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Symbolträger des Systemkampfes - Sport im geteilten Deutschland

Facharbeit (Schule) 2012 37 Seiten

Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Historische Bedeutung
1.3 Forschungslage
1.4 Methode

2. Verflechtungen von Sport und Politik
2.1 Der Sinn von Sport
2.2 „Die Politik hat den Sport fest am Kragen“
2.3 Formen der Instrumentalisierung
2.3.1 Die innenpolitische Dimension des Sports
2.3.2 Die außenpolitische Dimension des Sports
2.4 Die Theorie des unpolitischen Sports

3. Der sportliche Wiederaufbau in Ost und West
3.1 Politische Entwicklung in Deutschland nach 1945
3.2 Sportstrukturen in Ost und West
3.2.1 Der DDR-Staatssport
3.2.2 Der westdeutsche Sport - Zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung

4. Integration der beiden Sportsysteme in den internationalen Sportverkehr
4.1 Die deutschlandpolitische Orientierung des leistungssportlichen Wettrüstens
4.2 Die ungeliebte Einheit - Zwangsvereinigung der Sportler in Ost und West
4.2.1 Das Sportprotokoll - Streit um Insignien staatlicher Repräsentation
4.2.2 Flaggenstreit - Spaltung der gesamtdeutschen Mannschaft

5. Konfrontation der beiden Sportsysteme
5.1 Politisierung des leistungssportlichen Wettkampfs 1974 - 1989
5.2 Innerdeutscher Sportverkehr

6. Der Mensch im System

7. Fazit: Der Sport - ein Politikum

Literatur und Quellen

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

„ Serious sport has nothing to do with fair play. It is bound up with hatred, jealousy, boastfulness, disregard of all rules and sadistic pleasure in witnessing violence: in other words it is war minus the shooting. “ - George Orwell 1

Das Ziel der vorliegenden besonderen Lernleistung soll es sein, den innerdeutschen Konflikt von 1945 - 1989 und die Unterschiede zwischen den Systemen zur Zeit des „Kalten Krieges“ anhand der Entwicklungen im Sport historisch aufzuarbeiten und die Folgen zu analysieren. In kaum einem anderen gesellschaftspolitischen Bereich wurde der Kampf zwischen den auf unterschiedlichen theoretischen Grundlagen basierenden deutschen Staaten deutlicher oder griff stärker in das Leben und die Realitäten der Bevölkerung ein. Besonders wird hierbei zu betrachten sein, inwiefern politische Ereignisse im konkreten Zusammenhang mit sportlichen Entwicklungen standen und ob der Sport als solcher überhaupt als politisch zu kategorisieren ist. Wesentlich dabei ist die strukturelle Analyse des Aufbaus der beiden Sportverbände. Neben den Unterschieden rücken vor allem die Wechselbeziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bei der Errichtung der Sportstrukturen ins Zentrum der Arbeit. Dabei reicht es jedoch nicht, ausschließlich den Profisport in Augenschein zu nehmen, sondern auch die Auswirkungen im Bereich des Sportverkehrs auf breitensportlicher Ebene sind zu berücksichtigen. Des Weiteren soll der konkrete Zusammenhang zwischen deutschlandpolitischer Orientierung der Staaten und deren Sportpolitik offengelegt werden. Über diesen generellen Blick auf den im sportlichen Wettkampf ausgelebten politischen Konflikt hinaus, soll der Fokus auch auf die Situation der Sportler selbst in den beiden Staaten gelegt werden.

Im Rahmen dieser Arbeit ist zu überprüfen, inwiefern ganz im Sinne von Orwells oben aufgeführten Ausspruchs der Sport als ein wesentliches Instrument der politischen Handlungen im Rahmen des deutschen Bruderzwists im Kalten Krieg fungiert hat und als solches geprägt wurde. Es steht zu erwarten, dass vor allem im Kampf um die internationale Anerkennung nach dem Ende des 2. Weltkriegs der Sport die perfekte Bühne für die jungen Staaten bot, um sich durch Insignien staatlicher Souveränität zu präsentieren. Des Weiteren gilt es zu untersuchen, in welchem Umfang die sich auf sportdiplomatischer Ebene abzeichnenden Trends als Vorboten für den Fortlauf der Beziehung zwischen BRD und DDR wirkten.

