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Arthur C. Danto - Verklärung des Gewöhnlichen: Eine Philosophie der Kunst

Der Stellenwert der Ästhetik in Bezug auf Kunst

Seminararbeit 2009 28 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in das Werk und Einordnung

3. Argumentationsanalyse

4. Bewertung der Argumentation

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Es gibt viele Auffassungen darüber, was man als Kunst bezeichnen kann. Sämtliche Lexikonartikel haben gemein, dass sie Kunst grob als spezifische Art der menschlichen Aneignung und Gestaltung der Wirklichkeit charakterisieren. Als ästhetische Aktivität des Menschen ist Kunst eine Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, ein der gesellschaftlichen Verständigung dienender Produktions- und Reproduktionsprozess, der durch Kunstwerke vermittelt wird. Kunst bezeichnet dabei das allgemeine ästhetische Wesen und zugleich das Ensemble der „Künste“ (Literatur, bildende Kunst, Musik, darstellende Kunst, Architektur etc.), die sich nach ihrer Sprache, der angesprochenen Sinnlichkeit, nach Gegenstand, Funktion und Gebrauch unterscheiden. Es fällt auf, dass bei diesen Erklärungen Kunst mehr oder weniger mit Ästhetik in Verbindung gebracht wird. Mit „Ästhetik“ (gr. a í sthesis: Wahrnehmung) meinen wir heute umgangssprachlich meist Schönheit oder Geschmack. Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff erstmals von Alexander Gottlieb Baumgarten im Rahmen einer philosophischen Abhandlung gebraucht. Deshalb gilt er als Begründer der „philosophischen Ästhetik“. Doch schon in der Antike hatte man sich mit Ästhetik beschäftigt. Bis zum 19. Jahrhundert bezeichnete sie vor allem die Lehre von der wahrnehmbaren Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in der Natur und Kunst.

In seinem kunstphilosophischen Hauptwerk „The Transfiguration of the Commonplace“ (1981) sowie in seinen darauffolgenden Aufsatzsammlungen „The Philosophical Disenfrachisement of Art“ (1986) und „Beyond the Brillo Box“ (1992) versuchte Arthur C. Danto, den repräsentationalen Charakter von Kunstwerken zu analysieren. Für ihn war eine Ausstellung des Popkünstlers Andy Warhol 1964 in der New Yorker Stable Gallery ein Schlüsselerlebnis, welches geeignet war, die gesamte Kunsttheorie zu revolutionieren. Von zwei Gegenständen, die genau gleich aussahen, konnte eines ein Kunstwerk sein und das andere keines. Jeder beliebige Alltagsgegenstand, und zwar unabhängig von seiner materialen Beschaffenheit und ästhetischen Qualität, schien kunstfähig zu sein.

In dieser Arbeit soll geklärt werden, welche Wichtigkeit die Ästhetik für die Definition der Kunst hat auf der Grundlage von Arthur C. Dantos Schrift „Die Verklärung des Gewöhnlichen- Eine Philosophie der Kunst“, indem die Schrift, vor allem aber das Kapitel über die Ästhetik, analysiert wird. Zu Beginn wird die untersuchte Textstelle in das Gesamtwerk „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ eingeordnet. Dabei werden vorhergehende und nachfolgende Argumentationen Dantos rekonstruiert, um auf die analysierte Textstelle vorzubereiten. Es sollen wichtige Begrifflichkeiten sowie größere Zusammenhänge geklärt werden. Nachdem Dantos Argumentation zur Ästhetik analysiert worden ist, wird sie bewertet. Das Erarbeitete wird abschließend noch einmal zusammengefasst. Hier soll die Ausgangsfrage: „Welchen Stellenwert hat die Ästhetik in Bezug auf Kunst?“ beantwortet werden.

