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Magische Orte – Zur Lyrik von Johannes Bobrowski

Magisterarbeit 2009 90 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Johannes Bobrowski
1.1 Das Werk (zu Lebzeiten und posthum)
1.2 Biografisches zu Johannes Bobrowski

2. Begriffsdefinition: ‚Magischer Ort’
2.1 Die Bedeutung des Begriffs ‚magisch’
2.1.1 Zusammenfassung von Kapitel 2.1
2.2 Welche Bedeutung hat der Ort für Johannes Bobrowski?
2.2.1 Der reale Ort
2.2.2 Der irreale Ort
2.2.3 Der magische Ort
2.2.3.1 Aura als Bestandteil des magischen Ortes
2.2.3.2 Mythisches als Bestandteil des magischen Ortes
2.2.3.3 Die naturmagische Schule

3. Der magische Ort in der Kindheit und im Nachlass
3.1 Heimatlieder – Erinnerungen an die Kindheit
3.2 Gedicht aus dem Nachlass: Die Taufe des Perun. Kiew

4. Feuchtgebiete – Die Magie des Stroms
4.1 Die Beziehung von Mensch und Natur
4.2 Das Holzhaus über der Wilia
4.3 Die Jura
4.3.1 Der Götterberg Rombinus
4.4 Landschaft als Erinnerungsträger
– Die Fusion von Raum und Zeit

5. Schrecken der Erinnerung – Der magische Ort im Krieg
5.1 Kaunas
5.1.1 Tiersymbolik und Märchenbezug
5.2 Kathedrale

6. Wetterzeichen – Der historische und mythische magische Ort
6.1 Die Wolgastädte
6.2 Schattenland

7. Das ist nicht alles ernst: Die humorvolle Seite von Johannes Bobrowski
7.1 Anthropomorphe Landschaft – Der magische Ort lebt
7.1.1 Der Widerspenstigen Zähmung
7.1.2 Distinguierte Distichen

Zusammenfassung

Literatur

Einleitung

„Ich [...] hab ein ungebrochenes Vertrauen zur Wirksamkeit des Gedichts, - vielleicht nicht ‚des Gedichts’, sondern des VERSES, der wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel wird werden müssen.“[1] Diesen Satz schreibt Johannes Bobrowski am 04.03.1959 an Peter Jokostra. Dieser Bezug von Autor, Text und Magie findet sich beispielsweise auch bei Marianne Krüll: „<<Zauberer>> wurde Thomas Mann von seinen Kindern genannt.“[2] So beginnt sie ihre Biografie der Familie Mann. Sie lässt diese Begebenheit zwar unkommentiert, erwähnt aber direkt vorher, dass die Manns eine ungeheure Faszination auf sie ausüben[3] und impliziert somit einen Zusammenhang zwischen dem Schriftsteller Thomas Mann, seiner Rolle als ‚Zauberer’ und ihrer persönlichen Faszination von der Familie Mann.

Dies ist nicht die einzige literaturwissenschaftliche Arbeit, die zumindest auf sprachlicher Ebene eine Verknüpfung zwischen Autoren und Magiern bzw. Zauberern schafft.[4] Viele dieser Arbeiten verzichten allerdings darauf, sich weiterführend mit der titelgebenden ‚magischen’ Materie auseinanderzusetzen. Es bleibt der Eindruck beim Leser, es geht gar nicht darum Autoren bzw. Literatur und Magier bzw. Magie zu betrachten, sondern die Bezeichnung ‚Magier’ oder ‚magisch’ für das entsprechende Werk wird nur gewählt, weil so am besten etwas bezeichnet werden kann, für das es kein anderes, besseres oder präziseres Wort gibt. So kommt auch im Titel dieser Arbeit der Begriff ‚magisch’ vor, benutzt in dem Wissen, dass dieser Begriff nicht unproblematisch ist und daher definiert und erklärt werden muss.[5]

Zusätzlich zu den Definitionen der Begriffe Magie und Ort, soll die Frage geklärt werden, was diese mit Bobrowski und seiner Lyrik zu tun haben. Dazu werden Gedichte aus den Gedichtbänden ‚Sarmatische Zeit’, ‚Schattenland Ströme’ und ‚Wetterzeichen’ analysiert. Zur Einordnung und Klärung der Bedeutung des magischen Ortes wird aber auch auf nicht zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte des Autors eingegangen, da sie für die Entwicklung des Themas von Bobrowski durchaus von Bedeutung sind.

Bobrowski hat nicht nur Natur- bzw. Landschaftsgedichte geschrieben, sondern auch einige Personengedichte. In diesen spielt die Landschaft zum Teil auch eine Rolle, sie werden in dieser Arbeit allerdings weniger berücksichtigt. Es geht nicht um das Erfassen der gesamten Lyrik von Johannes Bobrowski, sondern um die besondere bzw. ‚magische’ Bedeutung der Natur und Landschaft, zusammengefasst im Begriff des ‚Ortes’, in den sarmatischen Gedichten des Autors.

1. Johannes Bobrowski

Um die Lyrik von Johannes Bobrowski verstehen zu können, muss seine Biografie betrachtet werden, da diese für sein literarisches Werk und das Verständnis seiner Texte eine wichtige Rolle spielt.

1.1 Das Werk (zu Lebzeiten und posthum)

Zu Lebzeiten wurden die beiden Lyrikbände: Sarmatische Zeit (1961, BRD und DDR) und Schattenland Ströme (1962 BRD, 1963 DDR) sowie der Roman ‚Levins Mühle’ (1964, BRD und DDR) veröffentlicht. Posthum erschienen die Erzählungsbände ‚Boehlendorff und Mäusefest’ (1965) und ‚Der Mahner’ (1967), der Roman ‚Litauische Claviere’ (1966), sowie die Lyrikbände ‚Wetterzeichen’ (1967, in der noch von Bobrowski vorgeschlagenen Version) und ‚Im Windgesträuch’ (1970), und schließlich 1977: Literarisches Klima. Ganz neue Xenien, doppelte Ausführung. Außerdem ist das Gesamtwerk in den ‚Gesammelten Werken’ (letzte Auflage 1998/1999) Bände 1-6 vorzufinden.