1.2 Historische Bedeutung

Obgleich die historische Aufarbeitung der innerdeutschen Beziehungen schon sehr umfassend ist, bedarf es einer weiteren Auseinandersetzung mit diesem Thema. Die Teilung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg ist ein wesentliches und identitätsprägendes Kapitel der Geschichte der wiedervereinigten, heutigen Bundesrepublik. Vor allem eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema durch die Generation, die erst nach der Wende geboren wurde, erscheint sinnvoll: Denn eine Unterteilung der Welt in „Ost“ und „West“ bei gleichzeitiger negativer bzw. positiver Kategorisierung hat in ihrer Gedankenwelt niemals stattgefunden, sodass sich durchaus Unterschiede in der Bewertung der Untersuchungsergebnisse ergeben können. Da im Sport häufig Emotionen und Gefühle offen zum Ausdruck kommen sowie eine gegenseitige Abgrenzung von Gruppen über die Identifikation mit den agierenden Sportlern2 stattfindet, eignet sich dieser gesellschaftliche Bereich besonders für eine solche Studie.

1.3 Forschungslage

Zur Geschichte des Sports und den zugrunde liegenden Strukturen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland kann man auf eine umfassende Forschungslage mit vielen Untersuchungen zurückgreifen. Obwohl die politische Bedeutung des Sports erst ab Mitte der 70er Jahre in den Mittelpunkt der Sportwissenschaft gerückt wurde, ist auch dieses Thema mittlerweile von vielen Seiten beleuchtet worden. Herauszuheben sind an dieser Stelle die Dissertation von Uta Andrea Balbier „Kalter Krieg auf der Aschenbahn“3 sowie die Abhandlung „Sport, Medium der Politik ?“ von Ulrich Pabst4. Diese beiden Arbeiten legen besonders deutlich die gegenseitige Beeinflussung der Sportsysteme in Ost und West dar. In der sporthistorischen Forschung wurde allerdings bislang vernachlässigt, die Ergebnisse der Analyse des Systemkampfes auf struktureller und diplomatischer Ebene mit den Einzelschicksalen und den Lebenswegen der Sporttreibenden in Verbindung zu setzen. Es ist dringend geboten, dieses Versäumnis zu beheben, da die Auswirkungen auf die Menschen zentraler Forschungsgegenstand sind und somit elementarer Bestandteil eines umfassenden Bildes der deutsch-deutschen Sportbeziehungen sein müssen.

Aktuell ist die Thematik auch einer breiten Öffentlichkeit in Ausstellungen wie „Wir gegen uns“ in Leipzig oder in der Wanderausstellung „Doppelpässe“ vom „Zentrum deutsche Sportgeschichte“ allgemein verständlich zugänglich gemacht worden.

1.4 Methode

Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit resultieren vor allem aus einer umfassenden Literatur- und Materialrecherche. Dabei habe ich nicht nur auf Sekundärliteratur zugreifen können, sondern auch Primärquellen wie den Bericht der Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit zum Thema „MfS und Leistungssport“ auswerten können. Zudem haben die oben genannten aktuellen Ausstellungen viele Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Ergänzt habe ich diese Berichte durch ein eigenes Zeitzeugeninterview. Die Ergebnisse sind vom mir dabei stets mit dem Ziel ausgewertet worden, die Bedeutung ihrer politischen und vor allem deutschlandpolitischen Auswirkungen offenzulegen.

2. Die Verflechtungen von Sport und Politik

2.1 Der Sinn von Sport

Als Ausgangspunkt einer jeden Theorie, deren grundlegender Bestandteil der Zusammenhang zwischen Sport und Politik ist, muss maßgeblich folgenden Fragen nachgegangen werden: Welchen Zweck verfolgt der Sport eigentlich ? Ist Sport politisch oder wird er nur als solcher missbraucht ? Stehen Sport und Politik überhaupt in einem Verhältnis zueinander oder sind beide isoliert zu betrachten ?

