Lade Inhalt...

Empathie im neuroökonomischen Kontext

Aktuelle Forschungsergebnisse und die mögliche Bedeutung der Empathie für soziale Präferenzen

Seminararbeit 2012 19 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Soziale Präferenzen und Empathie
1.2 Problemstellung, Zielsetzung und Aufbau dieser wissenschaftlichen Arbeit

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Allgemeine Definition
2.2 Neurowissenschaftliche Definition und Begriffsabgrenzung
2.3 Weitere Definitionen

3. Aktuelle Forschungsergebnisse im neuronalen Kontext
3.1 Die Rolle der Neurowissenschaften in der Empathieforschung
3.2 Neurowissenschaftlicher Nachweis von Empathie
3.3 Spiegelneuronen und ihre mögliche Rolle
3.4 Individuelle Unterschiede im Empathieverhalten
3.5 Empathieforschung in der Psychopathologie

4. Empathie und ihr möglicher Einfluss auf soziale Präferenzen

5. Fazit

Quellenverzeichnis
Bücher
Publikationen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ökonomisches Modeel zur Voraussage des Handelns

1. Einleitung

1.1 Soziale Präferenzen und Empathie

In den Wirtschaftswissenschaften wird der Homo Oeconomicus traditionell als Grundannahme vorrausgesetzt. Dieser fiktive Akteur handelt ausschließlich in sei- nem eigenen Interesse, zeichnet sich durch rationales Verhalten aus, verfügt über alle Informationen, hat feststehende Präferenzen und ist nur darauf bedacht seinen Nutzen zu maximieren. Diese Grundannahme ist für viele Modelle von essentieller Bedeutung und hat daher eine tragende Rolle im Rahmen der Volkswirtschaftslehre.1 Allerdings zeigt sich, dass vor allem in der experimentellen Wirtschaftsforschung vie- le Ergebnisse nicht durch einen rationalen und eigennützigen Spieler zu erklären sind. Vor allem in Fragen des Eigennutzes und der Rationalität stützt sich die expe- rimentelle Wirtschaftsforschung auf theoretische und empirische Erkenntnisse der kognitiven Psychologie, welche darauf hinweisen, dass das menschliche Verhalten auch von weniger bewussten Faktoren systematisch beeinflusst wird. Zu diesen Fak- toren gehören: Bestehende Verhaltens- und Denkmuster, die individuelle Wahrneh- mung sowie intrinsische Motive wie z.B. Gefühle, die innere Einstellung oder auch Empathie. Präferenzen die maßgeblich von diesen Faktoren beeinflusst werden, sind unter dem Oberbegriff der Sozialen Präferenzen zusammengefasst.2

In der vorliegenden Arbeit wird speziell auf die Empathie eingegangen, die einen be- sonders interessanten Faktor für die Bildung sozialer Präferenzen darstellt. Die Er- kenntnis über den Einfluss von Empathie auf unsere Präferenzen ist keineswegs ei- ne Errungenschaft unserer Gegenwart, sondern bereits im 18 Jahrhundert machten sich Ökonomen Gedanken über die Wirkung von Gefühlen und auch Mitgefühl auf das wirtschaftliche Handeln der einzelnen Akteure. Sogar der Altmeister ökonomi- schen Denkens, Adam Smith, veröffentlichte im Jahre 1759 ein Werk mit dem Na- men „Die Theorie der ethischen Gefühle“, in welchem er das Mitgefühl -er nannte es fellow-feeling oder sympathy- als Grundlage der Moral und Triebfeder menschlichen Handels bezeichnete. Somit sah Smith nicht nur das Eigeninteresse, welches 1776 in seinem Werk „The Wealth of Nations“ hervorgehoben wurde, im menschlichen Handeln verwurzelt, sondern auch das Mitgefühl. Aus diesem Gedanken gründete sich dann Smith’s Idee des „moral sentiments“, die Fähigkeit und Bereitschaft, die eigenen Leidenschaften und Gefühle zu Gunsten Dritter zu modellieren. Smith setzt aber hierfür voraus, dass bei Menschen ein Wille zur Empathie, sich also in die Rolle des Dritten hineinversetzen zu können, vorhanden ist. Somit maß Smith bereits da- mals der Empathie eine entscheidende Rolle im zwischenmenschlichen Verhalten sowie deren Präferenzen zu. 3 Im Laufe der Jahrhunderte stieg die Bedeutung der Empathie weiter an und brachte besonders kulturelle Entwicklungen mit sich. In un- serer gegenwärtigen Zeit wird die Empathie in diversen wissenschaftliche Diszipli- nen, wie zum Beispiel der Neurologie, Psychologie, Pädagogik, Philosophie und den Wirtschaftswissenschaften erforscht und ist inzwischen auch massentauglich gewor- den. Dies lässt sich besonders an den jüngsten Erfolgen von Bestsellern wie: „Die empathische Zivilisation“ vom amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin oder „Idee der Gerechtigkeit“ vom Harvard Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen, welche beide im Jahre 2010 erschienen, erkennen.4

