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Das Unaussprechliche und sein Geheimnis

Sprachphilosophische Grenzgänge bei Heidegger und Wittgenstein

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 27 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rekonstruktion
2.1 Die Grenzen des sinnvollen Sprechens. Wittgensteins Position
2.1.1 Die Abbildtheorie
2.1.2 Wahrheit
2.1.3 Sagen und Zeigen
2.1.4 Konklusionen
2.2 Die in der Sprache geborgene Wahrheit. Heideggers Position
2.2.1 Das Wesen der Wahrheit
2.2.2 Die Sprache
2.2.3 Eine Erfahrung mit der Sprache machen
2.2.4 Sein und Seyn
2.2.5 Das Ereignis der Sprache

3 Diskussion
3.1 Leitfrage und Grundfrage
3.2 Hermetisch und hermeneutisch

4 Schlusswort: Die sprachliche Verortung der Philosophie

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Worüber können wir sprechen? Über Sachverhalte und nichts außerdem, sagt Wittgenstein. Und worüber können wir nicht sprechen? Diese Frage ist unsinnig, antwortet uns derselbe, denn: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (TLP 7)

Nachdem er die Antwort auf die erste Frage so exakt wie möglich ausformuliert hatte und darin alle Probleme der Philosophie gelöst sah, zog sich dieser Denker als Philosoph beinahe zehn Jahre zurück. Doch Philosophie ist selbsterhaltend, und dies nicht nur dadurch, dass andere Philosophen die (in diesem Fall von Wittgenstein) aufgestellten Grenzen des Denkens schlichtweg ignorieren, sondern zu einer gänzlich neuen Form des Denkens und Sprechens gelangen. Ein derartiges Phänomen findet sich in der Spätphilosophie Martin Heideggers.

Wittgenstein und Heidegger sind – gemessen an der Fülle an Sekundärliteratur zu ihren Schriften – die einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Dies ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass sie jeweils zwei (zwar aufeinander aufbauende und doch grundlegend verschiedene) philosophische Betrachtungsweisen ins Denkleben gerufen haben, sondern überdies dadurch die denkerische Anhängerschaft in zwei Lager aufgespalten haben, die nur begrenzt miteinander kommunizieren.

Das Ziel meiner Arbeit ist es aufzuzeigen, dass zwischen den Philosophien dieser beiden Denker zwar keine direkte Übersetzung, jedoch eine bestimmte Kooperation möglich ist. Konkret: Es soll gezeigt werden, dass Wittgensteins Grenzziehung des Denkens durch den Tractatus nicht nur eine (notwendige) Stütze für die reine Entfaltung der Sprachphilosophie im Spätwerk Heideggers darstellt, sondern dass diese zudem als Ausformulierung des oben erwähnten Schlusssatzes des Tractatus gelesen werden kann.

Die Entfaltung dieses Zusammenhangs wird sich anhand folgender Fragen vollziehen:

1. Was ist unter sinnvollen, sinnlosen und unsinnigen Sätzen zu verstehen? Hierzu werde ich die Abbildtheorie der Sprache und die Rolle der Logik in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (TLP[1] ) rekonstruieren.
2. Welche Konsequenzen hat diese Einteilung des Sprechens für die Philosophie? Anhand desselben Werks werde ich mich in diesem kurzen Abschnitt auf wenige, für sich selbst sprechende Zitate beschränken.
3. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Sprache und Wahrheit, und welche Formen von Wahrheit gibt es? Hierzu werde ich Heideggers Wahrheitskonzept anhand seiner Schrift Vom Wesen der Wahrheit (WdW) rekonstruieren, um von diesem aus eine Brücke zum Wesen der Sprache zu schlagen.
4. Wie ist es möglich, durch das Sprechen zu einer anderen Form der Wahrheit zu gelangen? Hierzu berufe ich mich auf einige Kerngedanken aus Heideggers Unterwegs zur Sprache (UzS), um zu erläutern, was es bedeutet mit der Sprache eine Erfahrung zu machen und inwiefern diese Erfahrung zu einer Zwischenstation des Denkens führt auf dem Weg zum „Ereignis der Sprache“.
5. Wie vollzieht sich der Stufenweg vom linguistic turn zur sprachlichen Kehre? Unter dieser Frage werde ich die abschließende Diskussion führen, die Wittgensteins und Heideggers Positionen aufeinander verweist und darin versucht, der Philosophie unter strikter Besinnung auf die Sprache eine eigene Aufgabe zuzuweisen. Gleichermaßen soll sie einen Verstehenshorizont für Heideggers zweites Hauptwerk Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis) (BzP) skizzieren, da ich in diesem einen Versuch zur Ausführung dieser Aufgabe sehe.

