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Neues im Osten und „im Westen nichts Neues“ Charakteristiken des Krieges an der Ostfront im Vergleich zu der deutschen Westfront

Charakteristiken des Krieges an der Ostfront im Vergleich zu der deutschen Westfront

Hausarbeit 2010 25 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangslage und Kriegsfaktoren
2.1 Imperialistische Bestrebungen
2.2 Internationale Blockbildung
2.3 Innenpolitische Krisen

3. Kriegsausbruch und die damit verbundenen Hoffnungen
3.1 Die Kriegsziele des Deutschen Reiches im Verlaufe des Ersten Weltkrieges
3.2 Die Kriegsziele der Alliierten und des Assoziierten
3.3 Die Kriegsziele des russischen Zarenreichs
3.4 Die Kriegsziele im Vergleich

4. Die Fronten in ihren Facetten
4.1 Der Zermürbungskrieg im Westen
4.2 Die „Unkultur“ im Osten

5. Konklusion: Ein Vergleich

6. Literaturverzeichnis

Neues im Osten und „im Westen nichts Neues“

Charakteristiken des Krieges an der Ostfront im Vergleich zu der deutschen Westfront

1. Einleitung

„Angriff, Gegenangriff, Stoß, Gegenstoß“[1]- so sah er aus, der Soldatenalltag an der Westfront. Ein deutscher Soldat wusste, was er in Frankreich und im Krieg gegen die Westalliierten zu erwarten hatte, doch wie sah es mit jenen Soldaten aus, die ihren Dienst an der Ostfront verrichteten, weit entfernt von der Heimat und allem, was ihnen bekannt war?

Der Erste Weltkrieg wird von Keegan als tragischer und unnötiger Konflikt charakterisiert. Unnötig vor allem deshalb, weil er bis zu seinem Ausbruch durch eine Deeskalationspolitik der führenden Länder vermieden hätte werden können. Weiterhin ist sein Ausbruch ohnehin erstaunlich, da die damaligen Wirtschaftsleistungen vor allem auf den internationalen Warenaustausch angewiesen waren.[2] Tragisch deshalb, da durch den Einsatz von modernen Waffen ein neues Level an Grausamkeit erreicht wurde. Dies gilt vor allem für die Westfront. Zu erwähnen ist jedoch, dass der Krieg die Zivilbevölkerung im weitesten Sinne vor der bewussten Zerstörung verschonte.[3]

Die nachstehende Hausarbeit soll das Thema der Ost- und Westfront Problematik auf ihre Differenzen hin untersuchen und analysieren. Der Schwerpunkt soll hierbei auf dem Krieg an der Ostfront liegen. Die Unterschiede werden bereits im Kleinen sichtbar.

Ein gewöhnlicher deutscher Soldat wusste nicht, worauf er sich einstellen musste, es erwartete ihn eine fremde Welt mit fremden Menschen. Der spätere Soziologe Norbert Elias erinnert sich hierzu wie folgt:„Der Zar und die Kosaken - alles Barbaren. Der barbarische Osten - dasüberstiegunser Vorstellungsvermögen.“[4] Später wird der Krieg im Osten von den Soldaten als Krieg gegen die „Unkultur“ bzw. gegen ein Volk mit dem für sie kleinsten Bildungsstand beschrieben.

In der Geschichtsschreibung wird dem Krieg im Osten bis zum heutigen Zeitpunkt nur wenig Bedeutung zugemessen. Aus diesem Grund wird er auch oftmals als „Unbekannter Krieg“ bezeichnet.[5] Dies hatte mehrere Gründe. Zum einen bestand das russische Heer zu 80% aus Bauern und damit zu knapp 80% aus Analphabeten. Eine Überlieferung der Kriegsgeschehnisse durch die Soldaten war an der Ostfront somit kaum möglich.[6] Zum anderen kann für das deutsche Heer konstituiert werden, dass das Augenmerk der Kampfhandlungen eindeutig im Westen gelegen hat.

