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Waltz und der indisch-pakistanische Konflikt

Eine neorealistische Analyse

von Ferdinand Frisch (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Indo-pakistanischer-Konflikt: Ein Überblick

2. Theoretischer Rahmen
2.1. Waltz’ Theory of International Politics
2.2. Waltz und die Existenz von Nuklearwaffen

3. Empirischer Teil.
3.1. Case study I: Der 3. Indo-pakistanische Krieg 1971
3.2. Case study II: Die Kargil Krise 1999.
3.3. Lehren aus der Vergangenheit: Ein Fazit

4. Ausblick und Prognose

5. Literatur

1. Indo-pakistanischer-Konflikt: Ein Überblick

Der indisch-pakistanische Konflikt gilt als einer der langwierigsten, schwierigsten und gefährlichsten Konflikte der Welt. Gebrandmarkt mit vier Kriegen, zahlreichen Konflikten, zwei Atomtests, ständigen Proliferationsbemühungen und einem permanent konfliktiven Status quo, ist vor allem eines signifikant: seine Beständigkeit. „The degree and form of crisis in relationship - the rhetoric that goes with it - has varied with time, events and personalities; but the substance of it has remained“ (Jalalzai 2005). Dabei macht Jalalzai ganz besonders einen Antagonismus zwischen den beiden Ländern fest, der gerade durch die Langwierigkeit des Konflikts gestärkt wurde. Dieser Antagonismus schlägt sich allerdings nicht nur in der Art des Konfliktaustrages nieder, sondern auch in den jeweils vorhanden capabilities, also Macht- und Sicherungspotentiale von Staaten im waltzschen Sinne (vgl. Waltz 1979). Figur 2.2 aus Paul 2006 zeigt dabei die Ergebnisse aller Konflikte seit der Unabhängigkeit beider Staaten 1947 bis 2006. Hier wird eine besondere Asymmetrie in Bezug auf den Erfolg von kriegerischen Auseinandersetzungen zugunsten Indiens erkennbar. Figur 2.1 veranschaulicht zusätzlich die militärische Asymmetrie zwischen den beiden Ländern. Nimmt man jetzt noch das jährliche Wirtschaftswachstum der Länder hinzu, sowie die Population, militärische Gesamtstärke und geographische Größe (alles capabilities im Sinne von Waltz) verstärkt sich der Antagonismus deutlich. So wuchs Indiens Wirtschaft im Jahre 2007 um 9%, Pakistans hingegen nur um 5.8%. Bei der Population kann Indien fast eine Milliarde Menschen mehr verzeichnen, und auch die militärische Gesamtstärke liegt deutlich zu Gunsten Indiens mit einer Ratio von ca. 585 Mio. indischen Soldaten zu ca. 83 Mio. pakistanischen. Indien selbst ist zudem knapp 4-mal so groß wie Pakistan (vgl. für alle Zahlen CIA Factbook). Alles in Allem spricht daher viel für die asymmetrische Verteilung der capabilities im süd-asiatischen Raum die Jalalzai diagnostiziert. Schaut man sich das regionale, indische Übergewicht im Vergleich zu den Hegemonialmächten während dem Ost-West-Konflikt, USA und UDSSR, an wird eines deutlich: Indien ist ein regionaler Hegemon, allerdings keine globale Großmacht.

