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Die Herzog-Ernst-Dichtung

Ein Vergleich der Fassungen B und G, Prosa und Liedform

Seminararbeit 2009 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Vergleich
2.1.) des Verfassers, der Entstehungszeit und des historischen Hintergrunds
2.2.) des Inhalts
2.3.) des Aufbaus und der Form der Dichtungen

3.) Warum wurde die Liedform geschaffen?

4.) Zusammenfassung

5.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Die Dichtungen um den Herzog Ernst können auf eine lange Geschichte zurückblicken, die von den Anfängen der Sagengestaltung im 11. Jahrhundert bis zu den Umformungen in unseren Tagen reicht. Kaum eine epische Dichtung des deutschen Mittelalters liegt in mehr Fassungen und Bearbeitungen vor als der Herzog Ernst. Es gibt sieben mittelhochdeutsche bzw. frühhochdeutsche Fassungen des Stoffes, deren Entstehungsdaten von etwa 1160/70 (Herzog Erst A) bis in die frühe Neuzeit (Fassungen F, G) reichen. Das Verhältnis der Fassungen zueinander ist noch nicht hinreichend geklärt. Die Fülle der Bearbeitungen zeigt aber, dass ein ständiges Interesse des wandelnden Publikums an der Sage bestand. Nur wenige deutsche Dichtungen des Mittelalters wurden seit ihrer Entstehung immer wieder neu gestaltet. Wir finden hier aber keine Bewahrung und Überlieferung einer allzeit geachteten und unveränderten Text- und Gestaltungsform. Vielmehr blicken wir auf eine Kette ständiger Umformungen und Neugestaltungen, die jedoch Kern und Einzelheiten der ursprünglichen Dichtung erstaunlich getreu bewahrt haben. Es wird die Geschichte eines Herzogs erzählt, der, von treuen Gefährten unterstützt, sein Reich verlässt und durch fremde Länder zieht. Nach langen, siegreich bestandenen Abenteuern kehrt er letztendlich in sein Reich zurück. Dieses Grundgerüst der Handlung ist in allen Fassungen in gleicher Weise Mittelpunkt der Dichtung. Doch jede Neuformung oder Umgestaltung der vorangegangenen Fassung versucht eigene Tendenzen, Interessen und Auffassungen des Bearbeiters und seiner Zeit und Gesellschaft auszudrücken.

Hier soll die Fassung G des Herzog Ernst-Stoffes näher untersucht und mit der Fassung B verglichen werden. Zu Beginn wird dabei auf die Entstehungszeit, die Bearbeiter und die historischen Hintergründe eingegangen. Anschließend wird der Inhalt verglichen. Es folgt die Gegenüberstellung des Aufbaus und der Form der Texte. Abschließend soll die Frage beantwortet werden, warum die Liedform geschaffen wurde. Das Erarbeitete wird dann zusammengefasst.

2.) Vergleich

2.1.) Vergleich des Verfassers, der Entstehungszeit und des historischen Hintergrunds

