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Oral History - Eine Einführung und Überprüfung auf Anwendbarkeit zur Ausarbeitung einer Masterarbeit

Wissenschaftlicher Aufsatz 2011 18 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Oral History?
2.1 Definition
2.2 Praktische Anwendung

3. Was leistet Oral History?

4. Methodische Probleme und Grenzen der Oral History
4.1 Interviewprozess
4.2 Das Gedächtnisproblem
4.3 Repräsentativität, Validität und Reliabilität

5. Anwendbarkeit auf Thema der Masterarbeit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Anfang einer jeden größeren wissenschaftlichen Arbeit steht derjenige, der deren Ausarbeitung bemächtigt oder dazu mehr oder weniger freiwillig beauftragt wurde, vor einem schier unüberschaubaren Berg von Arbeit. An dieser Stelle soll nun kein Versuch angestellt werden, wie und mit welchen Mitteln ein Einstieg in die Forschungsarbeit erfolgen kann. Anleitungen zum wissenschaftlichen Arbeiten haben schon genug kluge Köpfe verfasst und würden sicherlich das Wissen und die Möglichkeiten des Autors dieser Seminararbeit bei weitem übersteigen. Nimmt man sich einen der gängigen Ratgeber und Anleitungen zu wissenschaftlichem Arbeiten in die Hand, so wird, sei es bei Werken zu einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin oder auch bei fächerübergreifenden Veröffentlichungen, immer als erstes darauf hingewiesen, dass eine gute Planung und die profunde Kenntnis der Methoden und Techniken des Faches und des wissenschaftlichen Arbeitens an sich, Grundvoraussetzungen für das gute Gelingen eines Arbeitsprozesses sind.[1] Soweit zu Ausgangsbedingungen und den Vorüberlegungen.

Diese Seminararbeit soll nun dazu dienen, eine bestimmte Methode der wissenschaftlichen Forschung daraufhin zu untersuchen, ob diese im Hinblick auf das Verfassen einer Masterarbeit zu einem bereits bekannten Thema, anwendbar und durchführbar ist. Nimmt man das Schema von Theisen zur Vorlage[2], so ist die Phase der Planung und Vorbereitung im wissenschaftlichen Arbeitsprozess bereits abgeschlossen. Der Verfasser beschäftigt sich demnach zurzeit hauptsächlich noch mit dem Bereich der Materialübersicht, ist jedoch auch schon mit der Auswertung der Materialien befasst.

Die Thematik der zu erstellenden Masterarbeit bewegt sich im historischen Forschungsfeld der Erinnerungskultur. Auf eine ausführliche Beschreibung muss an dieser Stelle verzichtet werden, daher nur ein kurzer Überblick: Vor dem Hintergrund einer bisher nur unzureichenden historischen Aufarbeitung des Terrors gegen Homosexuelle während der Zeit des Nationalsozialismus und eines zum Teil nicht vorhandenen oder nur selten öffentlichkeitswirksamen Hervortretens des Gedenkens an die Opfer dieser Verfolgung, wird sich die Forschungsarbeit mit Orten des Erinnerns und Gedenkens an diese spezielle Gruppe beschäftigen. Dabei soll im Besonderen der Frage nachgegangen werden, welche Art von solchen Orten es in München und dem Münchner Umland gibt.

Ausgehend von den Überlegungen zum Gedächtnis als Kategorie der Geschichtswissenschaft,[3] umfasst die Thematik Erinnerungskultur viele unterschiedliche Bereiche der Forschung. Ein Versuch, die ganze Bandbreite an theoretischen Ansätzen und Methoden und vor allem die unzähligen Themenfelder darzustellen, übersteigt die Möglichkeiten, welche dem Verfasser dieser Seminararbeit zur Verfügung stehen.[4] Daher soll sich im Folgenden ausschließlich der in den Geschichtswissenschaften heute sehr populären Methode der Oral History beschäftigt werden. Diese hat im Zusammenhang mit der wachsenden Beliebtheit von Alltagsgeschichte als Teildisziplin der Geschichtswissenschaften[5] immer mehr an Bedeutung gewonnen und wird daher auch als mögliche Forschungsmethode für die Ausarbeitung der Masterarbeit in Erwägung gezogen. Die Tatsache, dass Oral History im Kreise der Historiker nicht unumstritten ist und sich die Meinung zu dieser Forschungsmethode erst in jüngerer Vergangenheit zum positiven gewandelt hat, macht die Auseinandersetzung mit dieser erst recht interessant.[6]

Im Hinblick auf die Leitfrage: Kann Oral History als Methode der Geschichtswissenschaft genutzt werden, um bei Ausarbeitung des Masterarbeitsthemas einen Erkenntnisgewinn zu bekommen?, werden im Folgenden die Methode an sich vorgestellt und ihre Stärken und Schwächen näher betrachtet. Dazu wird zunächst der Begriff erläutert und in den Kontext der aktuellen Forschung gestellt.

