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Finanzierungsreform im Kanadischen Gesundheitssystem

Diplomarbeit 2007 56 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das kanadische Gesundheitssystem
2.1 Rolle der Bundesregierung
2.2 Rolle der Provinzregierung

3 Probleme des Systems
3.1 Finanzierungsprobleme
3.1.1 Vertikales Finanzierungsungleichgewicht
3.1.2 Transferzahlung CHST
3.1.3 Horizontales Finanzierungsungleichgewicht
3.1.3.1 Ausgleichszahlungsprogramm „Equalization Program“
3.1.3.2 Ausgleichszahlungsprogramm „Territorial Formula Financing“
3.1.3.3 Neufundland und Labrador und Nova Scotia Abkommen
3.2 Zukünftige Nachfrage
3.2.1 Verdrängungseffekte
3.2.2 Demographische Probleme

4 Umstrukturierung der Finanzierung
4.1 Vom Established Program Financing zum Canada Health and Social Transfer
4.1.1 Established Program Financing
4.1.2 Canada Assistance Plan
4.1.3 Canada Health and Social Transfer
4.1.3.1 Zahlungsbedingungen
4.1.3.2 Kalkulation des CHST
4.1.3.3 Verbesserung gegenüber EPF und CAP
4.1.3.4 Kritik an CHST

5 Reformansätze
5.1 Romanow Report
5.2 Kirby
5.3 Health Care Renewal Accord
5.4 10 Jahres Plan
5.5 Erfolgsaussichten
5.5.1 Canada Health Transfer
5.5.2 Weitere Neuerungen

6 Alternative Finanzierungsvorschläge
6.1 Nutzungsbeitrag / „User fee“
6.2 Privatisierung
6.3 Steueränderung
6.3.1 Ansatz der Steuererhöhung auf Bundesebene
6.3.2 Ansatz der Steuererhöhung auf Provinzebene
6.3.3 Zuschlag
6.4 Gesundheitssteuer
6.5 Vermehrte Nutzung des Canadian Medical Expense Credit
6.6 Gesundheitskonto

7 Fazit

8 Annex

9 Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Diese Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Finanzierungsreform des kanadischen Gesundheitssystems. In den letzten Jahren wurden vermehrt Vorschläge gemacht, dem Finanzierungsproblem zu begegnen, denn die Kosten für das System steigen schneller als die Einnahmen jedweder Regierung auf Bundes- oder Provinzebene in Kanada.1 2002 wurde mit Mehrausgaben in Höhe von 2,0 bis 2,5 Billionen kanadischer Dollar gerechnet - bei einer BIP-Wachstumsrate zwischen 3 und 3,5 Prozent jährlich - um den Stand zu erhalten.2 Darüber hinaus gehende Probleme wie Defizite in der Technisierung, Alterung der Bevölkerung und vermehrtes Auftreten von Wartelisten können mit der Finanzierung nicht gelöst werden. Im Jahr 2002 wurden der Regierung Reformvorschläge vorgelegt, die in dieser Arbeit diskutiert werden.

Aufgrund der Aktualität des Themas ist die Literaturlage spärlich und Bücher über die Finanzierungsreformen des Systems existieren nicht. Hauptquellen sind neben wissenschaftlichen Artikeln in Fachzeitschriften und von Nichtregierungsorganisationen daher die Berichte der Kommissionen von Roy Romanow3 (ehemaliger Premierminister von Saskatchewan) und Senator Michael Kirby4. Diese haben im Auftrag der Regierung Vorschläge zur Verbesserung des kanadischen Gesundheitssystem erarbeitet. Die Umsetzung der Vorschläge erfolgte in Papieren namens „Health Care Renewal Accord“5 und „10 Jahres Plan“6.

Die Reformvorschläge bezüglich der Finanzierung des Systems wurden zur Analyse in selbsterstellten Tabellen gegenübergestellt und mit den bislang durchgeführten Reformen verglichen. Eine Übersicht des Themas in dieser Form ist neu.

Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Einführung in das kanadische Gesundheitssystem, in der auch die Rollenverteilung zwischen Bund und Provinzen / Territorien erläutert wird. Da diese Rollenverteilung Finanzierungsungleichgewichte zur Folge hat, die sich auf das Gesundheitssys- tem auswirken, werden im darauffolgenden Kapitel die Finanzierungsprobleme behandelt.

