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Die Wahrnehmung bei William James und Hilary Putnam

Seminararbeit 2003 20 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begriff Wahrnehmung

3. Frühere Wahrnehmungskonzepte
3.1. Antike Theorien
3.2. Repräsentative Theorien seit dem 17. Jahrhundert

4. Kritik an den traditionellen Konzepten

5. Die Wahrnehmungstheorie des William James
5.1. Relation zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem
5.2. Öffentliche und nicht-öffentliche Gegenstände
5.3. Die Wahrnehmung eines Objekts durch mehrere Personen
5.4. Die reine Erfahrung
5.5. Korrigierbarkeit der Wahrnehmung

6. Hilary Putnams interner Realismus
6.1. Direkte Relation zu externen und öffentlichen Gegenständen
6.1.1. Wahrnehmungstäuschungen
6.1.2. Träume und Halluzinationen
6.2. Wahrnehmung ist konzeptualisiert
6.3. anti-reduktionistisches Gesamtbild
6.4. Korrigierbarkeit der Wahrnehmung

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im ersten Teil von "Pragmatismus - Eine offene Frage" weist Putnam darauf hin, daß William James "eine starke Tendenz zum »direkten Realismus« aufweise, einer Lehre, die Wahrnehmung auf Gegenstände und Ereignisse »dort draußen« und nicht auf private »Sinnesdaten« bezieht"[1]. Ausgehend von dieser Textpassage möchte ich den Begriff der Wahrnehmung bei James und Putnam näher beleuchten.

Vor der Darstellung der Wahrnehmungskonzepte von William James und Hilary Putnam werden nach Hinweisen zum Begriff der Wahrnehmung frühere Konzepte, die zum Verständnis der von Putnam und James entwickelten Theorien erforderlich sind, vorgestellt.

Im Verlauf der Arbeit soll gezeigt werden, daß James und Putnam das Problem der Wahrnehmung zwar unter neuen Gesichtspunkten betrachten, aber auch zu keiner wirklichen Lösung hinsichtlich der Beziehung zwischen den Dingen und dem Wahrnehmenden kommen.

2. Begriff Wahrnehmung

Laut Mittelstraß ist die Wahrnehmung als "Bestimmungsstück der Grundlagen der Erkenntnis ... ein zentrales Thema der Philosophie"[2].

In der ursprünglichen griechischen Bedeutung steht derselbe Begriff sowohl für Wahrnehmung als auch für Sinn und Sinnesorgan. Es wird noch nicht unterschieden zwischen Wahrnehmung und Empfindung, Gewahren und Erfassen. Später wird der Begriff einerseits gegenüber der Empfindung als "ein präobjektives Haben von etwas"[3], das weder wahr noch falsch ist, und andererseits gegenüber dem Erfahrungsurteil ("durch den Verstand objektivierte und verknüpfte Wahrnehmungen"[4] ) abgegrenzt. Im Lateinischen werden die Bedeutungsnuancen sichtbar in den Ausdrücken "sensus" und "perceptio", die den neuzeitlichen Ausdrücken des Englischen und Französischen - "sensation" (Empfindung) und "perception" (Wahrnehmung) entsprechen. Psychologische Definitionen betonen das "Ins-Bewußtsein-nehmen einer Empfindung".[5]

Das philosophische Problem der Wahrnehmung besteht in der Klärung der Beziehung zwischen Sinneserfahrung und materiellen Objekten.

3. Frühere Wahrnehmungskonzepte

Wie Putnam ausführt, gab es in der Philosophie von Anfang an zwei unterschiedliche Konzepte der Wahrnehmung. Während die einen Vermittler zwischen der Seele und den externen Dingen annahmen, gingen andere von einem direkten Kontakt zwischen der Seele und den Dingen aus. In modernen Begriffen ausgedrückt bestanden also von Anfang an sowohl repräsentative Theorien als auch ein direkter Realismus. Während noch im Mittelalter beide Konzeptionen existierten, verschwand der direkte Realismus nach Descartes bis zum 20. Jahrhundert völlig aus der Diskussion.[6]

3.1. Antike Theorien

Laut Putnam war bis zum 17. Jahrhundert das Wahrnehmungskonzept des Aristoteles, in dem er starke Elemente des direkten Realismus sieht, maßgebend: Die Seele nimmt die sinnliche Form eines Körpers als erstes Allgemeines auf. Damit besteht ein direkter Kontakt der Seele mit den äußeren Dingen.[7]

Die Bilder- und Abbildtheorien Demokrits bzw. der Stoiker, wonach die Seele durch die Dinge ausgesandte Atome oder Abbildungen empfängt, können laut Putnam als Beispiel früher repräsentativer Theorien stehen.

3.2. Repräsentative Theorien seit dem 17. Jahrhundert

Da die Wahrnehmungskonzepte von James und Putnam hauptsächlich Kritik der seit dem 17. Jahrhundert vorherrschenden repräsentativen Sichtweisen sind,

werde ich im Folgenden kurz auf diese Konzepte eingehen.

