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Gründe der Vernunft

Kants Auflösung der dritten Vernunftantinomie als begründungsorientierte Theorie menschlichen Handelns

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einführung

2. Der Begriff der transzendentalen Freiheit im Kontext der dritten Antinomie

3. Das Begründungsverhältnis zwischen tranzendentaler und praktischer Freiheit

4. Die Auflösung der dritten Antinomie
4.1 Der transzendentale Idealismus als Schlüssel zur Auflösung der dritten Antinomie
4.2. Empirischer und intelligibeler Charakter
4.3. Ursachen und Gründe
4.4. Eine eigene Ordnung - Vernunft und intelligibeler Charakter

5. Das Verhältnis zwischen intelligibelem und empirischem Charakter
5.1. Der empirische Charakter als sinnliches Zeichen des intelligibelen
5.2. Der intelligibele Charakter als transzendentale Ursache des empirischen

6. Zusammenfassung

7. Verzeichnis der verwendeten Literatur

1. Zur Einführung

Die Frage, „ob ich in meinen Handlungen frei, oder, wie andere Wesen, an dem Faden der Natur und des Schicksals geleitet sei“ (A 463/ B491)1 ist für die Philosophie Kants von höchster Relevanz: Nicht nur, dass Freiheit einen der „Grundsteine der Moral und Religion“ (ebd.) ausmacht, sie begründet auch das Ideal aller Aufklärung: sein eigenes Denken und Handeln von selbst bestimmen zu können.

Die Freiheitsproblematik bildet innerhalb von Kants Werk die Schnittstelle zwischen theoretischer und praktischer Philosophie. Davon zeugt wohl am klarsten die Auflösung der dritten Antinomie in der Kritik der reinen Vernunft, an die sich nahtlos die Einleitung zur Kritik der praktischen Vernunft anschließen ließe. Denn in der Auflösung beabsichtigt Kant zwar, wie er selber mit aller Deutlichkeit betont, nur zu erweisen, dass die Idee der Freiheit einer durchgehenden kausalen Determination der Natur nicht widerspräche, aber eben diese (Denk-)Möglichkeit ist es, auf der sich die praktische Philosophie seiner nachfolgenden Werke gründen wird.

Das thematische Gravitationszentrum der vorliegenden Arbeit wird die Rekon- struktion der Auflösung als begründungsorientierte Theorie menschlichen Handelns bil- den. Leitend wird dabei die These sein, dass Kants Argumentation wesentlich auf der Einsicht beruht, dass wir menschliches Handeln in der Regel als begründetes und ver- stehbares zu interpretieren versuchen, insofern wir davon ausgehen, dass es durch „Gründe der Vernunft“ bestimmt worden sei. Diese Auffassung setzt aber notwendig eine Differenz zwischen Gründen als intentionalen, begrifflich - oder: präpositional - vermittelten Gehalten und naturkausalen Ursachen voraus: Was sein soll, lässt sich nicht ableiten, aus dem, was ist.2 Bei dieser (de)ontologischen Differenz setzt Kants These im Rahmen seines transzendenalen Idealismus an, dass Begriffe die „intelli- gibelen Ursachen“ des Verhaltens eines Subjekts als Wirkungen in der Erscheinungswelt seien.

Den argumentativen Weg zu dieser These, und den Kontext, innerhalb dessen er vollzogen wird, gilt es im Folgenden nachzuvollziehen.

2. Der Begriff der transzendentalen Freiheit im Kontext der dritten Antinomie

Unter dem Titel der dritten Antinomie behandelt Kant zunächst den Wider- spruch, in den die reine spekulative Vernunft geraten würde, wenn sie angesichts der Unabschließbarkeit kausaler Begründung die Möglichkeit des Unbedingten zu denken versucht, um derart im „Verhältnis der Bedingung zum Bedingten“ (A535/ B563) eine absolute Totalität zu erreichen. Einerseits folge die Vernunft also dem Gesetz, eine jede Begebenheit auf eine zeitlich frühere Begebenheit als deren Ursache zurückzuführen, und diese frühere Ursache wiederum, dem Leitfaden kausaler Begründung folgend, bis ins Unendliche auf immer weitere Ursachen. Andererseits versuche sie aber zugleich, den Kaualnexus überhaupt durch einen absoluten Anfang zu begründen, um dem infiniten Regress, der aus der Kausalbegründung notwendig resultiert, zu entkommen.