Dieser Abschnitt beinhaltet ebenfalls das Thema Verdrängungseffekte und demographische Probleme, die großen Einfluss auf das Gesundheitssystem ausüben und zentrale Diskussionspunkte im Rahmen der Finanzierungsreform darstellen.

Die Finanzierungsungleichgewichte sollen im kanadischen System durch Transferleistungen ausgeglichen werden. Die für das Gesundheitssystem relevanten Transferleistungen werden im vierten Abschnitt erläutert. Hierbei liegt das Gewicht vor allem auf dem Vorgängermodell des heutigen Canada Health Transfers (CHT), dem Canada Health and Social Transfer (CHST), um im Folgenden die durch die Reformvorschläge eingetretenen Veränderungen beurteilen zu kön- nen.

Die Reformansätze Romanows und Kirbys sind in Abschnitt fünf dargelegt und analysiert. Hier finden sich ebenfalls die auf Basis der Kommissionsvorlagen erstellten Tabellen. Die Vorschläge werden mit der Umsetzung in den Folgejahren verglichen. Hierzu dienen die im „Health Care Renewal Accord“ und „10 Jahres Plan“ festgelegten Beschlüsse. Sie werden im letzten Unterab- schnitt mit dem Titel Erfolgsaussichten bewertet. Dort findet sich auch die genaue Darstellung des heutigen Transferleistungsmodells CHT, der aus den Reformvorschlägen hervorging.

Vor dem Fazit werden alternative Finanzierungsvorschläge vorgestellt, die bislang nicht umgesetzt wurden, aber in kritischen Phasen des Gesundheitssystems häufig diskutiert werden. Sie könnten im Falle einer erneuten Reformphase an Aktualität gewinnen, da sie weitere Möglichkeiten der Umgestaltung bieten.

2 Das kanadische Gesundheitssystem

Kanada ist wie Deutschland eine Föderation von Provinzen/Bundesstaaten mit einer zentralen Bundesregierung. Zu den wichtigsten Ausgabenpunkten zählen die Sozialversorgung, die Schulausbildung und das im folgenden dargestellte Gesundheitssystem.

In Kanada bestehen zehn provinzielle und drei territoriale Versicherungspläne für die Bürger nebeneinander, die freien Zugang zur Versorgung durch Ärzte und in Krankenhäusern ermöglichen. Es handelt sich um ein dezentralisiertes System, das unter dem Begriff „Single-Payer-System“ bekannt ist. Es hat damit den Vorteil, administrative Kosten niedrig halten zu können. So belaufen sich die administrativen Kosten auf einen Anteil von 1,8 Prozent an den Gesamtkosten des Systems und begünstigen damit hohe Skalenerträgen.7

Übergeordnet auf föderaler Ebene ergeben sich für die Provinzen und Territorien durch den „Canada Heath Act“8 Verpflichtungen, bei deren Einhaltung eine Mitfinanzierung des Versorgungsplans der jeweiligen Provinz/Territoriums durch die Bundesregierung in Ottawa gewährleistet wird.9 Es gibt fünf Auflagen, die zu Erfüllen sind:

Universalität (1): alle müssen den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung haben unabhängig von Alter, Krankheit oder Vermögen.

Erreichbarkeit (2): ein angebrachter Zugang zu Versicherungsleistungen für versicherte Personen ist sicherzustellen.

Darüber hinaus sollen die Leistungen alle vollständig (3) sein, d.h. alle notwendigen Behandlungen abdecken sowie eine landesweite Tragbarkeit (4) besitzen.

Krankenhaus- und Arztversicherungspläne sind profitlos (non-profit) (5) und müssen von einer öffentlichen Verwaltungseinheit, die der Bundesregierung gegenüber verantwortlich ist, überwacht werden.10

Innerhalb der Restriktionen des Canada Health Acts bietet sich den Provinzen viel Spielraum im Sinne von Organisation, Definition der Begrifflichkeiten des Gesetztes (act) (welche Kernleistungen (core services) finanziert werden sollen) und der Umstrukturierung.11

Das kanadische Gesundheitssystem finanziert sich vor allem über Steuergelder. Dabei nutzt es Einkommens- und Unternehmenssteuern auf föderaler und provinzieller Ebene. Einige Provinzen/Territorien beziehen darüber hinaus Einkünfte, die sie speziell für ihre Gesundheitsversorgung einsetzen, wie z.B. Glückspielsteuern oder Mehrwertsteuern.12

