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Das historische Konzept der literarischen Anthropologie am Beispiel von Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Das neue Denken - Literarische Anthropologie und Autobiographie
2.1. Anthropologie und Aufklärung
2.2. Die Bedeutung des autobiographischen Romans für die literarische Anthropologie

3. Psychologie und Pädagogik - Literarische Anthropologie bei „Anton Reiser“
3.1. Erfahrungsseelenkunde
3.2. Die Funktion der literarischen Anthropologie bei „Anton Reiser“
3.3. Kindheit und Erinnerung

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Seit Menschengedenken reflektiert der Mensch über sich selbst und seine Lebens- welt. Ob es sich dabei um Höhlenmalerien handelt, auf denen ein Urmensch ein Jagdtier darstellt, um eine Abenteuererzählung aus exotischen Landen oder die Ge- schichte eines Lebens, von Kindesbeinen an, immer objektiviert der Mensch das, was im Hinblick auf seiner selbst und seine Lebenswelt in ihm ist. Und er tut dies im Lau- fe der Menschheitsgeschichte auf ganz unterschiedliche Art und Weise, nach immer wieder wechselnden Regeln und mit veränderten Zielen. Eines Tages schließlich tut er es schriftlich und noch später - im 18. Jahrhundert - wendet er sich so stark nach innen, dass er versucht, in die menschliche Seele zu blicken. Er schreibt darüber. Die literarische Anthropologie ist geboren.

Erst kürzlich wurde im SWR das „Nachtcafé“ ausgestrahlt mit dem Thema „Wie wir wurden was wir sind“. Erfolgsmenschen und Versager, Psychologen, Genforscher, vom Schicksal hart Getroffene und Menschen, die in ihrem Leben eine Hunderachtziggrad-Wende vollbrachten, unterhielten sich mit Wieland Backes über die Auswirkungen genetischer, aber vor allem auch erzieherischer Grundlagen für das Leben als erwachsener Mensch. Einige stellten ihre selbst verfasste Biographie vor. Die Anthropologie hat bis zum heutigen Tag nichts von ihrer Brisanz verloren und der Büchermarkt ist von Autobiographien geradezu übersät.

In dieser Arbeit sollen zunächst Inhalte und Begrifflichkeiten des historischen Kon- textes der sich im 18. Jahrhundert entwickelnden Disziplin der Anthropologie entfal- tet werden. Vor dem Hintergrund des neuen Denkens der Aufklärung mit ihrem Leitbild „Erkenne dich selbst!“ wird der Stellenwert der Literatur und dort insbeson- dere jener der Autobiographie aufgezeigt. Ergänzt wird der theoretische Teil durch einen kurzen Blick auf die neu formulierte Romantheorie von Friedrich von Blan- ckenburg, an der deutlich wird, worin sich die ‚neuen’ Romane von den bisherigen unterscheiden.

Der Entwurf des zeitgenössischen Bildes der literarischen Anthropologie wird schließlich Karl Philipp Moritz’ Bedeutung für diese evident machen.

Wie Moritz die literarische Anthropologie nun in seinem Roman „Anton Reiser“ umsetzt, analysiert der Hauptteil dieser Arbeit. Es wird zu zeigen sein, dass er seinen Roman auf Basis der von ihm entwickelten empirischen Psychologie der „Erfah- rungsseelenkunde“ schreibt, dass er dies am lebenden, eigenen Beispiel tut, und wie diese Psychologie in Verbindung mit dem Text als literarische Anthropologie, näm- lich im Zuge der „inneren Geschichte“ des Protagonisten, funktioniert. Dies wird abschließend am Beispiel der zentralen Rolle von Kindheit und Erinnerung vertie- fend expliziert.

2. Das neue Denken - Literarische Anthropologie und Autobiogra- phie

2.1. Anthropologie und Aufklärung

Seit rund drei Jahrzehnten existiert der Begriff der „Literarischen Anthropologie“. In dieser Zeit häufen sich literaturgeschichtliche Veröffentlichungen mit dem Thema Anthropologie (Riedel 1994: 93).