2. Einführung in das Werk und Einordnung

Zu Beginn des ersten Kapitels „Kunstwerke und reine reale Dinge“ [17-61] stellt Danto die Frage, ob ein Bild mit Untertitel gleich Kunst ist. Er beantwortet sie dahingehend, als er sagt, dass ein Titel nur Interpretationsansätze biete. Die Interpretation entscheide darüber, was man mit dem Bild assoziiere. Danto thematisiert anschließend die Kunsttheorie. Materielle Objekte (oder Artefakte) werden demnach Kunstwerk genannt, wenn sie vom institutionellen Rahmen der Kunstwelt her als solches betrachtet werden. Dies besagt die Institutionstheorie. Die Betrachtung findet hier auf einer festgelegten Ebene statt, da Institutionen darüber entscheiden, ob etwas Kunst ist oder nicht. Als zweiten Vorschlag trägt Danto die Mimesis-Theorie vor. Kunst sei lediglich die Nachahmung der Realität und somit eine Verdopplung dieser. Neben Ansichten von Satre oder Shakespeare stellt Danto auch Platons Standpunkt vor. Platon meinte, dass mimetische Kunst verderblich sei, da sie die Möglichkeit der Illusion biete. Deshalb stellte er die Frage, wer die Erscheinung des Dings dem Ding selbst vorziehen würde. Die Nachahmung sei also bloße Phantasie -eine Erscheinung, die nicht real ist, sondern nur eine nachahmende Darstellung. Danto definiert Nachahmungen als falsche Dinge mit wichtiger Funktion, nämlich reale Dinge darzustellen. Den Begriff „Darstellung“ unterteilt er in mystische Erscheinung und symbolische Darstellung. Ersteres, die re- presentation, bedeutet, dass etwas wieder präsent ist, d.h. gegenwärtig oder anwesend. Die symbolische Darstellung, die representation, ist eine Darstellung, die an der Stelle von etwas anderem steht. Danto setzt dann die Begriffe „Darstellung“ und „Erscheinung“ gleich. Entweder ist ein Ding also selbst präsent (z.B.: etwas erscheint am Himmel), oder Erscheinung und Wirklichkeit sind einander gegenübergesetzt (z.B.: was man gesehen hat, war nur eine Erscheinung, ein Abbild). Ersteres muss mit dem Begriff „Kunst“, so Danto, allgemein verbunden gesehen werden. Der Künstler besitze die Macht, eine vorhandene Realität in einem fremden Medium zu vergegenwärtigen. Es liegt also die Vermutung nahe, dass Repräsentationen (Vergegenwärtigungen des Dings selbst) mimetische Darstellungen sind. Die mimetische Form könnte aber bewirken, dass die Realität mit ihrer eigenen Nachahmung verwechselt wird oder dass die Nachahmung mit der von ihr bezeichneten Realität verwechselt wird. Hier bringt Danto Kants „Kritik der Urteilskraft“ mit ein. Kant verwendete den Begriff „psychische Distanz“ um die spezielle Isolierung zu beschreiben, die eine Einstellungsänderung zwischen Mensch und dem Objekt legt. Im Gegensatz dazu sollte die „praktische Einstellung“ stehen, die die praktische Verwendbarkeit von Dingen, d.h. Nützlichkeitserwägungen bezeichnete. Gegenüber jedem beliebigen Objekt gebe es demnach zwei verschiedene mögliche Einstellungen. Der Unterschied zwischen Kunst und Realität wäre dann weniger ein Unterschied der Dingarten als von Einstellungsarten. Deshalb ist die Fragen auch nicht, was man in Beziehung setzt, sondern wie man sich darauf bezieht. Ein dritter Vorschlag Dantos besteht in der Ausdruckstheorie. Hier gehe es um geistige Ursachen, die im Werk dargestellt werden sollen. Die ausgedrückten inneren mentalen Ursachen des Künstlers würden entscheiden, ob etwas ein Kunstwerk ist oder nicht. Wenn die inneren Ursachen erkennbar sind, dann handle es sich um ein Kunstwerk.

Danto bezieht sich als nächstes auf die konventionellen Umgrenzungslinien der Kunst (z.B.: Bilderrahmen, Schaukasten, Bühne). Sie haben die Funktion, die Grenzen zur Realität klarzumachen. Künstler verstoßen nur dann gegen diese Konventionen, wenn sie Illusionen erzeugen und einen fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben vermitteln wollen. Danto bemerkt, dass der „Mimesis“-Begriff in die Illusionserzeugung übergeht. Damit sind Platons Befürchtungen gerechtfertigt. Danto kommt zu dem Schluss, dass Kunst tatsächlich Nachahmung in dem Sinn ist, dass sie dem Möglichen gleicht. Er stellt aber die Frage, worin die Notwendigkeit oder das Gute an einer Verdopplung dessen besteht, was wir bereits haben. Lewis Carroll antwortet darauf: „Das Leben selbst ist die Landkarte der Kunst.“ Eine Gegentheorie besagt aber, dass die Funktion der Kunst in dem liegen muss, was sie mit dem Leben nicht gemeinsam hat. Kunst wäre dann das, was keine Fortsetzung des Lebens ist. Demnach versagt also die mimetische Kunst, wenn sie gelingt, also wenn sie wie das Leben aussieht. Sobald das Mimesisprogramm erfüllt ist, sind Kunst und Realität ununterscheidbar. Um diesem Dilemma zu entkommen, so Danto, hängt das Vergnügen an Nachahmungen von dem Wissen ab, dass es sich um eine Nachahmung handelt und nicht um ein reales Ding. Nur wenn das der Fall ist, können wir sicher sein, dass das Kunstwerk nicht mit der Realität verwechselt wird. Es bleibt nach Danto nur noch der institutionelle Rahmen übrig, mit Hilfe dem man Kunst definieren könnte. Etwas ist ein Kunstwerk, wenn es bestimmte institutionell festgelegte Bedingungen (Konventionen) erfüllt.

