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Aspekte höfischer Kultur im 1. Buch des Welschen Gastes von Thomasin von Zerklaere

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Textvorlagen

2. Zum Schlüsselbegriff ‚höfisch’
2.1 Was bedeutet ‚höfisch’?
2.2 Wie wird man zum höfischen Menschen?

3. Aspekte höfischer Kultur
3.1 Lehre über höfisches Verhalten
3.2 Hofetikette und Tischmanieren
3.3 Der Umgang mit dem anderen Geschlecht – Thomasins Minnelehre

Fazit

Literatur

Einleitung

„der zühte lêre gewant sol gar / von sîme gebote sîn einvar.“ (V.37-38) Diese Zeilen schreibt Thomasin von Zerklaere in der Einleitung seines Buches: „Der welsche Gast“. Mit diesen Worten gibt er den Inhalt, die Richtung und den Zweck seines Werkes vor. Der Leser erfährt hier, dass es sich um ein didaktisches Werk handelt, bei dem allein die Lehre und nicht Worte zählen. Klarheit ist wichtiger als Form und Kunst. Geschickt nimmt er so potentiellen Kritikern den Wind aus den Segeln. Was die germanistische Forschung nicht davon abgehalten hat, das Werk aufgrund seiner mangelnden Kunstfertigkeit weitgehend mit Missachtung zu strafen. Deutlich wird das in der Problematik der Edition(en). Bis 2004 Eva Willms zumindest Teile des Textes neu editiert und übersetzt hat, war die einzig anerkannte Textgrundlage die von Heinrich Rückert, erschienen 1852. In den 70er und 80er Jahren erschien eine Edition von F.W. von Kries, die allerdings von der Forschung wenig positiv aufgenommen wurde. Die Problematik der Textgrundlage werde ich deshalb im ersten Kapitel dieser Arbeit noch etwas näher erläutern.

Im Gegensatz zu zahlreichen anderen mittelhochdeutschen Texten lässt sich der „Welsche Gast“ recht gut datieren, da Thomasin selbst in seinem Werk entsprechende Angaben macht. Der Text entstand 1215/16 (vgl. V. 11717, 12228) und der Autor ist zu dieser Zeit noch keine 30 Jahre alt (s. V. 2445). Der welsche Gast ist in 10 Bücher eingeteilt, wobei dem ersten Buch ein Prolog vorangestellt ist. Insgesamt enthält der welsche Gast fast 14800 Verse.

Für das Erkenntnisziel dieser Arbeit ist besonders das erste Buch interessant, da Thomasin hier wichtige Aspekte der Hof-Kultur seiner Zeit nennt bzw. Anleitung zum richtigen höfischen Verhalten gibt. Der zentrale Begriff dieses ersten Buches ist ‚höfisch’. Diesen so wichtigen Begriff erst einmal zu klären, da er im Folgenden immer wieder benutzt werden muss, wird das Thema des 2. Kapitels dieser Arbeit sein. Im 3. Kapitel werde ich dann exemplarisch auf einzelne Aspekte der höfischen Kultur, soweit Thomasin sie anführt, eingehen. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

1. Textvorlagen

Von den überlieferten Handschriften einmal abgesehen stehen momentan drei ‚normierte’ Textvorlagen zur Auswahl. Die neuste ist von Eva Willms aus dem Jahr 2004[1], die allerdings nur ausgewählte Auszüge des Textes wiedergibt, diese dafür aber übersetzt und kommentiert. Willms hält sich sehr eng an die Ausgabe von Rückert, führt aber eigene Anpassungen und Verbesserungen durch. Da das erste Buch bei ihr relativ ausführlich wiedergegeben ist, halte ich mich in erster Linie an Ihre Ausgabe. Die von Willms nicht aufgenommenen Textpassagen ergänze ich durch die Ausgabe von Rückert[2]. Bei Zitaten aus dem Werk selbst gebe ich die Verszahl an, die bei Willms und Rückert identisch ist und informiere in einer Fußnote darüber, ob der Vers aus der Willms-Ausgabe übernommen wurde oder aus der Rückert-Ausgabe stammt.