2 Rekonstruktion

2.1 Die Grenzen des sinnvollen Sprechens. Wittgensteins Position

2.1.1 Die Abbildtheorie

Die Grundannahme der Abbildtheorie der Sprache ist, dass die Sprache ein Abbild der Wirklichkeit ist. In der transzendentalen Abbildtheorie Wittgensteins wird diese Grundannahme durch folgende Erweiterungen und Eingrenzungen spezifiziert: 1. Denken und Sprechen gehen insofern mitein-ander einher, dass sie beide eine logische Grundstruktur haben. Da wir also nur logisch denken können, sollten wir dementsprechend auch logisch sprechen. 2. Da wir nur logisch denken und sinnvoll sprechen können, kann die Verbindung zwischen der Wirklichkeit und unseren Aussagen darüber ebenfalls nur eine logische Form und Richtlinie besitzen. 3. Weil die Logik somit der Ermöglichungsgrund für (sinnvolle) Aussagen über die Wirklichkeit und darüber hinaus a priori gegeben ist, ist es möglich, sich ausschließlich auf die Sprache (an sich) und ihre logische Struktur zu besinnen (linguistic turn) und dabei empirische Aussagen außen vor zu lassen – denn ist es die Aufgabe der transzendentalen Sprachphilosophie, anhand von logischen Sätzen das Fundament von empirischen Aussagen zu klären, damit diese richtig und sinnvoll getätigt werden können und nicht zu willkürlichen, metaphysischen Scheinwahrheiten verkommen.

Wittgensteins Abbildtheorie im Tractatus hat drei miteinander verbundene Ebenen: Wirklichkeit, Sprache und Logik.

Die Wirklichkeit ist die Gesamtheit der bestehenden und nicht-bestehenden Sachverhalte. Sachverhalte sind Verbindungen von Gegenständen, von Dingen. Die Verbindung (untereinander) ist die Möglichkeit der Dinge, ihre immanente Form. Ein Gegenstand an sich ist fest; seine Konfiguration inmitten anderer Gegenstände hingegen, d. h. der Sachverhalt, innerhalb dessen er vorkommt, ist wechselnd. Jedoch bleibt der Gegenstand an sich eine reine Hypothese, da er nur in seiner Verbindung gedacht werden kann. Ebenso bleiben Sachverhalte im Tractatus aufgrund ihrer nicht-sprachlichen Beschaffenheit ein reiner Referenzpunkt und werden auf die eben beschriebene Weise strukturell verortet. Die Welt hingegen „ist alles, was der Fall ist.“ (TLP 1) Sie ist die Gesamtheit der Tatsachen, d. h. der tatsächlich bestehenden (nicht nur möglichen) Sachverhalte.[2]

Die Sprache ist ein sinnlich wahrnehmbares Bild der Wirklichkeit. Das eigentliche Bild der Wirklichkeit ist der Gedanke. „Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.“ (TLP 3.1) Oder: Der Satz macht ein gedankliches (Ab-)Bild der Tatsachen sinnlich wahrnehmbar, indem er es sprachlich fest-stellt. Da die Sprache ein Abbild der Wirklichkeit ist, besitzt sie einen dieser entsprechenden strukturellen Aufbau: Sätze (Aussagen) entsprechen Tatsachen (Sachverhalten) und bestehen aus Verbindungen von Namen (Wörtern), die den Gegenständen entsprechen. Ebenso wie Gegenstände nur in Verbindung, d. h. innerhalb von Sachverhalten bzw. Tatsachen vorkommen, sind auch Namen stets in Form von Sätzen miteinander verbunden.

