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„Der Stab mit zwei Enden“: Überlegungen zu Dostojewskijs Die Brüder Karamasow (1879/80) und Freuds Psychoanalyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITENDE BEMERKUNGEN ZU AUFGABENSTELLUNG UND FORSCHUNGSSTAND

2. SIGMUND FREUD UND FJODOR DOSTOJEWSKIJ: HARSCHES URTEIL ÜBER EINEN „KERKERMEISTER" MIT „ÖDIPUSKOMPLEX"
2.1 Freuds Psychoanalyse: Hysterie, das Unbewusste und der Mensch als ,Wunschwesen'
2.2 Dostojewskij und die Vatertötung: Jolan Neufeld, Sigmund Freud und Die Brüder Karamasow

3. „[ABOUT THE] COMMONPLACE, THAT DOSTOEVSKY ANTICIPATED FREUD" - PSYCHOLOGIE IN DOSTOJEWSKIJS DIEBRÜDER KARAMASOW
3.1 Die Brüder Karamasow als "Hosanna" - Philosophische und religiöse Konzepte als Schlüssel zum Verständnis Dostojewskijs
3.2 „Hier ringt der Teufel mit Gott und das Kampffeld sind die Herzen der Menschen." Innerpsychische Kräfte oder das Unbewusste in Die Brüder Karamasow
3.3 Hysteriker, Epileptiker und andere Verrückte - Geisteskrankheiten in Die Brüder Karamasow
3.4 ,Wunder', TräumeundOffenbarungen- der Weg zum,gesundenGeist'

4. ÜBER DIE PROBLEMATIK EINER PSYCHOANALYTISCHEN LITERATURWISSENSCHAFT- EIN RESÜMEE

5. BIBLIOGRAFIE
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitende Bemerkungen zu Aufgabenstellung und Forschungsstand

„Die Psychologie verlockt sogar den ernsthaftesten Menschen zum Verfassen zum Romanen, und zwar völlig unwillkürlich. Ich spreche von der übertriebenen Psychologie, meine Herren Geschworenen, von einem gewissen Missbrauch, der mit ihr getrieben wird.“[2]

Derart verweist der Verteidiger Fetjukowitsch in der zentralen Gerichtsszene von Dostojewskijs Die Brüder Karamasow auf die Gefahren der Verwendung der ,Seelenkunde‘ zur Erklärung von Mordfällen, da man aus diesem „Stab mit zwei Enden“ „alles ableiten“ könne „was man will“.[3] Mit seinem „berühmte[n] Spott auf die Psychologie“ scheint die fiktive Gestalt Dostojewskijs dementsprechend gewissermaßen die Zugänglichkeit der unbewussten Gedanken bzw. Emotionen selbst anzuzweifeln - eine Annahme, welche die wenig später entwickelte, psychoanalytische Therapiemethode Freuds eindeutig infrage stellt.[4] Dennoch sind die Vorstellungen von der Psyche bei Freud und Dostojewskij offensichtlich nicht vollkommen gegensätzlich. Ob von Natalie Reber oder aus dem Munde Antonio Oliveros - nur allzu oft wird der russische Schriftsteller von Literaturwissenschaftlern als ,Vorläufer‘ des Wiener Arztes bezeichnet.[5] In dieser Hauptseminararbeit soll diese - bisher in der Forschungsliteratur nicht annähernd kritisch genug reflektierte - Relation zwischen der den Romanen Dostojewskijs zugrundeliegenden Vorstellung von der menschlichen Psyche und den Grundkonzepten Freuds genauer untersucht werden.[6] Der Fokus auf Dostojewskijs letzten Roman Die Brüder Karamasow (1879/80) bietet sich dabei besonders an, da sich sowohl Freud-Schüler Jolan Neufeld in seiner Schrift Dostojewski - Skizze zu seiner Psychoanalyse (1923) als auch Freud selbst in einem kurzen Artikel mit dem bezeichnenden Titel Dostojewski und die Vatertötung (1928) zu diesem Werk geäußert haben.[7] Ausgehend von den grundlegenden Axiomen der Freudschen Psychoanalyse und diesen Kommentaren wird daher im Folgenden die Vorstellung von der , Seele ‘ des Menschen, wie sie in den Brüdern Karamasow entwickelt wird, genauer betrachtet werden. Ziel der Arbeit ist es Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Dostojewskijs und Freuds Grundannahmen über die menschliche Psyche herauszustellen sowie den Besonderheiten des literarischen bzw. wissenschaftlichen Diskurses Rechnung zu tragen.