Öffentliche Anerkennung und Auszeichnungen für sein Werk bekam Bobrowski ab 1962. Er erhielt unter anderem den Alma-Johanna-Koenig-Preis (Dotierung: 6000 Schilling) für das Gedicht ‚Im Strom’[6] und im selben Jahr den Preis der Gruppe 47 für die Gedichte: Kalmus, Der lettische Herbst, Schattenland, Im Strom, Erfahrung, Begegnungen und Die Wolgastädte.[7] Kurz vor seinem Tod wurde ihm der Heinrich-Mann-Preis für den Roman ‚Levins Mühle’ verliehen.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.1: Günther Grass (links) und Johannes Bobrowski (rechts) bei einem Treffen der Gruppe 47 in Stockholm (1964).[9]

1.2 Biografisches zu Johannes Bobrowski

Bobrowski wurde 1917 in Tilsit geboren. Tilsit gehörte damals zum Deutschen Reich und Bobrowski und seine Familie damit zum deutschsprachigen Teil der Bevölkerung. Heute heißt die Stadt Sovetsk (wird auch ‚Sowjetsk’ geschrieben) und gehört zu Russland. Von 1928 bis 1938 wohnte die Familie in Königsberg[10] (heute: Kaliningrad, zu Russland gehörig). In der Zeit von 1929 bis 1937 machte Bobrowski (vermutlich jeden Sommer) Ferien bei einer Tante in Willkischken (heute: Vilkyskiai, Litauen) und den Großeltern in Motzischken (heute: Mociskiai, Litauen), wo diese ein Gehöft besaßen. Haufe beschreibt die Reise in diese Region im ersten Band der gesammelten Werke von Johannes Bobrowski:

„Das war jedes mal eine Reise ins Ausland, mit der Eisenbahn von Königsberg nach Tilsit, von dort mit der Kleinbahn über die Memel, durch das weite Wiesenland der rechten Stromseite, dann durch die fruchtbaren Hügel des Willkischkener Höhenzuges nach Willkischken […], schließlich die Jura überquerend bis zum Haltepunkt Motzischken.“[11]

Diese Region ist während der Jugendjahre ein erster prägender Erfahrungsbereich besonders im Bezug auf Landschaft für Bobrowski. Ein zweiter soll später im 2. Weltkrieg während des Russland-Feldzuges folgen.

1938 zog die Familie nach Berlin-Friedrichshagen um, wo Bobrowski auch nach dem Krieg bis zu seinem Tod mit seiner Familie wohnte. Seine spätere Frau Johanna lernte er 1937 während seines Ferienaufenthalts in Motzischken kennen.[12] Sie ist für ihn ein ständiger und besonderer Bezugspunkt zu dieser Region, die für Bobrowski Heimat ist. Ausgedrückt hat er das z.B. in dem Gedicht ‚Die Daubas’: „Liebste, du bleibst noch – so / sehn ich mich nicht.“[13] Auch die Kurzgeschichte ‚Das Käuzchen’ handelt von ihr.[14] Ab 1939 musste er als Soldat der Wehrmacht zunächst am Überfall auf Polen teilnehmen, dann am Frankreich-Feldzug, bis sein Regiment ab 1940 an der Ostfront beim Feldzug gegen die Sowjetunion eingesetzt wurde. Dort erlebte er 1941 mit, wie in Kaunas 3800 Juden der Stadt dem NS-Pogrom zum Opfer fielen. Bezug darauf nimmt das Gedicht ‚Kaunas 1941’ (aus ‚Sarmatische Zeit’). Als Soldat eines Nachrichtenregiments musste Bobrowski nicht direkt an der Front kämpfen, sondern war z.B. für das Reparieren zerstörter Telefonleitungen zuständig. Von Kaunas aus wurde sein Regiment nach Nordrussland geschickt und in der Nähe des Ilmensees stationiert.[15] Bobrowski selbst schrieb zu dieser nordrussischen Landschaft in einem Brief von 1943 an Ina Seidel:

„Das Erste, was wir hier lernten, war das Sehen. Die Landschaft, immer wieder abgesucht, kam uns mit nichts entgegen. Die Endlosigkeit der Ebene, die auch ein Fluß und der (zudem meist niedrige) Wald nicht unterbrechen konnten, wollte uns immer mit einem Gefühl von Verlorenheit betrügen, und so befand sich der Blick immer wieder bei der Fahrt der Wolken, den Farben des Abends und bei den Sternen. Aber da hielten die Worte nicht mit.“[16]

Bezug auf diese Zeit nehmen z.B. die Gedichte ‚Städte 1941’ (aus ‚Im Windgesträuch’) und ‚Der Ilmensee 1941’ (aus ‚Sarmatische Zeit’). Im August 1941 sah er bei einem Einsatz seines Regiments das zerstörte Nowgorod, auf dieses Ereignis beziehen sich besonders die Gedichte ‚Kathedrale 1941’ (aus ‚Schattenland Ströme’) und ‚Kloster bei Nowgorod’ (aus ‚Schattenland Ströme’). 1943 heiratet er während seines Urlaubes Johanna Buddrus. 1944 bekommt er das Angebot in Berlin zu studieren, welches er ablehnt, da er ansonsten in die NSDAP hätte eintreten müssen.[17]

Zu dieser Zeit war er in Malavna stationiert, bis sich das Regiment nach Riga zurückziehen musste. Das Kriegsende erlebte er im nordkurländischen Kaudau, welches später von den sowjetischen Truppen umstellt wurde. Aus dieser Zeit stammt eine frühe Fassung des Gedichts ‚Die Memel’ (endgültige Fassung veröffentlicht in ‚Sarmatische Zeit’). Ab Mai 1945 befand sich Bobrowski in russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1949 entlassen wurde.[18] Diese, vom Krieg heimgesuchte, östliche Landschaft ist der zweite prägende Erfahrungsraum für Bobrowski. Neben der Landschaft ist auch die Verarbeitung der Kriegsschuld ein wichtiges Thema seiner Lyrik und Prosa.

