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Der Faktor Alter beim Fremdsprachenerwerb

Sind erwachsene LernerInnen gegenüber Kindern tatsächlich benachteiligt beim Erlernen einer Fremdsprache?

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Alter als Konstrukt

3 Fremdsprachenlernen im Kindes- und Erwachsenenalter
3.1 Kinder und jüngere Erwachsene
3.2 Ältere Erwachsene

4 Neuere Fremdsprachentheorien über den Faktor Alter
4.1 Universal Grammar-Theory
4.2 Monitor Theory

5 Probleme des Fremdsprachenlernens älterer LernerInnen
5.1 Das Gedächtnis
5.2 Das Hörverstehen
5.3 Die Aussprache
5.4 Angst und Scham

6 Zusammenfassung

Bibliografie

1 Einleitung

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Diese alte Volksweisheit ist nach wie vor die Auffassung vieler Menschen und auf Grund dessen fehlt vielen Personen im höheren Alter die Motivation eine Fremdsprache zu erlernen. Doch ist dem wirklich so? Lernen Kinder eine Fremdsprache umso schneller und besser, desto jünger sie sind? Ist der Fremdsprachenunterricht mit Erwachsenen sinnlos, weil ihre Sprachlernfähigkeit ohnehin verloren ist? Auf diese Fragestellungen und insbesondere auf die Probleme, die ältere LernerInnen beim Fremdsprachenlernen erfahren können, soll in dieser Hausarbeit eingegangen werden. Dabei soll vor allem auf die oftmals vernachlässigte Zielgruppe der SeniorInnen, d.h. auf die über 60-jährigen Bezug genommen werden. Zunächst wird der allgemeine Altersbegriff erläutert, welcher bereits als aufbauende Hinführung zum Kernthema dienen soll. In Abschnitt 3 wird eine Differenzierung zwischen den einzelnen Altersgruppen bezüglich der Lernfähigkeiten vorgenommen. In Bezug auf das Alter beim Fremdsprachenerwerb gibt es zahlreiche veraltete Theorien und Studien. Auf Grund dessen wird in Punkt 4 die Rolle des Faktors Alter in neueren Fremdsprachenlerntheorien erklärt. Abschnitt 5 bildet den Kern dieser Hausarbeit. Er beinhaltet die Hauptprobleme, welche die Mehrheit der älteren Lernenden haben. Dabei soll vermieden werden sich lediglich auf Fakten, Theorien und Erklärungsversuche zu beziehen, sondern es sollen dabei auch Ansätze die nützlich für die Unterrichtspraxis sein können, dargestellt werden.

In der vorliegenden Hausarbeit wird der Begriff „Fremdsprachenunterricht“ anstatt „Deutsch als Fremdsprache - Unterricht“ verwendet. Dies ist eine bewusste Entscheidung, da die hier genannten Fakten nicht nur in DaF eine Rolle spielen.

2 Alter als Konstrukt

Es ist nur bedingt möglich einen eindeutigen Altersbegriff zu definieren, denn Menschen mit derselben Lebensdauer werden in Bezug auf ihr Alter dennoch unterschiedlich eingeschätzt. Die Gerontologie differenziert deshalb zwei Alterskategorien, die als zwei separate Objekte angesehen werden und jeweils für sich allein (vgl. Beier 1994: 45). Das chronologische Alter benennt die zeitliche Lebensdauer eines Lebewesens seit dessen Geburt. Der zweite Gegenstand ist das funktionelle Alter, welches den biologischen Zustand einer Person umfasst. In der Gerontologie bezeichnet man dieses Alter als „Vitalität“ (Ries 1989: 2). Auf Grund dessen können Menschen ungleichen chronologischen Alters das gleiche biologische Alter aufweisen, das bedeutet gleich vital sein (vgl. Berndt 2003: 27).