2.1 Rolle der Bundesregierung

Provinzregierungen, die sich bei der Ausgestaltung ihres Gesundheitssystem an die fünf Grundprinzipien des Canada Health Acts halten, genießen die vollen Transferzahlungen der Bundesregierung. Die Höhe des Finanzzuschusses ist dabei unabhängig von den Ausgaben innerhalb der Provinz. Sie wird vielmehr von einer Formel bestimmt.13

Gleichzeitig ist die Bundesregierung in einigen Bereichen direkt in das Gesundheitssystem ein- gebunden. So nimmt sie u.a. direkt Einfluss auf Arzneimitteltests und deren Regulierung, auf die Finanzierung medizinischer Studien und die Information von Bevölkerung und Medizinern. Au- ßerdem ist sie zuständig für die medizinische Versorgung der Staatsdiener und der Ureinwoh- ner.14

Gemäß des Canada Health Act ist die Bundesregierung nicht in der Lage Entscheidungen über den Aufbau des Systems zu fällen. Einfluss auf die Provinzentscheidungen nimmt sie vornehmlich indirekt über die Bezuschussung von bestimmten Projekten oder durch die Erarbeitung von Richtlinien. Durch die Vollständigkeitsklausel des CHA ist eine Mitbestimmung, welche Kernleistungen durch die Provinzen versichert werden sollten, gewährleistet.15

2.2 Rolle der Provinzregierung

Die Provinzregierungen sind für die Ausgestaltung ihrer Gesundheitssysteme verantwortlich und erhalten die volle Transferleistung bei Einhaltung der Auflagen des Canada Health Acts.16 Die Transferzahlungen können allerdings von den Provinzen nach Erhalt in beliebigen Bereichen eingesetzt werden.17 Durch die Budgetkürzungen in den neunziger Jahren haben sie zur Bekämp- fung ihres Defizits die Ausgaben gesenkt, was zur Zentralisierung der Systeme der Provinzen ge- führt hat. Zumeist wurden regionale Gesundheitsräte eingesetzt, die als Vermittler des provinziellen Gesundheitsministerium dienen sollten. Häufig bekamen Krankenhäuser die Auf- lage sich zu spezialisieren oder Kooperationen mit anderen Krankenhäusern einzugehen.18

Die Provinzregierungen sind für die Allokation der Gelder auf regionaler und lokaler Ebene zuständig. In einigen Provinzen, wie Alberta, Ontario und Saskatchewan werden die Gelder nach Bedarfen verteilt. Zumeist wird dabei eine Formel genutzt, die eine standardisierte Mortalitätsrate (SMR) berücksichtigt, die von einer linearen Beziehung zwischen SMR und Bedarf an Gesundheitsleistungen ausgeht.19 Da jede Provinz ein eigenes System aufweist würde die nähere Erläuterung den vorgesehenen Umfang der Diplomarbeit erheblich übersteigen.

Die Krankenversicherung wird von der jeweiligen Provinz verwaltet und gestaltet. Die Kosten des Systems werden durch das jeweilige Provinzbudget (Provincial Consolidated Revenue Fund) gedeckt. Einige Provinzen erheben zur Kostendeckung eigens mit dem Titel der Gesundheitsver- sorgung verbundene Steuern. Allerdings decken diese Steuern nur einen kleinen Teil der Ausga- ben ab.20 Das Gesundheitssystem stellt den größten Ausgabenfaktor im Budget der Provinzregierungen dar.21

Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen sind zumeist durch die Provinz finanziert. Die Kran- kenhäuser beschäftigen Krankenschwestern und -pfleger während die meisten Ärzte frei prakti- zieren (sowohl einzeln als auch in Gruppenpraxen). Sie rechnen direkt mit der Provinzregierung auf Grund einer Behandlungspauschale ab, auch wenn sie in Krankenhäusern arbeiten.22 Die Pauschalen werden in Verhandlungen zwischen Gesundheitsministerium der Provinz und der die Ärzte vertretenden Gewerkschaft(en) festgelegt. Die Patienten haben die freie Arztwahl; Spezia- listen werden häufig erst nach Überweisung konsultiert.23 Es ist üblich, die Arbeitgeber an der Finanzierung des Gesundheitssystems durch Abgaben zu beteiligen. In British Columbia und Al- berta werden zusätzlich Prämien bei den Versicherten erhoben, um die relevanten Steuern niedrig zu halten.24

