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Positive Theorie der Sozialen Sicherung

Seminararbeit 2011 26 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Motivation und Problemstellung

2 Einordnung des Modells
2.1 Soziale Sicherung - eine Begriffsbestimmung
2.2 Erklärungsansätze für die Existenz sozialer Sicherung
2.3 Überlappende Generationenmodelle

3 Das Modell
3.1 Modellrahmen
3.2 Wählerpräferenzen
3.3 Abstimmungsverfahren

4 Diskussion und Kritik

5 Fazit und Bedeutung

A Anhang

A.l Herleitung Formel (6)
A.1,1 Herleitung des ökonomischen Gleichgewichts
A.l,2 Herleitung der Wählerpräferenzen

A.2 Herleitung Formel (7)

A.3 Herleitung Formel (8)

A.4 Herleitung Formel (9)

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb, 1: Überlappendes Generationen Modell

Abb, 2: Interdependente Nutzenfunktionen

Abb, 3: Dichtefunktion einer linkssteilen Verteilung

1. Motivation und Problemstellung

Durch Sozialpolitik versucht die Gesellschaft die wirtschaftliche Situation ein­zelner Menschen zu verbessern und diese gegen elementare Lebensrisiken (u.a. Einkommensverlust durch Alter, Krankheit) abzusiehern. Soziale Sicherung existiert in allen entwickelten Staaten in den verschiedensten Formen (Ver­sicherung, Transfer, u.ä.) und macht einen hohen Anteil an den Staatsausga­ben aus. Allein in Deutschland belief sieh das Sozialbudget in 2009 auf etwa ein 1/3 des BIP, [1] Angesichts dieses gewaltigen Ausmaßes umverteilender So­zialpolitik stellt sieh sofort die Frage, warum Individuen solche Maßnahmen befürworten. Dies gilt insbesondere, wenn man normative Beweggründe außer Acht lässt und sieh auf die positive (rein erklärende) Theorie beschränkt. Ge­mäß der Verhaltensannahme der Eigennutzorientierung werden die Mitglieder der Gesellschaft - vor die Wahl zwischen verschiedene Alternativen gestellt - die einzelnen Wahlmöglichkeiten gegeneinander abwägen und sieh für die für sie „beste” Alternative entscheiden, [2] Warum aber sollte für die Mehrheit ei­geninteressierter Individuen gerade umverteilende Soziale Sicherung zugunsten anderer diese beste Alternative darstellen?

Um diese Frage zu beantworten, werden in der Literatur verschiedene Ansätze diskutiert, Guido Tabellini untersucht in seinem im Jahr 2000 geschriebenen Aufsatz „A Positive Theory of Social Security” zwei vertiefend. Im diskutierten Aufsatz stimmen alle lebenden Individuen in jeder Periode mit Mehrheitswahl über die Sozialpolitik ab. Für Tabellini erhöht sieh durch die Kombination von inter- und intragenerationeller Umverteilung die Anzahl der Proüteure und so­mit die Anzahl der Befürworter einer solchen Politik, Dadurch werden sowohl die Alten als auch die Armen in den Wahlen dafür sein, Umverteilung stattfin­den zu lassen. Im Ergebnis ist der Umfang der Umverteilung um so höher, je größer der Anteil älterer Leute an der Gesellschaft und je größer die Ungleich­heit des Vor-Steuer-Einkommens innerhalb einer Generation ist.

Der Fokus der gesamten Arbeit wird auf die Erklärungsansätze der Existenz der Sozialen Sicherung gelegt, Kapitel 2 wird in den Bereich der Sozialen Si­cherung einleiten (2,1), verschiedene Ansätze vorstellen, die deren Existenz erklären (2,2) und die grundlegende Herangehensweise des vorgestellten Mo­dells erläutern (2,3), Kapitel 3 wird das Grobgerüst des diskutieren Modells vorstellen und aufzeigen, wie konkret die Sozialversicherung konstruiert wurde (3,1), Außerdem werden die Merkmale identiüziert, welche die Individuen auf­weisen müssen, um Umverteilung zu befürworten (3,2) und der Ablauf des Ab­stimmungsprozesses erläutert (3,3), Kapitel 4 wird die verwendeten Annahmen kritisch untersuchen und 5 Resümee ziehen und die Bedeutung der Ergebnisse für die Realität aufzeigen.