Die Ursache für die Beliebtheit der Herzog Ernst-Dichtung ist zunächst in den Stoffbereichen des Inhalts zu suchen, von denen das Publikum angesprochen wird. Es gibt drei Themenkreise, die hervortreten: die Reichsgeschichte, der vorbildliche Held und die Abenteuer in fernen Ländern. Herzog Ernst wird von den verschiedenen Bearbeitern als vorbildlicher Held gezeigt. Er verkörpert das Bild eines idealen Ritters. In der epischen Fassung B stehen die Lebens- und Verhaltensideale des Ritters im Vordergrund. Die Erzählung der Reiseabenteuer Ernsts füllt den größten Teil der Dichtung. Die Betonung des Kampfgeistes der Kreuzzugsepik und das Fehlen des höfischen Minnegedankens verweist ins 12. Jahrhundert.1 Die Fassung B ist uns in zwei Handschriften erhalten. Aus den Papierhandschriften a und b rekonstruierte Karl Bartsch2 eine vollständige mittelhochdeutsche Fassung B. Im Jahr 1869 wurde die rekonstruierte Fassung B von Karl Bartsch herausgegeben. Die Einsetzung ou für iu deutet auf einen oberdeutschen Dichter, oder auf Österreich und Bayern hin. Die Bindung e : i („gewinnen : entrennen“ Z. 4289, 4290) ist im niederrheinischen Dialekt sehr gewöhnlich. Die Einwechslung â : ae ist ebenfalls speziell niederrheinisch („swâr =swaere“ Z. 2183).3 Die Quellen dieses Dichters sind die deutsche Reichsgeschichte und der Erzählschatz des Mittelalters aus Antike und Orient. Die Namen und Ereignisse aus verschiedenen Zeiten, welche im Text genannt werden, erschweren eine sichere historische Zuordnung. Es sind Ausdrücke zu finden, die im 13. Jahrhundert nur noch sehr selten waren, und im 14. Jahrhundert nicht mehr vorkamen („magen“ Z. 4710; „dietdegen“ Z. 1199). Neben der erlaubten Verbindung cl wie in „unsiteclîche : unbeteclîche“ (Z.1159, 1160), „ieclîch : hêrlîch (Z. 3019, 3020) begegnen uns auch unhöfische Reime wie „hêrlîch : zierlîch“ (Z.2533, 2534), „übellîch : gelîch“ (Z.5905, 5906). Diese beweisen, dass der Dichter vor die eigentliche höfische Zeit fällt. Als Zeit wird ungefähr 1190 angenommen.4

Fassung G ist ein strophisches Lied, welches aus 89 Strophen besteht. Es war in mehreren Druckfassungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert verbreitet. Das strophische Gedicht lag anfangs in doppelter Gestalt vor. Zum einen als eine kürzere handschriftliche Fassung mit 55 Strophen, die im Dresdner Heldenbuch enthalten ist. Zum anderen als eine gedruckte längere Fassung mit 89 Strophen.5 Welches Verhältnis haben diese beiden Fassungen zueinander? Inhaltlich weichen sie nicht wesentlich voneinander ab. Es zeigen sich aber Unterschiede in der Erzählweise und in der Gestaltung. Manche Strophen sind nur in der längeren Fassung zu finden. Beide erzählen genau die gleiche Geschichte. Wenn kein stofflicher Unterschied besteht, so muss die Erweiterung oder Kürzung durch stilistische Mittel erfolgt sein. Die Umstellungen, Kürzungen oder Erweiterungen zwischen beiden Fassungen des Liedes haben eine radikale Änderung der Erzählweise zur Folge. Die Erzählung selbst blieb unverändert. Wir haben es mit zwei eigenständigen Dichtungen zu tun, deren Verfasser nach eigenem ungleichen Plan verfuhren. Beide Fassungen gehen unabhängig voneinander auf eine ältere Vorlage aus dem Anfang des 14. Jahrhundert zurück. Karl Bartsch machte es sich im 19. Jahrhundert zur Aufgabe, aus den beiden Fassungen ein Gedicht von 89 Strophen in mittelhochdeutscher Lautform herzustellen. Seit dem Erscheinen von Bartschs Ausgabe sind weitere Drucke zum Vorschein gekommen. Alle Drucke enthalten die gleiche Fassung. Ihre Abweichungen voneinander gehen nicht über das hinaus, was man als normale Textvarianten bezeichnen kann. Manche dieser Drucke sind mit Holzschnitten ausgestattet.6

