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Konsolidierung der Demokratie in Kosova 2004

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 79 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Theater im Theater
2.1 Strukturen und Formen des Theaters im Theater
2.2 Funktionen des Theaters im Theater

3. Das Theater im Theater in Sei personaggi in cercad’autore
3.1 Struktur und Form des Theaters im Theater bei Pirandello
3.2 Funktionen des Theaters im Theater bei Pirandello
3.2.1 Pirandellos Kritik am traditionellen Illusionstheater
3.2.2 Vermittlung des lebensphilosophischen Subjektivismus‘ Pirandellos

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 9.Mai 1921 wurde Luigi Pirandellos Sei personaggi in cercad’autore[1] uraufgeführt und vom Publikum so skandalös aufgenommen, dass der Autor nach der Aufführung durch den Hinterausgang vor der aufgebrachten Menge flüchten musste.[2] Zukünftig veröffentlichte er seine Dramen möglichst vor ihrer Erstaufführung, um unangenehme Situationen wie jene Anfang Mai 1921 zu vermeiden[3] und schrieb zur Ausgabe von 1925 ein Vorwort, in dem er seine Beweggründe für dieses vor allem zur damaligen Zeit außergewöhnliche Drama erklärte. Grund für den Skandal im Teatro Valle war vermutlich Pirandellos Abwendung vom Illusionstheater in SPCA, womit er laut Szondi[4] den Inbegriff des modernen Dramas schuf. Das Werk ist in das dramatische Phänomen des Theaters im Theater[5] einzuordnen und gleichzeitig das erste Stück Pirandellos‘ Trilogie[6] desselben. Seine Originalität zahlte sich aus, 1934 erhielt er „für seine mutige und geistvolle Erneuerung des Dramas und der Bühnenkunst“[7] den Nobelpreis für Literatur und gilt als bester metadramatischer Autor der 1920er Jahre.[8]

Im ersten Teil dieser Arbeit wird der Begriff des Theaters im Theater genauer erläutert und von anderen metatheatralenKunstgriffen abgegrenzt, um im Anschluss seine Strukturen, Formen und Funktionen aufzuzeigen. Danach erfolgt im zweiten Teil eine kurze Vorstellung von SPCA und anhand des zuvor Erarbeiteten eine Untersuchung hinsichtlich seiner Struktur und Form. Während der Vorliteratur für diese Arbeit sind vor allem zwei Funktionen des Theaters im Theater in SPCA immer wieder hervorgestochen: zum einen die Vermittlung der Probleme eines Dramatikers beim Schreiben, dessen Kreativität dabei vor allem durch die Ansprüche des traditionellen Illusionstheaters eingeschränkt wird. Zum anderen nutzte der sizilianische Autor diese Methode anscheinend, um seinen „lebensphilosophische[n] Subjektivismus“[9] im Werk zu thematisieren. Ziel dieser Arbeit ist es, das Werk so genau wie möglich den besonderen dramatischen Strukturen und Formen des Theaters im Theater zuzuordnen und zu überprüfen, inwieweit die beiden zuvor genannten Funktionen zutreffen.

2. Das Theater im Theater

Wer sich mit dem Thema des Theaters im Theater beschäftigt, stößt in der Fachliteratur zunächst einmal auf ein enormes Spektrum an Begriffsbezeichnungen, wie beispielsweise Metadrama, Metatheater, Metafiktion im Drama, potenziertes Spiel, Spiel im Spiel, Theater in bzw. auf dem Theater usw. Oft und teilweise sogar aus fragwürdigen Stilgründen werden diese Termini synonym gebraucht, obwohl sie verschiedene Bedeutungen haben.[10]