2. Einordnung des Modells

2.1. Soziale Sicherung - eine Begriffsbestimmung

Ziel der Sozialpolitik ist die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation be­stimmter Personen oder -gruppen. Die soziale Sicherung stellt einen Teilbe­reich der Sozialpolitik dar und versucht die Bürger gegen elementare Lebensri­siken (u.a, Alter, Krankheit, Pflegebedürftigkeit) abzusiehern. Konkret werden die Auswirkungen eingetretender Risiken abgemildert, indem die Betroffenen einen Transfer erhalten, welcher den entstandenen Einkommensausfall teilweise ausgleieht.

Soziale Sieherungssvsteme existieren seit jeher in den unterschiedlichsten For­men in allen Gesellschaften, In archaischen Gesellschaften war vornehmlich die Großfamilie Träger der sozialen Sicherung, Traten Lebensrisiken wie et­wa Krankheit oder Alter ein, wurde das betroffene Individuum durch private Transfers aus dem familiären Umfeld unterstützt. In diesen zahlenmäßig kleinen Gruppen konnte solidarisches Verhalten, d.h, das Zurüekstellen egozentrischen Handelns, wirksam durch Gruppenzwang durehgesetzt werden. Diese Möglich­keit der Absicherung wurde nahezu unmöglich, als sieh in Folge des technischen Fortschritts, dem damit einhergehenden rapiden Anstiegs der Bevölkerung und den gestiegenden Wanderungsbewegungen der Bevölkerung die Großfamilien zunehmend auflösten. Spätestens seit der Phase der Industrialisierung wich die Familie als Träger der sozialen Sicherung immer weiter zurück und der Staat übernahm diese Rolle weitestgehend. Im Zuge dieser Entwicklung wurden kol­lektive Sozialversieherungssysteme entwickelt, welche die Bevölkerung wirksam gegen elementare Lebensrisiken absiehern. [3]

Bei Lebensrisiken ist grundsätzlich zwischen kalkulierbaren (und damit ver­sicherbaren) Risiken wie Alter und unkalkulierbaren Unsicherheiten wie etwa Arbeitslosigkeit zu unterscheiden. Während erstere durch private Versicherun­gen abgesiehert werden können, benötigen letztere kollektive Sicherungssyste­me. Obwohl gerade die Alterssieherung privat durchführbar wäre, sprechen verschiedene Gründe für staatliche Eingriffe in diesem Bereich, Erstens verfü­gen Menschen im Allgemeinen über myopische (d.h, kurzsichtige) Präferenzen, Dies führt dazu, daß sie zukünftige Bedürfnisse geringer einsehätzen als gegen­wärtige und daher nicht im ausreichenden Maße für ihr Alter Vorsorgen, Der Gesetzgeber kann dem mit einem verpflichtenden Abschluss einer privaten Ver­sicherung begegnen. Hinzu kommt zweitens, daß die ungleiche Verteilung von Ressourcen und Einkommen gemeinhin als „ungerecht” wahrgenommen wird. Daher wird für die Alterssieherung nicht nur der verpflichtende Abschluss einer Privatversicherung staatlich vorgeschrieben, sondern zudem eine Sozialversiche­rung gegründet, welche im Gegensatz zu privaten Versicherungen häufig ohne Teilhabeäquivalenz funktionieren. Das heißt, dass die ausgezahlten Leistungen an einzelne Mitglieder der Alterskohorte nicht strikt proportional zu den gezahl­ten Beiträgen dieser Mitglieder sind. Dadurch lässt sieh das Versicherungsprin­zip (Äquivalenz der Beiträge und Leistungen) mit dem Solidarprinzip („Einer für alle und alle für einen”) verknüpfen und so eine politisch gewünschte Um­verteilung zugunsten ärmerer Personen durchführen, welche die Ungleichheiten in der Einkommenshöhe teilweise reduzieren. [4]

Die im weiteren Verlauf der Arbeit diskutierte Form der sozialen Sicherung stellt ein Steuer-Transfer System dar, welches man als umlagefinanzierte Al­terssieherung mit Umverteilung innerhalb der Kohorte definieren kann.