Was bedeutet dies nun für die empirisch, historische Grundlage sowie Relevanz der Arbeit? Aus pakistanischer Sicht ist eine Balancierung Indiens eine logische (in der Tradition des strukturellen Realismus verhaftete) Folge. Staaten balancen (alliieren sich gegen den mächtigsten Staat) anstatt bandwagoning (alliieren sich mit dem mächtigsten Staat) zu betreiben, weil das Risiko vom mächtigeren Staat verschluckt zu werden größer ist als sich durch die Bildung einer Allianz mit anderen Staaten vor ihm zu schützen. Da dies auf konventionellem Wege (wichtigstes Indiz hierfür sind die konstant höheren Verteidigungsausgaben Pakistans: seit 1962 bis 1980 liegt der Mittelwert Pakistans bei 6,37%, für Indien bei 2,96%; vgl. für Zahlen Regional Centre for Strategic Studies) allerdings über die Jahrzehnte erfolglos blieb (s. auch Figur 2.2), betrieb Pakistan eine parallele Außenpolitik der Allianzbildung. „In reality, Pakistan has been the challenger but it was not necessarily the weaker party because Pakistan had enjoyed near-parity in the military sphere with India in the 1950s as a result of its military ties with the US“ (Paul 2006). So haben die USA und Pakistan beispielsweise in den 50iger Jahren eine Reihe von bilateralen Abkommen geschlossen um nicht nur die Non-Alignment Politik Nehrus zu balancieren oder etwa die kommunistischen Staaten UDSSR (hier ganz besonders als Reaktion auf den sowjetischen Atomtest von 1949) und China, sondern auch um eine regionale Basis zu etablieren für etwaige Einsätze (gerade das iranische Regime sowie deren Öl-Politik erwies sich als potentiell langfristiges Problem für die USA). Darunter vielen der Vertrag zur „Mutual Defense Assistance“ 1954, der „Baghdad Pact“ 1955 oder auch das „Bilateral Agreement of Cooperation“ 1959. Darüber hinaus waren die USA (und sind es bis heute) der größte Geldgeber Pakistans (ca. $400 Millionen pro Jahr Anfang 1960).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Paul 2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Paul 2006

Umrahmt wird der indisch-pakistanische Konflikt also von den Einflüssen der Großmächte USA, UDSSR (und später Russland) sowie China, die ihre Interessen nicht nur in dem Erhalt des Konflikts vertreten sehen, sondern auch in Form von einem external balancing (s. unten). So haben die USA Pakistan während dem Ost-West-Konflikt nicht nur als Balancer zu Indien im südasiatischen Raum gesehen, sondern darüber hinaus als Allianzpartner gegen die UDSSR. Russland hingegen sah sich spätestens durch Nixons rapproachment mit China 1971 dazu veranlasst Indien als Allianzpartner zu sehen. China, als kleinste Großmacht unter den dreien, sah in Indien und Russland zwei Mächte die in direkter Nachbarschaft lebten. Eine Allianz zur Balancierung dieser (Groß-) Mächte mit den USA war dabei nur eine Frage der Zeit.

Nimmt man die nukleare Dimension die diesen Konflikt seit Mitte der 80er Jahre begleitet mit hinzu, so wird nicht nur dessen Brisanz deutlich sondern auch dessen Notwendigkeit zur Lösung oder gar Befriedung. Aus politikwissenschaftlicher Sicht also ein ganz klassischer Fall der Konfliktforschung im Rahmen der Internationalen Beziehungen der Anlass zur Analyse gibt, besonders für eine prognostische.

Die Arbeit widmet sich im Grunde drei Fragemustern die einem neorealistischen Paradigma folgen. Erstens, welche strukturellen Faktoren führten zu einer rein konventionellen Kriegsaustragung zwischen Indien und Pakistan während dem Ost-West-Konflikt? Zweitens, welche strukturellen Faktoren befriedeten die Konflikte nach dem Ende des Ost-West- Konfliktes? Drittens, welche prognostischen Zyklen lassen sich daraus herausarbeiten? Dabei dient der ersten Fragestellung Fallstudie I: Der dritte Indo-Pak-Krieg. Für die zweite Fragestellung ziehe ich Fallstudie II: Die Kargil Krise heran.

