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Risikokommunikation in politischen Reden

von Martin Finkenhäuser (Autor)

Studienarbeit 2011 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Risikoforschung

2 Leben in Metaphern
2.1 Die metaphorische Struktur des' embodied mind '
2.2 Politisches Framing
2.2.1 Strenge Väter und fürsorgliche Eltern
2.2.2 Bi-Conceptuals und Essentially Contested Concepts

3. Risiko ‘, ‚ Sicherheit ‘ und ‚ Gefahr ‘ in der Politik
3.1. Gefahr
3.2. Sicherheit

4 Verantwortungsvolle Risikokommunikation

5 Fazit

6 Quellen- und Literaturverzeichnis

Es wäre angebracht, Männer von Athen, wenn alle, die hier reden, sich weder von Feindschaft noch von Parteilichkeit in ihren Worten leiten ließen, sondern jeder das, was er für das Beste hält, vortragen würde, gerade bei der Beratung gemeinsamer und so wichtiger Fragen; da aber einige aus dem Parteienstreit heraus oder aus irgendeinem anderen Grund dazu getrieben werden, das Wort zu ergreifen, liegt es, Männer von Athen, an euch, dem Volke, ohne Rücksicht auf alles andere nur das, was eurer Meinung nach für die Stadt von Nutzen ist, zu beschließen und durchzu- führen. “ (Demosthenes 341 v. Chr.)

1. Risikoforschung

Die interdisziplinäre Risikoforschung hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Das liegt unter anderem daran, dass es im Zuge der Globa- lisierung zu gesellschaftlichen Verstärkungen von Risiken (social amplification of risk) kommt, das heißt es gibt zunehmend sekundäre Risikoeffekte, die miteinan- der interagieren, also Risiken zweiter Ordnung (Banse 1996, 15ff). Prinzipiell lassen sich vier Ebenen innerhalb der Risikoforschung unterscheiden: Risiko- wahrnehmung und -identifizierung, Risikoanalyse und -abschätzung, Risikobe- wertung und -entscheidung und schließlich Risikomanagement. Dabei haben die verschiedenen Disziplinen jeweils eigene Schwerpunkte und bringen zum Teil unterschiedliche Methoden mit. Während für Psychologen das Individuum im Fokus steht (Bergmann 1996), beschäftigt sich die empirische Soziologie mit gesellschaftlichen Fragen (Beck 2008, Luhmann 1991), dagegen untersuchen Juristen eher normative Probleme (Seiler 1996, Di Fabio 1994) und für Philoso- phen ist das Verhältnis von Risiko und Sicherheit immer in Hinblick auf Freiheit zu denken (Safranski 2008, Birnbacher 1994).

Die Rolle der Risikokommunikation innerhalb der Risikoforschung be- steht nun zum einen darin, begriffliche Klarheit in den interdisziplinären Diskurs zu bringen und zum anderen darin, das erarbeitete Expertenwissen für den Laien und seine alltagssprachlichen Begriffsverwendungsweisen fruchtbar zu machen, damit Aufmerksamkeit erzeugt, Verständnis geweckt und Handlungskompetenz vermittelt werden kann. Das allgemeine Ziel der Risikoforschung besteht also darin, sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Risikos zu verringern, als auch mögliche Folgeschäden einzudämmen. Damit ist sie im besten Sinne aufkläre- risch. Im Anwendungsbereich der Politik lassen sich nun aber starke Interessen finden, welche diesem Unternehmen entgegen stehen. Es gibt professionelle Bemühungen, die Erkenntnisse der Sprachwissensschaften dazu zu benutzen, um Bürger, sprich Wähler, in ihren Meinungen zu beeinflussen, mithin zu manipu- lieren. Es soll in dieser Arbeit jedoch nicht darum gehen, solche Versuche in konkreten Staaten empirisch zu untersuchen. Vielmehr soll nach der Methode gefragt werden, welche die Analyse solcher Phänomene ermöglichen kann. Zu diesem Zweck soll hier zunächst die Metapherntheorie von George Lakoff1, eine holistische, also nichtmodulare, Theorie in der kognitiven Linguistik, in groben Zügen vorgestellt werden. Zum näheren Verständnis dieser Verortung innerhalb der Linguistik siehe (Schwarz-Friesel, 2008), zur Verortung innerhalb der Kognitionswissenschaften siehe (Varela 1990) und zur Verortung unter Metapher- theorien siehe (Rolf 2005). Davon ausgehend soll anschließend gezeigt werden, wie die Kommunikation der Begriffe Risiko, Sicherheit und Gefahr gestaltet werden kann und, wie Lakoff am Beispiel Amerikas zeigt, dies auch getan wird, um beim Publikum politischer Reden unterschiedliche Effekte zu bewirken. Dabei sollen die linguistischen Grundlagen im Vordergrund stehen, da deren Verständnis Voraussetzung dafür ist, einen verantwortungsvollen Umgang mit politischer Sprache institutionalisieren zu können und somit eine sichere Risiko- kommunikation im Anwendungsbereich der Politik zu ermöglichen.

