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Magersucht. Ein krankhaftes Streben nach einem medial vermittelten Schönheitsideal?

Seminararbeit 2012 30 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.
1.1. Wahl des Themas.
1.2. Übergänge.

2. Fragestellungen.

3. Magersucht.
3.1 Was ist Magersucht?.
3.2 Wer ist betroffen?.
3.3 Ursachen und Auslöser der Magersucht.
3.3.1 Genetische Dispositionen.
3.3.2 Soziokultureller Ansatz.
3.3.3 Systemorientierte Ursachenmodelle.

4. Medieneinfluss.
4.1 „Pro Ana“ Internetforen.
4.2. „Germany´s Next Topmodel“.
4.3. „Dove“.

5. Die Familie der Betroffenen.
5.1. Auswirkungen der Krankheit in der Familie.
5.2. Mutter-Tochter-Beziehung.

6. Vorbeugung und Therapie.
6.1. Vorbeugung.
6.2. Therapie.

7. Beantwortung der Fragestellungen.

8. Schlusswort und persönliche Reflexion.

Literatur- und Quellenverzeichnis.

Anhang.

1. Einleitung

„Dünn sein ist schön sein, verspricht Erfolg und Glück.“[1]

Täglich vermitteln uns die Medien täglich ein sehr schlankes Schönheitsideal. Dank dem Schönheitswahn wurde in den USA die Kleidergröße 0 – „ size zero “ eingeführt. Bis vor ein paar Jahren war die kleinste Konfektionsgröße noch 2. „ Size zero “ entspricht in Deutschland etwa der schmalhüftigen Hosengröße 32, die weniger als ein Prozent der Frauen tragen.[2] Man könnte meinen, die Schlanken von gestern sind die Dicken von heute.

Betrachtet man die Bilder in Frauenzeitschriften, so fällt auf, dass die jungen Mädchen auf den Fotos deutlich unter dem suggerierten Idealmaß von 90-60-90[3] liegen. Besonders pubertäre Jugendliche nehmen sich diese schlanken, erfolgreichen Models zum Vorbild und verfallen irrealen Wunschvorstellungen. Sie eifern einem medial vermittelten Schönheitsideal nach, um schön und erfolgreich zu sein. Essstörungen wie Magersucht und Bulimie können Folgen davon sein. Ich habe jedoch meinen Schwerpunkt in der vorliegenden Arbeit auf die Magersucht gerichtet. Ein Prozent aller weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren leidet an der Magersucht.[4]

Und weil gerade junge Menschen sich stark an vor allem auch durch Medien propagierten Schönheitsidealen orientieren hat sich zum Beispiel die Werbekampagne von „ Dove “ das Ziel gesetzt, diesem Schönheitsideal entgegen zu eifern und zeigt in ihrer Werbung normalgewichtige Frauen. Diese Aktion kann man als Prävention sehen, was aber leider noch Seltenheitswert hat. Überwiegend wirken scheinbar makellose, schlanke Werbemodelle auf den Empfänger ein, der sich mit diesen identifiziert und sich an ihnen misst.[5]

Ziel meiner Arbeit ist es, die Auswirkungen der Medien auf essgestörtes Verhalten im Falle der Magersucht nachzuweisen und zu erläutern. Sofern es mir möglich ist, führe ich Möglichkeiten der Prävention auf.

Um ein aussagekräftiges Ergebnis darstellen zu können habe ich mir zwei Fragestellungen erarbeitet, die zum Ende der vorliegenden Arbeit beantwortet werden sollen. Diese Fragestellungen werde ich im ersten Kapitel vorstellen. Im zweiten Teil der Arbeit werden Fakten über die Magersucht aufgeführt. Es wird erklärt, was die Magersucht ist, wer davon betroffen ist und wie die Krankheit entsteht, um in weiteren Teilen der Arbeit von einem bestimmten Krankheitsbild ausgehen zu können. Nach diesem Teil werde ich auf den Medieneinfluss eingehen. Ich stelle die Rolle der Medien vor und bearbeite bestimmte Beispiele aus den Medien heutzutage, wie Internetforen, Castingshows und Werbekampagnen.

Im vierten Teil meiner Arbeit gehe ich auf die Rolle des näheren sozialen Umfeldes der Betroffenen ein. Hierzu stelle ich genauer die Rolle der Familie und die Mutter-Tochter-Beziehung vor. Außerdem werden die Auswirkungen der Krankheit auf die Familie deutlich. Zu Ende meiner Arbeit stelle ich Möglichkeiten der Vorbeugung und der Therapie dar. Um ein abgerundetes, aussagekräftiges Ergebnis zu bekommen beantworte ich meine zu Beginn aufgeführten Fragestellungen.