Die Logik hingegen nimmt im Tractatus eine zentrale, vermittelnde Rolle zwischen Sprache und Wirklichkeit ein. Wie oben bereits erläutert, ist sie der Ermöglichungsgrund dafür, dass sich Aussagen auf Sachverhalte beziehen können; sie ist transzendental. Sie ist unserem Sprechen und Denken immanent, ist dessen Gerüst, dadurch jedoch noch nicht explizit. Vielmehr stellen die Sätze unserer Sprache Konjunktionen, Produkte aus logischen Elementarsätzen und Urzeichen dar, welche von den Sätzen „verschluckt“ wurden. Mithilfe einer Analyse der Sprache lässt sich dieser Prozess jedoch rückgängig machen: Da allen Aussagen die gleiche logische Grundstruktur gemeinsam ist, lässt sich anhand einer sprachanalytischen Vorgehensweise eine rein logische Begriffsschrift ermitteln, welche somit die Explikation der Logik selbst darstellt. Diese wiederum stellt ein nützliches Instrumentarium zur Reinigung der Sprache dar.

Wittgenstein unterteilt die Sätze unserer Sprache in drei Klassen: sinnvolle, sinnlose und unsinnige Sätze.

Sinnvolle Sätze sind Aussagen, die sich auf Sachverhalte bzw. Tatsachen beziehen. Dies lässt sich daran überprüfen, ob Aussage und Sachverhalt eine logische Strukturgleichheit (gleich einer mathematischen Mannigfaltigkeit) aufweisen: Ebenso wie Sachverhalte Verbindungen von Dingen sind, sind Aussagen Verbindungen von Namen. Sind diese Verbindungen logisch strukturgleich, ist die Aussage eine Aussage über den Sachverhalt. „Am Satz muss gerade soviel zu unterscheiden sein, als an der Sachlage, die er darstellt.“ (TLP 4.04) Nur eine Aussage, die dieser logisch-analytischen Prüfung standhält, kann ein Bild des Sachverhalts sein (der Sinn des Bilds ist das Abgebildete, der Sachverhalt). Dieses Bild muss nicht notwendig wahr sein, sondern kann sich auch als falsch erweisen. Dass eine Aussage sinnvoll und somit empirisch überprüfbar ist, ist vielmehr die Vorraussetzung dafür, ob sie in die Kategorie „wahr/falsch“ fällt. „Dieser Hase ist grau“ ist insofern ein sinnvoller Satz, wenn tatsächlich ein Hase anwesend ist, dessen Fell grau erscheint. Ändern sich nun die Lichtverhältnisse, sodass sich herausstellt, dass sein Fell doch blau ist, so war die Aussage zwar sinnvoll, hat sich jedoch als falsch herausgestellt.

Sinnlose Sätze hingegen beziehen sich zwar auf (mögliche) Sachverhalte, befinden sich jedoch dergestalt jenseits der Kategorie „wahr/falsch“, dass sie keine empirische Überprüfung zulassen, sondern von sich aus immer wahr (Tautologien) oder immer falsch (Kontradiktionen) sind. Sätze dieser Art wären z. B. „Jeder graue Hase ist grau“, „Ein Säugetier ist kein Lebewesen“ etc. Durch logische Analyse lassen sie sich dadurch entlarven, dass sie einen unendlichen logischen Spielraum eröffnen und somit mit keinem (begrenzten) Sachverhalt logische Strukturgleichheit aufweisen.

Unsinnige Sätze sind solche, die keinerlei Verbindung zu Sachverhalten aufweisen, indem sie entweder in sich selbst bleiben („Dieser Satz ist falsch.“) oder – wie alle Sätze der Metaphysik – Pseudo-Dinge benennen, die es in der empirischen Welt nicht gibt wie z. B. „Das Schöne ist unend-lich“, „Gott ist allmächtig“, „Das Schicksal ist unabänderlich“.