In der Entwicklungspsychologie wird außerdem zwischen dem objektiven, welches synonym für chronologisches Alter steht, und subjektiven Alter differenziert. Demnach kann das objektive Alter eines 50-jährigen Menschen mit dem subjektiven Alter eines 30-jährigen übereinstimmen (vgl. Filipp / Ferring 1989: 279). Filipp / Ferring (1989: 288) vertreten deshalb die Ansicht, dass das Alter „ein Konstrukt unterschiedlicher korrelierender Faktoren [ist], die mit den Hauptbereichen des physischen, psychischen, mentalen und sozialen Alters zu fassen sind“. Deshalb wirkt sich das Alter nicht direkt auf den Fremdsprachenerwerb aus, sondern indirekt über altersbedingte Entwicklungen in verschiedenen Bereichen. Die verschiedenen Phänomene welche auf den unterschiedlichen Altersstufen im Fremdsprachenunterricht beobachtet werden, sind daher Folgen von neurologischen, kognitiven und psychosozialen Veränderungen, die über die Lebensdauer entstanden sind (vgl. Edmondson 1999: 125).

3 Fremdsprachenlernen im Kindes- und Erwachsenenalter

Die Forschungsergebnisse über die Beziehung zwischen Alter und Fremdsprachenlernen bezüglich des Kindheits- und Erwachsenenalters sind von enormer Widersprüchlichkeit gekennzeichnet (vgl. Marinova-Todd et al. 2000: 9). Dies begründet sich dadurch, dass eine Vielzahl von Untersuchungsmethoden angewendet werden und jede Probandengruppe unterschiedlich ist (vgl. Ellis 1994: 484). Somit wird in verschiedenen Publikationen die Ansicht vertreten, dass erwachsene LernerInnen, vor allem bezüglich der Grammatik schneller beim Lernen sind als Jüngere. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass jüngere LernerInnen eher eine muttersprachliche Kompetenz in den Fertigkeiten Sprechen und Schreiben erlangen als wiederum ältere LernerInnen. Weiterhin wird die These vertreten, dass Kinder im Bereich der Aussprache, in der phonetischen Umsetzung, besser sind als Erwachsene. Somit ist es wahrscheinlicher, dass sie früher eine akzentfreie Sprachrealisierung erwerben als Erwachsene (vgl. Berndt 2003: 28). Edmondson (1999: 122) formuliert diese Ansichten zusammenfassend zu der Aussage: „The earlier you start, the less likely you fossilise“. Dennoch gibt es in den Untersuchungen zum Einfluss des Alters auf den L2- Erwerb unzählige Fehlinterpretationen und nur wenige Studien über erfolgreiche erwachsene LernerInnen. Bei vergleichenden Untersuchungen zwischen jungen und älteren LernerInnen in Bezug auf die Existenz einer sensiblen Phase, wurde eine enorme Homogenität der Ergebnisse zu jüngeren LernerInnen und eine ausgeprägte Heterogenität zu erwachsenen LernerInnen nachgewiesen (vgl. Marinova-Todd et al. 2000: 11). Hier bestätigt sich die Hypothese der „interindividuellen Variabilität“ (Berndt 2003: 115), die besagt, dass das Altern als Individualisierungsprozess aufgefasst werden kann, bei dem Menschen sich in ihrem Charakter immer mehr voneinander unterscheiden. Daraus ergibt sich, dass sich auch die Intelligenz individuell im Alter entwickelt und diese ist wiederum Indikator für die Verarbeitung von Informationen und Lernen, auch des Fremdsprachenlernens (Berndt 2003: 115). Die Schlussfolgerung ist also, dass das Alter zwar das Fremdsprachenlernen beeinflusst, aber primär verbunden mit sozialen, psychologischen, bildenden und anderen Faktoren, die Auswirkung auf den L2-Erwerb haben. Es gibt keine kritische Phase, welche die Möglichkeit des Fremdsprachenlernens bei Erwachsenen beeinflusst (Marinova-Todd et al. 2000: 28).

