Auch Herder, ein weiterer Vertreter, war dieser Ansicht und sprach Bildung einen erheblichen Wert zu. Der Begriff des Neuhumanismus wurde erstmals von Friedrich von Paulsen 1885 verwendet, welcher den klassisch propagierten Bildungsgedanken impliziert. Demnach genoss die Antike auch in dieser Epoche einen hohen Stellenwert, da die Ideale im antiken und klassischen Griechenland als Inbegriff höchster Humanität galten.

Immanuel Kant definiert Humanismus zu dieser Zeit als den menschlichen Sinn für das Gute in der Gemeinschaft mit anderen. Dieser Gedanke kommt jenem seiner Zeitgenossen nach, indem Humanität als das schlicht Menschliche aufgefasst wird. Obwohl es sich scheinbar um ein sowohl altes, in der römisch-antiken Kultur liegendes, als gleichsam auch um ein zeitloses Phänomen handelt, ist die eigentliche Begriffsbestimmung eher in jüngerer Historik anzusiedeln: Im Jahr 1808 verwendete der bayrische Schulreformer Friedrich Niethammer erstmals den Begriff, um den utilitarisch-realistischen Bildungsansatz der aufklärerischen Pädagogik, sprich eine auf die Menschlichkeit abzielende Schulbildung abzugrenzen. Für ihn sei Humanismus ein Erziehungsunterricht, der allgemeine Bildung bezweckt, indem er formal die Vernunft als Selbstzweckübt, um den Lehrling für die höhere Welt der Geister zu bilden. 7 Kessler fügt diesem noch hinzu, dass für Niethammer der Humanismus Ausdruck einer bestimmten geistigen Haltung sei, welche sich in bildungstheoretischen Forderungen und Zielen manifestiert.

Abschließend erfolgt eine kurze Beschreibung des modernen Humanismus, insbesondere des Dritten Humanismus. Dieser Begriff wurde nach dem Ersten Weltkrieg von dem Altphilologen Werner Jaeger geprägt, welcher ein bedeutender Repräsentant dieser Epoche war. Er versuchte hier den Humanismus nach griechischem Vorbild wieder zu beleben. Im Zentrum seiner Gedanken steht die reine Menschenbildung, welche postuliert, den Menschen zu bilden. Die Bildung solle den Menschen zur Vollkommenheit formen.8

Nach diesem kurzen historischen Abriss erfolgt nun die Vorstellung einiger Versuche für eine universal gültige Definition des Begriffes.

Wiersing stellt in seinem Definitionsversuch drei mögliche Beschreibungen vor. Humanismus könne zum Einem das an der Kultur der Antike orientierte Welt- und Selbstverständnis von Humanisten meinen oder zum Anderem den schulisch gelenkten Aneignungsprozess der Humaniora oder gar die zeiten- und kulturübergreifende moralische Haltung der Humanität bedeuten. Jedoch sei die letztere Bedeutung nach Wiersing gegenwärtig, vorherrschend und liefert folgende Beschreibung: „ Humanismus bezeichnet inzwischen weithin ohne jeden Bezug auf die Antike und die klassische humanistische Bildung eine der Mitmenschlichkeit verpflichtende Haltung und Handlungsweise.“9

Bei Müller hingegen ist die Antike als bestimmende Komponente und Voraussetzung des Humanitätsbegriffes unausweichlich: Es handle sich demnach um eine philosophisch, weltanschauliche Kategorie, welche bestimmte Traditionen antiken Gedankenguts einschließen würde.10

Trotz der einschlägigen Epochen, welche den Begriff umformten, ist eine allgemeine Tendenz zur Bezeichnung bestimmter Idealvorstellungen von Menschlichkeit und Menschenbildung aufzufinden. Auch Müller betont in seinen Begriffsausführungen, dass es aufgrund der zahlreichen Epochen prekär ist, den Humanitätsbegriff in seiner Vielfalt der Erscheinungsformen zu erfassen und allgemeingültig zu definieren, er versucht jedoch, diese in einem zu begreifen: „ Humanismus ist die Gesamtheit jener Ideen und Strebungen in der Geschichte der Menschheit, die auf der Ü berzeugung von der Bildung und Entwicklungsfähigkeit des Menschen, auf der Achtung vor seiner Würde und Persönlichkeit beruhen und die auf die allseitige Ausbildung, die freie Bestätigung und Entfaltung seiner schöpferischen Kräfte und Fähigkeiten sowie schließ lich auf die Höherentwicklung der menschlichen Gesellschaft, auf seine immer gr öß ere Vervollkommnung und Freiheit des Menschengeschlechtsüberhaupt gerichtet sind. “ 11 Diese Ausführungen geben einen weiteren Hinweis, dass die römisch-griechische Antike wesentliche Grundlagen für solch eine Auffassung vom Individuum geliefert hat.

Graf bezieht sich in seinem Versuch, das komplexe und mehrdeutige Konzept des Humanismus zu definieren, auf ein Konverationslexikon. Demnach sei Humanismus diejenige Form der Bildung und Erziehung, welche das Schrifttum der griechischen und römischen Antike als Quelle benutzt und als vollendete Ausprägung den geistigen, sittlichen undästhetischen Menschen verehrt. 12 Auch hier erfolgt der wesentliche Bezug zu bestimmten Idealvorstellungen mit dem Zusatz der Antike.

Nach eingehender Betrachtung der Historie und der Versuche zahlreicher Autoren zur Definition, liegt die Erkenntnis vor, dass der Begriff Humanismus vielschichtig, epochenabhängig und beeinflussbar durch den Wandel der Zeit ist. Weiterhin gestaltet es sich äußerst prekär, zu einer allgemeingültigen Definition zu gelangen. Nichtsdestotrotz liegt es nahe, dass zum Einem die ANTIKE und zum Anderen die BILDUNG essentielle Schlüsselkomponenten in der Thematik des Humanismus darstellen.

[...]


1 Toffanin, zit. nach Kessler, 1968, S. 9.

2 Drosdowski, Grebe, Köster, Müller, 1974, S. 300.

3 Vgl. Kessler, 1968, S. 10; vgl. Müller, 1981, S.8f.

4 Vgl. Ruhloff, 2004, S. 446.

5 * Oktober 1465 in Rotterdam; † Juli 1536 in Basel; Theologe und Vorreiter der Reformation durch seine kirchenkritische Haltung und seinen der historisch-kritische Schriften. Er trat für Religionsfreiheit ein und vertrat eine humanistische Position jenseits des katholischen wie auch des lutherischen Dogmatismus. Er war bekannt als „Fürst der Humanisten“. Er war ein herausragender Rhetoriker.

6 Vgl. Ruhloff, 2004, S. 447.

7 Vgl. Ruhloff, 2004, S. 449.

8 Vgl. Ruhloff, 2004, S. 451f.

9 Wiersing, 2001, S. 19.

10 Vgl. Müller, 1981, S. 7.

11 Müller, 1981, S. 8f.

12 Graf, 1998, S. 11.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656229537
ISBN (Buch)
9783656229919
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196777
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
Schlagworte
antiker humanismus bewegung altes phänomen

Autor

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