2. Sigmund Freud und Fjodor Dostojewskij: Harsches Urteil über einen „Kerkermeister“ mit „Ödipuskomplex“

2.1 Freuds Psychoanalyse: Hysterie, das Unbewusste und der Mensch als , Wunschwesen‘

„[J]enseits der Frage mit welchem Recht über Freud gestritten werden kann und soll, erhebt sich sein Werk als ein geistiges Monument, dessen Strahlkraft schwer zu überschätzen ist. “[8] [9]

Mit diesen Worten preisen die Literaturwissenschaftler Lohmann und Pfeiffer Sigmund Freud in ihrem jüngst publizierten Handbuch. In der Tat revolutioniert der ,Erfinder der Psychoanalyse“ die Wissenschaft der Psychologie bereits seit seinen - gemeinsam mit Joseph Breuer veröffentlichten - Studien über Hysterie (1895).

Während sich Freuds Vorgänger wie der Irrenarzt und psychiatrische Gutachter Emil Kraepelin in seinem Lehrbuch für Studierende und Ärzte (1887) vor allem auf die Systematisierung und Klassifizierung der psychischen Krankheiten konzentrieren und die Ursachen im Unterschied zu den Symptomen nicht genügend berücksichtigen, füllt Freud diese ,Leerstellen“.[10] Führt Kraepelin die hysterischen Symptome in seiner stark biologistischen Sichtweise etwa noch einfach auf eine genetische bzw. charakterliche Disposition für Hysterie - der Irrenarzt spricht von einer „krankhaften Constitution des gesammten cerebrospinalen Nervensystems“ - zurück, wirkt die Traumatheorie Freuds eindeutig komplexer und durchdachter.[11] Freud geht im Unterschied zu Kraepelin davon aus, dass die hysterischen Symptome nicht vererbt oder durch Veranlagung des Patienten verursacht werden, sondern dass diese Resultat der Verdrängung eines traumatischen Ereignisses aus der Vergangenheit sind.[12] Die Erklärung von hysterischen Symptomen mithilfe der Traumatheorie bei Freud lässt sich nur mithilfe von dessen Konzeption des ,Unbewussten“ verstehen. Während die Berücksichtigung nicht bewusster Gedanken und Gefühle durchaus nichts Neues innerhalb der Psychologie des 19. Jahrhunderts darstellt, besteht der Verdienst Freuds darin, das Unbewusste als Ort innerhalb der Psyche zu konzeptualisieren, der im Zuge eines dynamischen Prozesses entsteht und zu jeder Zeit eine „permanent wirksame Kraft“ bleibt.[13] Falls ein für den Menschen unliebsames Ereignis nicht abreagiert werden kann - etwa durch affektive oder verbale Offenbarung oder assoziative Korrektur - wird die Erinnerung an dieses - willentlich oder in einer Art psychischem Automatismus - verdrängt. Werden Elemente des - einen Konflikt im ,Vorstellungshaushalt‘ des betreffenden Individuums auslösenden - Primärereignisses allerdings durch ein ähnliches Erlebnis wieder aktuell, so kann dieses Verdrängungsverhalten in hysterischen Symptomen resultieren, wobei man von einer ,doppelten Ambivalenz des Verdrängens‘ sprechen kann: Auch wenn die Psyche durch das negative Verarbeitungsverhalten des Individuums geschützt werden soll, resultiert die Verdrängung in der Regel dennoch in physischem Schmerz.[14] Zur Therapie der Hysterie muss - laut Freud - die Erinnerung an die sogenannte ,Urszene‘, das heißt das die Psychose auslösende Ereignis, wieder wachgerufen werden, um die damit verbundenen Gefühle und Gedanken abreagieren zu können - als Fallbeispiele zitiert der Wiener Arzt erfolgreich geheilte Frauen wie Fräulein Elisabeth v. R.[15]