Was also heißt Anthropologie? Aus dem Griechischen entlehnt, bedeutet „Anthro- pologie“ zunächst als zusammengesetztes Wort „Mensch“ (griech. anthropos) und „Rede“ (griech. logos). Es ist also die Rede vom Menschen (Košenina: 8). Diese Menschenkunde entwickelt sich im 18. Jahrhundert aus einem neuen Denken heraus zu einer „Königswissenschaft“ (Pfotenhauer: 4) und wurde an Universitäten als neue Disziplin etabliert (Košenina: 8). „Erkenne dich selbst!“ (Košenina: 9) war die Leitmaxime der Aufklärung, die die heutige Wissenschaft unter anderem als das „Jahrhundert der Anthropologie“ (Riedel 1994: 94) interessiert. In dieser Zeit wurde der Mensch als Wesen erkannt, das sich der Vernunft bedienen soll, um sein Leben zu gestalten und sich aus den engen gesellschaftlichen Normen heraus zu entfalten. Die Zeit der „Marionettenkultur“ des Barock war vorüber, Vernunft wurde in philo- sophischen, theologischen und politischen Systemen höher geschätzt als Autorität (Košenina: 9). Individualität und Selbstbestimmung wurden neue, zentrale Faktoren für das Leben in der menschlichen Gemeinschaft und für die eigene Rollenfindung. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, den Menschen auch anders wahrzunehmen, als man das bis zu diesem Zeitpunkt getan hatte. Während der Mensch bis dorthin in die beiden Bereiche Leib und Seele kategorial getrennt betrachtet wurde, überlegt man sich nun, ob die Seele nicht durch den Leib und der Leib nicht von der Seele beeinflusst werden könnte (Pfotenhauer: 3). Die sogenannte „Zwei-Substanzen- Lehre“ (Pfotenhauer: 3) wird durch die Empirie überwunden. Die Trennung von sogenannten „oberen und unteren Seelenvermögen“ (Pfotenhauer: 13) wird aufge- hoben. Was man am eigenen Leib erfahren konnte, sollte nun auch in das allgemeine Bewusstsein einfließen und nicht mehr länger übergangen werden. Sinneswahrneh- mungen, Willensakte, alltägliche Erfahrungen, Motivationen, Emotionen, Träume, Erinnerungen, Einbildungen, all dies wurde nicht mehr als niedrig und unwichtig ignoriert, sondern dem Geistigen, dem ‚Höheren’ beigestellt und die unterschiedli- chen Hierarchien der Seelenvermögen damit revidiert. Körper und Natur wurden als das „Andere der Vernunft“ (Riedel 1994: 95) betrachtet.

Der Mensch wurde mithin als „ganzer Mensch“ betrachtet und mit ihm gewann sei- ne Lebenswelt an Bedeutung (Pfotenhauer: 3f.), ja eigentlich die Befreiung seines gesamten Daseins in geistiger, emotionaler und körperlicher Hinsicht (Košenina: 10). Der Mensch wurde neubestimmt und gleichzeitig wurde ein Kontrapunkt gegen die rationalistische Schulphilosophie gesetzt. In der reformerischen Aufklärung bildete sich eine Gruppe von Ärzten, die den Menschen unter Berücksichtigung von Philo- sophie, Theologie und Pädagogik betrachteten und nicht mehr nur aus dem Blick- winkel des Medicus. Der Mensch war nun wirklich „Mensch“ und nicht mehr ein funktionierendes Rädchen innerhalb der Gesellschaft (Košenina: 10). Ein neues Pro- gramm entsteht, nämlich das der „philosophischen Ärzte“, wie sich die Anthropolo- gen dieser Zeit gerne nennen (Pfotenhauer: 1). Dabei gibt es nicht „die“ Anthropo- logie des 18. Jahrhunderts, sondern verschiedene wichtige Beiträge zur Menschen- kunde (Pfotenhauer: 12). Zu ihnen zählt Karl Philipp Moritz’ zehnbändiges „Maga- zin zur Erfahrungsseelenkunde“ (1783-93), das zentral für diese Bewegung wurde (Košenina: 15), nachdem bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Halle die Psy- chologie als wissenschaftliche Disziplin eingeführt wurde (Košenina: 12).

Neu an den gegründeten Disziplinen in dieser Zeit ist, dass sie sich mit Empirie und Erfahrung befassen und nicht mit purer Theorie, oder um es mit dem Berliner Auf- klärer Karl Philipp Moritz zu sagen, man wollte „Fakta, und kein moralisches Ge- schwätz“ (ESK: 2).

2.2. Die Bedeutung des autobiographischen Romans für die literarische Anth- ropologie

Mit den bisherigen Ausführungen ist nun das Feld der Begrifflichkeiten und Inhalte der Anthropologie in ihrem historischen Zusammenhang entfaltet. Die Veränderungen und die neue Sichtweise des 18. Jahrhunderts schlagen sich na- türlich auch in der Literatur nieder. Neu sind, wie sich gezeigt hat, Empirie und Er- fahrung. Und genau diese Erfahrung, das, was dem Menschen täglich begegnet, und was sich deshalb in ihm abspielt, ist das, womit er sich schließlich auch in der Litera- tur befasst, sei es als Autor oder Rezipient. In kaum einem anderen kulturellen Feld spielt der Mensch eine so große Rolle wie in der Literatur. Literatur wird zu Anthro- pologie (Košenina: 20), Dichtung, um es mit Riedel auszudrücken, wird der „Diskurs des Anderen der Vernunft“ (1994: 101). Umgekehrt dient die Literatur aber auch als Untersuchungsgegenstand dafür, wie Anthropologie funktioniert und wie sie sich entwickeln konnte.