Grundsätzlich gibt es pro Provinz definierte Kernleistungen (core services), die von der öffentlichen Gesundheitsversorgung finanziert werden. Sie dürfen meist nicht durch Privatversicherungen abgedeckt werden. Private Versicherungen gelten in vielen Provinzen nur für Leistungen, die nicht gemäß des Planes der jeweiligen Provinz/Territoriums gedeckt werden. Dazu zählen u.a. Zahnarztleistungen, Prothesen, Augenärzte etc. 25

3 Probleme des Systems

3.1 Finanzierungsprobleme

Seit der Einführung des Canada Health Act im Jahre 1984 gab es immer wieder Reformvorschläge, um die Finanzierungsprobleme des Gesundheitssystems zu lösen. Eines der schwerwiegendsten Probleme ist, dass die Ausgaben für das kanadische Gesundheitssystem mittlerweile schneller als die Volkswirtschaft wachsen.26

Dieser Abschnitt befasst sich mit allgemeinen Finanzierungsproblemen auf Bund und Provinzebene sowie dem demographischen Problem. Zunächst werden die bestehenden Finanzierungsungleichgewichte erläutert.

3.1.1 Vertikales Finanzierungsungleichgewicht

In Kanada sind die Ausgabenverantwortlichkeiten relativ dezentralisiert, während die Verantwortlichkeit für Eintreibung von Erträgen zentralisiert organisiert ist. Dadurch entsteht eine Finanzierungslücke zwischen den Ebenen Bund und Provinz/Territorien. Sie wird vertikale fiskale Lücke genannt (Vertical Fiscal Gap (VFG)). Im Idealfall würde der Bund mehr Geld eintreiben und dies in ausreichender Menge an die Provinzen und Territorien umverteilen. Allerdings ist es schwer, präzise die Finanzierungslücke auszumachen und aufzufüllen.27

Ein vertikales Finanzierungsungleichgewicht (Vertical Fiscal Imbalance (VFI)) besteht, wenn eine Regierungsebene ausreichend oder mehr Ressourcen besitzt als sie benötig, um ihre Außen- stände zu finanzieren, während die andere Regierungsebene unterfinanziert ist.28 Diesem Prob- lem wird vor allem durch Transferzahlungen vom Bund an die Provinzen und Territorien begegnet. Ein VFI besteht also dann, wenn die Ausgleichszahlungen niedriger als das VFG ist.

Das VFI kann durch erhöhten Geldtransfer an die Provinzen und/oder durch eine Reduktion des VFG mittels weiterer Steuertransfers oder aber durch Neuordnung der Finanzierungsverantwortung reduziert werden.

Das VFI wirkt sich indirekt auch auf das horizontale Finanzierungsungleichgewicht aus. Bei dem Versuch, durch die Erhöhung von einem Steuerpunkt einen Ausgleich innerhalb der Provinzen zu schaffen, ergibt sich aus den verschiedenen Ausgangsbasen der Provinzen weiterhin ein unterschiedliches Finanzierungsniveau. Eine einprozentige Einkommensteuererhöhung führt in der Provinz mit dem höchsten Einkommen zu doppelt so hohen Zusatzeinnahmen wie in der Provinz mit dem niedrigsten Einkommen.29

Daher ist das vertikale Ungleichgewicht ein schwerwiegender Faktor im Bereich der Finanzierung des Gesundheitssystems und hat sich während der 90er Jahre durch weitere Sparmaßnahmen gravierend verschlechtert.30 Allerdings trugen auch Steuersenkungen einiger Provinzen dazu bei und erschweren die nachhaltige Finanzierung des Systems.31 Dadurch steigt die Abhängigkeit von den Transferleistungen durch den Bund und vergrößert das VFG..

3.1.2 Transferzahlung CHST

Das VFG soll mittels Transferzahlungen durch den Canada Health and Social Transfer (CHST) gemindert bzw. ausgeglichen werden. Ziel ist eine gleichwertige Finanzierung der Gesundheitssysteme der Provinzen und Territorien, um allen Bürgern die Grundversorgung zu ermöglichen. Seit dem Fiskaljahr 2001-2 beruht die Finanzierung auf einem Pro-Kopf-Schlüssel.32

Der jeweilige Bedarf an Zuschuss wird nicht berücksichtigt. Er ergäbe sich u.a. an der Zusammensetzung und Alter seiner Bevölkerung.