3.1 Kinder und jüngere Erwachsene

Nach Grotjahn (2003: 32) betrifft die Bezeichnung erwachsene/r LernerIn, Menschen die ein Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren erreicht haben. Somit wird auf die Unterscheidung zwischen Jugendlichen und Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen verzichtet. Dennoch ist zu sagen, dass ein zehnjähriges Kind, welches bspw. Französisch als erste Fremdsprache erlernt nicht mit einem Vierzehnjährigen der Deutsch als Zweitsprache lernt zu vergleichen ist (vgl. Grotjahn 2003: 32). Weiterhin wird an dieser Stelle der Begriff ‚Kinder’ ab einem Alter von sechs Jahren verwendet, da implizit davon ausgegangen wird, dass L2- Lernen nicht vor dem 6. Lebensjahr beginnt. In diesem Altersabschnitt würde man eher von einer bilingualen Spracherziehung sprechen. Weiterhin erweist es sich als schwierig die Sprachkompetenz in diesem Alter zu messen (vgl. Edmondson / House 2006: 174). Grotjahn (2003: 33) geht davon aus, dass auch Kinder Fremdsprachen nicht ohne Arbeits- und Zeitaufwand erlernen können. Dies trifft vor allem auf die ‚cognitive academic language proficiency’, also auf die kognitiv-schulbezogenen Sprachfähigkeiten, und weniger auf ‚basic interpersonal skills’, die grundlegenden Kommunikationsfertigkeiten, zu (vgl. Neugebauer / Nodari 1999: 4). Wie in Punkt 3 bereits erwähnt, lernen Erwachsene in Bezug auf die Aussprache und die Morphosyntax zumindest anfänglich meist schneller als Kinder. Im Bereich der Lexik und Pragmatik sind Erwachsene gegenüber Kindern jedoch längerfristig im Vorteil, da Menschen im höheren Alter meist über größere kognitive Ressourcen und über ein weitgefächertes Weltwissen verfügen (vgl. Grotjahn 2003: 33). Der letztendlich erreichbare Sprachstand ist jedoch bei Kindern meist ausgeprägter. Dennoch können auch Erwachsene zumindest im Bereich der Aussprache einen ähnlichen Stand erreichen wie Kinder. Dies wird vor allem oft durch die entsprechenden unterrichtlichen Maßnahmen erreicht. Aber auch ohne diese gibt es viele Beispiele dafür, dass erwachsene LernerInnen ein muttersprachliches Niveau in einer Zweitsprache erreichen können. Gleichwohl gibt es nicht wenige Menschen, die den L2-Erwerb zwar in frühester Kindheit begonnen haben, aber dennoch einen starken Akzent aufweisen (vgl. Flege / Liu 2001: 549).

3.2 Ältere Erwachsene

Eine durch den Demografiewandel immer wichtiger werdende Gruppe sind die älteren LernerInnen, die SeniorInnen (vgl. Grotjahn 2003: 36). Im Folgenden soll diese Lernergruppe charakterisiert werden. Zunächst liegt die Motivation der älteren erwachsenen LernerInnen meist im sozialen oder persönlichen Bereich. Das bedeutet, dass viele SeniorInnen eine Fremdsprache erlernen wollen, weil sie bspw. eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung oder soziale Kontakte suchen, ihr Gedächtnis trainieren, einen alten Traum verwirklichen oder auf Reisen gehen wollen (vgl. Berndt 2003: 148). Ein weiteres Merkmal dieser LernerInnen besteht darin, dass sie meist über andere Lernstile verfügen als sie in der heutigen Zeit üblich sind. Dies kann zu Konflikten im Fremdsprachenunterricht führen, da die Unterrichtssituationen anders sind als die LernerInnen es aus ihrer Erfahrung kennen. Weiterhin weisen ältere LernerInnen meist eine höhere Sprechangst, ein negatives Selbstkonzept sowie Versagensangst auf (vgl. Grotjahn 2003: 36).

