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Die Tyrannen als progressive Machtmenschen

Eine Analyse, zu den wissenschaftlichen Aussagen von Helmut Berve und Alfred Heuß

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
2.1 Helmut Berve zur griechischen Tyrannis
2.2 Die inhaltliche Weiterführung von Alfred Heuß

III. Schlussbetrachtung

IV. Bibliographie

I. Einleitung

Was ist es, was uns treibt? Das uns anspornt Geschehenes verstehen zu wollen? Simpel gesprochen ist dieser Trieb ein Teil unserer Natur. Wir wollen und müssen wissen wo der Weg begann, den wir beschreiten, damit wir als vollwertige Menschen auch verstehen können, wohin uns dieser Weg noch führen kann. Somit sind die Erkenntnisse aus den Geschichtswissenschaften auch ein wesentlicher Bestandteil unserer Selbstbestimmung. Dieser Ansatz ist aber mehr philosophisch als wissenschaftlich historisch, denn er offeriert mehr die Frage Woher und Wohin, als Warum und Wie, und Letzteres ist im eigentlichen Sinne gewichtiger für Historiker. << Reine >> Wissenschaften gibt es natürlich in unseren heutigen Zeiten nicht mehr. Alle Wissenschaften verhalten sich in gewisserweise konvergent und haben irgendwo immer einen gemeinsamen Schnittpunkt, selbst die Natur- und Geisteswissenschaften zueinander. Naiver Szientismus erscheint daher vom heutigen Standpunkt aus, wie ein Ammenmärchen aus grauen Vorzeiten. Trotz dieser augenscheinlichen harmonischen, interdisziplinären Welt der Wissenschaften, in der alle Disziplinen emanzipatorisch nebeneinander erscheinen, soll dennoch an dieser Stelle die Äußerung gewagt werden, dass bis heute die wissenschaftliche Disziplin der Geschichte mehr Tragweite und Pathos besitzt, als all die Anderen.

Zum Ersten begründet durch die Interessenreflexion. Es ist nun einmal für die meisten Menschen interessanter, sich bildhaft vorzustellen wie Arminius in einer zermürbenden Schlacht Varus und seine römischen Legionen besiegte, als die Erörterung eines Parteiensystems, oder die Berechnung einer Kurvendiskussion, und der Gleichen. Selbst historisch profane Dinge lassen sich zumindest immer spannend und anschaulich vermitteln.