Die Theorie zur Entstehung von Neurosen wird von Freud im Laufe seiner Schaffenszeit allerdings erheblich weiterentwickelt: In seinen Schriften zu Beginn des 20. Jahrhunderts - beginnend mit der 22. Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/7) - betont er die Bedeutung der „unbewussten Triebwünsche und ihrer Abwehr“ und etabliert insbesondere die Libidoentwicklung und die sexuelle Konstitution als bedeutende Faktoren.[16] Hinterfragt Sigmund Freud mit seinen Studien über Hysterie (1895) bereits tendenziell die Grenze zwischen Normalität und Anomalie, indem er den Hysterie-Kranken, dessen Symptome die ,Urszene‘ in symbolisch verschlüsselter Form wiedergäben, mit dem Dichter vergleicht; so wird der fließende Charakter des Übergangs zwischen Wahnsinn und Gesundheit in Freuds Traumdeutung (1900) noch stärker verdeutlicht.[17] Im Unterschied zu Kraepelins Text gibt es hier keine primäre Differenz zwischen ,krank‘ und ,gesund‘: Freud betont vielmehr bei seinen Beobachtungen hinsichtlich der Träume, dass in jedem Mensch der Keim zur Anomalie vorhanden sei, da „der psychische Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch eine das Seelenleben ergreifende, krankhafte Störung geschaffen wird, sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit liegt.“[18] Indem Träume stets als „verkleidete Erfüllung eines unterdrückten, verdrängten Wunsches“ angesehen werden, wird innerhalb der Traumdeutung zudem eine eigene Anthropologie entwickelt: Freud definiert den Mensch als Wunschwesen, dessen unbewusste Triebe und Begierden sich im Schlaf zu Wort melden.[19] Selbst Angstträume werden innerhalb dieser Logik als Wunschträume angesehen: Denn Freud geht von einer Art „Wächter unserer geistigen Gesundheit“ zwischen Vorbewusstem und Unbewussten aus, der die für das Bewusstsein konfliktbehafteten oder unangenehmen, unbewussten Begierden zensiert und bis zur Unkenntlichkeit entstellt.[20] Während bereits Psychologen des 19. Jahrhunderts wie Kraepelin die Psyche als Kampfplatz wahrnehmen, so besteht eine der Leistungen Freuds zudem darin, die in der menschlichen , Seele ‘ herrschenden Kräfte genauer benannt und definiert zu haben: Bleibt die Zensurinstanz der Traumdeutung eine Leerstelle - nur in einer Fußnote wird sie als „Über-Ich“ bezeichnet -, so äußert sich der Wiener Psychologe spätestens in seiner Schrift Das Ich und das Es (1923) genauer zu diesen verschiedenen Faktoren.[21] Beschreibt die Kategorie des ,Es’ jene Triebe und Bedürfnisse, die dem Lustprinzip unterliegen und die abgespalten und verdrängt werden, so bezeichnet der Begriff des ,Über-Ich‘ die erlernten Normen, Werte und Rollenbilder. Als vermittelnde Instanz agiert das ,Ich‘, welches als denkende, wahrnehmende Kraft zwischen den verschiedenen Ansprüchen der bereits erwähnten, psychischen Kräfte und der Außenwelt zu vermitteln sucht.[22]

Angesichts dieser Neuerungen innerhalb der Psychologie durch Freud ist es dementsprechend verständlich, dass Foucault den Wiener Arzt als einen der „Diskursivitätsbegründer“ der Moderne verstanden haben will.[23] Wie Freud allerdings die Werke Dostojewskijs vor dem Hintergrund seiner psychoanalytischen Theorie bewertet, soll im Folgenden geklärt werden.

2.2 Dostojewskij und die Vatertötung: Jolan Neufeld, Sigmund Freud und Die Brüder Karamasow

„Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei Lokaldiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere Neuropat holo g en, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. “[24]

