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Die "Neuen Väter"

Wunschdenken der Gesellschaft oder tatsächlich Realität?

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Die Institution Familie
2.1.) Definition Familie
2.2.) Die Entwicklung der Familie
2.3.) Zusammenfassung

3.) Vaterschaft in der Familie
3.1.) Vaterschaft im historischen Wandel
3.2.) Die ‚neuen Väter’
3.3.) Theorie und Praxis
3.4.) Gründe für kollidierende Ansichten

4.) Fazit

5.) Quellenverzeichnis:
5.1.) Literatur
5.2.) Internet
5.3.) Bildnachweis

1.) Einleitung

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.“ 1 So lautet ein uns allen be- kannter Vers von Wilhelm Busch. Doch handelt es sich dabei nur um einen amüsanten Reim, oder verbirgt sich mehr Wahrheit dahinter, als man vermutet? Gerade in den letzten Jahren wurde verstärkt über Vaterschaft und eine vermehrte Einbindung von Vätern in die Erziehung ihrer Kinder diskutiert. Immer häufiger wird die Auffassung vertreten, Männer sollten sich genauso häufig und lange wie Frauen an der Erziehung der eigenen Kinder beteiligen. Erstaunlicherweise wird diese Forderung nicht nur von Frauen, sondern zunehmend auch von Männern akzeptiert. Auch die Politik begann in den letzten Jahren diesen Gedanken aufzufassen und Vätern die Be- treuung ihrer Kinder einerseits attraktiver zu machen und andererseits auch zu erleich- tern. Allerdings scheinen sich Theorie und Praxis an dieser Stelle, wie so oft, zu tren- nen. Nach wie vor stehen Frauen in der Rolle der Kindererziehung an erster Stelle, während Männer häufig das Argument vorbringen, Familie sei mit ihrem Beruf nur schwer vereinbar und eine aktivere Teilnahme an der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder daher nur schwer zu bewältigen.

Im Verlauf dieser Arbeit möchte ich mich nun dieser Problematik widmen und versu- chen zu erläutern, ob tatsächlich so viele Männer im Vergleich zu Frauen weiterhin ein geringes Zeitbudget für die Kindererziehung aufbringen. Diese These scheint durch den Gender Datenreport von 2005 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bestätigt zu werden: „Während Väter deutlich mehr bezahlte Arbeit leisten als Mütter, leisten Mütter das Gros der Familienarbeit, auch wenn sie erwerbs- tätig sind. Der Arbeitseinsatz von Vätern in der Familie nahm in den letzten Jahren kaum zu.“ 2 Aber trifft es tatsächlich zu, oder haben sich die sog. ‚neuen’ Väter mittler- weile in unserer Gesellschaft etabliert?

Daher soll im Laufe der Arbeit versucht werden, Gründe zu finden, die ein solches Un- gleichgewicht innerhalb der Familie erklären könnten. Stellvertretend dafür soll dies an einem Familientypus, nämlich dem der Kleinfamilie, abgearbeitet werden. Das Famili- enmodell mit zwei Eltern und ein oder zwei Kindern ist deshalb ein guter Ausgangs- punkt, weil wir „diesen Familientypus heute in 50-60% aller Familien in der Bundesre- publik [haben].“ Andere Familienkonstellationen werden bewusst ausgeklammert, da sonst der Rah- men dieser Arbeit nicht mehr eingehalten werden könnte.

Bevor explizit Vaterschaft thematisiert wird, ist es zunächst einmal sinnvoll, den Begriff Familie zu definieren und einen kurzen geschichtlichen Abriss der Familie vorzunehmen. In diesem Zusammenhang fällt es meiner Ansicht nach nämlich leichter, die Entwicklung und das heutige Bild von Vaterschaft zu verstehen.

Nach einem kurzen Blick auf den historischen Wandel von Vaterschaft soll das Bild der sog. ‚neuen’ Väter betrachtet werden. Danach soll mit Hilfe empirischer Daten untersucht werden, inwieweit diese Väter in unserer Gesellschaft anzutreffen sind und Gründe für eventuelle Kollisionen von Theorie und Praxis vorgebracht werden. Im Anschluss daran sollen in einem abschließenden Fazit noch einmal die wichtigsten Punkte zusammengefasst werden.