K. C. King ist der Meinung, dass das Gedicht wahrscheinlich ein selbständiges Werk ist, welches ein Verfasser aus vielem alten und etwas neuerem Material zusammengesetzt hat. Der Verfasser verfolge mit dem Stoff ganz bewusst einen dichterischen Plan und nicht das Ergebnis von dem Versuch eines Schreibers oder Druckers ständig abzukürzen. Die längere Fassung blieb mindestens 75 Jahre lang unverändert im Umlauf (Spörer- Druck erschien 1493 und der von Schmid 1568) und erweist sich somit als ein echtes literarisches Gebilde, das neben der Dresdener Fassung bestand und sich behauptete. Es ist möglich, dass sie diese verdrängte. Denn diese ist seit dem Erscheinen 1472 nicht wieder bezeugt. Es stellt sich die Frage, ob die eine Fassung aus der anderen entstanden ist oder ob beide unabhängig auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen. Man geht von einer älteren gemeinsamen Quelle aus. Das heißt nicht, dass es eine bestimmte literarische Quelle gewesen sein muss, denn es gab seit Jahrhunderten Gedichte von Herzog Ernst. Alle erhaltenen Drucke gehen auf eine gemeinsame Vorlage zurück, also auf einen Urdruck. Aus sprachlichen und literarischen Erwägungen ist anzunehmen, dass der Urdruck in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts entstanden ist. Eine genaue Datierung kann aber nicht vorgenommen werden. Fest steht, dass beide Fassungen eng verwandt sind.7

Diese zwei Fassungen vom Herzog Ernst unterscheiden sich in zwei wichtigen Punkten von den übrigen Überlieferungen: (1) negativ, dadurch, dass der historische Teil fast abgeschafft ist und nur noch die Funktion hat, als Rahmen für die eigentliche Erzählung zu dienen; (2) positiv, durch eine wichtige Neuerung in der Handlung. In allen anderen Fassungen war das Abenteuer der Schnäbler eines von vielen. Die Prinzessin wurde tödlich verwundet, aber in der vorliegenden Fassung bildet es den Mittelpunkt, und sie wird gerettet. Weitgehende Änderungen dieser Art werden absichtlich und wissentlich von einem einzelnen Dichter gemacht, weil solche Änderungen den dichterischen Zielen entsprechen. Es ist deshalb klar, dass nicht später als 1472 ein Unbekannter aus dem alten Material eine neue Ernstgeschichte schrieb. Wie oben angedeutet, wurde das Interesse verlagert. Wir sprechen nicht von einer Entwicklung des alten Stoffes, sondern von einer eigenständigen Neuschöpfung. Die wesentliche Verlagerung des Interesses aus dem Heldenhaften in das Gebiet der problemlosen glücklichen Liebesgeschichte lässt auf ein ganz anderes Publikum schließen, für das gedichtet wurde. Das erklärt auch die drastische Kürzung.8

Die Heimat des Verfassers ist nach Anspielungen im Text in der Nähe des Rheins zu vermuten („Als man yenthalb des reines thut“ 35,5.). Und zwar am Niederrhein oder am mittleren Rhein, worauf die Reimbindung ê : oe („Vnd kemen in groß schwere/ Sy giengen menige wilde stroß“ 55,6. 55,7.), der Mangel des Umlauts („Er hat mich dort gewunnen“ 64,10.) und andere Sachen hinweisen. Beziehungen auf eine Quelle sind fast nicht zu finden. Zwar sind Aussagen zu lesen wie „Die abenteüer die sagt vns das“ (27,1.) und „Als wir noch horen sagen“ (1,3.), doch diese Aussagen sind sehr allgemein. Es ist also anzunehmen, dass der Sänger aus lebendiger Überlieferung schöpft. Es wird angenommen, dass keine Bekanntschaft der Sängers mit den Texten A und B bestand. Denn die Übereinstimmungen der Texte sind zu gering.9

[...]


1 Herzog Ernst. Ein mittelalterliches Abenteuerbuch, Reclam, Stuttgart 2006

2 Karl Friedrich Adolf Konrad Bartsch (1832- 1888); deutscher Philologe, der in Rostock das erste Germanistische Institut in Deutschland gründete

3 Herzog Ernst, hg. von Karl Bartsch, Hildesheim 1969, S. XXV- XXXVI

4 Ebd.

5 Das Lied vom Herzog Ernst. Hg. von Wolfgang Stammler, Ernst A. Philippson. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1959 (=Texte des späten Mittelalters, Heft 11), S. 7

6 King, Kenneth Charles: Das strophische Gedicht von Herzog Ernst, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 1959, Bd. 78, S. 269- 291

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Karl Bartsch, S. LXXXI- LXXXII

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656227410
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196670
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
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