Derart äußert sich Freud in seinen Studien über Hysterie zu dem Verhältnis seiner psychoanalytischen Schriften zur Belletristik. Auch wenn die Nähe der Fallgeschichten der Psychologie zur Literatur allgemein evident erscheint - beide bedienen sich narrativer Mittel um ihre Geschichte zu erzählen, im Unterschied zu literarischen Werken steht bei wissenschaftlichen Texten allerdings die jeweilige Krankheit im Vordergrund -, ist die Beziehung Freuds zur Literatur allerdings eine besondere. Muten schon seine Patientengeschichten wie Kriminalgeschichten an, bei denen das Geheimnis, die Leerstelle bis zum Schluss offengelassen wird - in den Studien über Hysterie wird beispielsweise bis zuletzt verschwiegen, welcher Art das traumatisierende Erlebnis gewesen ist -, so ist Freuds Affinität auch auf anderer Ebene zu bemerken.[25] Neben Vorträgen über den Dichter und das Phantasieren (1908) verwendet der Psychoanalytiker Charaktere aus den Dichtungen Shakespeares, Ibsens und Nietzsches - etwa in Das Motiv der Kästchenwahl (1913) oder in Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit (1916) - um bestimmte psychopathologischen Fälle zu veranschaulichen.[26] Durch seine Überlegungen zu literarischen Werken - etwa Shakespeares Hamlet in der Traumdeutung - legt Freud den „Grundstein zur psychoanalytischen Interpretation“ dieser, wie etwa die Anknüpfung an diese vonseiten seines Schülers Ernest Jones mit Hamlet and Oedipus (1949) zeigt.[27]

Ein ähnlicher Casus liegt auch im Falle von Freuds vermutlich 1926 verfasster Studie Dostojewski und die Vatertötung vor, deren Grundthesen in diesem Falle allerdings bereits 1923 von Freuds Schüler Jolan Neufeld in seiner wissenschaftlichen Arbeit Dostojewski - Skizze zu seiner Psychoanalyse formuliert werden und die im Folgenden erörtert werden sollen.[28] In einer Lesart, die - wie Freuds Vortrag Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit (1917) über Goethes Autobiographie - „literarische Texte [...] unmittelbar als Ausdruck der psychischen Struktur ihrer Autoren interpretiert“, deuten sowohl Freud als auch Neufeld den Roman Die Brüder Karamasow als ein „poetisches Geständnis“ von Dostojewskij, der in diesem Werk seinen Ödipuskomplex evident mache.[29] Auf Basis der epileptischen Anfälle Dostojewskijs wird dem russischen Dichter eine hysterische Erkrankung unterstellt:[30] Aufgrund des traumatischen Erlebnisses der Ermordung des eigenen Vaters durch Leibeigene hätten sich, so Freud und Neufeld, die Schuldgefühle Dostojewskijs anlässlich seines existenten „Todeswunsch“ gegen den Vater derart gesteigert, dass der Schriftsteller eine Neurose entwickelt habe, in der die Epilepsie Ausdruck einer Selbstbestrafung sei.[31] Indizien für diese Behauptungen werden auch innerhalb der Werke Dostojewskijs selbst gesucht, in welche „der Zauberschlüssel der Psychoanalyse [...] [besonderen] Einblick geben“ würde:[32] Sowohl Freud als auch Neufeld sehen die Konzentration des russischen Dichters auf „entgleiste Perverse“ oder „gewalttätige, mörderische und eigensüchtige Charaktere“ - wie Stawrogin in den Dämonen oder den alten Fjodor in Die Brüder Karamasow - als Zeichen für den „Destruktionstrieb“ Dostojewskijs an, der ihn „leicht zu einem Verbrecher“ gemacht hätte, wenn er diesen nicht in masochistischer Art und Weise gegen sich selbst gewendet hätte.[33]

