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Shirley Temple - Der Kinderstar der 1930-er Jahre

Fachbuch 2012 69 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Ernst Probst

Shirley Temple

Der Kinderstar der 1930-er Jahre

Der erfolgreichste weibliche Kinderstar war die amerikanische Schauspielerin Shirley Temple. Das niedliche Mädchen begeisterte in den 1930-er Jahren das Publikum mit 24 zuckersüßen Filmen wie „Der kleinste Rebell“ (1935), „Rekrut Willie Winkie“ (1937), „Heidi“ (1937), „Die kleine Prinzessin“ (1939) und „Fräulein Winnetou“ (1939). Als junge Frau zog sie sich von der Kinoleinwand zurück und engagierte sich erfolgreich im Sozialwesen und in der Politik.

Shirley Jane Temple kam am 23. April 1928 um 9 Uhr abends als Tochter von George Francis Temple senior (1888–1980) und seiner Ehefrau Gertrude Amelia Temple (1893–1977), geborene Krieger, in Santa Monica (Kalifornien) zur Welt. „To late for dinner, and so I startet life one meal behind“, witzelte Shirley später. Die Eltern hatten 1914 geheiratet.

Der Vater von Shirley war Leiter einer Bankfiliale. Shirley hatte zwei ältere Brüder namens Jack Stanley (1915–1985) und George Francis junior (1919–1996), genannt „Sonny“. Die attraktive Mutter von Shirley wäre gern Balletttänzerin geworden, konnte diesen Traum aber letztlich nicht verwirklichen. Wie andere frustrierte Mütter, die selbst keine Tanzkarriere schafften, übertrug sie ihre diesbezüglichen Hoffnungen auf ihre Tochter. Während ihrer Schwangerschaft mit Shirley hörte die Mutter oft Plattenspieler-Musik und besuchte Tanzveranstaltungen. Nach der Geburt wiegte sie die kleine Shirley regelmäßig in ihrem Kinderbett zum Takt der Musik.

Mit drei Jahren erhielt Shirley ab September 1931 Tanzunterricht in „Ethel Meglin’s Dance Studio“ in Los Angeles. Eines der „Meglin Kiddie“ („Meglin-Kinder“) war die sechs Jahre ältere Judy Garland (1922–1969), die sich später dank ihres Talents an die Spitze der amerikanischen Filmdarstellerinnen spielte. Wenige Monate später wurde Shirley in der Tanzschule von dem Regisseur Charles Lamont (1895–1993) und dem Produzenten Jack Hays (1898–1975) aus Hollywood entdeckt.

Im Januar 1932 gab das Filmstudio „Educational Pictures“ Shirley einen zweijährigen Vertrag über 26 Kurzfilme. Als Gage vereinbarte man 50 US-Dollar pro Woche. In der Folgezeit trat sie in acht einaktigen „Baby-Burlesks“ auf, in denen Storys aus bekannten Filmen mit kleinen Kindern in Windeln nachgespielt wurden. Die „Baby-Burlesk“-Filme von 1931 bis 1933 bildeten das Gegenstück zur erfolgreichen Serie „Our Gang“ („Die kleinen Strolche“). Dabei mimte Shirley berühmte erwachsene Filmstars wie Marlene Dietrich (1901–1992) oder Dolores Del Rio (1905–1983). Zu den „Baby-Burlesks“ unter der Regie von Charles Lamont, bei denen Shirley mit von der Partie war, gehörten „Runt Page“ (1932), „War Babies“ (1932), „The Pie Covered Wagon“ (1932), „Glad Rags to Riches“ (1933), „Kid in Hollywood“ (1933), „The Kid’s Last Fight“ (1933), „Polly Tix in Washington“ (1933) und „Kid in Africa“ (1933).

Shirley empfand die „Baby-Burlesks“ später als zynische Ausbeutung kindlicher Unschuld. Teilweise kamen darin auch rassistische und sexistische Szenen vor. Im Umgang mit Kindern waren die Filmleute von „Educational Pictures“ offenbar nicht zimperlich. Wenn sich einer der Kinderstars schlecht benahm, wurde er in eine Box mit einem Eisblock eingesperrt und abgekühlt.

In der Serie „Frolics of Youth“ mit zweiaktigen Filmen verkörperte Shirley ein Mädchen namens Mary Lou Rogers. Zu dieser Serie zählten die Titel „Merrily Yours“ (1933), „What’s to Do?“ (1933), „Pardon My Pups“ (1934) und „Managed Money“ (1934).