4 Neuere Fremdsprachentheorien über den Faktor Alter

4.1 Universal Grammar-Theory

Die Universal Grammar-Theory besagt, dass Erwachsene beim Fremdsprachenlernen nicht mehr fähig sind die kognitiven Fähigkeiten „zu formalen Operationen“ (Felix 1982: 291) vollkommen auszuschließen. Diese Fähigkeiten bilden sich erst im Pubertätsalter komplett heraus und unterdrücken dann die besondere Erwerbsfähigkeit, die Kinder haben. Kinder nehmen neue sprachliche Fakten intuitiv auf und verarbeiten diese auch auf diese Art und Weise. Erwachsene hingegen beziehen sich meist nur noch auf grammatische Regeln (vgl. Quetz 2003: 467). Der Mensch ist biogenetisch so ausgestattet, dass er sprachliche Grundlagen erkennt und die Daten aus seinem sozialen Umfeld verarbeiten kann (Chomsky zit. nach Quetz 2003: 467). Die meisten ForscherInnen gehen aber davon aus, dass Gesetze, die auf alle Sprachen zutreffen (‚Universalien’), nur bis zum abschließenden Erwerb der Muttersprache dem Mensch zur Verfügung stehen (vgl. Quetz 2003: 467). Clahsen / Muysken (1986: 93) haben untersucht, dass Kinder einfachere linguistische Regeln der deutschen Sprache spontan erfassen, d.h. mit den Grundsätzen der Universal Grammar eine Fremdsprache erwerben. In den neuen Untersuchungen zur Universal Grammar fand man jedoch heraus, dass gerade die angeborenen Gesetzesmäßigkeiten und Faktoren den Erwerb der Syntax regieren und dies auch noch im höheren Alter. In verschiedener Literatur wird auch oft die These vertreten, dass nur bestimmte Gesichtspunkte der Universal Grammar im Alter nicht mehr verfügbar sind (vgl. Quetz 2003: 467).

4.2 Monitor Theory

Die Monitor Theory besagt, dass Erwachsene über zwei verschiedene Systeme des Zweitsprachenwerwerbs verfügen: Der unbewusste und der bewusste Zweitsprachenwerb. Die einzige Funktion, die Sprachenlernen dabei hat, ist die als Überwacher - als Monitor (vgl. Edmondson / House 2006: 277). In der Monitor Theory zählt das Alter zu den personalen und affektiven Faktoren, die im Ganzen den sogenannten ‚affektiven Filter’ formen. Dieser Filter wählt aus, „welche Daten als intake in den Organizer aufgenommen werden“ (Quetz 2003: 468). Dabei ist das ‚Erwerben’ der beste Weg zur Sprachkompetenz. Erwachsene jedoch orientieren sich hauptsächlich an Grammatikregeln und wollen ständig Kontrolle über ihre Sprachproduktion haben. Genauer bedeutet das, die zu starke Bedienung am Monitor. Demnach ist es der affektive Filter, der Erwachsene in dauerhaften Erwerbsprozessen schlechtere Leistungen erbringen lässt als Kinder. Aber dies ist auch der Grund, dass ältere LernerInnen Kindern anfänglich beim Fremdsprachenlernen überlegen sind. Lässt man Erwachsene unter optimalen Voraussetzungen eine Fremdsprache lernen, so können sie es dennoch schaffen ihre Erwerbsfähigkeit zu reaktivieren (vgl. Quetz 2003: 468).

Die Monitor Theory ist im Gegensatz zur Universal Grammar-Theory weniger deterministisch. Durch die Monitor Theory ist es möglich die Unterschiede in den Lernergebnissen von Kindern im Vergleich zu Erwachsenen zu erklären. Weiterhin kann man die Varianz innerhalb einer älteren LernerInnengruppe aufzeigen (vgl. Quetz 2003: 468).

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Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656215509
ISBN (Buch)
9783656216513
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195770
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Herder-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Theorien und Modelle Fremdsprachenerwerb Zweitsprachenerwerb Alter DaF Monitor-Theorie

Autor

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