2. Was ist Oral History?

Die erste grundsätzliche Frage, die sich jedem stellt, der in Erwägung zieht sich mit Oral History zu beschäftigen, ist die nach der Bedeutung des Begriffs. Probleme bereitet dem deutschsprachigen Forscher dabei vor allem der Mangel an einer schlüssigen Übersetzung ins Deutsche. Zieht man die gängige Literatur zu diesem Thema zu Rate, so bekommt man ebenfalls ein vielschichtiges Bild. Vorländer spricht in seiner Einführung zur Oral History von einem „Verlegenheitsbegriff“[7], den wir nur benutzen, da er mehr oder weniger eingeführt ist und andere konsensfähige deutsche Bezeichnungen dafür nicht vorhanden sind. Grele nennt die Bezeichnung gar „salopp“[8] und von Plato befürchtet, dass sich durch die Verwendung dieses Begriffs eine gewisse Naivität im Umgang mit dieser Forschungsmethode durchsetzt.[9]

Wie umstritten der Begriff ist, zeigt sich auch bei den Versuchen „einerseits …[die] geringe[n] Aussagekraft des Begriffs, andererseits .. seine[r] Uneindeutigkeit und Mißverständlichkeit [!]“[10] durch Übersetzungen ins Deutsche und neue Begriffskonstruktionen auszugleichen. Wird an der einen Stelle der Vorschlag gemacht, Oral History am ehesten mit „mündlich erfragter Geschichte“[11] zu übersetzen, so wird an anderer Stelle genau dieses kritisiert, da es nur noch deutlicher „die Gehaltlosigkeit dieses ,vertrackten Begriffs’, der nur auf die kommunikative Besonderheit des Mediums verweist“[12] in den Vordergrund stellen würde. Eine Möglichkeit, welche die Reduzierung auf die bloße Verwendung von mündlichen Quellen verhindern könnte, wäre eine Bezeichnung der Methode als „Erfahrungsgeschichte“ oder „Erfahrungswissenschaft“, „weil diese Begriffe das Forschungsfeld und die dazugehörige methodische Vielfalt aufzeigen.“[13] Letztendlich hat sich ein deutscher Begriff jedoch bisher nicht durchgesetzt, was dazu führt, dass der Inhalt hinter dem Begriff sehr schwammig bleibt. Daher ist es auch nicht unbedingt verwunderlich, dass es keine allgemein anerkannte Definition dessen gibt, was Oral History beinhaltet.[14]

2.1 Definition

Dabei reichen die Definitionsversuche von recht vagen Beschreibungen wie der von Lutz Niethammer (wird zuweilen auch „Nestor der deutschen Oral History“ genannt und ist wohl einer der Bedeutendsten Fachleute auf diesem Gebiet[15] ), wonach „Interviews mit den Beteiligten und Betroffenen historischer Prozesse, in der Regel unter Zuhilfenahme eines Tonbandgeräts“[16] bereits Oral History sind, bis hin zu sehr umfangreichen wie der von Alexander Geppert. Er beschränkt sich in seinem Versuch einer Definition darauf, die grundlegenden Elemente einer Oral History–Untersuchung zusammenzustellen und schafft damit einen konkreten Rahmen für den Umgang mit dieser Methode:

„,Oral History’ ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, mündliche Erinnerungsinterviews mit Beteiligten und Betroffenen historischer Prozesse durchzuführen und (in der Regel) gleichzeitig in reproduzierbarer Weise auf einen Tonträger festzuhalten, um auf diese Weise retrospektive Informationen über mündliche Überlieferungen, vergangene Tatsachen, Ereignisse, Meinungen, Einstellungen, Werthaltungen oder Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten.“[17]

Diese Definition wird sicherlich nicht die Zustimmung aller mit der Thematik befassten Historiker bekommen. Für den Autor dieser Arbeit soll sie dennoch ein Anhalt sein für die weitere Auseinandersetzung mit der Methode.