1.2 Problemstellung, Zielsetzung und Aufbau dieser wissenschaftlichen Arbeit

Obwohl die Empathie ein präsentes Thema ist und ihr in Theorien, wie der Emotiona- len Intelligenz von Mayer und Salovey, einen großen Stellenwert beigemessen wird und wir letztendlich Tag für Tag bewusst oder unbewusst mit Empathie konfrontiert werden, wissen wir noch sehr wenig darüber was in uns vorgeht, während wir Empa- thie empfinden.5 Dieser Thematik hat sich inzwischen die Neurologie angenommen. Allerdings stehen die Forscher dabei vor vielen offenen Fragen. Für Wirtschaftswis- senschaftler ist dabei vor allem die Erforschung, der von Smith vermuteten Beein- flussung unserer Präferenzen, interessant. Dabei geht es nicht nur um die Verifikati- on der These, sondern vor allem darum, Kenntnisse über den Grad der Beeinflus- sung unserer Präferenzen durch Empathie zu erlangen, um die Tragweite für die Wirtschaftswissenschaften zu bewerten und gegebenenfalls auch eine Anpassung der Theorien vorzunehmen.

Ziel dieser Arbeit ist es, in das Thema der Empathie einzuführen und einen Einblick in den aktuellen Stand der Empathieforschung im Gebiet der sozialen Neurologie und Neuroökonomie zu geben sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse, Vermu- tungen und offene Fragen vorzustellen. Abschließend wird speziell auf die bestehen- den Ansätze und Vermutungen in Bezug auf den Einfluss der Empathie auf unsere Präferenzen eingegangen. Als Grundlage diente dabei ein 2009 veröffentlichter wis- senschaftlicher Aufsatz von Prof. Dr. Tania Singer: „Understanding Others: Brain Mechanisms of Theory of Mind and Empathy“, welcher durch weitere Werke angerei- chert wurde.

Der Aufbau dieser Arbeit gestaltet sich wie folgt: In Gliederungspunkt zwei werden die theoretischen Grundlagen zum Verständnis der Empathie sowie verwandter Theorien vermittelt. Dabei liegt der Fokus vor allem auf der Definition des Empathie- begriffes und der damit verbundenen Problematik im Umgang mit wissenschaftlichen Texten. Im Gliederungspunkt drei wird zunächst die Einordnung der Empathiefor- schung in den Neurowissenschaften aufgeführt um dann aktuelle Studien und die daraus resultierenden Erkenntnisse und Vermutungen vorzustellen. Es wird dabei speziell auf den Nachweis von Empathie, in Bezug auf unser Schmerzempfinden, eingegangen. Zudem wird die mögliche Rolle der Spiegelneuronen betrachtet sowie Unterschiede im Empathieverhalten aufgeführt und Empathie in der Psychopatholo- gie betrachtet. Im Gliederungspunkt vier wird auf die Rolle der Empathie in Bezug auf die sozialen Präferenzen eingegangen. Der Gliederungspunkt fünf enthält ein kleines Resümee und ein abschließendes Fazit.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Allgemeine Definition