Sowohl die Stoffwahl als auch einzelne Figuren der Brüder Karamasow werden als „Analogie“ zu Dostojewskijs Situation „nach empfangener Todesnachricht“, das heißt der Botschaft von der Ermordung seines eigenen Vaters angesehen.[34] Als „Abspaltungen des Charakters Dostojewskis“ werden insbesondere die vier Karamasowschen Sprösslinge wahrgenommen, wobei bereits die Intention des Vatermordes als Indiz für das Schuldigsein dieser gewertet wird.[35] Dabei gehen Freud und Neufeld unterschiedlich mit dem Primärtext um - immer ist bei der „zirkulären Argumentationsstruktur“ jedoch die Tendenz erkennbar die literarisch und „philologisch unzureichende[n] Nachweisverfahren durch die implizierten psychologischen Annahmen“ zu vertuschen.[36] Während Freud den Sinnesmenschen und vermeintlichen Vatermörder Mitja Karamasow - der mit seiner Begierde für die von Fjodor Karamasow umworbene Gruschenka idealerweise in das Ödipus-Komplex-Schema zu passen scheint - kurzerhand zum „Held“ des Romans erklärt, geht Neufeld sogar so weit, dem von Freud korrekt als „Kontrastfigur“ identifizierten, tiefgläubigen Mönch Aljoscha „den Impuls des Vatermordes“ zu unterstellen.[37] Interessant und ähnlich verkürzend ist auch die These, dass in Die Brüder Karamasow der Vatermörder beinahe als „Erlöser“ glorifiziert werde - ein Umstand, den Freud anhand des Kniefalls des Starez Sosima vor dem mutmaßlichen Täter Dmitrij belegen will und mit dem Dostojewski die eigene Schuld habe mildern wollen.[38] Trotz dieser offenkundigen Fehldeutungen werden die von der Psychoanalyse geprägten Texte im Rahmen dieser Arbeit nicht als bloße „Phantasien zu Dostojewskij“ oder als „penetrante Peinlichkeiten“, die keineswegs „zur immanenten Thematik“ der Brüder Karamasow Erkenntnisse liefern, abgetan - wie dies bisher, auch in der aktuellen, literaturwissenschaftlichen Einschätzung üblich gewesen ist.[39] Die Problematik der autobiografischen Lesart erkennend und die weltanschaulichen Prägungen Neufelds und Freuds berücksichtigend, wird es vielmehr darum gehen, mithilfe dieser Deutungen die inhärente Psychologie der Brüder Karamasow herauszuarbeiten. Denn insbesondere die stärker ins Detail gehende Schrift Dostojewski - Skizze zu seiner Psychoanalyse wirft interessante Thesen in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem letzten Roman Dostojewskijs und Freuds Einsichten in die menschliche Psyche auf: Auf die freudianisch anmutende Konzeption der Epilepsie Smerdjakows - dessen Anfälle partiell als Resultat seiner Selbstbeschuldigung angesichts des Mordes gewertet werden - verweisend, betont Neufeld die Ähnlichkeit der Konzeption des Unbewussten, des Traums, der Neurosen und der Psychosen in Die Brüder Karamasow und den Schriften Freuds.[40] Im Bewusstsein der Gefahr der simplen Übertragung psychoanalytischer Konzepte auf den Roman wird das Werk Die Brüder Karamasow - mit den Texten Freuds und Neufelds im Hinterkopf - im Folgenden diesbezüglich genauer analysiert werden.

[...]


[1] Dostojewskij, Fjodor: Die Brüder Karamasow. Roman. Aus dem Russischen übertragen von Hans Ruoff und Richard Hoffmann. München 2006, S. 961.

[2] Dostojewskij: Die Brüder Karamasow, S.966.

[3] Ebd., S.961, 966.

[4] Freud, Sigmund: Dostojewski und die Vatertötung. Zitiert nach: www.textlog.de/freud-psychoanalyse- dostoiewski-karamasoff.html?print (aufgerufen am 30.9.2010.).

[5] Vgl. Reber, Nathalie: Dostojewskij’s Brüder Karamasow. Einführung und Kommentar. München 1990, S. 53. Vgl. Olivero, Antonio: Fyodor Dostoevsky, psychologist and teacher: a psychological-philosophical study of The Brothers Karamasov. Texas 1968, S.116 f.

[6] Selbst Aufsätze mit so vielversprechenden Titeln wie The Sons Karamazov: Dostoevsky’s Characters as Freudian Transformations übertragen Freuds psychoanalytische Konzepte einfach auf den Roman. (Bruss, Neal: The Sons Karamazov: Dostoevsky’s Characters as Freudian Transformations. In: The Massachusetts Review, Vol. 27, No.1 (1986), S.40-67.)

[7] Vgl. Neufeld, Jolan: Dostojewski - Skizze zu seiner Psychoanalyse (1923). Bremen 2010. Vgl. Freud, Sigmund: Dostojewski und die Vatertötung.

[8] Freud: Dostojewski.

[9] Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim: Vorwort. In: Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar 2006, S.V.

[10] Vgl u.a. Kraepelin, Emil: Psychiatrie: Ein kurzes Lehrbuch für Studierende und Ärzte. Zweite, gänzlich umgearbeitete Auflage. Leipzig 1887, S.324-328. Für weitere Informationen zu Kraepelins Ansatz: Butcher, James; Hooley, Jill; Mineka, Susan: Klinische Psychologie. München 2009, S.59.