2.2. Erklärungsansätze für die Existenz sozialer Sicherung

Will eine rein erklärende (positive) Theorie plausibel die Beweggründe erklären, in einem politischen Abstimmungsprozess für umverteilende soziale Sicherung zu stimmen, ist es wichtig, eine realistische Annahme bezüglich des Verhaltens der Menschen zu treffen. Und nicht wie teilweise die normative Theorie von ei­nem Wunschbild des Mensehens auszugehen. Die Verhaltensannahme des Homo Oeeonomieus vermag dies. Der Homo Oeeonomieus wird als eigeninteressiert verstanden. Sein Verhalten hängt nicht davon ab, ob es seinen Mitmenschen durch sein Handeln gut oder schlecht geht. Er erfreut sieh nicht an ihrem Wohlergehen, empfindet aber auch keine Schadenfreude; vielmehr ist er seinen Mitmenschen gegenüber neutral, Kirehgässner beschreibt das Verhalten von Menschen daher als „gegenseitig desinteressierte Vernünftigkeit”. [5]

Versteht man die Menschen wie oben beschrieben, verwundert es, daß umver­teilende soziale Sicherung in einer Gesellschaft von Homo Oeeonomiei mehr­heitsfähig ist. Dennoch muss man feststellen, daß in beinahe allen Gesellschaf­ten Umverteilung stattündet. Von den zahlreichen in der Literatur diskutier­ten Erklärungsansätzen sollen hier insbesondere zwei näher betrachtet werden. Erstens wird soziale Sicherung mit altruistischen Motiven der Bevölkerung er­klärt, Altruismus wird hierbei als selbstloses Verhalten verstanden, welches ausschließlich der Wohlfahrt anderer dient. Gemäß dieser Erklärung verhalten sieh die Mitglieder einer Gesellschaft zueinander solidarisch und unterdrücken egoistisches Verhalten, weil sie eben nicht strikt eigennutzinteressiert sind. Dies stellt sicherlich die simpelste Möglichkeit dar, das oben beschriebene Problem zu lösen und wird im Folgenden nicht vertiefend behandelt, da es - zumin­dest wenn man das nähere Umfeld (Familie, engste Bekannte) aussehließt - das menschliche Verhalten unzutreffend beschreibt.

Ein relevanterer, zweiter Ansatz erklärt die Existenz sozialer Sicherung als Fol­ge des Zusammenwirkens von politischem Prozess und unterschiedlichen Ein­kommenshöhen, Demzufolge ergibt sieh aus den Einkommensdivergenzen für die Ärmeren ein Interesse an Umverteilung zu ihren Gunsten, welches sie im politischen Prozess (Mehrheitswahl) durchsetzen können. Diese Erklärung be­ruht auf zwei Teilargumenten: Einerseits ist das Stimmrecht in der Gesellschaft gleich verteilt. Im Gegensatz dazu sind die Vor-Steuer-Einkommen linkssteil ver­teilt, d.h, viele Personen erzielen ein niedriges und nur wenige ein hohes Ein­kommen, Da bei einfacher Mehrheitswahl etwas mehr als 50% der Stimmen zur Annahme einer Politik genügen und ein großer Teil der Bevölkerung ein Inter­esse an einer Politik hat, welche den Reichen etwas weg nimmt und an die Ar­men umverteilt, ist umverteilende Politik mehrheitsfähig und wird beschlossen. Gemäß dieses Erklärungsansatzes entspringt Umverteilung aus dem „Ausein­anderklaffen von wirtschaftlicher Ressourcenverteilung (ungleiche Verteilung der Einkommen) und der Verteilung des Stimmrechts (Gleichverteilung)” [6] und steht nicht im Widerspruch zur Verhaltensannahme des Homo Oeeonomieus, Vielmehr ist es für Transferempfänger rational, für soziale Sicherung zu stim­men.

[...]


[1] Vgl. Statistisches Bundesamt (2010).

[2] Vgl. Kirchgässner (2008), S. 14.

[3] Vgl. Petersen (1989), S. 30-37.

[4] Vgl. Neumann; Schaper (2010), S. 156ff; Homburg (1988), S. 6ff.

[5] Vgl. Kirehgässner (2008), S. 45f.

[6] Pommerehne; Kirehgässner (1988), S. 214.

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656211679
ISBN (Buch)
9783656212041
Dateigröße
876 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195321
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Finanzwissenschaft II
Note
1,2
Schlagworte
Soziale Sicherung Positive Theorie Tabellini OLG-Modell

Autor

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Titel: Positive Theorie der Sozialen Sicherung