In einem ersten Schritt soll zur Beantwortung der Fragen zunächst ein theoretischer Unterbau geschaffen werden, der sich ganz am waltzschen strukturellen Realismus orientiert (vgl. Waltz 1979 und s. unten). Dabei muss erwähnt werden, dass im Rahmen dieser Arbeit die waltzsche Theorie nur ansatzweise behandelt werden kann und nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe. Innerhalb dieses theoriebezogenen Teils ist es außerdem wichtig zwei Unterscheidungen deutlich zu machen: Zum einen Waltz Theorie des strukturellen Realismus (s. Kapitel 2.1) und zum anderen Waltz strukturelle realistische Sicht auf die Existenz und Verbreitung von Nuklearwaffen (s. Kapitel 2.2). Dies ist wichtig, da durch die Unterteilung der Fallstudien eine mögliche Entwicklung des Konfliktaustrages erkennbar gemacht wird und dies letztendlich in einer Prognose münden soll. Empirisch ausgedrückt: Fallstudie I beschäftigt sich mit dem Konfliktaustrag ohne Nuklearwaffen, Fallstudie II hingegen mit dem Konfliktaustrag bei gleichzeitiger Präsenz von Nuklearwaffen. Die abhängige Variable ist dabei immer das außenpolitische Verhalten der involvierten Staaten, wohingegen die unabhängige Variable, ganz im waltzschen Sinne, das internationale System darstellt. Im zweiten Schritt werden die beiden Fallstudien anhand des theoretischen Rahmens analysiert und eingeordnet. Dabei soll jeweils ein Zwischenfazit die beiden ersten Fragestellungen beantworten. Wichtig: Die Bearbeitung der ersten beiden Fragestellungen hat nicht zur Aufgabe das Verhalten der beiden Staaten zu erklären. Vielmehr geht es darum die strukturellen Umstände die zu einem konventionellen oder asymmetrischen Kriegsaustrag geführt haben deutlich zu machen. Waltz dazu: „Balance-of-power theory is a theory about the results produced by the uncoordinated actions of states. The theory makes assumptions about the interests and motives of states, rather than explaining them” (Waltz 1979, S.122). Im dritten und letzten Schritt der Arbeit wird die dritte Fragestellung behandelt werden, also die bisherigen Erkenntnisse in Bezug auf die Prognosefähigkeit der waltzschen Theorie gebracht. Letztendlich soll ein Konflikt-Zyklus erarbeitet werden, der sich primär auf die strukturellen Einflüsse des internationalen Systems stützt und sekundär auf das direkte Verhältnis der beiden Staaten zueinander. Schließlich ist nach Waltz die Struktur des internationalen Systems die unabhängige Variable die das Verhalten der Staaten, und somit hier einen prognostischen Ansatz liefert, determiniert.

2. Theoretischer Rahmen

Im Folgenden geht es um die theoretische Fundamentierung des Analysegegenstandes. Dabei wird Rückgriff auf den strukturellen Neorealismus nach Kenneth N. Waltz genommen. Während Kapitel 2.1 eine Rahmeneinbettung der Fallstudien schafft, wird Kapitel 2.2 sich besonders mit operationalisierbaren Begriffen befassen. Waltz stützt seine Theorie zunächst auf drei Ebenen innerhalb der Internationalen Beziehungen, die er in seinem Aufsatz „Man, the State, and War“ 1982 einordnet. Im Grunde geht es ihm dabei um die Erklärung unter welchen Vorraussetzungen es Krieg oder einen negativen Frieden (also die Abstinenz von Krieg) geben kann. Dabei stellt der Mensch (erste Ebene) den anthropologischen Rahmen innerhalb dessen er sich seinem Naturzustand ergibt. „Wars result from selfishness, aggressive impulses, from stupidity“ (Waltz 1982, S.8-9). Nur wenn der Mensch beziehungsweise sein Naturzustand durch eine moralisch-intellektuelle oder soziologische Bildung verändert werden kann, ist eine positive Prognose denkbar. Geschieht dies nicht, bleibt sie pessimistisch.