Weiterhin war es den deutschen Soldaten unmöglich durch die Wirren der Staatszugehörigkeiten und der Kultur zu blicken. Eine umfassende Zeitzeugen Berichterstattung und Überlieferung existiert daher nur von der Westfront.

Im Folgenden wird der Erste Weltkrieg im Hinblick auf seine zwei Fronten hin analysiert. Dafür werden zunächst die Kriegsfaktoren näher beschrieben, anschließend werden die Kriegsziele der jeweiligen Kriegsparteien einander gegenübergestellt. In den beiden abschließenden Gliederungspunkten werden die Geschehnisse der beiden Fronten beschrieben und anschließend miteinander verglichen.

2. Ausgangslage und Kriegsfaktoren

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist, wie bei allen großen historischen Ereignissen, nicht auf eine Ursache zurückzuführen. Vielmehr sind die Kriegsfaktoren ein Zusammenspiel von den außenund innenpolitischen Entwicklungen im damaligen Europa.

Im Folgenden werden die wichtigsten Kriegsursachen aufgelistet und kurz skizziert.

2.1 Imperialistische Bestrebungen

Eine der Hauptursachen des Ersten Weltkriegs war das imperialistische Denken der Großmächte. In den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen die europäischen Großmächte mit dem sogenannten „Scrambel for Colonies“. Hierbei wurden alle noch nicht besetzten Teile der Erde unter den Großmächten aufgeteilt. Jede Großmacht[7] verfolgte dabei das Ziel, ein Großreich zu errichten. „Nur werüber ein Großreich - ein Imperium - verfügte, so lautete die gängigeVorstellung, konnte im bevorstehenden 20. Jahrhundert Weltmacht sein und sich im angenommenenDaseinskampf der Völker behaupten.“[8]Um sich im gefühlten „Daseinskampf“ etablieren zu können, war die Erschließung von Kolonien als Handelsstützpunkte in allen Teilen der Erde unumgänglich.

Der Antrieb des imperialistischen Gedankenguts lag vor allem in wirtschafts- und handelspolitischen Aspekten. Vom wirtschaftlichen Standpunkt her waren die billigen Rohstoffe, welche für die einheimische Industrie benötigt wurden, von wichtiger Bedeutung. Bei handelspolitischen Belangen verbreitete sich unter den Großmächten die Ansicht, dass die kolonialen Absatzmärkte für das wirtschaftliche Wachstum im eigenen Land von essenzieller Bedeutung waren. Neben den ökonomischen Motiven der Kolonisierung stand das Prestigedenken der Mächte im Vordergrund. Dieses Prestigedenken war vor allem für den deutschen Imperialismus charakteristisch.„Jeder neue Flecken auf dem Globus, auf dem die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs wehte, erhöhte demnach das deutsche Prestige in der Welt.“[9]

Die dadurch entstehenden kolonialen Rivalitäten wurden schließlich so intensiv, dass sie sich nach Europa ausbreiteten und die dort bereits bestehenden Konflikte weiter verschärften.

2.2 Internationale Blockbildung

Neben den imperialistischen Bestrebungen nahmen auch die externen Faktoren einen hohen Stellenwert ein. Die externen Faktoren lassen sich im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg primär auf die Bündnissysteme der europäischen Großmächte reduzieren. Aus diesen Bündnissystemen heraus entwickelten sich zwei Blöcke, welche sich im Verlaufe des Ersten Weltkriegs feindlich gegenüberstanden. Auf der einen Seite der Dreierbund, bestehend aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien. Auf der anderen Seite die Triple Entente, zusammengesetzt aus dem russischen Zarenreich, Frankreich und Großbritannien.