Das zweite Kapitel „Inhalt und Verursachung“ [62-90] beginnt mit dem Problem, dass es ununterscheidbare Kunstwerke geben kann. Es geht um die Frage, ob scheinbar gleiche Werke identisch sind oder eine ganz unterschiedliche Identität haben? Danto bringt hier die platonischen Formen ein, die man sich als Ideen von etwas vorstellen kann. Von ihnen kann es mehrere Vorkommnisse geben. Wird ein Vorkommnis zerstört, so lässt das die Form unberührt. Danto führt Schopenhauer an, der Kunst als Flucht vor den Zwängen des Willens in ein Reich von Formen sieht, die sich in ihrer ontologischen Unberührbarkeit kaum von ihren platonischen Gegenstücken unterscheiden. Anschließend stellt Danto die Leibnitzsche Theorie vor, die besagt: wenn alle Eigenschaften von zwei Dingen gleich sind, sind die beiden Dinge identisch, wobei Identität bedeutet: a=b, wenn für jede Eigenschaft F auch Fa= Fb gilt. Wenn die fraglichen Elemente also gleiche Eigenschaften haben, so müssen sie identisch sein. Das hält Danto jedoch nicht für richtig. Nach ihm dienen die äußeren Begebenheiten (z.B.: Intention des Autors) dazu, ein Werk zu charakterisieren und zu individualisieren. Keine Kopie ersetzt also das Original und übernimmt dessen Struktur und Beziehung zur Welt. Auch zwischen der Identität eines Werkes und der Zeit, dem Ort und der Herkunft des Werks gibt es Bezüge. Die Identifikation eines Sujets und seines Stils lässt sich nicht in vollständiger Abstraktion von der Geschichte durchführen. Danto vermutet, dass auch der Name, der mit einem Ding verbunden ist, in unsere Bewertung von ihm mit ein geht.

Als nächstes geht es um die Frage, ob es einen ästhetischen Unterschied zwischen Kunstwerk und Nachahmung gibt. Die Antwort sei ja. Da nämlich eine historische Epoche für bestimmte Merkmale stehe, werde das Kunstwerk so in den Kontext gesetzt, in dem es entstanden ist. Nelson Goodman lehnt die Bedingung der Ununterscheidbarkeit dahingehend ab, als er meint, dass nach langwierigem Nachprüfen und Vergleichen sich am Ende ein Unterschied zeigen wird. Er definiert ästhetische Unterschiede als Wahrnehmungsunterschiede. So fügt er das Argument an, dass Dinge, die heute gleich aussehen, morgen schon sehr verschieden erscheinen können. Danto unterstützt dieses Argument indem er sagt, dass was in der einen Epoche als Kunstwerk gilt, in einer anderen nicht auch als Kunstwerk gelten muss. Daraus schließt er, dass der Kunst-Begriff sich ständig weiterentwickelt. Deshalb sei für ein Kunstwerk seine „Kontexteigenschaft“ von großer Bedeutung. Dann bringt Danto Pablo Picasso in seine Argumentation mit ein. Dieser sei berühmt gewesen für die Verklärung des Gewöhnlichen. Danto stellt darauf aufbauend die Frage, warum man nicht in diesem Sinn ein Kunstwerk aus einem Ding machen sollte? Am Ende dieses Kapitels bemerkt Danto, dass er im Verständnis des Wesens von Kunstwerken nicht sehr weit gekommen ist. Die wichtigste Erkenntnis sei, dass mit der Frage „Was ist Kunst“ die Frage der „Bezüglichkeit [aboutness; das Worüber]“ verbunden ist. Die Differenz zwischen Kunstwerken und bloßen Dingen besteht für Danto in der Bezogenheit, also darin, dass sie über etwas sind. Mit dieser Bedingung schließt Danto Objekte vom Status eines Kunstwerks aus, die lediglich dem Anschein nach eine Aussage beinhalten. So sind Fälschungen deshalb keine Kunstwerke, weil sie Zitat- und nicht Aussagecharakter haben. Die Bedingung der „aboutness“ wird aber nicht nur von Kunstwerken erfüllt, sondern sie kennzeichnet die gesamte Klasse der Darstellungen (z.B.: Diadramme, Zeichen etc.). Danto unterscheidet deshalb zwischen Kunstwerken und bloßen Dinge, künstlerische und nicht-künstlerische Darstellungen.1