2. Leben in Metaphern

2.1. Die metaphorische Struktur des' embodied mind '

1980 formulierte George Lakoff zusammen mit Mark Johnson eine Theorie der Metaphern (Lakoff/ Johnson 2003), die man Konzeptualisierungstheorie2 nennen könnte (Rolf 2005, 235-241). Diese geht davon aus, dass menschliches Denken und menschliche Sprache grundlegend metaphorisch strukturiert sind und dass diese Strukturierungen zu physischen Veränderungen im Gehirn führen. Metaphorisch meint dabei, dass eine Erfahrung partiell in den Ausdrücken einer anderen verstanden wird. Partiell meint wiederum, dass bestimmte Aspekte des Quellbereiches (source domain) hervorgehoben werden, um den Zielbereich (target domain) zu strukturieren, andere wiederum ausgeblendet werden (hiding and highlighting):

The primary function of metaphor is to provide a partial understanding of one kind of experience in terms of another kind of experience. This may involve preexisting isolated similarities, the creation of new similarities, and more. “ (Lakoff/ Johnson 2003, 154)

Das metaphorische Konzept ZEIT IST GELD beispielsweise strukturiert den Begriff' Zeit 'derart, dass man Zeit haben, investieren, sparen, verschwenden oder jeman- dem schenken kann (highlighting), jedoch nicht umtauschen, anlegen oder gar zurückbekommen kann (hiding). Fast jeder Begriff wird in der Regel auf diese Weise durch mehrere metaphorische Konzepte strukturiert. Diese Art von Metaphern werden Strukturmetaphern genannt. Es gibt lediglich ein paar sehr ele- mentare Begriffe, die unmittelbar aus der Natur emergieren. Das sind in erster Linie räumliche Kategorien, wie oben und unten, innen und außen, dran und weg, tief und flach, zentral und peripher sowie vorne und hinten (Lakoff/ Johnson 2003, 14ff). Diese können ganze Systeme von Konzepten in deren wechselseitiger Bezogenheit organisieren. Diese Art der Metaphern werden Orientierungsme- taphern genannt. Zum Beispiel: GLÜCKLICH SEIN IST OBEN und UNLÜCKLICH SEIN IST UNTEN. Diese zeigen sich in Ausdrücken, wie jemand lässt den Kopf hängen, ist nieder geschlagen, am Boden oder wurde von einem anderen runter ge- macht, wohingegen ein Glücklicher gut drauf ist, H ö hen flüge hat oder vielleicht von einem anderen auf gebaut wurde. Neben diesen beiden Arten von Metaphern gibt es noch eine dritte, nämlich ontologische Metaphern. Aus dem metaphori- schen Konzept INFLATION IST EINE ENTITÄT ergibt sich, dass über sie gesprochen wird, als ob sie ein in sich geschlossenes Gebilde mit inhärenter Eigenexistenz wäre.

Lakoff und Johnsen betonen ausdrücklich, dass Metaphern nicht nur Phä- nomene der Sprache sind. Wir denken, fühlen und handeln in Metaphern. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass sich Metaphern mit der Zeit physisch im Gehirn realisieren. Das Konzept des' verk ö rperten Geistes '(embodied mind) ergibt sich aus der Tatsache, dass synaptische Verbindungen zwischen zwei Neu- ronen physisch verstärkt werden, wenn diese gleichzeitig feuern (recruitment learning) (Lakoff/Johnson 1999, 16-44). Jeder metaphorische Ausdruck ist ein solches gleichzeitiges Feuern. Jede Erfahrung, ob perzeptiver, kognitiver oder kommunikativer Art, führt zu physischen Veränderungen in der Struktur des Gehirns, wobei die Häufigkeit den Grad der Veränderung bestimmt. Dadurch, dass nun auf diese Weise viele Konzepte miteinander verbunden werden können, entstehen gewisse Deutungsrahmen (frames). In diesen Frames sind die Erfahrun- gen der Begriffsverwendungsweisen kodiert. Sie geben den Begriffen erst ihre Bedeutung. Wir wüssten beispielsweise nicht, was die Bezeichnung „ Stuhl “ bedeutet, wenn wir nicht wüssten, wie Stühle aussehen können, wie man sie verwenden kann und wie sie üblicherweise verwendet werden. Innerhalb der Frames sind es die erfahrungsbasierten Metaphern, welche das Verstehen ermög- lichen. Zum Beispiel hat ein Stuhl Stuhl beine, weil er üblicherweise steht. Diese Art der Genese von Frames hat unter anderem zur Folge, dass sie automatisch aktiviert werden und unbewusst eine Weile aktiv bleiben, wenn jemand ein Wort nur hört. Es ist diese Hintergrundaktivität der Frames, welche Lakoff und Johnsen zu der Schätzung veranlassen, dass über neunzig Prozent des menschlichen Denkens unbewusst sind (Lakoff/Johnson 1999, 2-15). An dieser Stell soll kurz untersucht werden, welche Rolle Framing in der politischen Kommunikation spielt.

[...]


1 Lakoff hat diese Theorie natürlich nicht allein entwickelt, gilt aber als einer der Hauptvertreter neben anderen, z. B. Mark Johnson, Mark Turner, Rafael Núñez oder Zoltán Kövecses.

2 Aus der linguistischen Theorie von Lakoff und Johnson ergibt sich, dass die Bezeichnungen „ Konzept “, „ Begriff “ und „ Kategorie “ synonym verwendet werden.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656219781
ISBN (Buch)
9783656219873
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195933
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,7
Schlagworte
risikokommunikation reden

Autor

  • Martin Finkenhäuser (Autor)

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