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Zur Bedeutung der Quelle im Iwein Hartmanns von Aue - mythologische und erotische Hintergründe

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Zur Beschreibung der Quelle
2.1 Die erzählte Quelle
2.1.1 Beschreibung durch den Waldmann
2.1.2 Beschreibung durch Kalogrenant
2.2 Die Quelle als zentrales Element der Handlung
2.2.1 Ort des Kampfes
2.2.2 Ort der Liebe

3.0 Zur Bedeutung der Quelle
3.1 Mythologische Hintergründe
3.1.1 Das Quellenreich als Anderswelt
3.1.2 Laudine - eine Quellenfee?
3.2 Erotische Hintergründe
3.2.1 Das Quellenreich als Welt des Weiblichen
3.2.2 Die sexuelle Konnotation des Brunnenbegießens

4.0 Fazit

5.0 Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1.0 Einleitung

Eine kalte, klare Quelle oder ein sprudelnder Bach, ein oder mehrere Linden, grünes Gras und idealerweise noch etwas Vogelgezwitscher: Das sind die Attribute, die einen paradies-artigen typischen locus amoenus, einen lieblichen Ort, im Mittelalter eigentlich einen Ort des Minnegeschehens, ausmachen.[1] Die Quelle im „Iwein“ Hartmanns von Aue erfüllt fast alle diese Eigenschaften: Versteckt, geheim und nur durch einen dichten Wald erreichbar, liegt die Quelle geschützt unter einer immergrünen Linde, dem Baum der Liebe.

Doch so friedlich die Quelle zunächst auch wirken mag, begießt man einen Stein oberhalb der Quelle mit Wasser aus einem goldenen Becken - das scheinbar genau für diesen Zweck von einem Ast herabhängt - bricht ein gewaltiges Unwetter von apokalyptischem Ausmaß über das Land herein. Ort des Minnegeschehens, wie die Minnegrotte im „Tristan“, scheint die Quelle im „Iwein“ nicht zu sein, im Gegenteil: Im Laufe der Handlung wird die Quelle mehrmals zum Schauplatz tödlicher Zweikämpfe.

Einer genauen Betrachtung der Quelle und der Symbolik des Begießens wurde in der „Iwein“-Forschung bisher vergleichbar wenig Beachtung geschenkt. Deutlich ist, dass der Brunnen eine Schlüsselstellung in Bezug auf die Handlung einnimmt. Immer wieder kehrt der Handlungsverlauf zu dem Brunnen als zentrales Element zurück. Diese Arbeit wird sich vor dem Hintergrund mythologischer und erotischer Aspekte mit der Frage beschäftigen, welche Bedeutung die Quelle für den „Iwein“ hat und wie sich der Kontrast und Beziehung zwischen ihr und dem Gewitter deuten lässt.

Zunächst werden in 2.0 ausgewählte Textstellen, welche die Quelle und ihre Reaktion auf das Begießen charakterisieren, beschrieben und analysiert. Aufbauend darauf werde ich anschließend in 3.0 auf unterschiedliche Bedeutungsmöglichkeiten der Quelle unter den Gesichtspunkten des Mythologischen und Erotischen eingehen. Im letzten Kapitel werde ich mich dabei vor allem auf die erotischen Aspekte konzentrieren.

2.0 Zur Beschreibung der Quelle

2.1 Die erzählte Quelle

Erzähltechnisch ist zu bemerken, dass die Charakteristika der Quelle durch eine Erzählung in der Erzählung festgelegt werden: Hartmann von Aue erzählt, dass Kalogrenant beim Pfingstfest am Artushof erzählt, was ihm wiederum der Waldmann vor zehn Jahren erzählt hat (vgl. V. 565ff.)[2]. Die detailreichste Beschreibung der Quelle liefert so Kalogrenant, einerseits indirekt durch den Waldmann und andererseits durch die Erzählung seiner eigenen gescheiterten Brunnenaventiure. Zunächst gibt Kalogrenant in direkter Rede die Worte des Waldmanns wieder, der ihm den Weg zu der Quelle weist.