Putnam zufolge ergibt sich der bei Descartes entstandene unüberbrückbare Unterschied zwischen Materie und Bewußtsein notwendig aus Descartes' Skeptizismus gegenüber der Wahrnehmung, die trügerisch ist und keinerlei Kennzeichen, an dem sicher zwischen Erfahrungen im Wachen bzw. im Traum unterschieden werden kann, bietet. Deshalb mußte deren Rolle im Bezug auf Wissen minimiert werden, indem das Entstehen sinnlicher Vorstellungen einer höheren, nicht menschlichen Instanz, zugeschrieben wird.[8]

Zur Erläuterung dieser repräsentativen Theorien werde ich nun als Beispiel das Konzept von Bertrand Russell, der den Begriff der "Sinnesdaten" erstmals einführte[9], näher vorstellen.

Russell führt aus, wie sich die scheinbar offensichtliche Farbe eines wahrgenommenen Tisches je nach Standpunkt des Betrachters und je nach den Lichtverhältnissen verändert. Dasselbe gilt für andere Eigenschaften des Tisches wie Oberfläche oder Form. Damit wird der Unterschied zwischen "Schein" und "Wirklichkeit" deutlich. Die Eigenschaften eines Dinges sind somit kein fester Bestandteil desselben. Da sie vielmehr von den verschiedenen oben beschriebenen Faktoren abhängen, muß bestritten werden, daß ein Ding überhaupt eine spezielle Eigenschaft besitzt. Falls es also überhaupt einen realen Tisch gibt, ist er nicht identisch mit dem, was wir durch unsere Sinne unmittelbar empfangen. Er muß vielmehr eine Inferenz dessen, was unmittelbar in der Empfindung erfahren wird, sein. Diese unmittelbaren Empfindungen nennt Russel "Sinnesdaten" ("sense-data"). Wenn wir also eine Farbe sehen, haben wir die Empfindung einer Farbe; die Farbe selbst ist ein Sinnesdatum. Obwohl wir aber über die Sinnesdaten Informationen erhalten, die wir mit einem Gegenstand assoziieren, dürfen weder der Gegenstand noch dessen Eigenschaften mit den Sinnesdaten gleichgesetzt werden[10]. Die Sinnesdaten stehen also nur als Verbindungsglied zwischen dem Betrachter (Subjekt) und dem von ihm vollkommen unabhängigen Objekt.

Zwischen der Außenwelt und dem Wahrnehmenden besteht also immer nur eine indirekte Beziehung, vermittelt durch eine Schnittstelle. Putnam sieht diese Sichtweise begünstigt durch die aufkommende "Mathematisierung der Natur"[11], die als mittels Algebra und Rechnen ausdrückbare Zusammenhänge verstanden wurde. Da dabei für Eigenschaften wie z.B. Wärme oder Kälte kein Raum bleibt, kann diesen nur ein Status als subjektive Vorgaben des Geistes zugeschrieben werden, was dann zu dem Schluß führt, daß unsere alltäglichen Beschreibungen der Dinge nicht zu diesen gehören können.

Putnam beschreibt die Denkweise der traditionellen Vorstellungen mit einem Beispiel:

Man stelle sich vor, eine Person sieht eine gelbe Tür als veridische Erfahrung. Eine andere Person träumt von einer gelben Tür, hat also eine nicht-veridische Erfahrung. Weiter nimmt er an, beide Erfahrungen seien qualitativ identisch.

In der traditionellen Sichtweise wurde als evident vorausgesetzt, daß in beiden Fällen dasselbe wahrgenommen wird. Da aber im Falle des Traumes die Tür nicht physisch existiert, andererseits aber in beiden Fällen dasselbe wahrgenommen werden soll, kann auch im Falle der veridischen Wahrnehmung nichts physisches wahrgenommen worden sein. Daraus folgt, daß nur mentale, durch die Sinnesdaten verursachte Dinge wahrgenommen werden können.[12]

[...]


[1] Putnam, Hilary: Pragmatismus - Eine offene Frage. Frankfurt/New York: Campus 1995. S.30

[2] Mittelstraß, Jürgen: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Stuttgart: Metzler 1996. S. 601

[3] Krings Hermann u.a.: Handbuch Philosophischer Grundbegriffe. München: Kösel 1994. S. 1675

[4] Ebd., S. 1675

[5] Apel, Max u. Ludz, Peter: Philosophisches Wörterbuch. Berlin: de Gruyter 1996. S. 300

[6] vgl. Putnam, Hilary: The Threefold Cord.Mind, Body, and World. New York: Columbia University Press 1999. S. 100f

[7]. vgl. Putnam, Hilary: The Threefold Cord. New York: Columbia University Press 1999. S. 100 f - vgl. Hirschberger Johannes: Geschichte der Philosophie, Freiburg: Herder 1980

[8] vgl. H. Putnam . The Threefold Cord. S. 23 - Descartes, René: Meditationen über die Erste Philosophie (lat./dt.), Stuttgart: Reclam 1986

[9] Craig, Edward (Hsg): Routledge Encyclopedia of Philosophy. London, New York: Routledge 1998

[10] Bertrand Russel, Problems of Philosophy. www.ditext.com/russsel/rus1.htm

[11] Putnam. The Threefold Cord: "mathematization of nature"

[12] Ebd. S. 152

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638236003
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19490
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Philosophie
Note
gut bis sehr gut
Schlagworte
Wahrnehmung William James Hilary Putnam Präsenzseminar

Autor

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