1.1. Wahl des Themas

Ich habe das Thema „Magersucht – ein krankhaftes Streben nach einem medial vermittelten Schönheitsideal?“ aus mehreren für mich relevanten Gründen gewählt. Am eindrucksvollsten war für es für mich, dass ich in letzter Zeit immer wieder über Magersucht Berichte gesehen und gelesen habe. Da durch die zunehmende Relevanz der Medien viel mehr Informationen, geprägt vor allem durch erschreckendes Bildmaterial, auf uns einwirken bleibt eine Reportage über eine so ernsthafte Erkrankung lange Zeit im Gedächtnis. Ich habe mich gefragt, was in einem Menschen vorgehen muss, damit er sich und seinem Körper so schadet, und vor allem was er damit erreichen möchte. Ist es Anerkennung, Lob, Liebe oder spielt die Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle?

Als zweiten Punkt möchte ich erwähnen, dass eine ehemalige Freundin von mir letztes Jahr zu Schuljahresbeginn mit der Diagnose Magersucht stationär behandelt wurde. Dadurch wurde ich noch viel eher von weiteren Meldungen geprägt, da die Aufmerksamkeit für das Thema viel höher ist, da ein solcher Fall nun auch im eigenen Umfeld passiert ist. Meist scheint es so fern, doch wenn es einmal Realität wird ist es noch viel schwerer, dies zu verstehen.

Als ich meine Themenwahl bekannt gegeben hatte und mich an die Recherche gemacht habe bin ich auf einen Text aus dem „ stern “ aufmerksam geworden, in dem über Pro-Ana-Foren berichtet wurde. Ein Thema, was für die meisten unbekannt ist und auch ich selbst hatte noch nie etwas darüber gehört. Als ich mich voller Neugierde, aber auch mit ein wenig Angst und Respekt in einem solchen Forum anmelden konnte war ich sehr schockiert. Die Beiträge und Fotos haben mich sehr nachdenklich gemacht. Ich war fest entschlossen, mich gut über mein Thema zu informieren, um endlich zu verstehen, warum vor allem Mädchen und junge Frauen sich in diesen Wahn stürzen und sich dieser Krankheit hingeben.

Als letzten Punkt möchte ich noch die Medienpräsenz ansprechen. Mir ist es sehr stark aufgefallen, da auch ich sehr gerne „ Germany's Next Topmodel “ anschaue, was dort für ein Konkurrenzkampf untereinander herrscht und was manche Mädchen bezüglich ihres Aussehens und ihrer Figur sagen, das von vielen Rezipientinnen schnell als Anreiz genommen werden kann, sich selbst einmal die Frage zu stellen: Bin ich zu dick? Wenn ich schlanker wäre, könnte ich dann auch so erfolgreich wie die Models sein?

Und so bin ich auf mein Thema „Magersucht – ein krankhaftes Streben nach einem medial vermittelten Schönheitsideal?“ gekommen, um die Magersucht und ihre Betroffenen verstehen zu können und den medialen Einfluss genauer zu untersuchen. Außerdem wollte ich wissen, was ich heute und auch in meiner späteren Laufbahn tun kann, damit Mädchen und vermehrt auch Jungen sich wohl in ihrer Haut fühlen und nicht aus den unterschiedlichsten Gründen in die Magersucht gelangen.

1.2. Übergänge

Ein Leben lang werden wir mit Veränderungen und Übergängen konfrontiert. Einigen gehen wir mit Freude entgegen, aber andere können uns auch herausfordern. Manchmal sind die Umstände kompliziert und problematisch. Die Auseinandersetzung mit dem Thema wird zur Belastung und führt zu psychischen, wie zum Beispiel Unsicherheit oder Unzufriedenheit oder zu körperlichen Symptomen. Jede Lebensphase hat ihre eigenen Herausforderungen. Gerade die Pubertät ist für Kinder, die zum Erwachsenen heranreifen eine große Herausforderung. Außerdem kommen hierzu auch noch Veränderungen von außen. Die Kinder und Jugendliche können zum Beispiel von zwischenmenschlichen Problemen oder bestimmen Werten und Normen eingeengt und geprägt werden.[6]

Da die Magersucht eine Krankheit ist, die in den häufigsten Fällen während der Pubertät auftritt konzentriere ich mich auf den Übergang vom Kind zum Erwachsenen.[7]