Sport war und ist ein wesentlicher Bestandteil unseres gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenlebens. Jedes menschliche Individuum wird zwangsläufig in seinem Alltag mit diesem „Faszinosum“5 konfrontiert, liegt der Ursprung der Leibesübungen doch in den innersten Trieben des menschlichen Körpers selbst. Das Sporttreiben wird zu einem eigenen kulturellen Bereich, dessen Ausübung in der öffentlichen Kraftprobe mit anderen gipfelt. Dabei erscheint der sportliche Wettbewerb auf den ersten Blick lediglich als ein individuelles Ringen zwischen den beteiligten Sportlern, bei dem es einzig auf ihre physischen und psychischen Fähigkeiten in dem jeweiligen Moment ankommt. Es entsteht der Eindruck, einzig das Messen der körperlichen Leistungsfähigkeit steht im Zentrum des Interesses. Durch das Streben nach Vollkommenheit und der körperlichen Virtuosität der Protagonisten entsteht in dem künstlich erzeugten Streit für den Betrachter eine ästhetische Schönheit des Leibes. Der Sport scheint unter diesem Licht betrachtet also bloß eine Körper- und Bewegungskunst zur Selbstentfaltung des Menschen zu sein, nur ein weiteres Feld kulturell-schöpferischen Handelns.6 Die Tätigkeit wird um ihrer selbst willen und aus Freude an der Überwindung von Schwierigkeiten ausgeübt.7 Eine derart eindimensionale Sicht lässt eine Verknüpfung mit der politischen Ebene nicht denkbar erscheinen. Stünde doch der beschriebene „eigentliche“ Sinn des Sports dem Sinn von politischen Handeln diametral gegenüber. Diese oberflächliche Betrachtungsweise des Sports - losgelöst von jeglicher gesellschaftlicher und politischer Ebene - führte lange Zeit zu einer wissenschaftlichen Ignoranz gegenüber der Sportgeschichte. Ausgelöst von einigen schwerwiegenden Missbräuchen begann die Aufarbeitung erst Mitte der 70er Jahre durch die Erkenntnis, dass der Sport weit mehr als nur die „wichtigste Nebensache der Welt“ ist und stets im Spannungsfeld kultureller, sozialer, ökonomischer und politischer Kräfte wirkt.

2.2 „Die Politik hat den Sport fest am Kragen.“

Dabei ist der Zusammenhang zwischen8 Sport und Politik eigentlich spätestens seit den Inszenierungen der Nationalsozialisten zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin nicht mehr zu übersehen. Mit Hilfe der Olympischen Spiele erbaute Hitler der Weltöffentlichkeit für wenige Tage „potemkinsche Dörfer der demokratischen Rechtschaffenheit“9 und versuchte so, sein außenpolitisches, aggressives Gebaren unter dem Deckmantel der Friedensspiele zu verbergen. Anhand vieler weiterer Beispiele, wie unter anderem auch den Olympia-Boykotten zur Zeit des Kalten Kriegs, lässt sich feststellen: „Sport ist und war nie nur eine angenehme Form der Unterhaltung oder eine nur lustvolle, zweckfreie Betätigung mit Gesundheitsauswirkung. Das war und ist der Sport wohl auch immer gewesen, doch ebenso ist der Sport auch ein Politikum, dessen Bedeutung und Wirkung weit über den Sport hinausgeht.“10 Die Verflechtungen zwischen Sport und Politik sind dabei unterschiedlicher Natur. Auf der eine Seite steht die bereits beispielhaft beschriebene illegitime Beanspruchung des Sports für politische Zwecke. Ohne dem eigentlichen Grundgedanken der körperlichen Ertüchtigung einen Wert beizumessen bzw. ihn vorantreiben zu wollen, wird dieser vielmehr durch die zügellose Ausnutzung sportlicher Großereignisse zur Proklamation und Bewältigung allgemeinpolitischer Intentionen konterkariert. Auf der anderen Seite steht eine legitime Verknüpfung zwischen den beiden Bereichen. Es bedarf politischen Handelns zur praktischen Ausgestaltung des Organisationsrahmens, aber auch zur Durchsetzung international gültiger Regelwerke. „Der Sport benötigt politisches Handeln für das praktische Gelingen seines Eigensinns.“11