Im nächsten Kapitel „Philosophie und Kunst“ [91-141] beschäftigt sich Danto neben der Kunst an sich auch mit der Philosophie der Kunst. Er fragt, warum es eine Philosophie der Kunst überhaupt geben kann und warum sich noch kein bedeutender Philosoph damit befasst hat. Wittgenstein hat die Unmöglichkeit der Kunstdefinition behauptet. Denn Philosophie beginne da, wo Sprache ist. Da in Kunst aber keine Sprache ist, sei keine Definition der Kunst möglich. Im Anschluss an Wittgenstein wird behauptet, die Menge der Kunstwerke sei durch die von Wittgenstein so genannten Familienähnlichkeiten strukturiert. Familienähnlichkeit ist zu finden, wenn zwar alle Elemente einer Menge untereinander Ähnlichkeiten aufweisen, diese Ähnlichkeiten aber bei verschiedenen Teilmengen dieser Menge verschieden sind. Daraus würde folgen, dass der Begriff des Kunstwerks nicht durch einzelne Kriterien gegen Nicht- Kunst abgrenzbar ist.2 Kunst wäre hier die logisch offene Menge von Dingen, die kein gemeinsames Merkmal haben aber Ähnlichkeiten oder Verwandtschaften. Dann bringt Danto aber den wittgensteinschen Einwand an, dass man keine Definition brauche, um ein Kunstwerk zu erkennen, sondern lediglich Intuition. Dieser Einwand lässt die Untersuchung hinfällig erscheinen. Schließlich wissen wir, wie wir das Wort „Kunst“ und die Redewendung „Kunstwerk“ korrekt gebrauchen. Danto meint, Kunstwerke hätten zwar Eigenschaften, aber ein Kunstwerk könne nicht darin bestehen, diese Eigenschaften zu haben. Deshalb müssten Kunstwerke dahingehend charakterisiert werden, dass sie zu etwas in einer bestimmten Beziehung stehen. Das Problem ist also, dass Wahrnehmungskriterien, die zur Abgrenzung von Kunstwerken dienen sollen, einfachen (einstelligen) Prädikaten (z.B. „x ist schön“) entsprechen. Eine Kunstdefinition lässt sich aber erst dann angeben, wenn man auch relationale (mehrstellige) Prädikate (z.B. „x ist Darstellung von y“) in Betracht zieht. Die Konsequenz wäre, dass man mehr als das Werk selbst betrachten muss, um Kunstwerke und Nicht-Kunstwerke zu unterscheiden.3 Wenn wir Konventionen kennen, und die Ursachen, aufgrund deren etwas sein Status hat, kann in diesem Sinn alles ein Kunstwerk sein. Der Begriff „Kunstwerk“ ist ein Beziehungsbegriff.

Es folgt eine Analyse der Begriffe „Nachahmung“ und „Ähnlichkeit“. Die Nachahmung erlangt den Status einer möglichen Kunst, wenn sie etwas anderem nicht einfach ähnlich ist wie ein Spiegelbild, sondern wenn sie über dasjenige ist, dem sie ähnlich ist: wie eine Personifikation. Die Nachahmung sei ein Darstellungsbegriff und intensional. Für die Nachahmung braucht es nicht etwas zu geben, dem sie zu ähneln hat. Es ist nur erforderlich, dass sie dann, wenn sie zutreffend ist, dem ähnlich ist, worauf sie bezogen ist. Eine Nachahmung kann weiterhin wahr oder falsch sein. Die Bedingungen für eine wahre Nachahmung formuliert Danto wie folgt: eine wahre Nachahmung von etwas ist es, 1) wenn sie das bezeichnet, was sie ist, 2) wenn das Original in die Erklärung der Nachahmung eingeht und 3) wenn die Nachahmung dem Original ähnlich ist. Eine falsche Nachahmung könnte etwas sein, was man lediglich für eine Nachahmung hält, das jedoch keine ist. Eine falsche Nachahmung wär also eine Nachahmung, der das Original fehlt. Nachahmungen sind demnach besondere Arten von Abbildern [likenesses]. Sie sind Bedeutungsträger.