2.) Die Institution Familie

Vaterschaft ist zunächst unweigerlich mit dem Begriff Familie verbunden; man assoziiert damit in erster Linie die Konstellation Mutter-Vater-Kind(er). Zwar sind durch die Pluralisierung der Lebens- und Familienformen heutzutage auch andere Möglichkeiten gegeben, jedoch ist der Typus der Kleinfamilie das Untersuchungsobjekt dieser Arbeit und ein gesonderter Blick auf Familie ist daher sinnvoll und notwendig.

2.1.) Definition Familie

Versucht man zunächst einmal, Familie zu definieren, dann stößt man in einschlägiger Literatur auf verschiedene Vorschläge. Als allgemein anerkannte Formulierung kann die Definition von Hill und Kopp betrachtet werden, die besagt, dass Familie „eine auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau mit gemeinsamer Haushaltsführung und mindestens einem eigenen (oder adoptierten) Kind [ist].“ 4

Es ist allerdings in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass jede Definition des Familienbegriffs im Grunde genommen nur schwierig ohne Einschränkungen oder kritiklos hingenommen werden kann. Vielmehr dienen Definitionen „zuerst der sprachli- chen und der theoretischen Präzisierung(…).“ 5 Inwieweit sie zutreffen lässt sich nur nach einer genaueren Untersuchung mit Hilfe empirischer Forschung feststellen.

Dieser Punkt wäre jedoch im Rahmen einer anderen wissenschaftlichen Arbeit zu klä- ren und kann daher hier vernachlässigt werden. Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit kann die Definition nach Hill und Kopp somit verwendet werden.

2.2.) Die Entwicklung der Familie

Familie lässt sich auf das lateinische Wort ‚familia’ zurückführen und „bezog sich auf den gesamten Haushalt eines Mannes, einschließlich seiner Frau und seinen Kindern, sowie seinen Sklaven, seinem Vieh und seinem ganzen materiellem Besitz.“ 6 Das Modell der modernen Kleinfamilie, welches der oben formulierten Definition entspricht, hingegen ist erst ein relativ junges Phänomen. „Die Entstehung und Ausbreitung dieser Familienform kann als Ergebnis eines langfristigen strukturell-funktionalen Differenzierungsprozess von Gesellschaft gesehen werden (…).“ 7

Während das Mittelalter und die frühe Neuzeit keine Begrifflichkeiten für einen, von uns als Familie bezeichneten Verwandtschaftskreis kannten, setzte sich das Wort Familie „im heutigen Sinne (…) im 18. Jahrhundert im allgemeinen Sprachgebrauch“ 8 durch. Aber nicht nur sprachlich, sondern auch real wird von „einer Entwicklung der Familie gesprochen, die durch die Auflösung der großen Haushaltsfamilie und der Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie gekennzeichnet (…)“ 9 ist. Dabei ist nicht mehr der Pro- duktionsaspekt bzw. die Gleichsetzung der Familie mit einer Wirtschaftsgemeinschaft wichtigstes Merkmal, sondern die deutliche Trennung von Familie und Beruf. „Als Fol- ge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse kristallisierte sich zuerst im gebildeten und wohlhabenden Bürgertum (hohe Beamte, Unternehmer, Kaufleute), wo Frauen und Kinder von der Erwerbsarbeit freigestellt werden konnten, ansatzweise der Typ der auf emotional-intime Funktionen spezialisierten bürgerlichen Familie als Vorläufermo- dell der modernen Kleinfamilie heraus.“ 10 Familien der sozial schwächer gestellten Schichten waren jedoch weiterhin darauf angewiesen, dass alle Mitglieder einer Er- werbstätigkeit nachgingen, um das Überleben zu sichern.