Zur vollen Entfaltung des „Eigensinns“ kann es nur in einem durch das politische System gesetzten Rahmen kommen. Diesen Zusammenhang stellte auch der langjährige Vorsitzende des Deutschen Sportbundes (DSB) Willi Daume korrekt in seinem bekannten Ausspruch dar: „Die Politik hat den Sport fest am Kragen.“12 Umgekehrt wirkt auch der Sport als Massenanziehungspunkt und gesellschaftlichen Teilbereiches eines jeden Staates, gleich welcher politischen Ordnung, aber zudem selbst politisch und kann wiederum auf die Staatsführung Einfluss ausüben. Sport und Politik stehen also in einem festen Wirkungsgefüge wechselseitiger Beeinflussung und gegenseitiger Bedingung.

2.3 Formen der Instrumentalisierung

„ Dem Sport ist zu aller Zeit und vor allem von allen Regierungen aus gutem Grund immer die gr öß te Bedeutung beigemessen worden: er unterhält und benebelt und verdummt die Massen; und vor allem die Diktatoren wissen, warum sie immer und in jedem Fall für den Sport sind. “ - Thomas Bernhard 13

Das Schwergewicht in der Beziehung zwischen Sport und Politik liegt dabei zweifelsohne bei der Politik. Auch wenn - wie dargelegt - der Sport nicht als autonomer gesellschaftlicher Bereich anzusehen ist und somit per se politische Wirkkraft hat, kann er stets nur in dem von der Politik gesetzten Rahmen agieren. Der Schritt hin zur Instrumentalisierung des Sports durch die Politik ist also nur ein sehr kleiner.

Der Auslöser für die Inbesitznahme des Sports zur Umsetzung politischer Ziele und die damit verfolgten Absichten können dabei sehr unterschiedlich begründet sein. Grundsätzlich lassen sich die Motive für die Vereinnahmung des Sports in zwei unterschiedliche politische Dimensionen untergliedern. Auf der einen Seite kann der Sport als Instrument für innenpolitische Maßnahmen, auf der anderen Seite zur Umsetzung von außenpolitischen Zielen verwendet werden.

2.3.1 Die innenpolitische Dimension des Sports

Wie eingangs dargestellt, ist der Sport ein Massenmedium, dessen Anziehungskraft man sich nur sehr schwer entziehen kann. Daher ist es leicht möglich, durch die sportlichen Wettkämpfe politische Prozesse zu manipulieren. Begünstigt durch den hohen Identifikationsfaktor, den der Sport und vor allem sportliche Großereignisse mit sich bringen, ist hierbei innenpolitisch vor allem der Entlastungseffekt hervorzuheben. Da die Zuschauer den Erfolg der Sportler, die für ihre Nation antreten, mit dem Staat gleichsetzen, kann er von inneren und äußeren Schwierigkeiten ablenken. Dies führt zwangsläufig gleichzeitig zu einer „Steigerung der Reputation sowie Verringerung von Legitimationsdefiziten der politischen Führung und einer zunehmenden Identifikation mit dem eigenen politischen System“14. Sport wirkt also durch die Demonstration der Leistungsfähigkeit gleichsam als nationale, staatliche und politische Repräsentation nach Innen.15 Daher kann man im Sinne von Bernhards oben genanntem Zitat konstatieren, dass die Politik den Sport naturgemäß niemals vernachlässigen wird, da er als „Mittel zur allgemeinen Herrschaftssicherung dient oder zumindest dienen kann“16 und ihm somit eine wichtige Rolle bei der Staatsführung zufällt.