[11] Kraepelin: Psychiatrie, S.399.

[12] Vgl. Freud, Sigmund; Breuer, Joseph: Studien über Hysterie (1895). In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Erster Band: Werke aus den Jahren 1892-1899. Frankfurt am Main 1999, S.82.

[13] Berg, Henk de: Freuds Psychoanalyse in der Literatur- und Kulturwissenschaft. Tübingen; Basel 2005, S.9.

[14] Vgl. Freud: Hysterie, S.91, 182.

[15] Vgl. ebd., S.223.

[16] Ermann, Michael: Freud und die Psychoanalyse: Entdeckungen, Entwicklungen, Perspektiven. Stuttgart 2008, S.58. Vgl. ebd., S.58-61.

[17] Vgl. Freud: Hysterie, S.244-247.

[18] Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Zweiter und Dritter Band. Die Traumdeutung. Über den Traum. Frankfurt am Main 1999, S.613.

[19] Ebd., S.166.

[20] Ebd., S.573.

[21] Ebd., S.564.

[22] Vgl. Rohde-Dachser, Christa: Das Ich und das Es (1923). In: Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar 2006, S.121-123.

[23] Foucault, Michel. Zitiert nach: Lohmann, Pfeiffer: Vorwort, S.V.

[24] Freud: Hysterie, S.227.

[25] Vgl. u.a. ebd., S.163-183.

[26] Vgl. Pietzcker, Carl: Der Dichter und das Phantasieren. In: Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar 2006, S.195 ff. Vgl. Dierks, Manfred: Das Motiv der Kästchenwahl. In: Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar 2006, S.199 ff. Vgl. Lange-Kirchheim, Astrid: Einige Charaktertypen der psychoanalytischen Arbeit. In: Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar 2006, S.201 ff.

[27] Berg: Freuds Psychoanalyse, S.83. Vgl. ebd., S.83-95.

[28] Vgl. Dierks, Manfred: Dostojewski und die Vatertötung (1928). In: Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar 2006, S. 208 ff.

[29] Würker, Achim: Das Verhängnis der Wünsche. Unbewusste Lebensentwürfe in Erzählungen E.T.A. Hoffmanns. Würzburg 1997, S.175. Vgl. Lange-Kirchheim, Astrid: Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit. In: Lohmann, Hans-Martin; Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar 2006, S.203 f. Freud: Dostojewski.

[30] Vgl. Neufeld: Skizzen, S.16. Vgl. Freud: Dostojewski.

[31] Freud: Dostojewski, Anhang S.32. Neufeld: Skizze, S.68.

[32] Neufeld: Skizze, S.6.

[33] Ebd., S.6. Freud: Dostojewski.

[34] Neufeld: Skizze, S.24.

[35] Neufeld: Skizze, S.28. Vgl. ebd., S.62. Vgl. Freud: Dostojewski.

[36] Dierks: Dostojewski, S.209.

[37] Freud: Dostojewski. Neufeld: Skizze, S.29.

[38] Freud: Dostojewski.

[39] Urban, Bernd: Ein ,junger Germanist‘ beim Medizinprofessor. Anmerkungen zu Hintergrund, Entwicklung und Folgen der Rezeptionsidee der Psychoanalyse in Literatur und Literaturwissenschaft im Zeitraum von 1970­1985. In: Mauser, Wolfgang; Pietzcker, Carl (Hg.): Literatur und Psychoanalyse. Erinnerungen als Bausteine einer Wissenschaftsgeschichte. Würzburg 2008, S.218 Fußnote 47. Vgl. dazu u.a. Schult, Maike: Verlockende Vatertötung. Freuds Phantasien zu Dostojewskij. In: Deutsche Dostojewskij-Gesellschaft (Hg.): Jahrbuch 10 (2003), S.43-55.

[40] Neufeld: Skizze, S.90 ff.

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656210245
ISBN (Buch)
9783656212423
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195223
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Schlagworte
Freud Dostojewskij Brüder Karamasow Psychoanalyse

Autor

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Titel: „Der Stab mit zwei Enden“: Überlegungen zu Dostojewskijs Die Brüder Karamasow (1879/80) und Freuds Psychoanalyse