Wenn die Demographie der Provinzen bei der Berechnung der relativen Kosten hinzugezogen würde, käme eine Disparität zwischen den Provinzen zum Ausdruck. Die Berechnungen von Coulombe und Mérette zeichnen folgendes Bild. Der nationale Durchschnitt der Kosten liegt bei 1,0.

Aktuelle und hochgerechnete Kosten der Provinzen der Gesundheitsversorgung in Relation zum kanadischen Durchschnitt, 1996-2050

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Fiscal Needs and the CHST Per Capita Division Rule von Coulombe und Mérette

Es ist zu erkennen, dass einige Provinzen über und andere unter den nationalen Durchschnitts- kosten liegen. Dadurch wird deutlich, dass eine Pro-Kopf-Finanzierung (per capita) nicht kos- tendeckend ist und die unterschiedlichen Voraussetzungen der Provinzen nicht berücksichtigt.

Robson schlägt daher eine Reformierung des CHST vor, der die Implementierung eines Zuschus- ses für Senioren beinhaltet. Dabei würde eine Allokation von zusätzlichen Finanzmitteln gemäß der Proportion von Senioren über 65 innerhalb einer Provinz erreicht werden. Gemäß Robsons Berechnungen läge die Höhe des Zuschusses bei 3000 Dollar pro Person im Jahre 2002, der an die Veränderung des nominalen Brutto Inland Produktes (BIP) angepasst ist. Die Berechnung geht von gleichbleibenden Transferzahlungen zwischen Bund und Provinz aus. Daraus ergäbe sich, dass 185 Billionen Dollar der 530 Billionen Dollar der Verbindlichkeiten der Provinz an den Bund übergingen. Robson schlägt ebenfalls eine Vorfinanzierung dieses Zuschusses vor.33 In seiner Studie erwähnt er nicht, wie diese zusätzlichen Mittel aufgebracht werden sollen.

3.1.3 Horizontales Finanzierungsungleichgewicht

Ein horizontales Finanzierungsungleichgewicht (Horizontal Fiscal Imbalance (HFI)) besteht dann, wenn die Provinzen und Territorien nicht in der Lage sind ähnliche Einnahmen zu erzielen. Dies fällt vor allem ins Gewicht, wenn sich bei Nutzung ähnlicher Steuerhöhen die Servicelevel für die Bevölkerung stark unterscheiden.34 Der Ausgleich soll in Kanada durch das Ausgleichszahlungsprogramm an die Provinzen (Equalization) und Territorien (Territorial Formula Financing (TFF))geschaffen werden. Der Bund zahlt die Programme aus öffentlichen Einnahmen. Die Zahlungen sind nicht an Bedingungen gebunden aber die Höhe und Verteilungen der Transferzahlungen werden vom Bund festgelegt.35

3.1.3.1 Ausgleichszahlungsprogramm „Equalization Program“

Die kanadische Regierung unterstützt ärmere Provinzen seit 1957 mittels des Ausgleichszahlungsprogramms. Das Programm ist in der Verfassung unter der Sektion 36(2) verankert und soll dazu dienen, in allen Provinzen vergleichbare Level von öffentlichen Diensten bei vergleichbaren Steuerlevels bereitzustellen.36 Hierbei wird die Fähigkeit der Provinzen Erträge aus 33 definierten Steuern37 zu generieren zu Grunde gelegt, deren Summe mit dem Durchschnitt des FünfProvinzen-Standards (Québec, Ontario, Manitoba, Saskatchewan und British Columbia) verglichen und etwaige Defizite ausgeglichen.38

Bei dem Programm werden die Ausgleichszahlungen nicht von den reichen an die armen Provinzen umverteilt, sondern Gelder von der Bundesregierung für diesen Zweck bereitgestellt.39

Das Programm wurde 2004 reformiert, wobei eine formelbasierte Allokation durch eine Alloka- tion mittels eines fixen Geldpools gewichen ist. Der Pool beläuft sich auf 10,9 Billionen Dollar (2004-05), der sich jährlich um 3,5 Prozent bis zum Fiskaljahr 2013-14 erhöht. Zur Sicherung werden 10 Billionen Dollar festgesetzt, um die Provinzen vor geringeren Gesamtauszahlungen zu schützen und ihnen wurde garantiert, dass die Zahlungen nicht unter jenen im Jahre 2004 festgelegten Budget liegen würden. Zur Verteilung des Geldes auf die Provinzen wurde ein Team auf Bundesebene gegründet.40

Die Selbstfinanzierungskapazität einer Provinz spielt bei einem fixen Pool keine Rolle mehr. Eine Umverteilung geschieht nunmehr zu Gunsten oder Ungunsten der anderen Provinzen.