2.3.2 Die außenpolitische Dimension des Sports

Diese Schlüsselstellung des Sports wird weiter betont, wenn man die außenpolitische Dimension hinzuzieht. Gerade bei der Untersuchung der Beziehung zwischen den beiden deutschen Staaten kommt der außenpolitischen Tragweite des Sports eine noch zentralere Bedeutung zu - obgleich natürlich auch die innenpolitischen Verhältnisse stets Auswirkungen auf die außenpolitische Schlagrichtung haben. Die außenpolitische Funktion des Sports lässt sich unter den allgemeinen Begriffen „Repräsentation, Austragung politischer Konflikte und Verständigung“17 zusammenfassen. Darüber hinaus hat Ulrich Pabst schon 1980 mehrere Thesen entwickelt, anhand derer man den Sport als Instrument ideologischer und politischer Interessen im internationalen Bereich nachweisen kann18: Der Sport dient als Mittel nationaler Bewusstseinsbildung und politischer Integration in die Weltgemeinschaft. Durch eine möglichst große sportliche Leistung bei gleichzeitiger Anwendung nationalstaatlicher Symbolik wird versucht, das nationale Ansehen und die Reputation im Ausland zu steigern. Oder wie Pabst es formuliert: „Der Sport wirkt als Medium nationaler Repräsentation und sozialintegrierender Identifikation, seit er durch Leistung, Sensation und festlich-zeremonielles Gepräge die Massen fasziniert.“19 Dies galt und gilt umso mehr, seitdem durch technischen Fortschritte mittlerweile Millionen Menschen sportliche Großereignisse vor dem Fernseher live miterleben.

Gerade diese außenpolitische Ausstrahlungskraft war für die zwei deutschen Staaten von großer Wichtigkeit. Nach dem Krieg rangen beide international um Anerkennung ihrer Souveränität und Steigerung ihres Ansehens in der Weltgemeinschaft. Mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 hat die Bundesrepublik über den Sport genau diesen Schritt vollziehen können. Durch „das Wunder von Bern“ konnte die Bundesrepublik „noch vor der Erlangung der vollen staatlichen Unabhängigkeit über den Sport mit allen Insignien nationaler Souveränität vor der Welt auftreten.“20 Auch die DDR-Staatsführung unter Ulbricht erkannte früh die immense Bedeutung des Sports für einen zunächst kaum beachteten und wenig anerkannten Staat.

Des Weiteren kann der Sport zum Austragungsort bestehender politischer Kontroversen werden. Nicht selten wird der Sport deshalb Schauplatz für Rassenauseinandersetzungen, nationalistisch geprägte Konflikte oder grundsätzliche politische Streitfälle. Er bietet sich als Bühne zur Fortführung dieser Konfrontationen auch gerade aufgrund der Tatsache an, dass er viel tiefgreifendere Optionen bietet als diplomatische oder politische Handlungsfelder vorhalten könnten.

Als weitere und für diese Arbeit wichtigste außenpolitische Vereinnahmung des Sports ist der bis 1989/90 geführte ideologische Systemwettkampf anzuführen. Durch die bereits oben beschriebene im Sport oder vielmehr in sportlichen Großereignissen fest verankerte Möglichkeit der Selbstdarstellung und Imagepflege, wird er automatisch auch zum Beweis für die Überlegenheit des jeweils siegreichen Systems. Besonders die olympischen Spiele - mit der von Pierre de Coubertin, dem Gründer der modernen Spiele, gepriesenen „religio athletae“ - bieten dabei mit ihren feierlich- zeremoniellen Abläufen den perfekten Rahmen, um die Überlegenheit der eigenen Ideologien zu präsentieren.

All diese außenpolitischen Dimensionen können dabei jedoch nur deshalb wirken, weil stets das fehlerhafte Zerrbild des Sports gezeichnet wird, wonach Höchstleistungen keine „weitgehend systemunabhängigen Individualleistungen, ohne verallgemeinerungsfähige Aussagekraft über Richtigkeit und Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems“21 darstellen, sondern Ergebnis und Erfolg der gesamten vom Sportler lediglich repräsentierten Nation sind.