Im Jahr 1963 prägte Lionel Abel die Bezeichnung ‘Metatheater’ und acht Jahre später wurde der Begriff ‘Metadrama’ durch James L. Calderwood in die Forschung aufgenommen.[11] Da es sich bei Drama und Theater um zwei verschiedene Medien handelt, ist es wichtig die beiden Termini in der Forschung auseinanderzuhalten.[12] Gerda Poschmann plädiert dafür, Stücke die für die Bühne konzipiert sind und Bezug auf das Theater oder eine Aufführung nehmen, als „Meta-Theater-Text“ oder „metatheatralische[s] Drama“[13] zu bezeichnen. ,Metadrama' hingegen dürften genaugenommen nur Bühnenstücke genannt werden, „die das Drama insgesamt (und nicht einzelne Strukturelemente oder die Aufführungssituation) explizit thematisieren“[14]. Der Terminus ‘Theatertext’ ist eigentlich die bessere Gattungsbezeichnung für das ‘Drama’, da er auf seine Aufführungsbestimmung hinweist, aber dennoch erkennen lässt dass es sich um Literatur handelt und somit zugleichdie sinnvolle mediale Unterscheidung berücksichtigt.[15] Janine Hauthal führte in einem 2007 von ihr herausgegebenen Sammelband den Begriff ‘Metaisierung’ in Bezug auf alle literarischen Gattungen und Medien ein.[16] Das Präfix ‘Meta’ kommt aus dem Griechischen und bedeutet in diesem Zusammenhang 'inmitten'.[17] Die Vorsilbe wird immer dann gebraucht, wenn eine Gattung oder ein Medium sich selbst, in welcher Form und Ausprägung auch immer, zum Inhalt macht. Daher liest man in diesem Zusammenhang oft auch von ‘Selbstreferenz’und ‘Selbstreflexion’, deren Unterscheidung ich unter 2.1 noch genauer erläutern werde. Die Möglichkeiten dieses Selbstbezugs sind allerdings so vielfältig, dass einige vom Thema dieser Arbeit, dem TT, abgegrenzt werden müssen. Dazu gehören unter anderem schauspielerische Einlageformen wie

Belauschungs-[...] [und] Beobachtungsszenen, Verstellungs- und Intrigenspiel sowie Rollenspiele von Dramenfiguren [und technische Kniffe des Dramatikers wie] Prologe, Induktionen, Rahmungen durch kommentierende Gestalten ebenso wie das Aus-der-Rolle-Fallen von Dramenfiguren und ihr Sprechen adspectatores.[18],[19]

Auch das Spiel im Spiel wird in der Fachliteratur gerne mit dem TT gleichgesetzt, allerdings handelt es sich eher um einen Kunstgriff,[20] da es bereits „beim Rollenbewusstsein als solchem, bei einer hierarchischen Anordnung von Bewusstseinsstrukturen im Drama[ und] bei Imaginationsszenen, die des Publikums entbehren, beginnen kann.“[21] Im Folgenden wird unter TT eine in ein Bühnenstück eingebettete Theateraufführung verstanden, in welcher die von Schöpflin genannte Mindestgrundvoraussetzung des Theaters „eine[r] Zweiteilung des Dramenpersonals in Schauspieler, die eine Impersonation vollziehen, und Zuschauer gegeben“[22] ist. Wichtig ist auch der fiktive Charakter des internen Schauspiels, welcher allen beteiligten Bühnenfiguren bewusst sein muss.[23]

Als Prototyp derMeta-Theater-Texte wird Shakespears Hamlet angesehen,[24] zum ersten Mal kam diese Technik allerdings 1497 in FulgensandLucres von Henry Medwall vor.[25],[26] Das sich um die Imagination drehende metatheatralische Drama bildet das Pendant zur (griechischen) Tragödie, welche sich hingegen mit der „Struktur der Welt“[27] beschäftigt. Tatsächlich hat das Metatheater die Tragödie als führende dramatische Form ersetzt.[28]

2.1 Strukturen und Formen des Theaters im Theater

Hauthal beschreibt die unterschiedlichen Strukturmöglichkeiten der systemimmanenten Referenzen des Metatheaters unter Bezugnahme auf die Systematisierung selbstreferentieller und selbstreflexiver Darstellungsverfahren von Werner Wolf.[29] Zunächst erfolgt dabei eine Trennung von Heteroreferenz, welche auf die Welt außerhalb der Gattung, des Opus oder des Mediums Bezug nimmt, und Selbstreferenz, die sich hingegen innerhalb eines semiotischen Gefüges durch dessen Elemente oder gar mittels des Systems als Ganzem auf sich selbst bezieht und daher immer intramedial ist. Weiterhin wird die Selbstreferentialität in ‘selbstreferentielles Verweisen’ und ‘selbstreferentielles Bedeuten’ untergliedert. Ersteres weist formal gesehen zwar Selbstreferenz auf, konzentriert sich inhaltlich jedoch auf heteroreferentielle Belange außerhalb der semiotischen Einheit. Letzteres, das selbstreferentielle Bedeuten, wird auch als ‘Selbstreflexion’ betitelt und entwickelt sich durch die Zusammenarbeit von Opus und Zuschauer bzw. Leser. Diese kommt nämlich nur dann zustande, wenn der Rezipient zum Nachdenken über das entsprechende semiotische Gefüge mit all seinen Merkmalen und Modalitäten angeregt wird, also darüber ‘reflektiert’. Aufgrund ihrer erkenntnisbasierten Unterscheidung durch den Adressaten sind die Übergänge von Selbstreferenz und Selbstreflexion nicht genau abgrenzbar.[30] Ein Sonderfall der Selbstreflexion ist die Metareferenz- bzw. reflexion, welche sich