3.1.3.2 Ausgleichszahlungsprogramm „Territorial Formula Financing“

Die kanadische Regierung unterstützt die drei Territorien seit 1985 mittels eines Ausgleichszahlungsprogramms, das im Aufbau jenem der Provinzen entspricht. Es wurde ebenfalls 2004 reformiert, wobei eine formelbasierte Allokation auch durch eine Allokation mittels eines fixen Geldpools gewichen ist.

Indikatoren im Bereich Bildung, Gesundheit und Kriminalität weisen auf schwierige Bedingun- gen hin.41 Die geringe Bevölkerungsdichte liefert neben geringeren Steuereinnahmen auch infra- strukturelle Herausforderungen. Die Territorien haben 3 bis 5fach höhere Pro-Kopf-Ausgaben als die Provinzen,42 haben im Gegensatz zu den Provinzen aber keinen Anspruch auf Erträge aus ih- ren nicht erneuerbaren Ressourcen und somit eine noch schlechtere Ausgangslage, sich selbst zu finanzieren.

3.1.3.3 Neufundland und Labrador und Nova Scotia Abkommen

Seit 2005 gibt es neue Abkommen zwischen dem Bund und Nova Scotia sowie Neufundland und Labrador, die demnach 100 Prozent ihrer Offshore-Einnahmen für sich beanspruchen dürfen, ohne dass dies zu einer Reduktion der Ausgleichszahlung führt.43

Dies mündete in Diskussionen, ob diese Einnahmen nicht aus Gleichheitsgründen aller Provinzen gegengerechnet werden müssten, da nicht alle Provinzen über Bodenschätze verfügen.

3.2 Zukünftige Nachfrage

Das Gesundheitsbudget wird in naher Zukunft in einigen Bereichen größeren Herausforderungen gegenüberstehen. Dazu zählen die Medikamentenausgaben als Segment mit den am schnellsten steigenden Kosten44, die ebenfalls kostspieligen neuen Technologien, die Gehälter der Angestellten im Gesundheitsbereich und die steigenden Erwartungen der Bevölkerung. Nachfolgend wird näher auf die Probleme des Verdrängungseffekts und der Demographie eingegangen, die in den meisten Reformvorschlägen als dringend klärungsbedürftig dargestellt werden.

3.2.1 Verdrängungseffekte

Weil die Kosten des Gesundheitssystems schneller steigen als die Einnahmen, konsumieren sie einen immer höheren Anteil an den öffentlichen Ausgaben. Das Resultat ist häufig eine Kombi- nation von Einsparungen der Provinzen bei gleichzeitiger Anfrage nach neuen Geldern in Otta- wa.

Eine Verdrängung von anderen Bereichen zugunsten des Gesundheitssystems könnte zu einem Prozess führen, der schließlich zu einem geringeren Bildungsniveau und damit zu einer schlech- teren Stellung auf dem globalen Markt und höheren Kosten im Gesundheitssystem führen könn- te. Geringere Bildung führt auch zu geringeren Einkommen und dadurch geringeren Steuereinnahmen, die wiederum die Finanzierung des gesamten Systems verschlechtern.

Andere Bereiche, die es zu finanzieren gilt sind Umwelt mit bereits erhöhten Kosten wegen der Umsetzung des Kyoto-Protokolls in Höhe von 8,1 Billionen Dollar zwischen 2004 und 201545 und nationale sowie internationale Sicherheit.

Eine höhere Finanzierung des Gesundheitssystems kann auch zu einer kränkeren Bevölkerung führen, wenn andere Bereiche, die indirekt auf die Gesundheit Auswirkungen haben, dadurch unterfinanziert sind.

Insgesamt besteht also die Gefahr der Verdrängung von anderen wichtigen Bereichen der Finanzierung zugunsten des Gesundheitssystems.

3.2.2 Demographische Probleme

Das Altern der Bevölkerung zieht einen steigenden Druck auf die Gesundheitsbudgets der Provinzen und der Bundesregierung nach sich. Hochrechnungen von Robson lassen erahnen, dass ein Umdenken bezüglich der Finanzierung der Budgets und Leistungen angebracht ist.