2. Fragestellungen

Aus den oben dargestellten Überlegungen ergeben sich für mich für diese Seminararbeit folgende Fragestellungen:

„Leiden aufgrund von sich verändernden Gesellschaftsnormen und Idealvorstellungen Mädchen und immer häufiger auch Jungen heutzutage vermehrt an Magersucht?“

„Bietet ein stabiles soziales Umfeld, das durch Wertschätzung und Akzeptanz von Familie und Freunden geprägt ist den Schutz vor Magersucht?“

Ziel meiner Seminararbeit wird sein, diese Fragen - soweit es mit möglich ist - beantworten zu können und gegebenenfalls Möglichkeiten zur Vorbeugung darzustellen.

3. Magersucht

3.1 Was ist Magersucht?

Magersucht ist eine Art von Essstörungen. „Hinter Essstörungen verbergen sich psychosomatisch bedingte (Sucht-)Erkrankungen, die insbesondere in den westlichen Industriegesellschaften zu einem weit verbreiteten Problem geworden sind. Eine Essstörung äußert sich in einem zwanghaften Essverhalten, wobei über die Nahrung versucht wird, innere Konflikte und Druck zu bewältigen.“[8] Die Zahl der größtenteils weiblichen Betroffenen steigt stetig an. Die Essstörungen zählen zu den häufigsten chronischen Gesundheits-problemen bei Kindern und Jugendlichen.

Neben der Anorexie (Magersucht) unterscheidet man auch noch zwischen zwei anderen Krankheitsbildern: die Bulimie (Ess-Brechsucht) und die Binge-Eating-Disorder als eine psychogene Variante der Fettleibigkeit (Adipositas).[9]

Die Magersucht ist eine krankhafte Essstörung. Sie ist gekennzeichnet durch einen starken selbst verursachten Gewichtsverlust und gleichzeitig durch eine große Angst vor einer Gewichtszunahme.[10]

Die wissenschaftliche Bezeichnung Anorexie für Magersucht leitet sich von dem lateinischen Begriff Anorexia nervosa ab. Anorexia bedeutet Appetitverlust oder Appetitverminderung, was irreführend ist, da bei der Magersucht nicht der Appetit, sondern in erster Linie das Essverhalten gestört ist. Der Zusatz nervosa weist auf die psychischen Auslöser dieser Essstörung hin. Im Vordergrund der Magersucht steht der starke Wille, das Körpergewicht dauerhaft stark zu vermindern.

In der Fachliteratur schwankt die Todesrate der Magersucht zwischen 1,4 und 20 Prozent. Nach einer umfassenden deutschen Studie zu Essstörungen mit 17600 Jugendlichen durch das Robert Koch-Institut sind bereits 30 Prozent aller 17-jährigen Mädchen essgestört. 100000 Mädchen und Frauen zwischen 15 und 35 Jahren leiden in Deutschland an Magersucht. „Immer früher entschließen sich junge Mädchen, sich diätisch zu verhalten“, so die Psychologin Silke Stracke von der Universität Freiburg.[11]

Doch die Magersüchtigen erkennen ihre Krankheit meist nicht an, und wenn doch, dann sind sie stolz darauf, besonders zu sein. Egal wie dünn die Magersüchtigen sind, sie fühlen sich immer noch zu dick. Sie leiden unter der sogenannten Körperschemastörung. Da sie nie zufrieden mit ihrem Körper sind, hungern sie immer weiter.[12]

Die Magersucht bringt viele Risiken mit sich und viele Mädchen sterben an der Krankheit. Häufig haben die Betroffenen Depressionen und sind suizidgefährdet.[13] Durch ihr starkes Untergewicht wird ihr Herz sehr beansprucht. Hier können Herzflimmern oder Herzstillstand zum Tod führen.[14]

3.2 Wer ist betroffen?

95% der an der Magersucht erkrankten Personen sind weiblich. Nur 5%, aber in den letzten Jahren steigend mehr sind auch männliche Personen betroffen. Das Erkrankungsalter der Betroffenen hat sich in den letzten 30 Jahren deutlich nach unten verschoben. Damals standen die meisten Erkrankten kurz vor Vollendung des 25. Lebensjahres. Heute wird die Magersucht auch schon bei 8-10 jährigen diagnostiziert.[15] Meist leben die heutzutage noch sehr jungen Mädchen in einer Familie und haben eine enge Beziehung zu ihren Familienmitgliedern.[16]