In ihrer historischen Entstehung geht es also bei der ‚literarischen Anthropologie’ darum, welches Bild und welche Erkenntnis der Mensch von sich hat. Der Begriff selbst ist jedoch ein von der heutigen Literaturwissenschaft geprägter und meint im modernen Sinne die Rolle der ‚schönen Literatur’, die diese bei der Entstehung der Disziplin der Anthropologie hatte und auch heute noch einnimmt (Riedel 2007: 432f.). Dies zu explizieren ist für diese Arbeit deshalb wichtig, weil es nicht um litera- rische Anthropologie aus der modernen Perspektive gehen soll, sondern mit den im 18. Jahrhundert relevanten Begrifflichkeiten um literarische Anthropologie in ihrem historischen Zusammenhang.

Dort nämlich hatte die Menschenkunde im neueren Roman, im Drama und in der Autobiographie die besondere Funktion, eine Figur zu schaffen und ihren Charakter so darzustellen, wie er sich seiner ‚inneren Geschichte’ gemäß entwickelt (Pfotenhauer: 1), quasi gemäß dem eigenen psychologischen Moment.

Die herausragende Stellung für die beinahe 2000 Jahre alte Gattung der Autobiogra- phie[1] ist dabei evident: Per se gibt es hier hauptsächlich selbst Erlebtes und wenig Erfundenes, das auf eine harmonische Geschichte ausgerichtet wäre. Im Gegenteil: Unstimmigkeiten, Widrigkeiten, Anstößiges, niedere Leidenschaften und Unvorher- sehbarkeiten machen den Stoff sperrig und eben unharmonisch (Pfotenhauer: 1f.). Deshalb bewegt sich Selbstbiographie immer an der Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit und ist damit ein besonderer Fall der ‚schönen Literatur’ (Pfotenhauer: 2), die eben nicht immer so ‚schön’ ist, wie es der Leser zu dieser Zeit gewohnt war.

Von besonderer Bedeutung ist die Autobiographie als literarische Anthropologie auch deshalb, weil sie sich um das Denken und Erleben eines einzelnen Menschen dreht und damit zur Quelle der Selbsterkenntnis werden kann. Im Gegensatz zu Memoiren, annalistischen Reihungen oder Tagebüchern sind Äußerlichkeiten in der Autobiographie nurmehr das Vehikel, um das zu zeigen, was den Menschen eigent- lich nur ihn selbst angeht (Pfotenhauer: 15). Die Frage „Welch ein Mensch bin ich?“, die nur die Auto - Biographie beantworten kann, vereinigt diese aus damaliger Sicht mit der Anthropologie zur literarischen Anthropologie (Pfotenhauer: 16) und zur „Kunst des wissenschaftlichen Umgangs mit der Menschennatur“ (Pfotenhauer: 6).

Moritz veröffentlicht sein Werk in einer Zeit, in der das noch junge Genre des Romans den Mark überschwemmt. Diese formal wie inhaltlich am wenigsten gebundene Gattung genießt allerdings nicht den besten Ruf. Bei Kritikern gilt der Roman als verderblich für Moral, Verstand und Charakter (Heinz: 123).

Deshalb nennt Moritz sein Werk „psychologischer Roman“. Er will es von den verpönten Liebesromanzen und Abenteuergeschichten abheben (Pfotenhauer: 96). Der Untertitel führt bei manchen seiner Zeitgenossen allerdings zu einiger Unstimmigkeit bezüglich der Gattungseinordnung. War es nun eine Biographie, weshalb hieß sie dann Roman? Wenn sie Roman hieß, warum war nicht alles frei erfunden (Pfotenhauer: 97) und weshalb spiele sie im Handwerkermilieu, das in keiner Weise das Interesse des lesefähigen Publikums wecke (Martens: 549)?

[...]


[1] Autobiographien gibt es schon seit Augustinus, der den kanonischen Text dazu schrieb. Bereits damals ging es um das menschliche Gedächtnis. Der enge Zusammenhang zwischen Autobiographie, Psychologie und Anthropologie wird allerdings erst im 18. Jahrhundert deutlich (Pfotenhauer: 17).

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656213000
ISBN (Buch)
9783656213185
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195380
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für neuere deutsche und europäische Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Karl Philipp Moritz Biographie Autobiographischer Roman

Autor

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