Von 1950 bis 1965 ist er als Lektor für den Altberliner Verlag und später für den Union-Verlag in Berlin tätig. Im Sommer 1965 wird er mit einem Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus gebracht. An den Folgen stirbt er Anfang September, die Todesursache ist ein Gehirnschlag.[19]

2. Begriffsdefinition ‚Magischer Ort’

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist die Definition des magischen Ortes nicht unproblematisch. Wenn in der neueren deutschen Philologie von bzw. über Magie geschrieben wird, dann ist in der Regel nicht die im Mittelalter als dunkle Kunst bekannte ‚Zauberei’ gemeint. Vielmehr geschieht die Verwendung dieses Begriffs häufig aus der, meistens unreflektierten, Not heraus, dass ein Wort fehlt, welches adäquat beschreibt, was wir empfinden, wenn uns beispielsweise so etwas Physikalisches, wie der vor uns liegende gedruckte, geschriebene oder getippte fiktive Text, durch seinen gleichzeitig virtuellen, wahren, irrealen und realen Gehalt in seinen Bann zieht. ‚Magisch’ beschreibt in diesem Zusammenhang die Wirkung eines Textes auf den Leser. Zu der Bedeutungsebene der Wirkung oder Auswirkung kann zusätzlich noch der faktische Inhalt des Textes kommen, wenn er sich thematisch mit Magie oder ‚Magischem’ beschäftigt.

Im Fall von Johannes Bobrowski lässt sich sagen, dass er sich als dichterisches Programm vornimmt, für sich und den Leser vergangenen Raum und vergangene Zeit einer bestimmten Region wieder zum Leben zu erwecken, zumindest in der eigenen Vorstellung und in der des Lesers. Viele Gedichte basieren auf einem wahren Kern, wie z.B. einer Erinnerung an eine wahre Begebenheit oder an historische Ereignisse. Dazu fügt er viele weitere Facetten, die dann allerdings größtenteils fiktiv sind. Dabei lässt er fast nekromantisch das Volk der Pruzzen oder die Orte seiner Kindheit[20], für sich und – kommuniziert im Gedicht – auch für den Leser, wieder auferstehen. Neben dem Realen, die heute noch existierenden Orte und Gebäude, gibt es das Element des Irrealen (das Imaginierte, Vergangene), das heute nur noch als Illusion, zumeist als Metapher, im fiktiven Text Bestand hat.

Bevor das konkret an ausgewählten Gedichten nachgewiesen werden kann, ist es zunächst notwendig, den Begriffsteil ‚magisch’ zu erörtern und in Beziehung zu setzen mit dem für die Lyrik von Bobrowski wichtigen Aspekt des Ortes.

2.1 Die Bedeutung des Begriffs ‚magisch’

Wenn man den Begriff ‚Magie’ in Wörterbüchern oder Lexika nachschlägt, finden sich Definitionen wie z.B. „schwarze Kunst“[21] und „geheimnisvoll wirkende Kraft“[22]. Das Wort selbst taucht schon im Altpersischen (magu) und im Griechischen (mageia) auf und bedeutet ‚Macht’. Im Verbalstamm māgh stecken die Bedeutungen: „können, vermögen und helfen“.[23] Die historische Bedeutung von Magie kann man zusammenfassen als die Kunst, sich „außerordentliche Kräfte und Macht anzueignen“.[24] So wurden im Mittelalter die magischen Künste als Wissenschaft den anderen Bildungsbereichen, z.B. den sieben freien Künsten (Artes liberales: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik)[25], nebengeordnet. Die freien Künste galten als die erste Artes-Reihe, die zweite waren die ‚artes mechanicae’ (z.B. Kriegskunst, Handwerk etc) und die dritte die ‚artes magicae’ (die magischen Künste, wie z.B. Nigromantie). Wilhelm von Conches nennt gegen Ende des 12. Jahrhunderts diese drei Artes-Reihen nebeneinander.[26] Magie war zu dieser Zeit also als real existierende Wissenschaft in der Gesellschaft und der Literatur präsent, wenn sie auch von der Kirche bekämpft wurde und als verbotene Kunst bzw. Wissenschaft galt.[27] Goldammer spricht in diesem Zusammenhang von einer „Grenzwissenschaft“.[28]

Besondere Bedeutung hatte als vermittelndes und tragendes Medium dabei die Sprache in Form des Zauberspruchs. Für die Analyse von Lyrik ist dabei das Phänomen der Klang-Magie interessant. Moderne Gedichte und auch die Lyrik von Bobrowski werden von der Forschung mit Begriffen wie ‚sprachmagisch’ oder ‚klangmagisch’ beschrieben.[29] Dieses Phänomen findet sich auch in vielen überlieferten Zaubersprüchen. Der Gedanke dahinter ist, dass nicht das Wort oder der Ausspruch selbst magische Wirkung entfaltet, sondern der Klang diese Wirkung hervorruft. So reduziert sich das magische Wort unter Umständen ausschließlich auf den Klang, wobei dann das ausgesprochene Wort selbst keine nachweisbare semantische Bedeutung mehr hat. So lautet eine Formel, um Blutungen zu stillen: „Socnon socnon“.[30] Diese Formel musste siebenmal wiederholt werden und dazu der medizinische Finger – Ringfinger – auf die Wunde gedrückt werden, um diese zu heilen. Ein weiteres Beispiel dieser Art bietet die Formel „sirmio sirmio“ mit der gleichen Wirkung (Wundheilung), allerdings muss man die Worte 99mal wiederholen.[31]

Eine deutliche Verbindung gibt es zwischen Gebet und Zauberspruch, beide haben auch eine Verbindung zum Gedicht, welches traditionell besonders dem Lied zugeordnet wird[32]. Die Verbindung von Gebet und Zauberspruch hat u.a. C. Tuczay nachgewiesen.[33] So basieren ein paar Gebete auf heidnischen Zaubersprüchen, die fast wortwörtlich übernommen wurden, wobei aber die Namen der alten Götter durch die Namen von Heiligen oder Gott ersetzt wurden. Der Zweck von Gebet und Zauberspruch blieb grundsätzlich aber gleich, es sollte durch Beten oder Beschwören etwas erreicht werden, was auf normalem Weg nicht erreicht werden konnte.[34] Der Unterschied zwischen Beschwörung und Gebet ist in der Intention zu suchen. Wie bereits beschrieben steckt im Wort Magie die Bedeutung Macht, dementsprechend ist ein magischer Spruch auch ein Instrument, um Macht auszuüben. Eine Zauberformel oder Beschwörung ist folglich ein Befehl, während das Gebet die Anrufung einer höheren Macht ist und als Bitte formuliert wird.[35]