Die meisten Magersüchtigen zeichnet ein hohes Maß an Perfektion aus. Sie sind sensibel, haben ein tadelloses Benehmen, sind sportlich und ordnungsbewusst.[17] Die Schulleistungen der Magersüchtigen sind oftmals sehr gut. Die Mädchen haben ein enges Verhältnis zu ihrer Mutter und sind meist ihr ganzer Stolz.[18] Die zukünftigen Magersüchtigen schließen sich den Eltern an und stehen abseits von der Geschwistergruppe. Es scheint, als wären sie von ihren Geschwistern ausgeschlossen worden und so zu den Eltern gedrängt worden. Minuchin und Fishman (1983) sprechen von einem Elternkind.[19] Insbesondere jene Mädchen, die ein geringes Selbstwertgefühl besitzen und denen es an Rückhalt aus dem sozialen Umfeld mangelt, verinnerlichen die medialen Leitbilder und orientieren sich hieran.[20]

Häufig sind die von Essstörungen gefährdeten und betroffenen Mädchen überaus intensive, aktive und konstruktive Mediennutzer. Sie machen ihren Medienkonsum von ihrer situativen körperlichen und psychischen Befindlichkeit abhängig und setzten sie flexibel und gezielt ein, um ihre Orientierungsbedürfnisse zu befriedigen.[21]

3.3 Ursachen und Auslöser der Magersucht

Die Fachleute sind sich darüber einig, dass sich Essstörungen auf keinen Fall auf nur eine Ursache zurückführen lassen.[22]

Als Auslöser der Anorexie werden verschiedene, individuelle und unterschiedlich zu gewichtende Faktoren auf der psychischen Ebene vermutet, wobei zum Beispiel Probleme in der Adoleszenz, Schwierigkeiten auf der Beziehungsebene oder das Einsetzen der Periode ein bedeutende Rolle spielen können.[23] Diese Ereignisse, Veränderungen oder Schicksalsschläge fungieren lediglich als Auslöser der Magersucht, stehen mit den eigentlichen Ursachen jedoch nicht in Verbindung.[24]

Der Beginn einer Magersucht liegt häufig in der sehr sensiblen Phase der Adoleszenz - einem Lebensabschnitt, der von Unsicherheiten und Veränderungen geprägt ist.

Die Betroffenen erleben soziale Anforderungen aber auch körperliche Veränderungen, die sie überfordern und verunsichern. Der Prozess des Erwachsenwerdens mit seinen Konsequenzen wie die Ablösung vom Elternhaus, Berufswahl oder der Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben stellt große Anforderungen und Aufgaben an die Mädchen und jungen Frauen.

In vielen Situationen fühlen sich die jungen Frauen sehr selbstunsicher, leiden an Selbstzweifeln und entwickeln erhebliche Ängste vor den Veränderungen in der Zukunft. Das Untergewicht vermittelt ihnen unbewusst das Gefühl, Kontrolle über etwas zu haben. Durch die Gewalt über ihr Körpergewicht wird ein gewisses Gefühl von Sicherheit und Unabhängigkeit erreicht.

Des Weiteren werten magersüchtige Mädchen, die häufig unter Versagensängsten leiden, die Kontrolle über ihr Gewicht und ihre Gewichtsabnahme als Leistung. Ihre Disziplin verleiht ihnen ein Gefühl der Befriedigung und Stärke.

Die Betroffenen werten ihre Krankheit als Indiz für Durchhaltevermögen, Stärke und Selbstdisziplin.[25] Die Mädchen haben ganz gezielt nach etwas gesucht, was sie steuern können. Zunächst bekommt man für eine Gewichtsabnahme großes Lob, was die Mädchen sehr glücklich macht und befriedigt. Doch um immer mehr Anerkennung zu bekommen, hungern sie auch immer weiter.[26]

3.3.1 Genetische Dispositionen

Man geht davon aus, dass durch bestimmte Merkmalskombinationen in den Chromosomen gewisse neurophysiologische Störungen bedingt sind. Diese Störungen können für Betroffene ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer psychischen Störung im Allgemeinen oder einer Anorexie im Besonderen bedeuten.

Belege für diese Theorie ergeben sich aus Zwillingsstudien, die zum Ergebnis haben, dass bei circa 50% der Geschwisterpaare beide Teile anorektische Symptome entwickeln. Die Koinzidenz bei zweieiigen Paaren und bei normalen Geschwisterkonstellationen ist signifikant niedriger.