Die Textedition von Friedrich W. von Kries[3] werde ich für diese Arbeit nicht heranziehen, da sie aus verschiedenen Gründen von der germanistischen Forschung weitgehend abgelehnt wird[4].

Auf weitere Ausführungen zur Editionsproblematik verzichte ich, da diese Arbeit keine textkritische Studie sein soll, sondern zum Ziel hat, die von Thomasin genannten Aspekte höfischer Kultur aus dem ersten Buch zu filtern, um sie dann analysieren und interpretieren zu können.

2. Zum Schlüsselbegriff ‚höfisch’

Den Begriff ‚höfisch’[5] benutzt Thomasin sehr häufig im ersten Buch, fast schon inflationär. Es ist der zentrale Schlüsselbegriff dieses ersten Buches. Daher ist es sinnvoll, vor der Analyse einzelner Aspekte erst einmal zu klären, was dieser von Thomasin so häufig benutzte Begriff (in all seinen Variationen) für ihn und die heutige Forschung eigentlich bedeutet.

In einem zweiten Schritt muss eine weitere Grundlage zum Textverständnis geklärt werden: Welche Denkmuster legt Thomasin seiner Hof- bzw. Sittenlehre zugrunde? Weshalb schreibt er überhaupt und was will er damit erreichen? Zu klären ist die Frage: Wie wird man zum höfischen Menschen?

2.1 Was bedeutet ‚höfisch’?

Im Mittelalter war der Hof sowohl Herrschafts- und Verwaltungsmittelpunkt, als auch gesellschaftliches und kulturelles Zentrum in einem. Zur Hofgesellschaft gehören die Herrscherfamilie, Hofgeistliche, Inhaber von Hofämtern und deren Angehörige, sowie Gäste. Zum erweiterten Kreis zählen die Hofleute, die Diener und Knechte. Thomasin gehörte wohl zu den Hofgeistlichen, die neben kirchlichen Aufgaben auch Notare, Ärzte, Erzieher, Architekten und Diplomaten stellten. Diese Gesellschaft war ganz auf den Herrscher ausgerichtet und sehr materiell geprägt. Es gab eine deutliche Abgrenzung zum Rest der Bevölkerung. Sie folgte einem höfischen Protokoll, so dass alle Bereiche des Lebens festen Regeln unterworfen waren.[6] Für unser Verständnis dieses Protokolls, das man als Verhaltenskodex verstehen kann, leistet Thomasin mit seinem ‚Welschen Gast’ sicher einen Beitrag. Er war Teil des Hoflebens und schreibt daher aus eigener Erfahrung[7].

Der Begriff ‚höfisch’ ist ab der Mitte des 12. Jahrhunderts der Hauptbegriff für die gesellschaftliche Kultur des Adels. Er bezeichnete zunächst das höfische Verhalten gegenüber den Damen am Hof. Darunter verstand man ‚richtiges’ bzw. tapferes Verhalten und gute Umgangsformen. Es gab aber auch eine negative Bedeutung des Begriffs, so verstand man unter ‚hofieren’ soviel wie nachstellen, verführen.[8] Diese negative Bedeutung trat aber zunehmend zurück und ‚höfisch’ wurde ab dem 13. Jahrhundert in der Regel als Begriff für alle zeremoniellen Umgangsformen, sowie die materielle Ausstattung des adligen Lebens angewandt. Das Wort ‚höfisch’ wurde „zum Programmwort für ein Gesellschaftsideal, in dem äußerer Glanz, körperliche Schönheit, vornehme Abstammung, Reichtum und Ansehen mit edler Gesinnung, feinem Benehmen, ritterliche Tugend und Frömmigkeit verbunden waren“[9]. Dem Begriff ‚höfisch’ lassen sich nach Bumke verschiedene Bedeutungsebenen zuordnen. Er wird zum einen literaturhistorisch benutzt. So versteht man unter ‚höfischer’ Literatur Werke, die von Hofdichtern für ein ‚höfisches’ (also am Hof befindliches) Publikum geschrieben wurden. Zum anderen bekommt der Begriff, bezogen auf die verschiedenen Aspekte des Gesellschaftsideals am Hof, einen ideologischen Charakter. Hier gelten ‚höfische’ Liebe und ‚höfische’ Tugendhaftigkeit als zentrale Werte. In der germanistischen Forschung wird ‚höfisch’ als Gattungsbegriff für z.B. ‚höfische’ Epik oder ‚höfische’ Lyrik, die Hauptformen der literarischen Gattungen an den Höfen, benutzt.[10]