2.4 Die Theorie des unpolitischen Sports in Deutschland

Trotz dieser vielfältigen deutlichen Verzahnungen mit der Politik hielt sich in der Nachkriegszeit unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Gesellschaft und des Sports in der Bundesrepublik noch lange Zeit die Theorie vom „unpolitischen Sport“. Viele liberale Sportfunktionäre wurden nicht müde, die „Zweckfreiheit“ des Sports zu betonen.22 Individualismus und Unabhängigkeit waren die zentralen Begriffe dieses Sportverständnisses. In diesem Sinne legte sich auch der Deutsche Sportbund (DSB) auf parteipolitische Neutralität fest.

Auf diese Weise wollte der Sport eine Integrationsfunktion erfüllen, um die vielen verschiedenen Verbände und Strömungen unter einem gemeinsamen Dach zu vereinigen. Da viele Sportlerinnen und Sportler parteipolitische Neutralität allerdings mit grundsätzlich unpolitischem Handeln gleichsetzten, legte der Sport im Westen weitgehend sein „politisches Selbstverständnis als gesellschaftliche Interessengruppe ab.“23

Diese lautstark verkündeten Überzeugungen vom unpolitischen Sport, die zum großen Teil auch als Gegensatz zur provokant empfundenen Politisierung des Sports in der DDR proklamiert wurde, blieb jedoch auch in der Bundesrepublik lediglich eine moralische Norm. In der Realität wurde man dieser in keiner Weise gerecht, wie die folgende Analyse der Sportbeziehungen zwischen der DDR und der BRD zeigen wird.

Hervorzuheben ist jedoch die paradoxe Konstellation, dass der Sport im Allgemeinen gerade durch seinen unpolitischen Anschein erst seine volle politische Wirkkraft entfaltet.

3. Der sportliche Wiederaufbau in Ost und West

Aufgrund der festgestellten engen Verknüpfung zwischen Sport und Politik wird auch bei der im Folgenden durchgeführten Untersuchung der deutsch-deutschen Sportbeziehungen im Kalten Krieg die Analyse der sportlichen Entwicklungen stets in den Zusammenhang mit der deutschlandpolitischen Ausrichtung der beiden Staaten gestellt. Gleicht dieses Kapitel den Aufbau der Sportstrukturen in Ost und West vor allem im Hinblick auf deren innere Ausformung und Stabilisierung miteinander ab, so folgt danach die Untersuchung der Konfrontation der Systeme sowohl auf der internationalen sportdiplomatischen Ebene als auch im innerdeutschen Sportverkehr selbst.

3.1 Politische Entwicklungen im Deutschland nach 1945 und deren Auswirkungen auf den Sport

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurden unter dem Eindruck des Kalten Krieges in den westlichen und der östlichen Besatzungszone zwei weltanschaulich polarisierte Ordnungsentwürfe Grundlage aller gesellschaftlichen Entwicklungen. Während man in der sowjetischen Besatzungszone der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) den Weg in eine an der marxistisch- leninistischen Ideologie orientierten, kommunistischen Diktatur ebnete, förderten die von den Westmächten kontrollierten Besatzungszonen den Aufbau einer parlamentarischen und rechtsstaatlichen Demokratie. Der Grundstein für die folgende Teilung Deutschlands war durch die alliierte Besatzungspolitik gelegt. Als Resultat der fortlaufenden Integration in die beiden gegenläufigen Machtblöcke kam es 1949 schließlich zur Gründung zweier Staaten auf deutschem Boden mit komplett konträren Weltbildern. Als Problem kristallisierte sich vor allem die Frage der Legitimation der beiden Staaten heraus: Die BRD hatte im Sinne der Nichtanerkennungspolitik, der so genannten „Hallsteindoktrin“, den Anspruch, die „alleinige (…) staatliche Organisation des deutschen Volkes“24 zu sein. Gleichzeitig rang die DDR mindestens um internationale Anerkennung als gleichberechtigter Staat, wenn nicht die Umgestaltung der BRD nach dem eigenen, sozialistischen Modell zu erreichen war. Dennoch wurden sich die beiden Staaten zunächst nicht komplett fremd. Sowohl das Beibehalten der gemeinsamen Staatsbürgerschaft als auch das immerhin rhetorisch zunächst vom Westen und später vom Osten proklamierte Ziel der Einheit zeugten von der weiterhin vorhandenen Verbundenheit zwischen den beiden Staaten. Deutschland war, wie Adolf M. Birke treffend feststellt, eine „Nation ohne Haus“25.