Die Befehlsform bzw. der Zauberspruch muss mit einem Namen verbunden sein, und zwar mit dem ‚geheimen Namen’ des beschworenen oder bezauberten Wesens. Dieser geheime Name ist der eigentliche Schlüssel zur magischen Formel. Dabei gilt der geheime Name als Ersatz für das ganze Wesen. Wer den wahren bzw. geheimen Namen eines Teufels oder Gottes kennt, kann ihn zwingen, den eigenen Wünschen entsprechend zu handeln. Daher kommt es zu Mehrfachbenennungen, um den geheimen Namen zu schützen.[36] Als Beispiele hierfür nennt Bologne den Gott Israels, dessen wahrer Name verloren ging, und jetzt sind nur noch die Konsonanten dieses Namens bekannt: YHVH.[37] Auch die Stadt Rom hatte in der Antike einen geheimen Namen, der nicht verwendet werden durfte, damit Feinde die Stadt nicht verzaubern konnten, allerdings ging auch dieser Name verloren.[38] Als Bezug zu moderner Literatur gibt es zum Thema Namen festzuhalten, dass diese vom Autor fast immer als bewusstes gestalterisches Mittel eingesetzt werden und daher für das Verständnis des Textes eine wichtige Rolle spielen. Das gilt in erster Linie für Prosa, aber auch bei Lyrik ist die Benennung von Figuren oder Orten zu beachten.

Im Mittelalter gab es aber auch Mischformen aus Gebeten und Zaubersprüchen. Bologne erwähnt in diesem Zusammenhang so genannte Erzählzauber. Bei diesen wurde es als hilfreich angesehen, Patienten durch Analogien zu heilen. Um einer Frau bei der Geburt zu helfen, wurden Heilige angerufen, die glücklich geboren hatten (z.B.: Anna, Maria & Elisabeth). Grundsätzlich konnten alle Heiligen mit solchen Zaubergeschichten bzw. Anrufungen, die sich schnell zum Gebet wandelten, zu Hilfe gerufen werden.[39] Hier findet sich also auch eine Verknüpfung von Sprache und Magie, die Anrufung der Heiligen sorgt dafür, dass diese mit übernatürlicher Macht eingreifen und den Menschen helfen.

Im Zuge der Aufklärung wurden Aberglaube dieser Art und der Glaube an die tatsächliche Existenz von magischen Künsten durch die Verfechter der Aufklärung bewusst bekämpft. So bietet Kant als Antwort auf die Frage ‚Was ist Aufklärung?’ an: Aufklärung „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“[40] Damit ist gemeint, dass die Menschen nicht mehr an geheimnisvolle Zauberkünste glauben sollen, mit denen die, die über sie verfügen, auch gleichzeitig Macht über alle anderen haben, die über keine magischen Kenntnisse verfügen und dementsprechend unmündig sind. Man soll seinen eigenen Verstand benutzen und das nicht nur unter der Leitung anderer. Die Zielsetzung der Aufklärung formuliert Max Weber, der von der „Entzauberung der Welt“ spricht.[41]

Trotz dieser Bemühungen gab es aber auch im 18. Jahrhundert weiterhin vermeintliche Magier (z.B. um 1750 den so genannten Grafen von Saint-Germain).[42] Außerdem entstanden in der Phase der Aufklärung (17. und 18. Jahrhundert, die Hauptphase war etwa von 1720 bis 1785) einige der in aktueller Unterhaltungsliteratur beliebten Geheimgesellschaften, wie z.B. die Freimaurer, Illuminaten und Gold- und Rosenkreuzer.[43]

In der Entwicklung von einer magischen Weltsicht hin zu einer naturwissenschaftlich-rationalen hält Harmening drei Stationen fest, die der Begriff ‚Magie’ in der „abendländischen Begriffsgeschichte“ durchlaufen hat. Ursprünglich wurde in der Antike mit dem Begriff Magie die „Wissenschaft und Weisheit von den göttlichen Kräften in der Natur und Schöpfung“[44] bezeichnet. Im Mittelalter versteht man dann unter Magie die „praktische Nutzung dieses Wissens“[45] durch Menschen, als z.B. Divination, Orakel und Zauberei. Im Zuge der Aufklärung wird der Begriff dann zunehmend mit betrügerischer Zauberei und Taschenspielertricks in Verbindung gebracht.[46]

Diese Entwicklung zeichnet Walter Benjamin auch für die Sprachentwicklung nach. Er beschreibt, dass das Medium Sprache auch von magischen und heidnischen Einflüssen beeinträchtigt ist, wobei diese in der modernen Sprache nicht mehr magisch wirksam sind. Er gibt eine kurze Entwicklungstheorie der Sprache in Bezug auf Ihre Zeichenhaftigkeit und beginnt dabei mit dem Lesen von Zeichen in z.B. Eingeweiden und Sternen. Dann kommen Runen und Hieroglyphen als Hilfsmittel hinzu. Hier ist schon die Sprache Hilfsmittel des magischen Vorgangs. So beschreibt Tuczay, dass beispielsweise ein Runenmeister nicht nur die Runen las, sondern den Akt des Lesens aus den Runen als Ritual mit sprachlich-poetischer Ausdeutung inszenierte.[47] Am Ende dieser Entwicklung steht schließlich die moderne Sprache, die eine Ähnlichkeit zu diesen Handlungen aufweist, aber keine Magie mehr enthält, wie eventuell die ursprünglichen Rituale:

„Dies Lesen ist das älteste: das Lesen vor aller Sprache, aus den Eingeweiden, den Sternen oder Tänzen. Später kamen Vermittlungsglieder eines neuen Lesens, Runen und Hieroglyphen in Gebrauch. Die Annahme liegt nahe, daß dies die Stationen wurden, über welche jene mimetische Begabung, die einst das Fundament der okulten (sic!) Praxis gewesen ist (sic!) in Schrift und Sprache ihren Eingang fand. Dergestalt wäre die Sprache die höchste Stufe des mimetischen Verhaltens und das vollkommenste Archiv der unsinnlichen Ähnlichkeit: ein Medium, in welches ohne Rest die früheren Kräfte mimetischer Hervorbringung und Auffassung hineingewandert sind, bis sie soweit gelangten, die der Magie zu liquidieren.“[48]

In diesem Sinne hätte die moderne Sprache nicht mehr das Potential des Magischen, es wäre also keine Sprachmagie mehr möglich im Sinne einer konkreten Wirkung. Dies passt auch zu der allgemeinen modernen naturwissenschaftlichen Sichtweise. Denn diese fordert „Beobachtung und empirische Beweisbarkeit“[49] und so hat durch sie im Zuge der Aufklärung der Glaube an die Wirksamkeit von Magie seine Berechtigung verloren: „Wahr konnte nur sein, was durch Messung zu verifizieren ist.“[50]