2.2 Praktische Anwendung

Zur konkreten Praxis der Oral History gibt es bis heute nur sehr wenig Literatur. Ein guter Überblick findet sich ebenfalls bei Geppert. Demnach sind nahezu alle Oral History–Projekte durch eine dreischrittige Vorgehensweise gekennzeichnet. Das kennzeichnende Element der Methode bildet dabei das diachrone Interview, bei dem, meist in einem offenen Verfahren, Menschen nach ihrer Lebensgeschichte befragt werden. Einzelne Fragen des Interviewers sind durchaus hilfreich, „,Abschweifungen’ seitens der interviewten Person“[18] sollen jedoch möglichst nicht unterbunden werden, ebenso Befragungen nur zu einem einzelnen Ereignis.[19] Ergänzend sei hier anzumerken, dass trotz des „offenen Charakters“ eine gründliche Vorbereitung und Information des Interviewers unerlässlich ist.[20] In einem zweiten Schritt muss nun das mit Aufnahmegeräten aufgezeichnete Interview, ganz oder teilweise transkribiert werden um im Anschluss daran im dritten Schritt (mit hermeneutischen Methoden) ausgewertet zu werden.[21] Über diese grundlegenden Arbeitsschritte hinaus, verlangt die Komplexität eines Oral History-Vorhabens, auf das jeweilige Forschungsvorhaben angepasste Arbeitsbedingungen und Vorleistungen. Ein auf alle Fälle einheitlich zugeschnittenes Methodenkonzept wäre in der Realität wohl eher hinderlich und nicht sinnvoll.

Ein Bespiel für einen Arbeitsprozess und der Durchführung von Interviews sowie praktische Hinweise und Anmerkungen bietet Stöckle.[22] Mögen auch die technischen Voraussetzungen, die dem Interviewer heutzutage gegeben sind, deutlich verbessert sein (man denke nur an die Möglichkeiten der digitalen Aufnahme- und Bearbeitungssoftware), so bleiben die grundsätzlichen Umstände von Interviewsituationen auch weiterhin bestehen.

[...]


[1] Vgl.: Theisen, Manuel René, Wissenschaftliches Arbeiten, 2006, S.1-2. Freytag, Nils, Piereth, Wolfgang, Kursbuch, 2006, S.5-6.

[2] Theisen, Manuel René, Wissenschaftliches Arbeiten, 2006, S.20.

[3] Halbwachs, Maurice: Gedächtnis, 1985.

[4] Einen recht übersichtlichen und umfassenden Überblick zum Thema Erinnerungskultur bietet: Cornelißen, Christoph: Erinnerungskultur, 2003, S. 548–563.

[5] Vgl.: Stöckle, Frieder: praktischer Umgang, 1990, S.131. Niethammer, Lutz: Einführung, 1980, S.7. von Plato, Alexander: Stand in Deutschland, 1991, S.102.

[6] Vgl.: Grele, Richard J.: theoretische Probleme, 1980, S.144.

[7] Vorländer, Herwart: mündliches Erfragen, 1990, S.7.

[8] Grele, Richard J.: theoretische Probleme, 1980, S.143.

[9] Vgl.: von Plato, Alexander: Stand in Deutschland, 1991, S.98.

[10] Geppert, Alexander C.T.: methodische Probleme, 1994, S.304.

[11] Vorländer, Herwart: mündliches Erfragen, 1990, S.20.

[12] Geppert, Alexander C.T.: methodische Probleme, 1994, S.304.

[13] von Plato, Alexander: Stand in Deutschland, 1991, S.98.

[14] Vgl.: Vorländer, Herwart: mündliches Erfragen, 1990, S.8.

[15] Vgl.: Geppert, Alexander C.T.: methodische Probleme, 1994, S.318.

[16] Niethammer, Lutz: Einführung, 1980, S.8.

[17] Geppert, Alexander C.T.: methodische Probleme, 1994, S.313.

[18] Ebd.: S.310.

[19] Vgl.: von Plato, Alexander: Robert R., 1985, S.274.

[20] Vgl.: Stöckle, Frieder: praktischer Umgang, 1990, S.134.

[21] Vgl.: Geppert, Alexander C.T.: methodische Probleme, 1994, S.309-310., Vgl. auch das Konzept nach Stöckle: Stöckle, Frieder: praktischer Umgang, 1990, S.132-133.

[22] Vgl.: Stöckle, Frieder: praktischer Umgang, 1990, S.133-137.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656211686
ISBN (Buch)
9783656448259
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195315
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,0
Schlagworte
oral history eine einführung überprüfung anwendbarkeit ausarbeitung masterarbeit

Autor

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