Zudem änderten sich mit der beginnenden Differenzierung auch „die Beziehungen zwi- schen den Familienmitgliedern qualitativ auf die Weise, wie sie auch gegenwärtig für die heutige Ehe und Familie bestimmend sind.“ 11 Man begann allmählich, eine räumli- che Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte zu bilden, indem das Haus den Charakter eines öffentlichen Versammlungsortes verlor. 12 Dabei wurde eine relativ deutliche Se- parierung vollzogen, bei der der Mann außerhalb des eigenen Hauses einer Beschäftigung nachging und alleiniger Versorger der Familie wurde, während die Frau sich zu Hause um das hauswirtschaftliche Tätigkeitsspektrum kümmerte. Man spricht hier auch von einer „Polarisierung der Geschlechterrollen.“ 13

Die Trennung von Arbeitsstätte und Haushalt war eine ebenso wichtige Voraussetzung für die Privatisierung des familialen Zusammenlebens, wie die Emotionalisierung und Intismisierung der Ehe. Die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Partners wird nun her- vorgehoben und Liebe gilt als zentrales Motiv der Ehestiftung. 14 Dadurch wurden die Intimitätsbeziehungen der einzelnen Familienmitglieder deutlich aufgewertet und ge- stärkt, „da nicht mehr das Vermögen oder die Arbeitskraft zum einzig legitimen Hei- ratsgrund wurde.“ 15

Außerdem wurde Kindheit nun zu einer selbstständig anerkannten Lebensphase, in der die Erziehung des Kindes als wichtigste Aufgabe der Mutter gesehen wurde. Durch Zuwendung und Förderung der Kinder sollte, insbesondere von mütterlicher Seite her, Sozialisation der Heranwachsenden stattfinden.

Die bürgerliche Familie entwickelte sich zu einer Art Leitbild für andere Sozialschich- ten. „Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich eine zunehmende und alle Schichten umgreifende normative Orientierung am bürgerlichen Familienleitbild feststellen.“ 16 Mit Eintreten sozialer Umschichtungen, in erster Linie durch das Einsetzen der Indust- rialisierung in den 1870er Jahren, und der damit verbundenen Urbanisierung sowie Auslagerung der Arbeitsstätten, trafen immer mehr Merkmale der bürgerlichen Familie auch in den Arbeiterfamilien zu und Familie wurde hier ebenfalls zu einem ausschließ- lich von Familienangehörigen zusammengesetzten Raum. Damit etablierte sich der neue Familientypus vollends in der Gesellschaft. „Das bürgerliche Familienmodell blieb weitgehend bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts bestehen.“ 17 Zu dieser Zeit tra- ten wiederum neue gesellschaftliche Faktoren auf, die das Familienbild erneut mit Ver- änderungen durchzogen. Zwei Trends können hierbei als besonders wichtige Beispiele angeführt werden, nämlich „die Erwerbstätigkeit der Frauen und die ökonomische Situ- ation der Haushalte.“ 18 Auch die Pluralisierung familialer und nicht-familialer Lebens- formen erfuhr einen starken Anstieg.

Durch die vermehrte Partizipation von Frauen an Arbeit und Bildung und einer damit verbundenen höheren Qualifikation, brachen Frauen aus dem traditional überlieferten Familienmodell aus. Zugunsten höherer Bildung und beruflichem Erfolg stellten sie Familienplanung häufig hinter ihre beruflichen Erfolgswünsche. Auch andere Variablen, wie die der „Heiratsneigung, der Arbeitsteilung im Haushalt, der Ehequalität oder dem Scheidungsrisiko (…)“ 19 führten zu Veränderungen der Demographie. Das Bild des Vaters als alleinigem Ernährer der Familie und der Mutter als alleiniger familialer Erziehungsinstanz begann auseinanderzubrechen.