Ein Kriterium für Kunstwerke scheint zu sein, dass sie Darstellungen bzw. Repräsentationen von etwas sind, also Bezüglichkeit aufweisen. Ein Kunstbegriff entwickle sich erst dort, wo die dem Kunstwerk zugrunde liegende Repräsentation durch einen Gegensatz zur Realität bestimmt ist.4 Kunst entstand, so Danto, als etwas der Realität widerstreitendes zusammen mit der Philosophie. Philosophie und Kunst haben aber gemeinsame Wurzeln. Die Philosophie befasst sich mit dem „Zwischenraum zwischen Sprache und Welt“. Wörter sind Bestandteile der Welt, da sie von Personen ausgesprochen werden. Sie haben Ursachen und Wirkungen. Wörter können aber auch als der Welt „äußerlich“ betrachtet werden, da die Welt durch sie dargestellt wird. Wenn man die Welt als Träger von Darstellungseigenschaften nimmt, so ist sie Gegenstand semantischer Identifikation. Es besteht ein wesentlicher Gegensatz von Wörter und Dinge, Darstellung und Realität. Es folgt eine Analyse der logischen Eigenschaften philosophischer Aussagen. Als semantisches Vokabular gelten z.B. „Folgerung“, „Bezeichnung“, „Erfüllung“ oder „Exemplifikation“. Wörter, die das Gelingen bzw. Misslingen semantischer Verknüpfungen beschreiben sind z.B. „wahr“, „es gibt“ oder „leer“. Danto behauptet, dass alle philosophischen Begriffe in ihrer Analyse einen Terminus von jeder Sorte erfordern und, dass diese semantischen Begriffe mit geeigneten Veränderungen über die bloße Klasse von Wörtern oder Sätzen auf semantische Bedeutungsträger aller Art ausgedehnt werden können (z.B.: Begriffe, Ideen, Gesten, Vorstellungsbilder, Gefühle etc.). Kunst unterscheidet sich von der Realität in derselben Weise wie Sprache. Kunstwerke gehören zur selben logischen Klasse wie Wörter, da auch sie eine potenzielle Bezüglichkeit [aboutness] aufweisen.5 Die Gesellschaft muss einen Realitätsbegriff schaffen, sodass man eine Unterscheidung zwischen Realität und Symbol der Realität treffen kann, so Danto. Erst dann könne auch über Kunst philosophiert werden.