Zum Zweiten wohnt der Geschichtswissenschaft auch immer ein deklaratorisches, legitimierendes Element bei. Vereinzelt lässt sich dieses Charakteristika auch in der Biologie oder Soziologie finden. So zum Beispiel in der nationalsozialistischen Rassenlehre, oder in der bolschewistischen Klassentheorie, jedoch in der Häufigkeit der Anwendung, nicht so stark wie in der Geschichte. Das angebliche Germanentum auf das sich die Nationalsozialisten beriefen, die derzeitigen Besitzansprüche der deutschen Vertriebenverbände im Osteuropäischen Raum, die königlichen Erbfolgeansprüche im Mittelalter, und vieles Mehr, sind im Grunde genommen nichts weiter als historische Herleitungen. Geschichte ist neutral, denn sie geschieht einfach, aber Jene die sie ergründen und aufarbeiten sind es nicht. Es stellt sich immer die Frage nach Intention und Zweck. Wie weitreichend der persönliche Ereignishorizont, Einfluss auf den wissenschaftlichen Werdegang nehmen kann, lässt sich sehr gut an den Fallbeispiel von Helmut Berve und Alfred Heuß aufzeigen. Beide waren Altertumswissenschaftler, die zu Zeiten des Nationalsozialismus aktiv Lehr- und Forschungstätigkeiten nach gingen. Berve, der 1896 in Breslau geboren wurde, folgte 1927 einem Ruf als Ordinarius auf den Lehrstuhl für Geschichte in Leipzig, wo unter anderem Alfred Heuß zu seinen Studenten zählte. 1933 trat er der NSDAP bei, und wurde noch im selben Jahr Dekan der Philosophischen Fakultät in Leipzig. Während 1933 und 1945 engagierte Berve sich für die Einbindung der Altertumswissenschaften in das nationalsozialistische Weltbild, und wurde daher nach dem Krieg als belastet entlassen und kehrte erst 1949 wieder in den Hochschuldienst zurück, als außerplanmäßiger Professor in München. Das Werke, die in Zeiten gedruckt wurden als Lessing und Heine verbrannt wurden, nur mit indoktrinierten Inhalt Bestand haben konnten, erklärt sich von selbst. Ebenso das an solche Bücher immer mit Vorsicht gegangen werden sollte. Daher müssen ebenso Berves Werke aus diesen Zeiten im zeithistorischen Kontext gesehen, und entsprechend behandelt werden. Die 1967 erschiene Schrift Die Tyrannis bei den Griechen makiert aber eine gewisse Ausnahme, da dieses Werk von ihm, nicht mehr im Anspruch stand mit der nationalsozialistischen Ideologie konform laufen zu müssen, und eignet sich daher um Aufzeigen zu können, wie sehr wissenschaftliche, historische Schlussfolgerungen und Erkenntnisse im Endeffekt vom persönlichen Entwicklungsweg des Betrachters abhängig sind. Berves Die Tyrannis bei den Griechen und Alfred Heuß Aufsatz zur Tyrannis, zu finden in den Propyläen der Weltgeschichte – Band 3, der in bestimmten Aspekten Berves Ausführungen weiter denkt, sollen somit Gegenstand der kommenden Erarbeitung sein, um zu Beweisen, das alles Geschriebene und Gedachte niemals wertfrei sein kann. Das Alles immer von der Perspektive und der persönlichen Erfahrung abhängig ist. Wie anfangs erwähnt: Geschichte ist neutral, aber die Historiker nicht.

II. Hauptteil

2.1. Helmut Berve zur griechischen Tyrannis.

Auch Berve kann von Anfang an nicht die Negativbelastung des Begriffes des Tyrannen ignorieren, und bedient sich dabei der solonischen Defintion. Ein Tyrann sei von Gewinnsucht, Machtgier, und Gesetzlosigkeit gebeutelt, und alles das führe unweigerlich zur Hybris, zur absoluten Verkommenheit und Maßlosigkeit.[1] Allerdings verweist er auch gleichzeitig darauf, das der Begriff Tyrann durchaus auch ein machtpolitisches Element war. Meist verwendet von Jenen die sich in der Opposition sahen, oder sich als würdiger für die Position fanden. Indem der Tyrannis seit dem Aufkommen des Begriffes etwas negatives anhaftete, lies sich dieser Begriff hervorragend verwenden um politische Gegner zu diskreditieren. Berve äußert diese Ansicht mehrmalig, indem er davon spricht, dass häufig rechtmäßig gewählte Aisymneten als Tyrannen bezeichnet wurden, um ihnen die Rechtsmäßigkeit wieder abzusprechen.[2] So formuliert Berve es eindeutig wenn er schreibt das „die Verwendung des Wortes tyrannos noch keine Gewähr dafür [wäre], dass wirklich eine Tyrannis bestand.“[3] Des weiteren definiert er das Aufkommen der Tyrannis durch den persönlichen Nutzenfaktor, vor allem durch die Möglichkeit der persönlichen Bereicherung, und verweist unter anderem auf das spartanische Sprichwort „Schätze, Schätze machen den Mann.“[4] Um zu verdeutlichen, dass nicht nur das erlangen der generellen Macht im Vordergrund stand, sondern auch der Prestigegewinn des eigenen Hauses. Da natürlich die Ansehenssteigerung des eigenen Hauses eher ein Element der gehobenen Kaste ist, als ein Aspekt der Landbevölkerung oder des allgemeinen Demos, kreiert Berve ein ganz neues Bildnis der Tyrannen. Es sind für ihn keine vernarbten, düster aussehenden Abenteurer aus fernen Landen, die durch gewisse Umstände oder Zufälle zu Tyrannen werden. Nein, es sind, auch wenn aus der Adelschicht stammend, normale Bürger des ansässigen Ethnikons, die im Endeffekt nur innerhalb der bestehenden Machtzirkulation nach der höchst möglichen Position streben. Und Jene denen dies verwehrt bleibt strafen den Sieger als Tyrannen, um natürlich dessen Anspruchsposition zu schwächen. Diese These wird vor allem dadurch gestützt, das Berve im Weiteren äußert, dass die Tyrannis mit dem wachsenden Einkünften des Gemeinwesen verstärkt aufgetreten sei,[5] weil simpel gesprochen mehr für die Tyrannen zu holen wäre, „Denn die Tyrannis verhieß [...] dem, der sie gewann, die persönliche Verfügung über die durch das Anwachsen von Schifffahrt, Handel und Gewerbe vermehrten Einkünfte des Gemeinwesens.“[6]