Für „Red Haired Alibi“ (1932) lieh „Educational Pictures“ die kleine Shirley Temple an „Tower Productions“ aus. Hierfür erhielt sie eine bescheidene Gage von 50 US-Dollar für zwei Tage. 1933 kam sie auch bei „Paramount Pictures“ und „Warner Brothers“ zum Einsatz. Für den erwähnten Film „Kid in Hollywood“ (1933) erhöhte man ihre Gage auf 150 US-Dollar pro Woche. „Educational Pictures“ ging 1934 bankrott. Im Februar 1934 erhielt Shirley einen Vertrag beim Filmstudio „Fox“ (von 1935 bis 1985 „20th Century Fox“). „Fox“ lieh sie ebenfalls an „Paramount Pictures“ und „Warner Brothers“ aus, nahm sie aber Mitte 1934 endgültig für sieben Jahre mit steigendem Gehalt unter Vertrag. Für „Pardon My Pups“ (1934) zahlte „Fox“ an Shirley schon 1.000 US-Dollar pro Woche sowie für ihre Mutter, die sie coachte und frisierte, 250 US-Dollar pro Woche.

Bereits als Fünfjährige beherrschte Shirley Temple komplizierte Stepp-Choreographien. Wegen ihrer ungewöhnlichen Begabung im Stepptanz wurde sie von ihren Fans gefeiert. Bis zum Alter von sechs Jahren glaubte sie an die Existenz des Weihnachtsmanns mit fliegendem Rentier-Schlitten („Santa Claus“). Dann ging sie mit ihrer Mutter in ein Kaufhaus, um „Santa Claus“ zu sehen und dieser bat sie kurioserweise um ein Autogramm.

Einem größeren Publikum wurde Shirley Temple durch den „Fox“-Film „Stand Up and Cheer“ („Wir senden Sonne“, 1934) bekannt. Dabei trat sie neben Warner Baxter (1889–1951) auf, tanzte mit James Dunn (1905–1967) und sang mit ihm das Lied „Baby Take a Bow“ von Jay Gorney (1896–1990). Der Songwriter Gorney hatte Shirley persönlich als Interpretin für sein Lied empfohlen. Alle anderen Mädchen, die man für diese Rolle gemeldet hatte, waren scheu und vor der Kamera untauglich gewesen. Nur Shirley hatte ungezwungen vor dem Produzenten Winfield Sheehan (1883–1945) gesungen und getanzt.

Danach wurde Shirley von ihrer karrieresüchtigen Mutter Gertrude Amelia Temple systematisch zum Kinderstar getrimmt. Die Mutter drehte Shirley sorgfältig die 56 Locken, die stets zu ihrer charakteristischen Frisur gehörten, und feuerte sie bei Dreharbeiten an, das Beste zu geben. „Sparkle, Shirley, sparkle!“ rief die Mutter oft.

Bereits 1934 sah man Shirley Temple in rund einem Dutzend Filmen: „Pardon My Pups“, „Carolina“, „Mandalay“, „As the Earth Turns“, „Managed Money“, „Stand Up and Cheer“, „Now I’ll Tell“, „Change of Heart“, „Little Miss Marker“, „Now I’ll Tell“ „Baby Take a Bow“ („Shirleys großes Spiel“), „Now and forever“ („Treffpunkt Paris!“) und „Bright Eyes“ („Lachende Augen“). Für „Little Miss Marker“ wurde Shirley für 1.000 US-Dollar pro Woche von „20th Century Fox“ an „Paramount Pictures“ ausgeliehen. In „Little Miss Marker“ trat Shirley neben Adolphe Menjou (1890–1963) auf, nach dem das „Menjou-Bärtchen“ benannt ist. Der erfahrene Schauspieler Menjou sagte über Shirley: „Dieses Kind macht mir Angst. Es kennt alle Tricks“. Nach den Dreharbeiten wusste man bei „Paramount Pictures“, dass ein neuer Star geboren worden war. Man bot „Fox“ 50.000 US-Dollar für den Ausstieg aus dem Vertrag mit Shirley an, doch das Filmstudio lehnte ab.

„Little Miss Marker“ erwies sich an den Kinokassen in den USA als großer finanzieller Erfolg. Dank der merklich höheren Gagen von Shirley für ihre Filme konnte die Familie Temple in ein größeres Haus umziehen, eine Haushälterin engagieren und eine Sekretärin beschäftigen, die sich um die Fanpost kümmerte. Damals erhielt Shirley mehr als 4.000 Fanbriefe pro Woche und 13 US-Dollar Taschengeld im Monat.

In „Baby Take A Bow“ spielte Shirley neben Claire Trevor (1910–2000). Am Set von „Now and forever“ begegnete ihr erstmals der 13-jährige Gary Cooper (1901–1961), der sie um ein Autogramm bat. In „Bright Eyes“ sang Shirley den unvergessenen Hit „On the Good Ship Lollipop“ und gelangte zu Weltruhm. Die Platte mit diesem Lied ging rund 500.000 Mal über den Ladentisch. In England gehörten die Prinzessinnen Elizabeth und Margaret zu den begeisterten Fans von Shirley.

Für ihre Filme von 1934 erhielt die sechsjährige Shirley Temple im Februar 1935 „in dankbarer Anerkennung für ihren herausragenden Beitrag zur Filmunterhaltung“ einen Ehren-„Oscar“. Damit ist sie bis heute die jüngste „Oscar“-Gewinnerin aller Zeiten. Mitte März 1935 hinterließ Shirley vor dem Premierenkino „Grauman’s Chinese Theatre“ in Hollywood ihre Hand- und

Fußabdrücke im frischen Zement.