Hier schließt das später analysierte Kapitel zur Ästhetik an. [142-177] Im darauffolgenden fünften Kapitel geht es um „Interpretation und Identifikation“. [178- 208] Durch die Interpretation verwandle sich die gesamte Komposition eines Werkes, so Danto, da man sie in eine andere Gestalt bringe. Es konstituiere sich so ein anderes Werk als ohne Interpretation. Durch Identifikation hingegen treten Klassen von Beziehungen hervor, die vor der Identifikation nicht hätten bestehen können. Das Kunstwerk liefert eine interpretierbare Ganzheit, bei der die Identifikation einzelner Elemente das Gesamte des Bildes betreffen und umgekehrt. Daraus folgt, dass die Interpretation eine notwendige Bedingung für Kunst-Sein ist. Ein Objekt ist nur dann ein Kunstwerk, wenn es interpretiert wird. Ein Objekt kann zwar angeschaut werden, doch um es in ein Kunstwerk zu transformieren, braucht es eine Erarbeitung [d.h. Identifikation], selbst wenn diese unbewusst abläuft.6 Hier bringt Danto den Begriff der „inaktiven Elemente“ ein. Diese würden nicht im Vordergrund eines Werkes stehen und müssten deshalb erschlossen werden. Wenn man nur ein einziges Element eines Bildes identifizieren wollte, so müsste man auch andere identifizieren. Der Titel eines Bildes sei nicht nur Name oder Etikett, sondern „Richtungsangabe für die Interpretation“. Er zeige die mögliche Absicht (z.B.: des Malers). Kunstwerke interpretieren heißt eine Theorie anzubieten, worüber das Werk ist und was sein Sujet ist. Das muss durch Identifikation begründet werden. Ein Werk nicht zu interpretieren heißt, nicht fähig zu sein, von der Struktur des Werkes zu sprechen. Ein Kunstwerk zu erkennen heißt, Identifikationen [d.h. über Sujet und Thema] vorzunehmen, bzw. das Kunstwerk zu interpretieren. Eine Interpretation ist eine Theorie der Bezüglichkeit, d.h. eine Theorie darüber, was Sujet und Thema eines Kunstwerkes sind. Die Aussagen, die eine solche Theorie bilden, müssen durch Identifikation gestützt werden.7 Anschließend stellt Danto verschiedene Arten der Identifikation vor. Als erstes nennt er den Akt der „künstlerischen Identifikation“ [artistic identification]. Die sprachliche Darstellung sei ein bestimmter identifizierender Gebrauch von „ist“. Unter „magische Identifikation“ versteht man z.B. wenn man sich eine Puppe als Feind vorstellt und sie deshalb mit Nadeln sticht, um dem Feind Schmerzen zuzufügen. Die „mythische Identifikation“ würde z.B. den Sachverhalt beschreiben, dass man die Sonne als Wagen von Phoibos bezeichne als eine nichtoffenkundige Tatsache. Ein Beispiel für die „religiöse Identifikation“ wäre der Vergleich von Oblate und Wein mit dem Fleisch und Blut Jesu. Die „metaphorische Identifikation“ zeigt sich z.B. wenn man sagt: „Du bist die Sonne“. Danto bezeichnet die künstlerische Identifikation des relevanten Elements eines Kunstwerkes als Interpretation. Den verschiedenen Arten der Identifikation ist gemein, dass sie Objekte in etwas anderes überführen.

Als nächstes beschäftigt sich Danto mit der Frage, welchen Beschränkungen Identifikation (und damit Interpretation) unterliegen. Die Ränder eines Kunstwerks seien die Begrenzungslinien des Gesichtsfeldes. Ein Werk ohne Ränder sei ein dreidimensionales Werk z.B. eine Skulptur mit Relief. In der Kunst gibt es keine Beobachtung ohne Interpretation. Die Interpretation hebt einen Ausschnitt des Objekts hervor. Ohne Interpretation fällt der Ausschnitt unsichtbar in das Objekt zurück. Die Grenzen des Wissens sind auch Grenzen der Interpretation. Hier liegt also eine Beschränkung. Weiterhin können wir einem Werk nur Identifikationen zuschreiben, die der Künstler im Sinn gehabt haben könnte. Außerdem sind Interpretationen durch Grenzen der Plausibilität beschränkt. Jede Interpretation braucht eine Lesart, die die Identifikation plausibel macht.8 Etwas als Kunst zu sehen verlangt eine Atmosphäre der Kunsttheorie, eine Kenntnis der Kunstgeschichte. Die Existenz von Kunst ist demnach von Theorien abhängig. Ein Objekt kann nur dann als Kunstwerk identifiziert werden, wenn es gelingt, es mittels einer Interpretation an den kunsthistorischen Kontext anzuschließen. Diesen Kontext sieht Danto in Form historisch situierter Kunsttheorien konzeptualisiert.9 Danto stellt abschließend die Frage, ob Interpretationen überhaupt notwendig sind und jedes Kunstwerk wirklich eine Interpretation braucht. Er bejaht die Frage, da die Interpretation ein Objekt in die Kunstwelt erhebt. Die Kunstwelt ist eine Welt interpretierter Dinge.

Im sechsten Kapitels „Kunstwerke und reine Darstellungen“ [209-251] behandelt Danto vor allem die Frage, wie sich Kunstwerke von anderen Darstellungen unterscheiden, da das Kriterium der Interpretierbarkeit nicht nur auf Kunstwerke zutrifft. Zu Beginn spricht er weiterhin über Identifikation. Die Identifikation eines Objekts zeige die Gattungszugehörigkeit, welche auf Regeln verweise. Die verschiedenen Mengen von Regeln und Konventionen würden den sonst ununterscheidbaren Gegenstücken der Kunstwerke verschiedene Strukturen zuweisen. So könne die unterschiedliche Geschichte der Dinge als mögliches Werkzeug zur Unterscheidung von Kunstwerk und realen Ding nützlich sein. Bei der Unterscheidung berufen wir uns also nicht auf die Inhalte, auch nicht auf das, was ins Auge fällt.