Empathie wird im Allgemeinen als die Fähigkeit sowie die Bereitschaft sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Stimmungs- und Gefühlslage nachzuempfin- den, bezeichnet. Somit spielt die Empathie in jeglichen zwischenmenschlichen Be- ziehungen eine entscheidende Rolle und wird mittlerweile als wesentlicher Bestand- teil unserer „social intelligence“ angesehen.6 Empathie wird oft auch als Perspekti- venübernahme bezeichnet, durch die wir in der Lage sind zu ergründen was in unse- rem Gegenüber vorgeht. Dennoch muss hier klar zwischen zwei Arten der Perspekti- venübernahme unterschieden werden. Die kognitive Perspektivenübernahme (Theo- ry of Mind, Mentalizing) und die emotionale Perspektivenübernahme (Empathie). Er- stere beinhaltet die Fähigkeit, Überzeugungen, Intentionen und Gedanken anderer Personen zu erkennen. Die emotionale Perspektivenübernahme hingegen ist die Fä- higkeit die Gefühle anderer Menschen gedanklich zu erschließen. Hierbei muss al- lerdings angemerkt werden, dass die emotionale Perspektivenübernahme nicht aus- reicht um das Phänomen der Empathie vollends zu erklären. Denn bei der Empathie findet eine Form der Identifikation statt, welche über das reine Verstehen der Gefühle des anderen hinausgeht.7 Verwandte Konzepte zur Empathie sind die Sympathie (sympathy), die emotionale Ansteckung (emotional contagion) oder das Mitgefühl (compassion, empathetic concern). Diese, auf den ersten Blick, sehr ähnlichen Kon- zepte sind allerdings klar von der Empathie abzugrenzen.8 (Vgl.: S. 4)

Diese recht allgemein gehaltene Definition von Empathie sorgt für ein erstes Ver- ständnis des Begriffes, bedarf aber weiterer Konkretisierung. Beschäftigt man sich nun tiefgehender mit dem Begriff der Empathie, so erhält man eine Fülle an Defini- tionen. Zum einen wird deutlich wie viele Fachrichtungen sich mit dem Begriff be- schäftigen und den Begriff natürlich aus ihrem Kontext heraus definieren, zum ande- ren fällt aber auch auf, dass kein einheitlicher Konsens darüber herrscht, welche At- tribute der Empathie zuzurechnen sind und welche nicht. So unterscheiden sich die gängigen Definitionen besonders darin, wie „weitläufig“ der Begriff verwendet werden kann. So beinhalten manche Definitionen sowohl affektive als auch kognitive Facet- ten und andere hingegen ordnen nur die affektiven Attribute dem Begriff zu. So defi- niert Bischof-Köhler Empathie folgendermaßen: „Empathie ist die Erfahrung, der Ge- fühlslage oder Intention einer anderen Person unmittelbar teilhaftig zu werden und sie dadurch zu verstehen.“9 Diese Definition hebt sowohl kognitive („...und sie da- durch zu verstehen.“) als auch affektive („…der Gefühlslage […] unmittelbar teilhaftig werden…“) Attribute hervor. Die Definition von Eisenberg und Fabes hingegen sieht Empathie als rein affektive bzw. emotionale Reaktion und lässt die kognitive Seite außen vor: „Empathie ist eine emotionale Reaktion, die ihre Ursache im emotionalen Zustand oder der emotionalen Situation einer anderen Person hat, mit dem Zustand oder der Situation der anderen Person kongruent ist…“.10 Diese Tatsache verdeut- licht vor allem um welch vielschichtiges und komplexes Konzept es sich bei der Em- pathie handelt. Beim Lesen eines wissenschaftlichen Aufsatzes oder bei der Ausein- andersetzung mit einer Studie ist es daher besonders wichtig zu Beginn die zugrun- de liegende Definition zu betrachten, um keine falschen Schlüsse daraus zu ziehen.

2.2 Neurowissenschaftliche Definition und Begriffsabgrenzung

Um Empathie nun im neurologischen Kontext zu betrachten, bedarf es einer weiteren Präzisierung und eine fachgerechte Definition. Hier gibt es inzwischen ebenfalls ein weites Spektrum an Definitionen. Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit wird die Definition von De Vignemont und Singer (2006) gewählt:

„ Wir empfinden Empathie, wenn

1. wir uns in einem emotionalen Zustand befinden,
2. dieser Zustand isomorph (gleichartig) ist zu dem emotionalen Zustand einer anderen Person,
3. dieser Zustand durch die Wahrnehmung des emotionalen Zustandes einer anderen Person ausgel ö st wurde und
4. wir uns bewusst sind, dass die andere Person der Ausl ö ser „ unseres “ Zustan- des ist. “ 11

Diese Definition ist zunächst abstrakt und weniger greifbar, hat allerdings den entscheidenden Vorteil, dass sie den Begriff der Empathie eingrenzt und andere Phänomene ausschließt. Daher lässt sie sich auch am Besten durch die Abgrenzung zu verwandten Kompetenzen erläutern.