Heutzutage sehen wir in modernen Magiern bzw. Zauberern keine Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten mehr, sondern eher Illusionisten, die uns mit unterschiedlichen Sinnestäuschungen den Eindruck von Magie vermitteln. Entsprechend sehen moderne Magier ihren Beruf auch als Handwerk an und betonen den illusionistischen Charakter einer Zaubervorstellung. So schreibt beispielsweise Alexander Adrion:

„Man geht zu einem Zauberer, obschon man weiß, daß er gar nicht zaubern kann. Man ist damit einverstanden, getäuscht zu werden. Man möchte übereinkommen mit dem Mann auf der Bühne, der das Verborgene sichtbar macht und das Sichtbare verbirgt.“[51]

Auch Bobrowski versucht durch seine Lyrik Verborgenes sichtbar zu machen und zwar das Land Sarmatien. Er tut das zunächst in einer Kunstform, in der es unter anderem Tradition ist, Sichtbares zu verbergen, der Lyrik. Hier kann ein Schnittpunkt zwischen Zauberern und Dichtern bzw. Dichtern und Magiern konstatiert werden. Bei ‚guter’ Dichtung haben sicher auch die Wörter eine gewisse Wirkungsmacht, z.B. können sie Faszination beim Leser auslösen, zu Erkenntnisdrang führen und die Vorstellungskraft und Fantasie des Menschen aktivieren, was auf gewisse Weise auch als magische Wirkung empfunden und bezeichnet werden kann.

2.1.1 Zusammenfassung von Kapitel 2.1

Wenn in wissenschaftlicher Literatur von Magie gesprochen wird, sollte nicht vergessen werden, dass damit – grob eingeteilt – zwei unterschiedliche Bereiche gemeint sein können: Zum einen der Bereich der historisch nachweisbaren Wissenschaft oder Kunstfertigkeit Magie, die bis ins 18. Jahrhundert hinein von vielen als real existierende übernatürliche Kraft angesehen wurde (auch im 21. Jahrhundert gibt es noch den Glauben an real funktionierende Magie[52] ); zum anderen Magie bzw. magisch als begriffliche Zusammenfassung mehrerer, anders nicht in einem Wort benennbarer, Wirkungsmöglichkeiten oder besonderer Eigenschaften (z.B. Ausstrahlung bzw. Aura) von etwas. Dieses Etwas kann fast alles sein, beispielsweise ein Text, ein Ort oder eine Landschaft. In der Literaturwissenschaft kann das z.B. ein besonders intensiv wirkender Text eines Autors sein oder, im Fall von Johannes Bobrowski, die Thematik seiner sarmatischen Lyrik, deren Wirkung, sei es nun durch ‚Dunkelheit’, ‚Engagement’ oder ihren hermetischen Charakter, als magisch beschrieben wird.[53]

Das Gedicht an sich ist mit den Textformen Zauberspruch und Gebet verknüpft, welche ihren Ursprung im Themenfeld Magie schon in der Antike haben. Bei Bobrowski gibt es auch klangmagische Wirkung von Worten, die von ihrer Gestaltung her vergleichbar sind zu Gestaltungsmitteln des Zauberspruchs und Gebets. Auch thematisch kommen magisch anmutende Eindrücke vor, ebenso wie prophetische Elemente. Dies wird in einer Analyse ausgewählter Gedichte nachgewiesen werden.

2.2 Welche Bedeutung hat der Ort für Johannes Bobrowski?

Bezogen auf die Orte über die Bobrowski schreibt, gibt es drei Aspekte festzuhalten. Zum einen sind als Basis der real existierende Ort zu nennen oder historische Ereignisse, die den Kern eines Gedichtes bilden. Der irreale Ort beschreibt die fiktiven Elemente, die Bobrowski in seiner Lyrik den Fakten und Kenntnissen, die er von einem Ort oder einer Landschaft hatte, hinzufügt. Daraus entsteht der magische Ort, im Sinne eines besonderen Gedenkortes, der so nur in der Lyrik von Bobrowski existiert als literarischer Ort. z.B. Kiew im Gedicht ‚Die Taufe des Perun. Kiew 988’.[54] Kiew als Stadt ist hier selbstverständlich als realer Ort anzusehen. Die Jahreszahl 988 zeigt aber an, dass es nicht um das Kiew von heute geht, das man besuchen und dann mit den im Gedicht formulierten Aussagen vergleichen kann. Stattdessen nimmt das Gedicht Bezug auf geschichtliche Tatsachen, wobei allerdings fraglich ist, wie genau diese Überlieferungen sind. Zusätzlich bezieht sich Bobrowski in diesem Gedicht auf slawische Mythologie und eigene, dazu gedichtete Elemente. Eine genauere Analyse dieses Gedichts folgt in Kapitel 3.2 dieser Arbeit.

2.2.1 Der reale Ort

Als Grundlage für seine Lyrik dient Bobrowski die Landschaft des heutigen Osteuropas, die er mit dem spätantiken Begriff ‚Sarmatien’ zusammenfasst. Dazu gehören für Bobrowski in seinem lyrischen Werk die Orte seiner Kindheit (z.B. Tilsit, Motzischken und Willikischken) und die Flüsse dieser Region, wie z.B. Memel, Jura, Daubas, Wilia usw. Desweiteren hauptsächlich noch die nordrussische Landschaft, die er als Soldat im Krieg bereisen musste.