Danto kommt auf die Institutionstheorie zurück. Demnach ist Kunst das, was von den Menschen der Kunstwelt als solche bezeichnet wird. Danto ist der Ansicht, dass jede Darstellung, die kein Kunstwerk ist, ein Pendant (Gegenstück) finden kann, das eines ist. Ein Kunstwerk nutze die Präsentationsweise, um Inhalte zu präsentieren. Es nutze die Präsentationsweise, um einen Hinblick darauf zu werfen, wie der Inhalt präsentiert wird. Die Präsentation des Inhalts muss bei Kunstwerken stets berücksichtigt werden. Hier kommt Danto auf Plagiate zu sprechen. Eine Kopie eines Kunstwerks zeige lediglich die Weise, wie das Kunstwerk seinen Inhalt präsentiert, ohne dies in einer Weise zu zeigen, die selbst etwas erreichen will. Danto stellt die These auf, dass Kunstwerke im kategorischen Gegensatz zu bloßen Darstellungen die Mittel der Darstellung in einer Weise gebrauchen, die nicht erschöpfend spezifiziert ist. Das Kunstwerk verwendet die Form der bloßen Darstellung um eine bestimmte Absicht zu erreichen. Das Kunstwerk stellt also durch die Weise in der die reine Darstellung seinen Inhalt darstellt, etwas Bestimmtes dar. Beim Kunstwerk soll wahrgenommen werden, dass es ein bestimmtes Medium verwendet. Die reine Darstellung aber ist in Bezug auf das Medium „transparent“. Das entsprechende Kunstwerk dagegen ist nicht transparent. Dasselbe trifft auf Kopien oder Reproduktionen von Kunstwerken zu. Auch sie sollen möglichst transparent sein, da sie möglichst unverändert sein sollen. Kunstwerke machen also einen Gebrauch von einer Darstellung in einer Weise, die nicht auf den Inhalt der Darstellung reduzierbar ist. Diesen Gebrauch der Darstellung nennt Danto Ausdruck. Das Kunstwerk ist also dadurch von der reinen Darstellung unterschieden, dass es etwas über das Dargestellte ausdrückt.10 Die Doppelrolle von Darstellung und Ausdruck muss in der endgültigen Analyse des Werks herausgearbeitet werden. Kunstwerke haben Inhalte erster und zweiter Ordnung. Sie sind also deshalb so komplex, da sie ein Stück Selbstbezüglichkeit in sich aufnehmen. Kunstwerke sind über Kunst, also auch über sich selbst. Hier kommt für den Leser die Frage auf, ob nicht jede Darstellung, die selbstbezüglich ist, ein Kunstwerk ist.

Danto kommt auf die Nachahmungstheorie der Kunst zurück. Diese beziehe sich vor allem auf die Malerei. Das Medium müsse unsichtbar sein. Die logische Unsichtbarkeit des Mediums ist Hauptmerkmal dieser Theorie. Ziel der Kunst sei die Illusion. Das Publikum soll auf das Kunstwerk so reagieren wie auf das Dargestellte. Das Kunstwerk ist nichts anderes als ein Erfahrungsäquivalent der Realität. Ziel der Nachahmung sei vor dem Betrachter die Tatsache zu verbergen, dass sie eine Nachahmung ist. Ein Kunstwerk muss so wie sein Inhalt sein. Ist ein Kunstwerk schön, so muss also auch der Inhalt schön sein. Diese Theorie, so Danto, trägt aber nicht zur Untersuchung von realem Ding und Kunstwerk bei.