2.1.2 Wahrheit

„Alle Sätze unserer Umgangssprache sind tatsächlich, so wie sie sind, logisch vollkommen geordnet. – Jenes Einfachste, was wir hier angeben sollen, ist nicht ein Gleichnis der Wahr-heit, sondern die volle Wahrheit selbst.“ (TLP 5.5563)

Man könnte nun meinen, der Begriff der Wahrheit erschöpfe sich beim frühen Wittgenstein in wahren sinnvollen Sätzen. Dies wäre vielleicht ein einfaches Konzept, würde jedoch in seinem Resultat der Übersichtlichkeit entbehren, da schließlich unabsehbar viele wahre Aussagen über Sachverhalte gemacht werden können – die Wahrheit wäre unendlich. Stattdessen sieht Wittgenstein einen Weg, die Wahrheit explizit und vollständig festzustellen. Dieser Weg ergibt sich aus dem zuvor Beschriebenen:

Wie gesagt, sind Sätze Konjunktionen aus logischen Elementarsätzen. Durch Analyse kann die gesamte Sprache auf einige Elementarsätze reduziert werden, die aus einer Kombination aus Urzeichen bestehen und selbst auf nichts weiter zurückgeführt werden können. Dies nennt sich ein Atomismus der Sprache. Das Besondere beim analytischen Verfahren ist, dass wenn aus einem Satz ein logischer Elementarsatz kondensiert werden kann, dieser Satz auch notwendig wahr ist, denn: die Sätze der Logik bestehen entweder und sind somit wahr, oder sie können nicht bestehen; wenn sie möglich sind, sind sie auch wahr.

Da die Urzeichen der Elementarsätze nicht weiter fundierbar sind, sie also ihren eigenen Ermöglichungsgrund darstellen, kann der logische Ort mit den logischen Zeichen gleichgesetzt werden. Die Logik kann auch nicht negativ verfahren, d. h. sie kann nicht sagen, was es in der Logik nicht geben kann, denn würde dies bedeuten, unlogisch zu denken. Dagegen sind die Grenzen der Logik auch die Grenzen der Wahrheit. Eine vollständige Angabe aller Elementarsätze ist eine vollständige Angabe der Wahrheit.

2.1.3 Sagen und Zeigen

„Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber er kann nicht das darstellen, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie darstellen zu können – die logische Form. Um die logische Form darstellen zu können, müssten wir uns mit dem Satze außerhalb der Logik aufstellen können, das heißt außerhalb der Welt. Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm. Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. [...] Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit.“ (TLP 4.12-4.121)

Bisher habe ich mich bemüht wiederzugeben, was der frühe Wittgenstein unter „sagen“ versteht. Sagen bedeutet etwas sagen, sich auf einen Sachverhalt beziehen, dessen Bild sein. Sagen muss immer sinnvoll sein, wobei der Sinn durch die Referenz auf einen Sachverhalt verliehen wird. Demzufolge beschränkt sich das Sagen auf sinnvolle Sätze, während sinnlose und unsinnige Sätze nichts sagen, sondern nur – auf unterschiedliche Weise – etwas zeigen.