Historisch steht die Bezeichnung ‚Sarmatien’ für das gesamte Land zwischen den Flüssen Weichsel und Wolga, bis zum Kaspischen Meer. Für die Geographen des zweiten Jahrhunderts n. Chr. (z.B. Ptolemäus)[55] war Sarmatien die gesamte Region östlich der Weichsel und der Karpaten. Die Ostsee bezeichnet sie als ‚Oceanus Sarmaticus’.[56] Ptolemäus benannte dieses Meer ‚Mare Sarmaticum’. Bobrowski selbst nennt Ptolemäus als den Kartographen, nach dem er den Raum Sarmatien zusammenfasst.[57]

Als westliche Begrenzung dieses Gebiets sieht man auf der Karte den Eintrag: Germanie Pars, hier beginnt also das germanische Reich, die östlich von ‚Sarmatia Europe’ gelegene Region ist als ‚Sarmatie Asiatice’ bezeichnet. Der Begriff Sarmatien an sich hat folglich schon eine historische Komponente, die weit in die Vergangenheit reicht, bis in die Spätantike.[58]

Sarmatien ist also nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zu verstehen und bezieht sich dabei besonders auf eine weit entfernte Zeit in der Vergangenheit. Diese ist historisch und faktisch nicht genau zu überprüfen, vieles aus ihr ist unbekannt. Die beiden hier gezeigten Karten machen auch deutlich, dass die geografische Vorstellung der Region unvollständig war. Die Leerstellen werden von Bobrowski mit Mythischem und Magischem gefüllt. Seine Gedichte lassen besonders in den ersten beiden Bänden Sarmatien als „zeitenüberspannenden östlichen Erfahrungsraum hervortreten.“[59] Die Historie dieses Raumes zusammenfassend meint Leistner, dass die Geschichte des ‚sarmatischen’ Raumes eine fortwährende Kriegsgeschichte sei und dass sich im Land Sarmatien eine brutale Völkerhistorie abspielt (siehe z.B. das Gedicht ‚Die Wolgastädte’), während es aber auch den Status einer Urheimat besitze.[60] Dieser Status als Urheimat zeigt schon deutlich, dass der Begriff ‚Sarmatien’ bei Bobrowski nicht einfach historisch betrachtet werden kann, sondern dass er zum einen als Zusammenfassung für die Landschaft dient, mit der Bobrowski sich beschäftigt, zum anderen aber auch als Allegorie fungiert, für die Vorstellungs- und Traumwelt des Autors. Diese Welt hat ihre Wurzeln im realen Erfahrungsraum, ist aber auch geprägt von fiktiven und magischen Elementen. So wird der Region Sarmatien eine zusätzliche Bedeutungsebene zugeordnet, welche faktisch nicht einfach zu beschreiben ist, da diese Ebene über den realen Ort Sarmatien hinausgeht und einen irrealen Ort evoziert.

2.2.2 Der irreale Ort

Dieser irreale Ort bezeichnet folglich alle Elemente der Dichtung Bobrowskis, die fiktional und unwirklich sind. Dazu zählen nicht nur aus der Vorstellung hinzugedichtete, rein fiktive Elemente, sondern auch solche, die der Autor als Erinnerung an seine Vergangenheit in seine Lyrik integriert. Rankl postuliert den Ort Sarmatien in Bobrowskis Dichtung als „imaginärer Osten“ und mythischen Raum, „der sich durch die Einheit von Mensch und Natur“ konstituiert.[61] Diese Einheit von Natur und Mensch ist ein solch irreales Element des Raums Sarmatien bei Bobrowski. In diesem ursprünglichen Sarmatien war der Kontakt zwischen Mensch und Natur unbelastet, allerdings ändert sich das im Verlauf der Geschichte. Besonders durch den Zweiten Weltkrieg, den Bobrowski als Soldat und Kriegsgefangener hautnah miterlebt hat, ist die unbelastete bzw. mythische Einheit von Mensch und Natur durch Krieg, Verfolgung und Schuld zerstört worden und mit ihr das Land Sarmatien.[62] So fasst Deskau die Beziehung von Bobrowski und seinem Sarmatien zusammen. Für sie sind Ziel und Absicht seiner Dichtung dementsprechend Gedenken und Wiedererweckung: „Durch die gedenkende Dichtung, die auf die mächtigen ‚Beschwörungsformeln’ der Vorzeit zurückgreift, kann dieses Land und dessen Geschichte bewahrt und im Gedicht wiedererweckt werden.“[63]

Diese Position ist folglich der Gegenpol zu Benjamins Auffassung von der aufgeklärten Sprache, die keine magische oder mythische Macht mehr besitzt. Deskau formuliert aber auch deutlich, dass es hier nicht um eine reale Wiedererweckung des Landes Sarmatien in unserer Zeit geht, sondern um das Gedenken und Erinnern im Gedicht, um die Erfassung dieses Raumes und die virtuelle Wiedererweckung durch die Kraft der Sprache. Sarmatien ist für Bobrowski folglich ein Erinnerungsland, ein Land von zeitlicher und räumlicher Abgeschiedenheit. Insgesamt kann es als Erinnerungsraum bezeichnet werden.[64] Gleichzeitig ist es aber auch ein Schattenland, was beispielsweise im Titel des zweiten Gedichtbandes ‚Schattenland Ströme’ anklingt oder auch im Gedicht ‚Schattenland’.

Der Aspekt des Schattenlandes zeigt, dass dieses Land nicht eindeutig und klar zu benennen ist, sondern dunkel, geheimnisvoll und verborgen ist. Passend dazu merkt Rankl an, dass Bobrowskis Kenntnisse der tatsächlichen Fakten und der Historie des östlichen Lebensraums begrenzt sind. Als Beispiel führt er an, dass Bobrowski von der ursprünglichen pruzzischen Sprache nur ein paar Vokabeln bekannt sind.[65] Diese verwendet Bobrowski u.a. im Gedicht ‚Gestorbene Sprache’.[66] Bobrowski war mit dem Spätexpressionisten Alfred Brust bekannt, der angeblich jemanden kannte, der die nicht mehr gesprochene Sprache der Pruzzen beherrschte.[67] Ob das wirklich so war, ist aber nicht eindeutig feststellbar. So postuliert Deskau in Bezug auf die Bedeutung von geschichtlichen Fakten, dass diese im Werk von Bobrowski keine große Rolle spielen. Entsprechende Bezüge sind geschichtstypologisch oder gleichnishaft. Die konkreten Fakten werden in den Texten reduziert, um das Geschehen zu verallgemeinern.[68] Diese Aussage ist sicherlich nicht falsch, die Betrachtung der einzelnen Gedichte wird aber zeigen, dass es durchaus auch einen Bezug zu konkreten geschichtliche Ereignissen gibt. Die Titel der hier behandelten Gedichte ‚Kathedrale 1941’ und ‚Kaunas 1941’ implizieren das schon, da die Jahreszahl eindeutig konkretisierend und nicht verallgemeinernd wirkt.