Auch die allgemeine Verbesserung der Lebensumstände, begründet durch die flä- chendeckende Steigerung des Einkommens, führte dazu, dass das bürgerliche Famili- enmodell durch das Modell einer „neuzeitlichen westlichen Normalfamilie (kernfamilia- ler Haushalt von zwei erwachsenen mit ihren unmündigen Kindern)“ 20 abgelöst wurde. Dies bedeutet nicht automatisch, dass ein völlig neues Familienbild eingetreten ist, das dem des Bürgertums völlig ablehnend entgegensteht. Vielmehr haben Faktoren, die mehr Unabhängigkeit ermöglichen, dazu geführt, dass Familie ohne Druck gelebt wird. Weder wirtschaftlich noch sozial wird ist es heute zwingend notwendig, zu heiraten, oder Kinder zu bekommen. Auch nichteheliche Lebensgemeinschaften oder Ein- Personen-Haushalte gehören mittlerweile zum alltäglichen Gesellschaftsbild. Nichts desto trotz hat Familie einen nach wie vor hohen Stellenwert und gilt, trotz Geburten- rückgang und hoher Scheidungszahl, als erstrebenswertes Ideal.

2.3.) Zusammenfassung

Es kann also festgehalten werden, dass, auf Grund verschiedener sozialer Faktoren, innerhalb des Familiengebildes ein Wandel von einer relativ großen und vermengten Ansammlung von Menschen hin zu einer eng eingegrenzten Gruppe von Personen stattgefunden hat. Geht man von einer typischen Familie in Deutschland aus, dann wird sie, der oben angeführten Definition folgend, aus Eltern, ihren Kindern und ihrem Haushalt gebildet.

3.) Vaterschaft in der Familie

In diesem Zusammenhang ist bei der Betrachtung der Vaterschaft selbst und deren Veränderung hin zu einem modernen Vater auch ein Blick auf die historische Entwicklung sinnvoll und notwendig.

[...]


1 http://www.zitate-online.de/literaturzitate/allgemein/16756/vater-werden-ist-nicht-schwer-vater- sein-dagegensehr.html

2 BMFSFJ (Hrsg.): Gender Datenreport. 1. Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland. München, 2005, S. 267.

3 Seiffge-Krenke, Inge: Veränderungen der Vaterschaft. In: Kapella, Olaf / Rille-Pfeiffer, Christiane / Rupp, Marina / Schneider, Norbert F. (Hrsg.): Die Vielfalt der Familie. Tagungsband zum 3. Europäischen Fachkongress Familienforschung. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills, 2009, S. 210.

4 Hill, Paul B. / Kopp, Johannes: Familiensoziologie. Grundlagen und theoretische Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 4. Auflage, 2006, S. 13.

5 Hill, Paul B. / Kopp, Johannes: Familiensoziologie. S. 13.

6 Mühlfeld, Claus / Viethen, Maja: Familie in der Krise? Familienwissenschaften im Spannungsverhältnis zwischen Zeitdiagnostik und Krisenszenarien. Maro Verlag, Augsburg, 2009, S. 18.

7 Peuckert, Rüdiger: Familienformen im sozialen Wandel. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 7. Auflage, 2008, S. 16.

8 Mühlfeld, Claus / Viethen, Maja: Familie in der Krise? S. 18.

9 Fuhs, Burkhard: Zur Geschichte der Familie. In: Ecarius, Jutta (Hrsg.): Handbuch Familie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2007, S. 20.

10 Peuckert, Rüdiger: Familienformen im sozialen Wandel. S. 18.

11 Mühlfeld, Claus / Viehen, Maja: Familie in der Krise? S. 45.

12 vgl. ebda., S. 45.

13 vgl. Peuckert, Rüdiger: Familienformen im sozialen Wandel. S. 18.

14 vgl. ebda., S. 18.

15 Nave-Herz, Rosemarie: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde. Juventa Verlag, Weinheim/München, 2006, S. 50.

16 Peuckert, Rüdiger: Familienformen im sozialen Wandel. S. 19.

17 Mühlfeld, Claus / Viethen,, Maja: Familie in der Krise? S. 50.

18 Hill, Paul B. / Kopp, Johannes: Familiensoziologie. S. 21.

19 Ebda., S. 21

20 Mühlfeld, Claus / Viethen, Maja: Familie in der Krise? S. 52

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656222859
ISBN (Buch)
9783656224297
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196296
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
neuen väter wunschdenken gesellschaft realität

Autor

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