Das, was Sätze zeigen, sind zumeist implizite Grundelemente und –beziehungen der Sprache selbst, das, was zwischen den Zeilen steht, das Unausgesprochene. Das in diesem Sinne Unausge-sprochene ist bei Wittgenstein jedoch zugleich das Unaussprechliche, das nicht sinnvoll Sagbare. So sagen sinnvolle Sätze, dass sich etwas so und so verhält. Was sie dabei implizit zeigen ist, dass sie, als Sätze, überhaupt etwas sagen, sich auf Sachverhalte beziehen können, dass so etwas wie eine Beziehung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem besteht und dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, diese Beziehung und somit Sprache überhaupt zu verstehen. Über diese Beziehung zu sprechen, wäre jedoch sinnlos, da es hierzu notwendig wäre, aus der Sprache und somit aus der Logik herauszutreten – und solange man versucht, über etwas zu sprechen, bleibt man innerhalb der Sprache. Entsprechend sind also alle Sätze der Hermeneutik für Wittgenstein Unsinn, denn: „Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden.“ (TLP 4.1212) Die Anwendung zeigt das Unausgesprochene der Zeichen. Solange die Anwendung funktioniert, solange sie stimmt, wird gezeigt, dass so etwas wie eine Beziehung zwischen Namen und Gegenständen, zwischen Sätzen und Sachverhalten besteht. Das Stimmen ist der Indikator für das Gezeigte.

Metaphysische Sätze hingegen sagen nichts, sondern zeigen nur (aufgrund ihrer fehlenden empirischen Überprüfbarkeit und der endlosen Fülle an Spekulationen, die sie nach sich ziehen), dass sie nichts sagen.

Die Sätze der Logik hingegen sagen ebenfalls nichts, zeigen jedoch, was sich (sinnvoll) sagen lässt. Durch Analyse werden sinnvolle Sätze zu nichtssagenden logischen Sätzen, die jedoch durch ihr alleiniges Bestehen zeigen, dass der Satz, aus dem heraus sie durch Analyse entstanden sind, etwas sagt.

2.1.4 Konklusionen

„Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaft. [...] Sie soll das Denkbare abgrenzen und damit das Undenkbare. [...] Sie soll das Undenkbare von innen durch das Denkbare begrenzen. [...] Sie wird das Unsagbare bedeuten, indem sie das Sagbare klar darstellt. [...] Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“ (TLP 4.113-4.116)

„Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. [...] Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.“ (TLP 6.5)

„Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“ (TLP 6.54)

„Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ (TLP 6.522)

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (TLP 7)

Diese Zitate aus dem Tractatus weisen darauf hin, welche alleinige Funktion Wittgenstein der Philosophie zuschreibt: Sprachklärung. Sie soll keine Lehre erschaffen, sondern nur den Bereich des sinnvollen Sprechens (also die Naturwissenschaften) von sinnlosen und unsinnigen Sätzen rein halten. Sie soll keine Antworten auf bereits unsinnige metaphysische Fragen liefern, soll diese Probleme nicht lösen, sondern als Scheinprobleme entlarven und somit auf lösen. Dies gelingt ihr mithilfe von logischer Analyse. Die daraus entstehenden logischen Sätze sind jedoch Indikatoren für sinnvolles Sprechen und haben an sich keinen Sinn, sind also selbst wieder zu verwerfen.

Der Sinn der Philosophie besteht laut Wittgenstein also darin, das Denken und Sprechen insofern von innen zu begrenzen, dass es sich auf ein hermetisch abgeriegeltes, sinnvolles Sprechen beschränkt. Außerhalb dieses hermetischen Sprachraums lautet die Devise: Schweigen.

[...]


[1] Bei allen Zitaten aus den Werken Wittgensteins und Heideggers verwende ich die jeweils in Klammern gesetzten Abkürzungen. Eine genaue Angabe findet sich im Literaturverzeichnis.

[2] Der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Welt könnte somit anhand eines zeitlichen Maßstabs festgemacht werden: Die Welt (als Gesamtheit der Tatsachen) wäre demnach das Gegenwärtige, während die Wirklichkeit darüber hinaus das potenziell Gegenwärtige, also Zukünftige und auch das Vergangene unter sich fasst. Das Thema Zeit wird jedoch im ontologischen Teil des Tractatus (TLP 1-2) nicht thematisiert.

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656215356
ISBN (Buch)
9783656216483
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195364
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Heidegger Wittgenstein Sprache Sprachphilosophie Fundamentalontologie Tractatus Ereignis Beiträge zur Philosophie Seyn Sein Grundfrage Leitfrage Kehre Wahrheit Schweigen

Autor

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Titel: Das Unaussprechliche und sein Geheimnis