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Über "das Handeln" in "Vita activa oder vom tätigen Leben" von Hannah Arendt

Essay 2011 9 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Im folgenden Essay möchte ich mich mit dem philosophischen Werk " Vita activa oder Vom tätigen Leben" beschäftigen. Die Schrift wurde von Hannah Arendt verfasst und gilt als ihr Hauptwerk. 1958 wurde das aus Vorlesungen entstandene Buch in den USA erstmals veröffentlicht. Hannah Arendt geht darin der Frage nach, „was wir tun wenn wir tätig sind“. Sie behandelt demnach das Tun selbst und unterscheidet innerhalb dessen in drei Tätigkeitsbereiche: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Das Buch ist geprägt von ihrem Leben als Jüdin in der Zeit des Nationalsozialismus und der Kritik an der Arbeitsgesellschaft. Denn laut Arendt richte sich diese ausschließlich nach dem Konsum. In diesem Essay werde ich genauer auf das fünfte Kapitel des Buches eingehen, welches laut Arendt die dritte und wichtigste Komponente des tätigen Lebens darstellt: Das Handeln.

Grundbedingung für das Handeln stellt die Pluralität und die Natalität dar. Pluralität besagt, dass viele Menschen die Welt bevölkern, diese also aus einer Vielfalt besteht, welche sich in Gleichheit und Verschiedenheit ausdrückt. Gleichheit beschreibt die Gleichartigkeit der Menschen, die als grundsätzlich und als Voraussetzung für die Verständigung in der Welt gilt. Ohne die Verständigung gäbe es keinen Austausch zwischen Menschen, folglich also auch keine sozialen Beziehungen. Die eigene Identität und die Handlungsfähigkeit entstehen jedoch mit Hilfe dieser sozialen Beziehungen. Die angesprochene Gleichheit zeigt sich also dadurch, dass die Menschen in ihrem Wesen selbst gleich sind, mit gleichen Voraussetzungen in die Welt kommen und die Fähigkeit besitzen, grundlegende Dinge der Welt gleich interpretierten zu können.

So besagt der symbolische Interaktionismus, dass Symbole von den Menschen gleich verstanden werden, wodurch ein gleiches Grundverständnis dieser auf der Welt herrscht. Grundlegend ist, dass die Kommunikation und der Austausch zwischen Menschen nur dadurch funktioniert. Dieses Grundverständnis der Dinge entwickelt sich aus sozialen Interaktionen der Menschen. Da die Menschen die Symbole in gleicher Weise interpretieren, kann ein Zusammenleben in der Welt funktionieren. Um dieses zu verdeutlichen, möchte ich ein Beispiel heranziehen.

Jede/r Autofahrer/in hält normalerweise bei einem Stoppschild im Straßenverkehr an. Ausgeschlossen sollen Fälle sein, in denen es unabsichtlich missachtet wird. Daraus lässt sich schließen, dass jeder Mensch das Stoppschild auf gleiche Weise deutet. Ist es anders, kann es zu einem Unfall kommen und der Straßenverkehr würde nicht funktionieren.

Ebenfalls muss die Gestik von den Menschen gleich interpretiert werden können, damit sie sich gegenseitig verstehen. Wenn jemand einen gesenkten Kopf und betrübten Blick hat, ist jedem sofort bewusst, dass dieses ein Symbol der Traurigkeit darstellt. Erschließt sich das Wahrgenommene, weiß man dann, wie man sich in dieser Situation am besten verhalten sollte.

Die Gleichheit zeigt sich beim Menschen zudem dadurch, dass das Bestreben sich selbst zu entfalten und einzigartig zu sein bei allen Menschen vorhanden ist.

Verschiedenheit hingegen ist nach Hannah Arendts Auffassung die Einzigartigkeit jedes Einzelnen. Diese bezieht sich darauf, wie der Mensch seine Einzigartigkeit durch Sprechen und Handeln aktiv zum Ausdruck bringt. Jeder Mensch braucht die Kommunikation und den Austausch mit anderen, da er ein soziales Wesen ist und nur dadurch wirklich existieren kann. Besonders benötigt das Handeln die Sprache, da man nur durch Sprechen die Vergangenheit und die Zukunft ausdrücken kann. Somit wird der Mensch erst durch Sprechen und Handeln zu einer Persönlichkeit und lässt sich dadurch von anderen unterscheiden. Bei einer Handlung sind Körper und Stimme des Handelnden immer einbezogen. Aufgrund dessen macht der Mensch sich einzigartig, da niemand die gleiche Stimme und den gleichen Körper hat. Auch im Alltag zeigt sich das Bestreben jedes Menschen einzigartig zu sein.