Anschließend bezieht Danto die Sprache erneut in seine Untersuchungen mit ein. Er definiert die Kunstwelt als Angehörige der Sprachgemeinschaft. Die Kunst habe eine eigene Sprache. Es werde bestimmte Termini verwendet, um ein Bild zu beschreiben. Es gebe Termini die auf Kunstwerke zutreffen, aber nicht auf reale Dinge. Im siebten Kapitel „Metapher, Ausdruck und Stil“ führt Danto zu Beginn die Begriffe „Rhetorik, Stil und Ausdruck“ ein. Der Begriff „Ausdruck“ sei, so Danto, für die Kunst der angemessenste. Kunst sei Ausdruck. Ein Kunstwerk, welches nichts ausdrücken möchte, sei kein Kunstwerk. Bilder würden so gemacht, dass sie beim Betrachter bestimmte Gefühle wecken. Im sechsten Kapitel wurde Kunst dadurch definiert, dass sie Ausdruck ist, also nicht nur etwas darstellt, sondern auch noch einen bestimmten Gebrauch von der Darstellung macht. Die „Rhetorik“ habe die Absicht, zu einer gewünschten Einstellung zu bewegen. Auch Kunst habe rhetorische Aspekte. Die Welt würde nicht einfach dargestellt werden, sondern sie würde in einer Weise dargestellt werden, die uns veranlasse, sie mit einer bestimmten Einstellung und einer besonderen Sicht zu sehen. Auch Kunst scheint letztlich also nicht ohne Rhetorik auszukommen. An dieser Stelle bezieht Danto die Metapher mit ein. Sie sei die bekannteste der rhetorischen Tropen. Immer wenn eine Beschreibung von etwas als etwas anderes angestrebt wird, entspricht dies einer Metapher. Sie bilde eine lebendige Spitze der Sprache. Der Geist wird so zum Denken angeregt und zum Handeln bewegt. Der Ort des metaphorischen Ausdrucks liege in der Darstellung. Man unterscheide die Form der Darstellung von dem Inhalt der Darstellung. Kunstwerke verstehen heißt Metaphern zu erfassen. Danto meint dazu, die größte Metapher der Kunst sei die, bei denen der Betrachter sich mit den Attributen der dargestellten Figur identifiziere und sein oder ihr Leben im Rahmen des geschilderten Lebens sehe. Die Struktur des Kunstwerks sei die Struktur der Metapher. Angestrebt wird eine Transfiguration (Veränderung der Erscheinung, Verklärung), nicht Transformation (Umwandlung). Die Metapher sei als intensionaler Kontext zu verstehen. Intensionale Kontexte ändern ihre Wahrheitsbedingungen, wenn Ausdrücke durch koreferentielle Ausdrücke (Ausdrücke, die denselben Gegenstand bezeichnen) ersetzt werden. Intensionalität beruht darauf, dass die Ausdrücke eines solchen Kontexts nicht einfach auf ihre Referenten (d.h. die durch sie bezeichneten Gegenstände) Bezug nehmen, sondern auf eine Darstellung dieser Referenten, d.h. auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit unter einer bestimmten Perspektive.11 In Anlehnung an Aristoteles` Begriff des Enthymems charakterisiert Danto die Metapher als eine Art elliptischer Syllogismus, dessen fehlendes Mittelglied von den Rezipienten ergänzt werden muss.12 Als letztes erklärt Danto den Begriff „Stil“. Stil beschreibe das Wie der Darstellung. Er beziehe sich auf die Gesamteigenschaften eines Kunstwerks und sei die der Kunst eigene Darstellungsdimension. Der Stil sei gleichzeitig Bestandteil des Ausdrucks eines Werkes. Ausdruck sei demnach die Mitte zwischen Rhetorik und Stil. Im Stil komme die Persönlichkeit eines Künstlers zum Ausdruck und seine Art, die Welt zu sehen.

[...]


1 Thomet, Ursula: Kunstwerk- Kunstwelt- Weltsicht: Arthur C. Dantos Philosophie der Kunst und Kunstgeschichte; Bern: Paul Haupt Verlag, 1999 (Berner Reihe philosophischer Studien); S.24,25

2 www.joachimschmid.ch/docs/PMtDantoArtVerkGewoeZus.pdf; S.1

3 Ebd.; S.1

4 www.joachimschmid.ch/docs/PMtDantoArtVerkGewoeZus.pdf; S.1

5 Ebd; S.1

6 Ebd; S.3

7 www.joachimschmid.ch/docs/PMtDantoArtVerkGewoeZus.pdf; S.3

8 Ebd.; S.3

9 Thomet, U.: Kunstwerk- Kunstwelt- Weltsicht; S.49

10 www.joachimschmid.ch/docs/PMtDantoArtVerkGewoeZus.pdf; S.4

11 www.joachimschmid.ch/docs/PMtDantoArtVerkGewoeZus.pdf; S.5,6

12 Thomet, U.: Kunstwerk- Kunstwelt- Weltsicht; S.29

Details

Seiten
28
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656203469
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194971
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Danto Verklärung des Gewöhnlichen Kunstphilosophie Ästhetik Ästhetik und Kunst Kunstästhetik Philosophie der Kunst Kulturphilosophie The Transfiguration of the Commonplace

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Titel: Arthur C. Danto - Verklärung des Gewöhnlichen: Eine Philosophie der Kunst