Erkrankt ein Familienmitglied an Magersucht, steigt das Risiko ebenfalls anorektisch zu werden bei biologischen Verwandten auf das Dreifache an. Aus diesen Zahlen wurde errechnet, dass bis zu 50% der bekannten Essstörungen durch genetische Faktoren determiniert sind.[27]

3.3.2 Soziokultureller Ansatz

Die meisten Experten sind sich einig darüber, dass manche Krankheiten nur dann vorkommen können, wenn es eine Gesellschaft gibt. Das heißt, wenn Menschen miteinander leben. Es reicht aber nicht aus, dass verschiedene Individuen nebeneinander existieren, sondern es müssen Strukturen und Beziehungen zwischen ihnen bestehen. Es müssen zum Beispiel Rangordnungen, Normen und Werte vorherrschen.

Magersucht ist eine solche Krankheit, die sich ohne Gesellschaft nie entwickelt hätte und auch heute undenkbar wäre, wobei die Gesellschaft aber sicher nicht die Ursache ist, sondern nur eine unter vielen notwendigen Bedingungen.

Durch die Medien in denen ein Frauenbild vermittelt wird, dessen wichtigstes Schönheitsattribut Schlankheit ist, werden Rezipientinnen stark beeinflusst. Eine Analyse amerikanischer Fernsehsendungen hat gezeigt, dass in circa 50% aller Sendungen die weiblichen Darsteller dünn oder extrem dünn sind. Covergirls und Schönheitsköniginnen haben solch ein Untergewicht, dass es dem Diagnosekriterium der Anorexie entspricht.[28]

3.3.3 Systemorientierte Ursachenmodelle

Ansätze, die für die Ausprägung einer Anorexie weder genetischen Dispositionen noch soziokulturelle Theorien als ursächlich betrachten, gehen davon aus, dass ein krankmachendes Umfeld Auslöser dafür sein kann, dass die Betroffenen Symptome zeigen werden.

Der Hauptansatzpunkt dieses sozialen Netzes ist natürlich die Familie. Es wird demzufolge von Störungen der familiären Interaktion ausgegangen, bei denen die Anorexie des Kindes zum stabilisierenden Faktor der „Magersuchtfamilie“ wird, welche von einer gestörten Beziehung der Eltern untereinander geprägt ist. Durch die Krankheit, deren Geheimnis und die Pflicht zur Fürsorge werden die Familienmitglieder zu einem engen Zusammenhalt gezwungen.[29]

4. Medieneinfluss

Heutzutage bilden die Medien einen festen Bestandteil im Alltag vieler Menschen und wirken täglich fast ununterbrochen durch verschiedene Kommunikationskanäle auf den Empfänger ein. Zu den Massenmedien gehören die Presse, der Hörfunk, das TV, Zeitschriften und in unserer Neuzeit der Medien auch das Handy und vor allem das Internet. Die Medien und deren Aussagen richten sich zwar meist an eine breite Zielgruppe, doch sie sind so konzipiert, dass jeder Einzelne die Möglichkeit hat, sich mit ihnen zu identifizieren. In unserer Informationsgesellschaft wird den Medien großes Vertrauen und soziale Verantwortung für das mittlerweile fast unüberschaubare Medienangebot übertragen.[30]

Auch wenn biologische, familiäre, psychische und soziokulturelle Risikofaktoren auch betrachtet werden müssen, so wird der hohe Stellenwert einer überschlanken und makellosen körperlichen Erscheinung besonders häufig diskutiert. Dementsprechend werden insbesondere die Medien und die Werbeindustrie für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Entstehung von Essstörungen, wie die Magersucht verantwortlich gemacht.[31]

Gerade in Phasen der emotionalen Einsamkeit und sozialen Isolation werden Medien – teilweise ungeachtet ihrer konkreten Botschaften – auch als Ersatz für mangelnde reale persönliche Kontakte, als Betäubung, zur Erleichterung oder Flucht genutzt.[32]

Die Medien haben einen starken Einfluss auf das Selbstbild und Verhalten gerade von Jugendlichen. Während der Pubertät sind sie auf der Suche nach sich selbst und lassen sich dadurch viel mehr von äußerlichen Einflüssen steuern.

Aus diesem Einfluss und der Übermittlung von Schönheitsidealen und Erfolg durch Schlankheit kann sich schnell ein essgestörtes Verhalten entwickeln.