In einem Vorstellungsgespräch für einen Arbeitsplatz will man zum Beispiel zeigen, was die eigene Person auszeichnet, also einzigartig macht, um zu verdeutlichen, warum man mehr Qualitäten aufweist und besser für den betreffenden Job geeignet ist als andere. Auch in einer Liebesbeziehung möchte man sich selbst und dem Partner beweisen welche Qualitäten man besitzt, um sich selbst als erstrebens- und liebenswert zu erweisen. Aufgrund der Gleichartigkeit der Menschen, haben alle das gleiche Privileg und die gleichen Voraussetzungen sich selbst von anderen durch Handeln und Sprechen zu unterscheiden, daher muss der Mensch gleich sein um verschieden sein zu können.

„Verschiedenheit und Besonderheit sind [aber] nicht dasselbe.“1 Besonderheit kennzeichnet Pluralität, also die Vielfalt der Menschen oder der Tiere und sagt somit etwas über das „Anders- als“ aus. Verschiedenheit jedoch geht über das Anderssein hinaus. Verschiedenheit gibt es nur bei Menschen, weil diese sich im Gegensatz zu Tieren aktiv durch eigene Initiat ive zum Ausdruck bringen können. Wenn Tiere etwas tun, dann aufgrund äußerer Einflüsse oder ihres Instinktes, der von Geburt an gegeben ist. Durch die sprachliche Ausdrucksweise vermag es allein dem Menschen seine Verschiedenheit von sich selbst ausgehend von anderen zu unterscheiden. Der Mensch teilt sich somit bewusst der Umwelt selbst mit. Er teilt jedoch der Welt nicht nur etwas über Angst, Hunger, Schmerz, Freunde oder Liebe mit, sondern immer auch etwas über seine eigene Persönlichkeit durch seine Sprache, welche den Menschen unterscheidet. Ein Tier ist bei Hunger durch seinen Instinkt geleitet, der Mensch hingegen handelt bei Hunger aufgrund seines eigenen Willens und hat selbst die Entscheidungsfreiheit in welcher Form er diesen stillen möchte.

"All sorrows can be borne if you put them into a story or tell a story about them"2. Mit diesem Zitat von Isak Dinesen leitet Hannah Arendt ihr fünftes Kapitel des Buches" Vita activa oder Vom tätigen Leben" ein. Alle Sorgen der Menschen seien zu ertragen, wenn man sie in eine Geschichte einbindet oder darüber eine Geschichte erzählt. Durch das Sprechen über seine Last und Schmerzen wird das Leid für andere nachvollziehbar und für sich selbst ist es eine Erleichterung zu wissen, dass man mit seinem Leid nicht alleine in der Welt steht. Ohne Sprechen und Handeln ist das Leben nicht lebenswert, da es laut Ahrend nur ein „in die Länge eines Menschenlebens gezogenes Sterben“3 sein würde. Dem Sprechen und Handeln kann man folglich nie ganz entsagen, dieses trifft aber wiederum nicht für das Arbeiten und Herstellen zu, welche die zwei anderen Grundtätigkeiten der „Vita activa“ darstellen. Arbeiten ist im Leben notwendig, um die eigene Existenz zu sichern, jedoch ist es nicht zwingend nötig selbst zu arbeiten. Auch Herstellen ist grundlegend für eine Existenz in der Welt, es ist jedoch nicht zwingend notwendig selbst etwas herzustellen, man kann trotzdem sehr wohl die Dinge der Welt gebrauchen. Eine Möglichkeit dem Arbeiten und Herstellen zu entgehen ist es, andere dazu zu etwaigen Arbeiten zu zwingen, sie zu versklaven oder sie auszubeuten, um sich so seine Existenz in der Welt zu sichern. Handeln hingegen ist immer auf die Initiative einer Person selbst zurückzuführen, auch wenn andere dazu den Antrieb geben. Handeln bedeutet, etwas Neues anfangen, denn jedes Handeln setzt etwas in Bewegung.

[...]


1 Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 164

2 Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 164

3 Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 165

Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656215936
ISBN (Buch)
9783668108844
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195241
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,5
Schlagworte
über handeln vita leben hannah arendt

Autor

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Titel: Über "das Handeln" in "Vita activa oder vom tätigen Leben" von Hannah Arendt