Wir haben also zwei Bestandteile, aus denen sich der Ort bei Bobrowski konstituiert: Reale Orte und Landschaften, die Bobrowski selbst gesehen hat, und irreale fiktive Zudichtungen, wie sie in einem fiktionalen Text selbstverständlich sind. Als weitere irreale Komponente kommt hinzu, dass Bobrowski viele Inhalte seiner Lyrik aus dem Gedächtnis rekapituliert, oder sich auf Informationen stützt, deren tatsächliche Objektivität und Wahrheit fraglich sind. Bobrowski selbst hat aber auch nicht die Intention, die Wirklichkeit in seiner Lyrik darzustellen. Für Geno Hartlaub hat er das einmal so formuliert: „Ich glaube nicht, daß Dichtung ein Spiegelbild der Wirklichkeit ist. Sie bedeutet etwas ganz anderes.“[69]

2.2.3 Der magische Ort

Dieses Andere kann als Summe der beiden genannten Aspekte real und irreal angesehen werden. Der Wortgebrauch ‚magisch’ als Adjektiv zum folgenden Ort hat dann zusammenfassenden Charakter. Mehrere einzeln schwer zu umschreibende Sachverhalte können so mit einem, allerdings vagen Begriff, ausgedrückt werden. Vage ist der Begriff daher, weil ein magischer Ort nach moderner Auffassung eher einen fantastischen Ort evoziert, an dem das Unmögliche möglich ist und sich Märchen- und Sagenfiguren aufhalten. Solch ein Ort ist in Bezug auf die Lyrik von Johannes Bobrowski nicht gemeint. Die Orte in seinen Gedichten sind ebenfalls ‚fantastisch’ im Sinne von fiktiv, also seiner Imagination bzw. Erinnerung entsprungen. Mit Bobrowskis Worten kann man auch sagen, dass es erträumte Orte sind, denn in einem Brief an G. Bobrowski (Ahnenforscher, nicht näher mit J. Bobrowski verwandt) schreibt er: „Jeder meiner Träume hat diese Landschaft zum Schauplatz.“[70]

Neben diesem Aspekt des imaginierten und erträumten Ortes besteht die Einschränkung bzw. Abgrenzung zu ausschließlich fiktiver und fantastischer Literatur bei Bobrowski aber wie bereits erwähnt darin, dass die meisten Orte in seiner Lyrik auf real erlebte zurückgehen, Orte also, die er selbst gesehen und besucht hat. Auch die Landschaft seiner Kindheit spielt hier eine wichtige Rolle. Dazu kommt eine bestimmte Aussageabsicht, die es im Folgenden noch zu klären gilt. Als Vorbemerkung sei gesagt, dass es hier um die Erinnerung an die Geschichte und um die Verarbeitung von Schuld geht. Dies bezieht sich auf Bobrowskis Wahrnehmung der Geschichte und der eigenen Verschuldung während des Krieges. So definiert Gunter Grimm magische Orte auch als Orte des Erinnerns und Gedenkens, an denen kollektive Erinnerung und Traditionspflege stattfindet.[71]

Magisch an solchen Orten ist nach Grimm, dass sie in unerklärlicher Weise auf den Betrachter wirken, ihn quasi auf rational kaum hinterfragbare Weise in ihren Bann ziehen. Es sind folglich Orte mit einer unverwechselbaren Atmosphäre und einer im allgemeinen Bewusstsein gespeicherten Semantik, die Grimm „Bewusstseins-Orte“[72] nennt und die nicht bloß für ein Individuum besondere Bedeutung erlangt haben, sondern in denen sich einer „communis opinio zufolge ein historisches oder mythisches Geschehen manifestiert.“[73] Dazu zählen für Grimm Naturformationen, Kultstätten, Tempelanlagen, Kathedralen, Klöster, Burgen und Paläste, Schlachtfelder und Hinrichtungsstätten, Friedhöfe und Grabsteine, aber auch Städte und ganze Landschaften.[74] All diese Orte haben also das Potential gemeinsam, magische Orte zu sein, wenn ihre besondere Bedeutung bzw. Ausstrahlung für viele Menschen eindeutig ist. Nach Grimm spielt allerdings die Realität eines Ortes keine primäre Rolle für den Dichter, er schreibt: „Signum des dichterischen Zugriffs ist vielmehr das imaginative Moment, das sich aus Wahrnehmung, geistiger Tradition und persönlichem Erleben einen symbolischen Raum schafft, in dem die überkommende Semantik neu verortet wird.“[75] Diese Ausführung von Grimm deckt sich mit Bobrowskis Aussage, dass Lyrik nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern etwas ganz anderes will. Sie muss meistens auch etwas ganz anderes leisten, denn die Orte des Gedenkens sind schließlich nicht dauerhaft in der Form da, in der sie erinnernde Funktion haben können. Mit der Zeit verändern sie sich oder sind bzw. werden vollständig zerstört. Wenn man über Bobrowskis Lyrik hinaus die gesamte gedenkende Lyrik betrachtet, kann in vielen Fällen Gedenken nur durch Imagination erfolgen, da der Ort und die Dinge, die dort geschehen sind, verloren sind.[76]

[...]


[1] Ulrich Ott u.a. (Hrsg., 1993): Johannes Bobrowski oder Landschaft mit Leuten (Marbacher Kataloge 46). Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, S. 411 (fortan zitiert als MK 46), (Hervorh. im Original).

[2] Marianne Krüll (1993): Im Netz der Zauberer. Eine andere Geschichte der Familie Mann. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag. S. 9 (fortan zitiert als Krüll 1993), (Hervorh. im Original).

In der Anmerkung dazu: S. 459: „Der Name ist nicht von Thomas Manns Roman >>Der Zauberberg<< abgeleitet, sondern blieb an ihm hängen, nachdem er sich auf einem Kostümfest als Zauberer verkleidet hatte.“ (Hervorh. im Original).

[3] Ebd. S. 9

[4] S. Kapitel 2 dieser Arbeit

[5] S. Kapitel 2.1 dieser Arbeit

[6] Eberhard Haufe (1994): Bobrowski Chronik. Daten zu Leben und Werk. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann. S. 66f. (fortan zitiert als Haufe 1994).