[...]


1 „Leistungssport hat nichts mit Fair Play zu tun. Er ist verknüpft mit Hass, Neid, Angebertum, der Missachtung aller Regeln und dem sadistischen Vergnügen, Zeuge von Gewalt zu sein: In anderen Worten ist er Krieg ohne das Schießen.“ - George Orwell, The Sporting Spirit, in: Tribune, Dezember 1945

2 Aus Vereinfachungsgründen wird in der vorliegenden Arbeit mit der Verwendung des maskulinen Geschlechts auch die weibliche Form impliziert

3 Uta Andrea Balbier, Kalter Krieg auf der Aschenbahn. Der deutsch-deutsche Sport 1950 - 1972. Eine politische Geschichte, Paderborn u.a., Schöningh 2007

4 Ulrich Pabst, Sport - Medium der Politik ? Der Neuaufbau des Sports in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die innerdeutschen Sportbeziehungen bis 1961, Berlin/München/Frankfurt a. Main, 1980

5 von Krockow, Sport und Industriegesellschaft, München: Piper 1972, S. 7

6 Sven Güldenpfennig, Olympische Spiele und Politik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 29-30/2008

7 Definition nach Brockhaus, 17. Auflage, 1973

8 Gieseler/Wolf, Willi Daume. Deutscher Sport 1952-1972, München: prosport 1973, S. 180

9 Der Spiegel, 14/1993, Herrenmenschen in Cellophan

10 Digel, H.: Sport und nationale Repräsentation. Spitzensport im Dienste der Politik. Der Bürger im Staat, Stuttgart, 1975, S. 195

11 Sven Güldenpfennig, Ist Sport politisch ?, in: SPUNK 54: Sport und Politik

12 Gieseler/Wolf, Willi Daume. Deutscher Sport 1952-1972, München: prosport 1973, S. 180

13 Thomas Bernhard (1931-1981), 1970 anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner Preises

14 Norbert Lehmann: Internationale Sportbeziehungen und Sportpolitik der DDR. Entwicklung und politische Funktionen unter Berücksichtigung der deutsch-deutschen Sportbeziehungen, Band 1, Münster 1986, S.38

15 Ebd.

16 Justus Johannes Meyer, Politische Spiele - Die deutsch-deutschen Auseinandersetzungen auf dem Weg zu den XX. Olympischen Sommerspielen 1972 und bei den Spielen in München, Hamburg 2010, S. 20

17 Ebd.

18 Ulrich Pabst, Sport - Medium der Politik ? Der Neuaufbau des Sports in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die innerdeutschen Sportbeziehungen bis 1961, Berlin/München/Frankfurt a. Main, 1980, S. 21

19 Ebd. , S. 23

20 Martin H. Geyer: Der Kampof um internationale Repräsentation. Deutsch-deutsche Sportbeziehungen und die „Hallstein-Doktrin“, in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 44 (1996), S.55

21 Ulrich Pabst, Sport - Medium der Politik ? Der Neuaufbau des Sports in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die innerdeutschen Sportbeziehungen bis 1961, Berlin/München/Frankfurt a. Main, 1980, S. 21

22 Carl Diem, Wesen und Lehre des Sports, Berlin: Weidmannsche Vlgsbh. 1949, S.10

23 Ulrich Pabst, Sport - Medium der Politik ? Der Neuaufbau des Sports in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die innerdeutschen Sportbeziehungen bis 1961, Berlin/München/Frankfurt a. Main, 1980, S. 34

24 Regierungserklärung Konrad Adenauers vom 21. Oktober 1949, Stenographische Berichte des Deutschen Bundestages, 1. WP, S. 307-309

25 Adolf M. Birke, Nation ohne Haus. Deutschland 1945-1961, Siedler Berlin, 1994

Details

Seiten
37
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656296614
ISBN (Buch)
9783656296867
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196713
Note
15 Punkte (1,0)
Schlagworte
Kalter Krieg im Sport

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