Ältere Menschen konsumieren mehr Gesundheitsleistungen als junge und benötigen vor allem kostspielige Therapien. So schätzen Fougère und Mérette, dass eine sechzigjährige Person etwa dreimal so viele Gesundheitsleistungen in Anspruch nimmt wie eine dreißigjährige.46

Der Anteil der Bevölkerung der über 65jährigen in der Gesamtbevölkerung steigt von momentan 13 Prozent auf 18 Prozent im Jahre 2020 und auf 25 Prozent im Jahre 2040. Unter der Annahme, dass der inflationsbereinigte Output pro Person im arbeitsfähigen Alter im gleichen Maße wie in den Jahren 1980 bis 2000 steigt, kommt Robson zu der Annahme, dass der Provinzanteil an den Gesundheitssausgaben von 6,1 Prozent des kanadischen BIP im Jahre 2000 auf 10 Prozent bis 2040 ansteigt. Bei gleichbleibendem Anteil an provinziellen BIP, nimmt der Anteil, der für Ge- sundheitsausgaben aus eigenem Budget aufgewendet wird von 35 Prozent im Jahre 2000 auf 57 Prozent im Jahre 2040 zu.47

Ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung leiden vor allem die östlichen Provinzen unter dem Alterungsprozess ihrer Bevölkerung und den damit verbundenen Gesundheitsausgaben, da dort der Prozess schneller als in den restlichen Provinzen voranschreitet.48

[...]


1 Vgl.: MacKinnon, J.: The Arithmetic of Heath Care in: Policy Matters 5, No. 3, Montréal, Juli 2004, Institute for Research on Public Policy, S. 9

2 Vgl.: Forget, C.: Towards a consensus on continuing chaos in: C.D. Howe Institute Commentary, No. 179, Februar 2003, S. 3

3 Vgl.: Romanow, R.J.: Building on Values - The Future if Health Care in Canada, Commission on the Future of Health Care in Canada, November 2002

4 Vgl.: Kirby, M. J. L.: La santé des Canadiens- Le rôle du système de soins de santé au Canada, Volume six: Recommanda- tions en vue d’une réforme, Oktober 2002

5 Vgl.: 2003 First Minister’s Accord on Health Care Renewal, <http://www.scics.gc.ca/pdf/800039004_e.pdf>, eingesehen am 10.01.2007

6 Vgl.: A 10 year plan to strenghten health care, <http://www.scics.gc.ca/cinfo04/800042005_e.pdf>, eingesehen am 10.01.2007

7 Vgl.: Yalnizyan, A.:”Canada’s single-payer system is costly - but least expensive” in: The CCPA Monitor, Mai 2006, S. 11

8 Vgl.: Canada Health Act, Statutes of Canada, 1984

9 Vgl.: „Canada’s Health Care System“, Ottawa 1999, S. 2

10 Vgl.: Armstrong, P. und H. Armstrong: Wasting away: the undermining of Canadian health care, New York 2003, S.50f

11 Vgl.: Geva-May, I. und A. Maslove: What prompts Health Care Policy Change? On Political Power Contests and Reform of Health Care Systems (The Case of Canada and Israel) in: Journal of Health Politics, Policy and Law, Volume 25, Number 4, August 2000, S. 726

12 Vgl.: „Canada’s Health Care System“, S. 5

13 Anmerkung: Die Formel findet sich im Annex.

14 Vgl.: Geva-May, I. und A. Maslove: What prompts Health Care Policy Change?, S. 725f.

15 Vgl.: Deber, R. B.: Health Care Reform: Lessons from Canada in: American Journal of Public Health, Washington Januar 2003, Vol. 93, Iss. 1, S. 22

16 Vgl.: Manfredi, C. P. und A. Maioni: Courts and Health Policy: Judical Policy Making and Publicly Funded Health Care in Can- ada in: Journal of Health Politics, Policy and Law, Vol. 27, No. 2, April 2002, S. 221

17 Vgl.: Marchildon, G. P.: Three Choices for the Future of Medicare in: Caledon Institute of Social Policy, April 2004, S 8

18 Vgl.: Geva-May, I. und A. Maslove: What prompts Health Care Policy Change?, S. 736

19 Vgl.: Hurley, J., R. Hopkins, B. Hutchison und V. Rynard-Torrance: The Relationship Between Health Care Need and Stan- dardized Mortality Ratios in Ontario, Center for Health Economics and Policy Analysis, CHEPA Working Paper Series, Pa- per 02-02, S. 1f.