Als Tochter eines Südstaatenpflanzers, der im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) von den Yankees gefangengenommen und zum Tode verurteilt wird, sah man Shirley Temple in dem Film „The Littlest Rebel“ („Der kleine Rebell“, 1935). Flugs eilt sie zu Präsident Abraham Lincoln (1809–1865), singt und steppt vor ihm, erweicht sein Herz und erreicht die Begnadigung ihres Daddy.

Im Alter von sieben Jahren verdiente Shirley Temple wöchentlich bereits 2.500 US-Dollar. Damals wünschte sie sich sehnlichst, einmal ein Haus zu besitzen, in dem sich eine Eiskonditorei befindet. Ihre Mutter erhielt für die Betreuung und für das Einstudieren der Filmrollen ihrer Tochter ein Gehalt, durfte aber nicht mehr über ihr Kind bestimmen und sogar nicht mehr mit ihm ausgehen.

Übereifrige Souvenirjäger schnitten Shirley einmal mit der Schere einige Locken ihrer goldenen Haarpracht ab. Deswegen mussten die Dreharbeiten bis zum Nachwachsen der Locken ruhen. Wie beliebt die Kleine war, kann man auch daran ablesen, dass sie innerhalb einer Woche etwa 800 Einladungen zu Geburtstagsfeiern bekam, denen sie unmöglich allen folgen konnte.

Bei „Lloyds“ in London wurde für die siebenjährige Shirley Temple eine Lebensversicherung abgeschlossen. Der Vertrag sah aber vor, dass „Lloyds“ nicht zahlen würde, wenn Shirley im Rausch den Tod oder eine Verletzung erleiden würde.

Zusammen mit dem berühmten Schauspieler und Tänzer Bill „Bojangles“ Robinson (1878–1949) tanzte Shirley Temple in mehreren Filmen wie „The Little Colonel“ („Oberst Shirley“, 1935), „Rebecca of Sunnybrook Farm“ (1938) und „Just Around The Corner“ (1938), aber auch mit anderen Tanzpartnern. Weil Robinson Afroamerikaner war, mussten im rassistisch geprägten Süden der USA jene Szenen, in denen er die weiße Shirley an der Hand hielt, oft herausgeschnitten werden. Shirley Temple und Bill Robinson waren damals das einzige Tanzpaar, das es mit der Bekanntheit des Tanzpaares Fred Astaire (1899–1987) und Ginger Rogers (1911–1995) aufnehmen konnte.

Von 1935 bis 1938 erreichte Shirley Temple in der Rangliste der umsatzstärksten amerikanischen Kinokassenstars den ersten Platz. 1936 erhielt Shirley einen neuen Vertrag von „20th Century Fox“. Dieser garantierte ihr mehr als 50.000 US-Dollar pro Film. Mit acht Jahren war sie so berühmt, dass man im Mai 1936 in New York City einen neuen Wolkenkratzer nach ihr als „Shirley-Temple-Building“ bezeichnete und ihr für die Verwendung ihres Namens 8.000 US-Dollar zahlte. 1937 erzielte die neunjährige Shirley mit 307.014 US-Dollar das siebthöchste Jahreseinkommen in den USA und rangierte damit noch vor dem Präsidenten der Automobilfirma „General Motors“. Hinzu kamen allmonatlich Werbeeinnahmen von 30.000 US-Dollar. Neben Freddie Barholomew (1924–1992), Jackie Cooper (1922–2011), Deanna Durbin (geboren 1921) gehörte Shirley Temple zu den am meisten verdienenden Kinderstars. Als Elfjährige besaß sie bereits ein Vermögen von mehr als drei Millionen US-Dollar. Erst 1939 rutschte sie in der Rangliste der umsatzstärksten Kinokassenstars in den USA auf den fünften Platz ab.

Indien ist der Schauplatz des Films „Wee Willie Winkie“ („Rekrut Willie Winkie“, 1937), in dem Shirley Temple in die britische Armee eintritt, deren Wahlspruch lautet: „Fürchte Gott, ehre die Königin, schieß genau und bleib sauber“. Mit einem Holzgewehr bewaffnet reitet sie zu indischen Rebellen am Khaiber-Pass und überredet sie, Frieden zu schließen. Wegen dieses Streifens beschuldigte der britische Filmkritiker Graham Green (1904–1991) das Studio „20th Century Fox“, es würde Shirley zu „unmoralischen Zwecken“ ausbeuten, was ihm eine Geldstrafe von 3.500 Pfund einbrachte.

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Details

Seiten
69
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656218760
ISBN (Buch)
9783656219293
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195875
Note
Schlagworte
Shirley Temple Film Filmstars Filmschauspielerinnen Schauspielerinenn Frauenbiografien Kurzbiografien Biografien

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