Als Ursache der neuen Bündnisbildung war die, seit den späten 1880ern zunehmende, Verschlechterung der Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Russland und zu nennen. Nach dem Abgang von Bismarck im März 1880 entschlossen sich Kaiser Wilhelm II und Caprivi, der Nachfolger Bismarcks[10] und außenpolitischer Berater des Kaisers, dazu die langjährige Freundschaft zwischen Deutschland und Russland zu beenden.[11]

Ein deutliches Zeichen für das Ende der diplomatischen Beziehung setzte Russland dann, indem es im August 1892 eine Militärkonvention mit Frankreich, dem „Erbfeind“[12] Deutschlands, einging. Im Januar 1893 folgte dann der offizielle Allianzvertrag.[13] Folglich war ab diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, in einen Zweifronten Krieg zu geraten, gegeben. Eine Situation vor der Bismarck stets ausdrücklich gewarnt hatte. Ab der Jahrhundertwende verschlechterten sich auch die außenpolitischen Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich. Woraufhin sich Großbritannien in seiner Außenpolitik immer stärker an Frankreich orientierte. Grund für die Verschlechterung war die Welt- und Flottenpolitik Wilhelm II. Dieser wollte mit aller Macht die Vormachtstellung auf hoher See an sich nehmen. Großbritannien hingegen war nicht bereit diese Stellung und die eingenommenen Kolonien kampflos abzutreten. Im April 1904 kommt es daraufhin zum Abschluss der Entente Cordial zwischen Frankreich und England. Drei Jahre später, im August 1907, koalierten auch Russland und Großbritannien und die Triple Entente wurde gegründet.[14]

Neben den außenpolitischen Differenzen gab es mehrere innenpolitische Krisen, welche den Ausbruch des Ersten Weltkriegs begünstigten. Auf diese Krisen soll im Folgenden kurz eingegangen werden.

2.3 Innenpolitische Krisen

Abgesehen von der konfliktreichen Außenpolitik waren auch innenpolitische Entwicklungen von essenzieller Bedeutung.

Hier stand auf der einen Seite die Sorge vor dem Zerfall des Reiches. Diese Sorge zeigte sich vor allem bei dem Osmanischen und Habsburger Reich sowie bei den Monarchien im Allgemeinen. Im Osmanischen und Habsburger Reich hatten sich, aufgrund der anwachsenden Multinationalität und den zunehmenden Autonomiebestrebungen der wachsenden nationalen Minderheiten, Gegenbewegungen herausgebildet, welche den Status quo mit allen Mitteln erhalten wollten.[15] Die zentraleuropäischen Monarchien und das russische Zarenreich griffen bei der Sicherung ihres Bestehens und bei der Unterdrückung der Unabhängigkeitstendenzen von ethnischen Minderheiten auf Polizei- und Militärgewalt zurück. Womit die Unruhen nicht eingedämmt, sondern lediglich verstärkt wurden.

Auf der anderen Seite stand die Furcht vor der wachsenden Zahl der Fabrikarbeiter. Diese sind in Folge der Industrialisierung vom Land in die Stadt gezogen und bildten nun ein Proletariat, welches nach einer größeren Partizipation im politischen und gesellschaftlichen Leben strebte.[16] Um ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen organisierten sich diese in Gewerkschaften. War die Beschwichtigung durch den Staat fehlgeschlagen oder war eine Integration des Proletariats in das System nicht möglich, bildete sich dort ein Herd für politische Konflikte.

Dies war eine Zusammenfassung der bedeutendsten Kriegsfaktoren. Es lässt sich erkennen, dass die Ursachen einander bedingen und gegenseitig verstärken.

3. Kriegsausbruch und die damit verbundenen Hoffnungen

Die außen- und innenpolitischen Krisen häuften sich und die Spannungen in Europa wurden immer greifbarer. Höhepunkt der angespannten Lage bildete das Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914. Mit diesem Anschlag war der Grundstein für den Weg in den Ersten Weltkrieg gelegt. Am 28. Juli 1914, genau einen Monat später, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Das Deutsche Kaiserreich und das Russische Zarenreich traten am 1. August 1914 offiziell in den Krieg ein, weitere Staaten folgten.

Nachstehend sollen die mit dem Kriegsausbruch verbundenen Hoffnungen der jeweiligen Kriegsparteien näher erläutert werden. Ferner sollen die Kriegsziele auf Unterschiede hin untersucht werden.