2.1.1 Beschreibung durch den Waldmann

Dieser beschreibt die Quelle als sehr gegensätzlich, einerseits sei es ein Ort der Gefahr: will dû den lîp wâgen, sone darftû niht mê vrâgen (V. 501). Andererseits beschreibt er sie aber auch als einen typischen locus amoenus: friedlich, sicher und idyllisch. Der Brunnen sei kalt und liege abgeschieden und geschützt im Schatten einer Linde, die - von den Jahreszeiten scheinbar unberührt - nie ihr Laub verliert. Auf dem Brunnen stehe ein kostbarer Stein und von einem Ast hänge ein goldenes Becken (vgl. V. 565ff.). Damit verfügt der Ort über alle klassischen Elemente eines locus amoenus: „ein oder mehrere Bäume, eine Wiese, ein Quell oder Bach.“[3]

Die Schilderung des wilden Mannes folgt den Vorschriften der „descriptio“: Sie geht vom Großen (Kapelle, Brunnen, Linde) zum Kleinen (Stein, Becken, etc.), von oben nach unten, vom Allgemeinen ins Detail. Paradoxerweise wird der Brunnen selbst nicht genau beschrieben, aus dem Text geht nicht hervor, ob es sich um eine natürliche Quelle oder einen menschengemachten, konstruierten Brunnen handelt.[4]

Der Waldmensch rät Kalogrenant, mit dem Becken den Stein zu begießen, sofern er tapfer sein will (vgl. V. 565 - 597).

2.1.2 Beschreibung durch Kalogrenant

Als Kalogrenant selbst den Brunnen sieht, beschreibt er ihn noch einmal in seinen eigenen Worten: Es sei wünnecliîcher vogelsanc zu hören gewesen. Was von dem Waldmensch als Stein bezeichnet wurde, beschreibt Kalogrenant nun genauer als smâreides (vgl. V. 624 - 628). So erscheint der gleiche Ort, gesehen bzw. erlebt von zwei unterschiedlichen Personen, auf verschiedene Weise. Nach Glaser stehen sich hier zwei Raumimaginationen gegenüber, die sich einerseits kontrastieren, andererseits gegenseitig ergänzen: „Der Brunnen wird zu einem Ort der räumlichen Multiperspektivität. Kalogrenants affektiv aufgeladene Perspektive kontrastiert […] zur Perspektive des wilden Mannes, der den Brunnen vor allem als Ordnungsraum schildert.“[5] Schließlich ist auch die Perspektive des Waldmannes nur die Perspektive Kalogrenants, denn auch wenn in direkter Rede wiedergegeben, bleibt es doch die subjektive Erzählung Kalogrenants. Daher baut die gesamte Handlung auf der Wahrnehmung des Brunnens durch Kalogrenant auf, denn seine Darstellung ist die erste und einzige, die nicht nur Iwein, sondern auch der Leser von der Quelle bekommt.[6] Nach seiner Beschreibung nennt Kalogrenant, als Erklärung dafür, warum er den Stein mit Wasser begoss (ohne zu wissen, was es auslösen würde), den Grund, dass es unmanheit gewesen wäre, es nicht zu tun. Außerdem hätte sein unwîser muot, der ihm schon oft Schaden zugefügt hat, ihn dazu gebracht. Als Reaktion auf das Begießen des Steins entsteht ein Unwetter von beinahe sintflutartiger Stärke (vgl. V. 640 - 673). Nach einer Zeit hört das Gewitter unvermittelt wieder auf und die Ausgangssituation stellt sich scheinbar wie von selbst wieder her. Kalogrenant beschreibt es folgendermaßen: alsus het ich besezzen daz ander paradiîse. (V. 687). Wie schnell der Wald und das Land sich tatsächlich wieder vollständig regenerieren, bleibt offen und ist aus dem Text nicht ersichtlich.[7] Die Zerstörung durch das Gewitter ist nicht dauerhaft, scheint jedoch räumlich begrenzt zu sein (vgl. 7815ff.):

“The spectacular storm is confined to a restricted area, a fact that the towns people in that region later make clear in their contention that there are many wretched places in the world but no houses built at a worse spot.“[8]

[...]


[1] vgl. zum „locus amoenus“: Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, S. 202ff.

[2] alle Versangaben zitiert nach: Hartmann von Aue: Gregorius, Der arme Heinrich, Iwein. Hrsg. und übersetzt von Volker Mertens, Frankfurt am Main 2004.

[3] Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, S. 202

[4] vgl. Glaser: Der Held und sein Raum, S. 199ff.

[5] Glaser: Der Held und sein Raum, S. 210

[6] vgl. Clark: Hartmann von Aue: Landscapes of Mind, S. 171

[7] vgl. Hammer: Tradierung und Transformation, S. 236ff.

[8] Clark: Hartmann von Aue: Landscapes of Mind, S. 174

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656213925
ISBN (Buch)
9783656214182
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195492
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophische Fakultät II
Note
2,0
Schlagworte
Quelle locus amoenus Mittelalter Iwein Hartmann von Aue Quellenreich Symbolik Wassersymbolik Mythologie Wasser Laudine Kalogrenant

Autor

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Titel: Zur Bedeutung der Quelle im Iwein Hartmanns von Aue - mythologische und erotische Hintergründe