Die in der Schönheitsbranche vertretenen Schönheitsideale von häufig stark untergewichtigen Frauen fördern das magersüchtige Denken. Knochige Models machen Werbung für die neuste Mode. Die Mädchen und jungen Frauen finden es ganz normal, so auszusehen.[33]

Der empfundene innere Druck, in dieses Raster passen zu müssen, kann bei ihnen eine erhöhte Körperunzufriedenheit, Gewichtssorgen und Schlankheitsstreben auslösen, ein negatives Körperbild begünstigen und so die Entstehung eines gestörten Essverhaltens zur Folge haben.[34]

Oftmals werden schlechte Vorbilder aus Modemagazinen, Film und Fernsehen verantwortlich gemacht. Zu dünne Models oder IT- Girls wie zum Beispiel Lindsay Lohan, Nicole Richie oder die Olsen Zwillinge sollen schuld an den falschen Schönheitsvorbildern für junge Mädchen sein. Doch dieses Schönheitsideal war nicht immer so. Vor circa 5o Jahren galt es als schön, wenn Frauen noch Kurven hatten (wie zum Beispiel die sogenannten Pin-Up Girls).

Fakt ist, Schönheitsideale wandeln sich ständig. Meist ist jedoch deutlich, dass gerade das als schön empfunden wird, was schwierig zu erreichen ist.

Doch werden die Medien nicht gleich von allen Mädchen so aufgefasst. Die Umgangsformen mit Medieninhalten unterscheiden sich zwischen den Krankheitsbildern teilweise sehr deutlich. Außerdem verändern sie sich oft im Krankheitsverlauf. So kann eine Reportage über Essstörungen bei einer Betroffenen das gute Gefühl übermitteln, nicht alleine mit ihrer Krankheit zu sein, und dass ihre Symptomatik nicht wiedernatürlich ist und dass es Hoffnung auf Hilfe gibt. Bei einer anderen Betroffenen kann aber die gleiche Reportage hingegen als Provokation und Anreiz wahrgenommen werden, die eigene Nahrungsaufnahme weiter zu reduzieren.[35]

In unserer Zeit des Massenkonsums und des Überflusses wird die körpereigene Disziplin hoch angesehen. Ein Schönheitsideal wird dann gefährlich, wenn man nach ihm strebt, obwohl man weit davon entfernt ist und dafür die eigene Gesundheit aufs Spiel setzt.

[...]


[1] Vgl. Stern, Nr.7, 2008.

[2] Vgl. Albrecht, 2010, S.5.

[3] Idealmaße für Brust-, Taillen- und Hüftumfang in Zentimeter umschrieben.

[4] Vgl. Albrecht, 2010. S.5.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. http://www.meinicke.ch/03_Uebergaenge/Uebergaenge.html.

[7] Vgl. Kunze, S.9f.

[8] bpb Informationen 309, Bonn, 2010, S.69. Hervorheb. Im Orig.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Franke, 2006, S.14.

[11] Vgl. http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/krankheitenstoerungen/ernaehrung-hungern-bis-zum-ende_aid_339977.html.

[12] Vgl. B5 aktuell.

[13] Vgl. Treasure, 1999, S.109.

[14] Vgl. B5 aktuell.

[15] Vgl. Kunze, S.9f.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. Treasure, 1999, S.32.

[18] Vgl. Backmund, Gerlinghoff, Weinheim und Berlin, 1993. S.54.

[19] Vgl. ebd. S.66.

[20] Vgl. bpb Informationen 309, Bonn, 2010, S.69.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. http://www.wg-nele.de/public/essstoerung/anorexie/index.php.

[23] Vgl. Backmund,Gerlinghoff, Weinheim und Berlin, 2006. S.25.

[24] Vgl. Treasure, 1999, S.30.

[25] Vgl. Vgl. http://www.wg-nele.de/public/essstoerung/anorexie/index.php.

[26] Vgl. B5 aktuell.

[27] Vgl. http://www.wg-nele.de/public/essstoerung/anorexie/index.php.

[28] Vgl. http://www.wg-nele.de/public/essstoerung/anorexie/index.php.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. Albrecht, 2010, S.15.

[31] Vgl. bpb Informationen 309, Bonn, 2010, S.69.

[32] Vgl. ebd.

[33] B5 aktuell.

[34] Vgl. bpb Informationen 309, Bonn, 2010, S.69.

[35] Vgl. bpb Informationen 309, Bonn, 2010, S.70.

Details

Seiten
30
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668667839
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196425
Note
15 Punkte
Schlagworte
Magersucht

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Titel: Magersucht. Ein krankhaftes Streben nach einem medial vermittelten Schönheitsideal?