Thomasins Werk gehört zu einer nicht ganz so großen Gattung, der höfischen Didaktik. Das Wort ‚höfisch’ benutzt er dabei sehr stark im ideologischen Sinne. So sind die ‚richtigen’, ‚guten’ Verhaltensweisen immer höfisch, die ‚falschen’ und ‚schlechten’ stets unhöfisch[11]. Dabei geht es Thomasin nicht nur um das Verhalten am Hof, sondern vielmehr um eine grundsätzliche Lebenseinstellung bzw. ständige Verhaltensnorm. Deutlich wird das in den Versen 653 – 658, in denen er rät, sich nicht nur am Hof ‚höfisch’ zu benehmen, sondern auch zuhause dasselbe Verhalten zu zeigen, so dass es zur Gewohnheit wird[12]. In dem Ausdruck ‚höfisch’ sublimiert sich also das zu erreichende Idealbild eines vortrefflichen Menschen. Es stellt sich nun die Frage: Wie erreicht man dieses Ideal? Wie wird man zum ‚höfischen’ Menschen?

2.2 Wie wird man zum höfischen Menschen?

Thomasin hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie junge Leute erzogen werden sollen bzw. wie ein junger Mensch sich selbst ‚höfisch’ erziehen kann. Seine Ratschläge dazu richten sich grundsätzlich an alle Leser des Welschen Gastes, aber nur junge Menschen sind seiner Meinung nach noch formbar, ältere Menschen sind in Ihren Gewohnheiten so gefangen, dass man sie ihnen nicht mehr abgewöhnen kann. Wer im Alter nicht in Schande leben möchte, muss in seiner Jugend nach Ansehen streben und sich tadellos verhalten.[13] Folgende Volks-Weisheit setzt Thomasin ans Ende seiner Ausführungen zu diesem Thema: „Man laet vil selten di untugent, / was man dran staete in der jugent[14].“ Dieser Ausspruch lebt auch heute noch in dem Sprichwort ‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr’ weiter. Junge Menschen stehen folglich in der Pflicht, sich die ‚richtigen’ ‚vornehmen’ und damit ‚höfischen’ Verhaltensweisen anzueignen. Nach Thomasin geht das am einfachsten und am besten durch Nachahmung. Dazu braucht der junge Mensch Selbstdisziplin und ein gutes Vorbild, an dem er sich orientieren kann. Hat er ein solches Vorbild gefunden, muss er mit all seinen Sinnen von diesem lernen. Thomasins Forderung durch Hören und Sehen zu lernen, beinhaltet auch das Wahrnehmen von nonverbalen Kommunikationsmustern[15]: „Der Beobachter der Gestik braucht zur Wahrnehmung und Deutung dargebotener Zeichen vor allem das Auge, in abgestufter Weise aber auch Gehör, Geruchssinn und Tastsinn[16].“ Die so erfassten Verhaltensweisen müssen mit Verstand aufgenommen und im Gedächtnis gespeichert werden. Das so kreierte Vorbild soll sich der junge Mensch dann stets als Spiegelbild vor Augen halten. Sieht er etwas, das nicht richtig ist, soll er es in Gedanken selbstständig richtig stellen.[17] Diese Orientierung an ‚guten’ Vorbildern erfolgt also durch sinnliche Wahrnehmung, erfordert aber auch bewusstes Reflektieren des Wahrgenommenen. Wenn der junge Mensch abweichende Verhaltensweisen wahrnimmt, muss er für sich selbst eine Korrektur dieser vornehmen. Horst Wenzel spezifiziert die Vorbild-Funktion näher: „Die Repräsentation des gültigen Wert- und Normensystems geschieht durch ein lebendiges Vor-Bild, durch einen individuellen Träger kollektiven Wissens“[18]. Thomasin versteht ‚Vorbild’ im wörtlichen Sinne, Jugendliche müssen sich vor ihrem inneren Auge ein Verhaltensmuster erschaffen, nach dem sie sich dann auch richten bzw. an das sie sich halten. So wird die Stabilisierung und Modifikation des eigenen Verhaltens erreicht, mit dem Ziel sich an die höfischen Sitten und Gebräuche anzupassen[19].