zusätzlich durch Ebenendifferenz und ein daraus resultierendes semiotisches Systembewusstsein aus[zeichnet]. […] Im Unterschied zu dominant heteroreferentiellen oder selbstreferentiellen bzw. –reflexiven Dramen ist ein Metadrama durch eine Dominanz von Metaelementen bzw. –aussagen gekennzeichnet.[31]

Das in dieser Arbeit thematisierte TT ist also in erster Linie selbstreferentiell, indem es sich auf sein Medium bezieht. Um außerdem als selbstreflexiv eingeordnet werden zu können,muss es den Rezipienten zum Nachdenken über das Theater als Mittler zwischen dramatischem Text und Zuschauern anregen, welche dieses Medienbewusstsein also während der Aufführung(en)kognitiv erfahren. Letztlich bedarf es verschiedener Ebenen innerhalb des Bühnenstücks, um Metareferenz aufzuweisen und das TT in seiner ausgereiftesten Form darzustellen.

[...]


[1] Pirandello, Luigi (1928): Sei personaggi in cerca d'autore, Firenze: Bemporad& Figlio. Zitate werden im Folgenden mit 'SPCA' und der jeweiligen Seitenzahl gekennzeichnet und der Titel aus Platzgründen mit ' SPCA' abgekürzt.

[2] Vgl. Livio (1976), S. 149.

[3] Vgl. Bassnett/Lorch (1993), S. 55.

[4] Vgl. Szondi (1964), S. 127.

[5] Der Begriff Theater im Theater wird im Folgenden aus Platzgründen mit ‘TT‘ abgekürzt.

[6] Es folgten in der Trilogie Ciascuno a modo suo (1924) und Questa sera si recita (1930).

[7] Hartmann (1967), S. 291.

[8] Vgl. Hornby (1986), S. 43.

[9] Szondi (1964), S. 132 und Schmeling (1977), S. 177.

[10] Vgl. Schmeling (1977), S. 5.

[11] Vgl. Hauthal (2007), S. 92.

[12] Vgl. ebd., S. 95.

[13] Poschmann (1997), S. 92.

[14] Ebd., S. 91.

[15] Vgl. Hauthal (2007), S. 96.

[16] Vgl. ebd., Titelseite.

[17] Vgl. Gemoll/Vretska (2006), S. 528.

[18] Schöpflin (1993), S. 16.

[19] Siehe auch Pfister (1994), S. 306 f. und Schöpflin (1993), „Mit welchen anderen Einlagenformen und dramatischen Techniken kann man das Theater im Theater verwechseln?“, S. 16 – 50.

[20] Vgl. Abel (2003), S. v f.

[21] Vgl. Schmeling (1977), S. 16 f.

[22] Schöpflin (1993), S. 10 f.

[23] Vgl. ebd., S. 11.

[24] Vgl. Hauthal (2007), S. 92.

[25] Vgl. Hornby (1986), S. 36.

[26] Zur historischen Entwicklung des Metadramas siehe auch Puchner (2003), S. 4 – 21; Hornby (1986), S. 35 – 47 und Schöpflin (1993), „Die historische Dimension des Theaters im Theater“, S. 688 – 705.

[27] Puchner (2003), S. 10.

[28] Hauthal (2007), S. 92.

[29] Vgl. auch Wolf (1993).

[30] Vgl. Hauthal (2007), S. 97 f.

[31] Ebd., S. 98 – 100.

Details

Seiten
79
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783656204688
ISBN (Buch)
9783656207559
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195002
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Politikwissenschaften
Note
2,7
Schlagworte
Kosovo Balkan Ex. Jugoslawien Nato Uno Unmik Krieg im Kosovo Kosovo Status Westbalkan Republika e Kosoves Kosova Albaner Shqiptar

Autor

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