[7] Ebd. S. 69

[8] Ebd. S. 95

[9] Meyers Lexikon online: Johannes Bobrowski und Günter Grass bei einem Treffen der »Gruppe 47« in Stockholm (1964). URL: http://bild.lexikon.meyers.de/36afb6a301e0bde32017e2c80bada460/496117c3/B/H/-/0/3/0/7/BH-0307_vollbild.jpg

[10] Vgl. Haufe 1994: S. 8 – 16

[11] Eberhard Haufe (1987): Johannes Bobrowski. Die Gedichte. Stuttgart: DVA. (= Bnd. I der Gesammelten Werke). S. XVII (fortan zitiert als Haufe BGW I).

[12] Vgl. Haufe 1994: S. 15

[13] S. Haufe BGW I: S. 70

[14] Ebd. S. LII

[15] Vgl. Haufe 1994: S. 17 - 19

[16] S. Haufe BGW I S. XXX

[17] Vgl. Haufe 1994: S. 21 - 23

[18] Ebd. S. 24

[19] Ebd. S. 99

[20] z.B. in dem unveröffentlichten Zyklus ‚Heimatlieder 1945 – 48’.

[21] Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, erw. 10. Auflage 2002. S. 632 (fortan zitiert als Paul 2002).

[22] Ebd. S. 633.

[23] Dieter Harmening (2005): Wörterbuch des Aberglaubens. Stuttgart: P. Reclam. S. 285 (fortan zitiert als Harmening 2005).

[24] Ebd. S. 285

[25] Gero von Wilpert (1955): Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Kröner, erw. 8. Auflage 2001. S. 48f. (fortan zitiert als Wilpert 2001).

[26] Christa Tuczay (2003): Magie und Magier im Mittelalter. Erftstadt: Area Verlag GmbH, 2006. S. 185 (fortan zitiert als Tuczay 2003).

[27] Ebd. S. 185

[28] Kurt Goldammer (1991): Der göttliche Magier und die Magierin Natur. Stuttgart: Steiner Verlag. S. 71 (fortan zitiert als Goldammer 1991).

[29] z.B. Bernd Leistner (2005): Erinnernde Sprachmagie. Zu Bobrowskis Gedichten. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Johannes Bobrowski (Text und Kritik Heft 165). München: Richard Boorberg Verlag (fortan zitiert als Leistner 2005).

[30] Jean Claude Bologne (2003): Magie und Aberglaube im Mittelalter. Von der Fackel zum Scheiterhaufen. Düsseldorf: Patmos Verlag. S. 139 (fortan zitiert als Bologne 2003).

[31] Ebd. S. 139

[32] Dieter Burdorf (1997): Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2. Auflage. S. 22 - 28 (fortan zitiert als Burdorf 1997).

[33] Vgl. Tuczay 2003: S. 259 - 264

[34] Ebd. S. 334

[35] Vgl. Bologne 2003: S. 136

[36] Ebd. S. 136

[37] Ebd. S. 137

[38] Ebd. S. 137

[39] Ebd. S. 138

[40] S. Paul 2002: S. 105

[41] Max Weber (1926): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen: Verlag J. C. B. Mohr (5. Auflage 1972, Studienausgabe). S. 308

[42] Thomas Freller (2006): Magier, Fälscher, Abenteurer. Düsseldorf: Artemis & Winkler. S. 25.

[43] Ebd. S. 35ff.

[44] S. Harmening 2005: S. 286

[45] Ebd. S. 286

[46] Ebd. S. 286

[47] Vgl. Tuczay 2003: S. 264

[48] Walter Benjamin (1966): Angelus Novus. Ausgewählte Schriften 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 99 (fortan zitiert als Benjamin 1966).

[49] S. Harmening 2005: S. 288

[50] Ebd. S. 288

[51] Alexander Adrion (1969): Zauberei, Zauberei. In: Jean-Eugène Robert-Houdin (1858): Die Memoiren des Robert-Houdin. König der Zauberer. Hrsg. von Alexander Adrion. Düsseldorf: Rauch Verlag, 1969. S. 45

[52] Diethard Sawicki (2003): Magie. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag. S. 2 - 12.

[53] Dagmar Deskau: (1974): Der aufgelöste Widerspruch. Engagement und Dunkelheit in der Lyrik Johannes Bobrowskis. Stuttgart: Ernst Klett Verlag, 1975. S. 92f. (fortan zitiert als Deskau 1974).

[54] Eberhard Haufe (Hrsg. 1998): Johannes Bobrowski. Gedichte aus dem Nachlaß. Stuttgart: DVA. (= Bnd. II der Gesammelten Werke). S. 327f. (fortan zitiert als Haufe BGW II).

[55] Maximilian Rankl (2002): Sarmatien – Arkadien des Ostens. Strukturen des Idyllischen im Werk Johannes Bobrowskis In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht 35 / 2002 (H. 2), 115-130. S. 117 (fortan zitiert als Rankl 2002).

[56] Wolfram Mauser (1970): Beschwörung und Reflexion. Bobrowskis sarmatische Gedichte. (Schriften zur Literatur Bd. 15). Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag. S. 7. (fortan zitiert als Mauser 1970).

[57] Vgl. MK 46: S. 121f.

[58] Bernd Leistner (2006): Bobrowskis Sarmatien. In: Grimm, Gunter (Hrsg. 2006): Der Deutschunterricht, Heft 2/06: Magische Orte. Lyrik und Erinnerung. S. 49–57. S. 49 (fortan zitiert als Leistner 2006).

[59] Ebd. S. 49

[60] Ebd. S. 56

[61] S. Rankl 2002: S. 118

[62] Vgl. Deskau 1974: S. 62

[63] Ebd. S. 62 (Hervorh. im Original).

[64] Mauser 1970: S. 7

[65] Vgl. Rankl 2002: S. 129

[66] Vgl. Haufe BGW I: S. 26

[67] Ebd. S. XIV

[68] Vgl. Deskau 1974: S. 49

[69] Vgl. Haufe 1994: S. 91

[70] Ebd. S. 34

[71] Gunter E. Grimm (Hrsg. 2006): Magische Orte. Erinnern als Thema, Motiv, und Struktur in lyrischer Dichtung. In: Ders.: Der Deutschunterricht, Heft 2/06: Magische Orte. Lyrik und Erinnerung, S. 2-6. S. 3 (fortan zitiert als Grimm 2006).

[72] Ebd. S. 3

[73] Ebd. S. 3

[74] Ebd. S. 3

[75] Ebd. S. 4

[76] Ebd. S. 3

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Titel: Magische Orte – Zur Lyrik von Johannes Bobrowski