20 Vgl.: Rode, M. und M. Rushton: Options pour le financement des soins de santé, Commission sur l’avenir des soins de santé au Canada, Étude no 9, 2002, S. 5

21 Vgl.: Manfredi, C. P. und A. Maioni: Courts and Health Policy, S. 221

22 Vgl.: Ramsay, C. und N. Esmail: The Alberta Health Care Advantage: An Accessible, High Quality, and Sustainable System, Public Policy Sources Number 81, The Fraser Instuitute, Vancouver 2004, S. 50

23 Vgl.: Geva-May, I. und A. Maslove: What prompts Health Care Policy Change?, S. 724

24 Vgl.: Klatt, I.: „Understanding the Canadian Health Care System“ in: Journal of Financial Service Professionals, S. 46, Sep- tember 2000

25 Anmerkung: Ein Überblick über das Finanzierungsmodell des kanadischen Gesundheitssystems findet sich im Annex.

26 Vgl.: Forget, C.: Towards a consensus on continuing chaos, S. 2

27 Vgl.: Boadway, R.: Should the Canadian Federation be Rebalanced? A Memo for Paul Martin, Queens University, 2003, S. 6

28 Vgl.: Reconciling the Irreconcilable - Addressing Canada’s Fiscal Imbalance, The Council of the Federation: Advisory Panel on Fiscal Imbalance, S. 12

29 Vgl.: Reconciling the Irreconcilable, S. 12

30 Vgl.: Rocher, F. und Smith, M.: Le fédéralisme et les soins de santé: L’impact de la dynamique politico-institutionelle sur le système de soins de santé du Canada, Commission sur l’avenir des soins de santé au Canada, August 2002, S. 15

31 Vgl.: Marchildon, G. P.: Three Choices for the Future of Medicare, S. 9

32 Vgl.: Coulombe, S. und M. Mérette: Fiscal needs and the CHST per capita division rule in: Canadian Tax Journal,, Vol. 48, 2000, S. 341

33 Vgl.: Robson, W. B. P., Will the Baby Boomers Bust the Health Budget? in: C.D. Howe Institute Commentary, No. 148, To- ronto, Februar 2001, S. 2

34 Vgl.: Reconciling the Irreconcilable, S. 9

35 Vgl.: a.a.O., S. 14

36 Vgl. Constitution Act 1982 Section 36(2)

37 Anmerkung: Die genaue Aufschlüsselung findet sich im Annex.

38 Vgl.: Smart, M.: Some notes on Equalization reform, University of Toronto, 2005, S. 2, <http://www.economics.utoronto.ca/msmart/wp/panel.pdf>, eingesehen am 10.01.2007

39 Vgl.: Black, E. und J. Silver: Equalization: Financing Canadians’ Commitment to Sharing and Social Solidarity, Canadian Cen- tre for Policy Alternatives-MB, März 2004, S. 8

40 Vgl.: Reconciling the Irreconcilable, S. 15

41 Vgl.: a.a.O., S. 17

42 Vgl.: a.a.O., S. 48

43 Vgl.: a.a.O., S. 16

44 Vgl.: Zh, Z.: Reforming the Canadian Healthcare System, A report by the Vancouver Board of Trade, Mai 2006, S. 15

45 Vgl: Understanding Health Care Cost Drivers, Conference Board of Canada 2004, S. 17

46 Vgl.: Fougère, M. und M. Mérette: Population Ageing, International Equity and Growth: Analysis with an Endogenous Growth, Overlapping-Generations Model, S.23

47 Vgl.: Robson, W. B. P.: Will the Baby Boomers Bust the Health Budget?, S. 1

48 Vgl.: Robson, W. B. P.: Time and Money: Tracking the Fiscal Impact of Demographic Change in Canada in: C. D. Howe Insti- tute e-brief, Oktober 2006, S. 4

Finanzierungsreform im kanadischen Gesundheitssystem 18

Details

Seiten
56
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656213840
ISBN (Buch)
9783656214090
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195597
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Finanzwissenschaft Gesundheitswesen Kanada Finanzierungsreform Kirby

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Titel: Finanzierungsreform im Kanadischen Gesundheitssystem