[...]


[1] Eva Willms (2004): Thomasin von Zerklaere. Der Welsche Gast. Text (Auswahl), Übersetzung, Stellenkommentar. Berlin: W. de Gruyter. (Fortan zitiert als: Willms 2004)

[2] Heinrich Rückert (1852): Der Wälsche Gast des Thomasin von Zirclaria. Berlin: W. de Gruyter 1965. (Fortan zitiert als: Rückert 1852).

[3] Friedrich Wilhelm von Kries (Hrsg. 1984): Thomasin von Zerclaere. Der Welsche Gast. Bd. I: Einleitung, Überlieferung, Text, die Varianten des Prosavorworts. Göttingen: Kümmerle-Verlag.

[4] Zur Kritik an der von Kries Ausgabe siehe: Bumke 1987, Schanze 1968, Schröder 1971 (Details s. Literaturverzeichnis) und Willms 2004 (S. 18). Neben offensichtlichen Fehlern ist ein Hauptargument gegen die von Kries Ausgabe, dass er sich an der Handschrift (Hs) G orientiert, während sich die Textausgaben von Rückert und Willms auf das überlieferte Dokument des Textes aus der Hs A gründen, der allgemein als relativ unverfälscht gilt. Die Überlieferung aus G weist Eingriffe und Veränderungen durch den Abschreiber auf (s. Schanze 1968: S. 165ff.). Von Kries hat ebenfalls eine neue Verszählung gegenüber der Ausgabe von Rückert vorgenommen, was Vergleiche erschwert (s. Bumke 1987: S. 18).

[5] Thomasin verwendet verschiedene Variationen des Begriffs, wie z.B.: ‚hüfsch’ (153), ‚hüfscheit’ (183) Hovezuht’ (302) ‚hove’ (305) (Willms 2004: S. 26ff.).

[6] Vgl. Joachim Bumke (1991): Kultur und Gesellschaft, höfische. In: Lexikon des Mittelalters, Band V. München: Artemis Verlag, S. 1565f.

[7] Vgl. Friedrich Neumann (1964): Einleitung. In: Rückert, Heinrich (Hrsg.): Der Wälsche Gast des Thomasin von Zirclaria. Berlin: W. de Gruyter 1965, S. 42. (Fortan zitiert als: Neumann 1964)

[8] Vgl. Joachim Bumke (1986): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München: dtv 1999, S. 78f. (Fortan zitiert als: Bumke 1986)

[9] S. Bumke 1986: S. 80

[10] Vgl. dazu Bumke 1986: S. 81f.

[11] Vgl. z.B. Willms 2004: S. 27f.: V. 181 - 219

[12] S. Willms 2004: S. 36; „Swer ze hove wil wol gebârn, / der sol sich deheime bewarn, / daz er nien tuo unhüfschlîchen, / wan ir sult wizzen sicherlîchen, / daz beidiu zuht und hüfscheit / kommet von der gewonheit.“ (V. 653 – 658)

[13] Vgl. Willms 2004: S. 26, V. 156 - 164

[14] S. Willms 2004: S. 26, V. 165 -166

[15] Vgl. Willms 2004: S. 40, V. 912-921

[16] S. Horst Wenzel (1995): Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter. München: Verlag C.H. Beck, S. 161. (Fortan zitiert als: Wenzel 1995)

[17] Vgl. dazu Heinrich Rückert (Hrsg. 1852): Der Wälsche Gast des Thomasin von Zirclaria. Berlin: W. de Gruyter 1965. S. 17f., V. 613 – 626. (Fortan zitiert als: Rückert 1852)

[18] S. Wenzel 1995: S. 27.

[19] Vgl. Wenzel 1995: S. 28f.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656209423
ISBN (Buch)
9783656211976
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195251
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Ältere Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
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