Die erste Aussage grenzt die Empathie von der kognitiven Perspektivenübernahme ab. Dabei ist speziell das Theory of Mind und das Mentalizing gemeint. Wenn eine Person empathisch gegenüber einer anderen Person ist, welche an Schmerzen lei- det, so fühlt diese Person, im Sinne der Empathie, die gleichen Schmerzen wie die des Leidenden. Gehen wir hingegen von der kognitiven Perspektivenübernahme aus, so versteht das Gegenüber die Schmerzen und kann auch den Leidenden verstehen. Allerdings besteht der große Unterschied darin, dass dieser die Schmerzen nicht in seinem eigenen Körper verspürt. Dieser Umstand wird deutlicher, wenn wir die Situa- tion aus Sicht eines Psychopathen betrachten. Psychopathen sind meist sehr gut darin die Überzeugungen, Wünsche, Absichten usw. anderer Menschen zu erken- nen. Ihnen fehlt es allerdings an der Fähigkeit, sich auf Gefühlsebene in die Perso- nen hineinzuversetzen und mitzufühlen. Ein Umstand, der in der Regel nicht psycho- patische Menschen davon abhält anderen Leid zuzufügen. Damit verfügen Psycho- paten über die Fähigkeit der Mentalisierung, aber nicht der Empathie.12

Die zweite Prämisse ist sehr wichtig für die Differenzierung von Empathie gegenüber dem Mitgefühl (compassion) und der Sympathie (sympathy). In allen drei Fällen fühlen wir indirekt für eine andere Person. Empfinden wir Empathie für eine andere Person, dann teilen wir dieselben Gefühle mit der anderen Person. In Bezug auf die Sympathie und das Mitgefühl ist dies nicht der Fall. Angenommen eine Person empfindet Empathie für eine andere Person die in Trauer ist, so fühlt sie sich ebenfalls traurig, beide haben also das gleiche Gefühl. Im Sinne der Sympathie oder des Mitgefühls entstehen bei der Person zwar auch Gefühle sobald sie die Trauernde sieht, allerdings sind das dann Gefühle wie Mitleid, Erbarmen usw., also nicht gleichzusetzen mit dem Gefühl, dass die trauernde Person hat.13

[...]


1 Vgl.: Bofinger, P. (2007, S. 112 f.)

2 Vgl.: Kirst, A. (2007, S.1)

3 Vgl.: Bendixen, P., Weikl, B. (2011, S. 78 f.) oder auch: Smith, A. (1759, S. 2 ff.)

4 Vgl.: Frevert, U., Singer, T. (2011, 121 f.)

5 Vgl.: Brackett, M. A., Mayer, J. D., Salovey, P. (2004,S. 10 f.)

6 Vgl.: Singer, T. (2009, S. 254)

7 Vgl.: Kenngott, E. M. (2012, S. 38)

8 Vgl.: Frevert, U., Singer, T. (2011, S. 135)

9 Bischof-Köhler, D. (1998, S. 320)

10 Richter, D. (2009, S. 6)

11 Frevert, U., Singer, T. (2011, S. 136)

12 Vgl.: Singer, T. (2009, S. 254)

13 Vgl.: Singer, T. (2009, S. 254)

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656213819
ISBN (Buch)
9783656214175
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195604
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Volkswirtschaftslehre
Note
1,3
Schlagworte
Neurologie Ökonomie Neuroökonomik Neuroeconomics soziale Präferenzen Empathie Mitgefühl Authismus Alexithymie Präferenzen Wirtschaftstheorie Hirnareale Schmerzmatrix Spiegelneuronen Adam Smith Empathieverhalten Empathieforschung Theory of Mind ToM Mentalisierung Mentalizing soziale Neurologie Insula ACC affektives Spiegelsystem fMRI Scanner Interpersonal-Reactivity Index IRI Asperger-Syndrom Empathie-Resonanz-Mechanismus

Autor

Zurück

Titel: Empathie im neuroökonomischen Kontext