3.1 Die Kriegsziele des Deutschen Reiches im Verlaufe des Ersten Weltkrieges

Die deutschen Kriegsziele waren, anders als bisher angenommen, weniger als endgültig und starr zu interpretieren. Vielmehr unterlagen sie aufgrund der aktuellen Umstände immer wieder Modifikationen.

In der anfänglichen Kriegszeit waren die Kriegsziele des Deutschen Reiches noch stark von dem imperialistischen Gedankengut der damaligen Zeit geprägt. So plant Deutschland eine, wenn nötig, gewaltsame Annexion Belgiens und Frankreichs sowie die größtmögliche Ausdehnung der deutschen Grenzen im Osten.[17] Diese Ziele wurden am 09. September 1914 in dem Septemberprogramm des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg niedergeschrieben. Doch kann diesem Programm kein endgültiger Charakter zugeschrieben werden. Vielmehr waren die Ziele aus der Gelegenheit und der allgemeinen Kriegseuphorie heraus entstanden.[18] Diese, doch eher optimistischen, Zielsetzungen sowie die Annexionsbegeisterung des Kaisers wurden schnell zurückgeschraubt und der Realität angepasst.

Der Kanzler, welcher die Annexionsgedanken des Kaisers nicht teilte, verfolgte andere Pläne. Er hatte das Ziel eine Zollunion, bestehend aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Belgien, Frankreich, Italien und den Niederlanden, zu errichten. Wobei die Hoffnung auf die Gründung einer Union mit Frankreich, Italien und den Niederlanden schnell wieder aufgegeben wurde. Der Kanzler hoffte, dass er mit dem Projekt „Mitteleuropa“ die Machtgedanken des Kaisers eindämmen konnte. Das Projekt basierte nicht auf Annexion, sondern auf einer Unionsgründung. Der Wunsch nach der Errichtung einer Zollunionsgemeinschaft war politisch orientiert, ökonomisch gesehen war es wenig lukrativ. Man verknüpfte mit der Bildung einer solchen Gemeinschaft die Hoffnung, die Sicherheit des Deutschen Reiches zu erhöhen und es als Mittel zur Kontrolle Europas nutzen zu können.

[...]


1 Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues, Berlin 1929, S. 121.

2 Keegan, John: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie, Hamburg 2000, S. 13.

3 Ebd. S. 19.

4 Elias, Norbert: Reflections on a Life, Cambridge 1994, S. 19f..

5 Liulevicius, Vejas Gabriel: Kriegsland im Osten, Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg, Hamburg 2002, S. 11.

6 Keegan, John: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie, Hamburg 2000, S. 232.

7 Zu den Großmächten zählen hier auch außereuropäischen Mächte

8 Grevelhörster, Ludger: Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreiches. Geschichte und Wirkung, Münster 2004, S. 11.

9 Ebd. S. 11.

10 Segesser, Daniel Mark: Der Erste Weltkrieg in globaler Perspektive, Wiesbaden 2010, S. 19 f..

11 Grevelhörster, Ludger: Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreiches. Geschichte und Wirkung, Münster 2004, S. 16.

12 Entstanden ist diese Feindschaft nach dem Deutsch-Französisch Krieg 1870/71. Frankreich hat die Schmach über den Verlust von Elsass-Lothringen nicht überwunden und hegt seitdem Revanche Gedanken.

13 Berghahn, Volker: Der Erste Weltkrieg, München 2003, S. 24.

14 Ebd. 24 f..

15 Keegan, John: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie, Hamburg 2000, S. 33.

16 Berghahn, Volker: Der Erste Weltkrieg, München 2003, S. 26.

17 Vgl. Fischer, Fritz: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914, Düsseldorf 1969.

18 Soutou, Georges-Henri: Die Kriegsziele des Deutschen Reiches, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten während des Ersten Weltkrieges: ein Vergleich, in: Michalka, Wolfgang (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, München 1994, S. 29.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656213932
ISBN (Buch)
9783656214113
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195490
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Schlagworte
neues osten westen charakteristiken krieges ostfront vergleich westfront

Autor

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