Somit war das Erlangen der Tyrannis auch ein Akt der individuellen Selbstverwirklichung. Zu jenen Zeiten konnten Ansehen und Vermögen sogar ausschlaggebende Faktoren in einen Rechtsstreit sein, bevor allmählich der Gesetzesstaat sich etablierte, daher war das persönlich Ansehen ein wichtiger Aspekt, in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens. Den Untergang der Periode der Tyrannis sieht Berve verständlicherweise in dem Aufkommen des Rechtsstaates, bedingt durch die fortschreitende Emanzipation der Unterschichten, und in der Erneuerung der taktischen Kriegsführung, durch Einführung der Phalanx. Ein verständlicher Ansatz, der absolut nachvollziehbar ist. Allerdings räumt Berve auch wieder ein, dass dadurch noch lange nicht die Machtzirkulation der Adelskaste unterbrochen, oder gar aufgelöst worden sei. Denn weiterhin würden die Meisten den „Verlockungen von Reichtum und Macht“[7] nicht widerstehen können, und gerade die, die am ehesten Willkürherrschaft und Tyrannis anprangerten, und sich den Mitteln der neuen Rechtssysteme bedienten, seien Diejenigen, die auch am ehesten die Macht an sich reisen würden, wenn sie nur die Gelegenheit dazu hätten.[8] Schlussendlich lassen sich bis dahin drei fundamentale Aussagen treffen, die Berve somit formuliert hat. Als erstes sei der Begriff der Tyrannis vor allem ein polemisches Mittel, um vor allem politische Gegner zu denunzieren. Daraus folgt, wie auch eindeutig beschrieben von Berve, dass auch gerechte Herrschaftssysteme zu unrecht als Willkürherrschaft deklariert wurden. Und als Letztes stellt die Tyrannis im Endeffekt nur ein Mittel da, um den eigenen individuellen Geltungsdrang nach Anerkennung und Macht zu kanalisieren, der immer vorhanden ist. Die Bedeutung dieser Aussagen soll in der Schlussbetrachtung, in Zusammenhang zu Alfred Heuß, näher erörtert werden.

[...]


[1] Vgl.: Berve, Helmut: Die Tyrannis bei den Griechen, München 1967.S.4.

[2] Vgl.: Ebd.S.5.

[3] Ebd.S.5.

[4] Ebd.S.8.

[5] Vgl.: Ebd.S.8.

[6] Ebd.S.9.

[7] Ebd.S.12.

[8] Vgl.: Ebd.S.12.

Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656203131
ISBN (Buch)
9783656208679
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194829
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Professur für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Note
1,7
Schlagworte
tyrannen machtmenschen eine analyse aussagen helmut berve alfred heuß

Autor

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