Die zweite Ebene ist nach Waltz der Staat, genauer ausgedrückt die innere Verfasstheit von Staaten. Auf dieser Ebene gibt er verschiedene Analyseansätze: „War most often promotes the internal unity of each state involved. The state plagued by internal strife may then, instead of waiting for the accidental attack, seek the war that will bring internal peace” (Waltz 1982, S.10), “Or the explanation may be given in terms of defects in a government not itself considered bad” (Waltz 1982, S.10). Während dies beiden Erklärung auf ein aggressives Verhalten von Staaten im Umbruch, oder zumindest eingeschränkte Legitimität besitzen, abzielen, zielt sein dritter Ansatz auf die geographische und ökonomische Verfasstheit des Staates ab (vgl. Waltz 1982, S.10-11). Zusammenfassend bedeuten die beiden ersten Ebenen für ihn: „The actions of states, or, more accurately, of men acting for states, make up the substance of international relations“ (Waltz 1982, S.11). Ohne eine Einordnung dieser beiden Ebenen in die dritte, die Struktur des internationalen Systems, ist die Erklärungskraft für Krieg oder Frieden allerdings für ihn nicht ausreichend, weil das Handeln der Staaten zwar von den ersten beiden Ebenen gelenkt aber von der Struktur des internationalen Systems determiniert wird: „The third image describes the framework of world politics, but without the first and second images there can be no knowledge of the forces that determine policy; the first and second images describe the forces in world politics, but without the third image it is impossible to assess their importance or predict their results.“ (Waltz 1982, S. 17). Eben dieses internationale System nach neorealistischer Lesart ist nun Gegenstand des folgenden Kapitels und Grundlage dieser Arbeit.

2.1 Waltz’ Theory of International Politics

Die Struktur des internationalen Systems nach Waltz ist zunächst ganz nach dem klassisch realistischen Paradigma charakterisiert. Demnach sind Staaten die wichtigsten Akteure in der internationalen Politik. Mit Staaten sind nach Waltz souveräne Nationalstaaten gemeint. Sie sind darüber hinaus rational handelnde Akteure mit einem Kosten-Nutzen Kalkül. Dieses Kalkül ist auf die grundlegende, vor allem der ersten Ebene Waltz’ zuzuschreibende, Tatsache zurückzuführen, dass Staaten die Sicherung ihrer eigenen Existenz als grundlegendes Ziel innehaben. Die zentrale Präferenz der Staaten ist also das eigene Überleben zu sichern. „In any self-help system, units worry about their survival, and the worry conditions their behaviour” (Waltz 1979, S. 105). Dies erreichen sie (und hier liegt die augenfälligste Unterscheidung zwischen dem klassischen und dem neorealistischen Realismus) durch ein Sicherheitsstreben und nicht durch einen Ausbau ihrer Macht. Staaten setzen dieses Sicherheitsdenken durch eine Zweck-Mittel-Rationalität um, sie streben also rationale Gewinne und nicht absolute Gewinne an. Die Sicherung der eigenen Existenz geschieht immer durch eine Orientierung am Stärkeren. Diese Orientierung ist verbunden mit einer Kalkulation der jeweiligen Kräfteverhältnisse der Staaten. Diese „Messung von Staaten“ ist im Grunde die Einschätzung ihrer capabilities, sprich ihren zur Verfügung stehenden Machtpotentialen wie Bevölkerung, Territorium, ökonomische Prosperität oder militärische Stärke. Es herrscht demnach keine funktionale Differenzierung zwischen den Akteuren, sondern eine strukturelle. „A state becomes a great power not by military or economic capability alone but by combining political, social, economic, military, and geographic assets on more effective ways than other states can” (Waltz 1981, S.3).

Notwendig ist diese Differenzierung vor allem aufgrund der Struktur des internationalen Systems, welches das außenpolitische Handeln der Staaten determiniert und vorgibt. Es ist anarchisch und laut Waltz ein Selbsthilfesystem. Kurz: Jeder Staat ist grundsätzlich auf sich allein gestellt und nimmt die Politik als einen permanenten Kampf ums Überleben war. Der Umstand, dass alle Staaten nach ihrer eigenen Sicherheit streben führt dazu, dass es kein Vertrauen innerhalb des internationalen Systems gibt, Kooperationen sind unwahrscheinlich. Da es keine übergeordnete Instanz oder Organisation gibt die allen Staaten eine gewisse Sicherheit bieten kann, leben alle Staaten in einem permanenten Sicherheitsdilemma.

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Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656215585
ISBN (Buch)
9783656216681
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195751
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Süd-Asien Institut
Note
1,3
Schlagworte
Indien Internationale Beziehungen Pakistan Konflikt Neorealismus Waltz

Autor

  • Ferdinand Frisch (Autor)

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Titel: Waltz und der indisch-pakistanische Konflikt