Ein solcher Begriff eines unbedingten Anfangs impliziert, dass „etwas geschieht, ohne daß die Ursache davon noch weiter durch eine andere vorhergehende Ursache nach notwendigen Gesetzen bestimmt sei“ (A446/ B474). Kant bezeichnet diesen von den Gesetzen der Naturkausalität unabhängigen Anfang als eine „Kausalität durch Freiheit“ (A444/B472) und bestimmt sie als ein Vermögen, „einen Zustand, mithin auch eine Reihe von Folgen desselben schlechthin anzufangen“ (A445/B473). Für diese Kausalität aus Freiheit lässt Kant den Vertreter der Thesis der dritten Antinomie argumentieren, während derjenige der Antithesis beweisen will, dass alles in der Welt „lediglich nach Gesetzen der Natur“ (A445/ B473) geschehe.

Bei dem Begriff von Freiheit, der in der Darstellung des Widerstreits der dritten Antinomie zuerst im thematischen Zentrum steht, handelt es sich damit in Kants Terminologie um einen kosmologischen, der auf den unbedingten Anfang der Natur überhaupt zielt und so zugleich die (griechisch-christliche) Konzeption eines „ersten Bewegers“ (A450/B478) als eines „Ursprungs der Welt“ (A448/ B476) impliziert.3 Da aber jede freie Handlung insofern, als sie „mitten im Laufe der Welt“ (ebd.) eine neue Kausalreihe beginnen lässt, ohne selber wiederum verursacht zu sein, ein erster „Anfang aus Freiheit“ (A450/B478) sei, betrachtet Kant den Übergang vom kosmotheologischen Kontext der Ausgangsfrage der Antinomie hin zur Freiheitsproblematik individuellen menschlichen Handelns als „erlaubt“. Die innerweltliche Handlung eines Subjekts sei „zwar nicht der Zeit nach, aber doch in Ansehung der Kausalität, ein schlechthin erster Anfang“ (ebd.), und konvergiert also mit der göttlichen Tat im Vermögen reiner Spontaneität.

3. Das Begründungsverh ä ltnis zwischen tranzendentaler und praktischer Freiheit

Da die Freiheit 'im kosmologischen Verstande' nur als ein den Gesetzen der Naturkausalität entzogener Akt denkbar ist, alle Erfahrung aber notwendig dem Verstandesgesetz der Kausalität unterworfen sein muss, kann sie weder etwas „von der Erfahrung Entlehntes“ enthalten, noch überhaupt in einer „Erfahrung bestimmt gegeben werden“ (A533/B561). In dieser Hinsicht handelt es sich beim kosmologischen Freiheitsbegriff um „eine reine transzendentale Idee“ der Vernunft.

Es wurde bereits auf den Zusammenhang zwischen dem kosmologischen Freiheitsbegriff, der auf die Möglichkeit von Freiheit überhaupt in der Gestalt eines unbedingten Anfangs zielt, und dem individuellen, vor allem für die Moralphilosophie relevanten Freiheitsbegriff hingewiesen. So heißt es im Weiteren auch bei Kant bezüg- lich der transzendentalen Idee kosmologischer Freiheit: „Es ist überaus merkwürdig, daß auf diese transzendentale Idee der Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe, und jene in dieser das eigentliche Moment der Schwierigkeit ausmache, welche die Frage über ihre Möglichkeit von jeher umgeben haben.“ (A533/B561)

Seinen praktischen Freiheitsbegriff erläutert Kant in direktem Anschluss an den zuletzt zitierten Satz: „Die Freiheit im praktischen Verstande ist die Unabhängigkeit der Willkür von der Nötigung durch Antriebe der Sinnlichkeit.“ (A534/B562) Dies klingt zunächst nach einer äußerst prägnanten Definition, wobei aber nicht übersehen werden darf, dass sie mit dem nächsten Satz fortgesetzt wird: „Denn eine Willkür ist sinnlich, so fern sie pathologisch (durch Bewegursachen der Sinnlichkeit) affiziert ist; sie heißt tierisch (arbitrium brutum), wenn sie pathologisch necessitiert werden kann.“ (ebd.) Die menschliche Willkür, so Kant weiter, sei zwar sinnlich affizierbar, werde aber von diesem Reiz im Gegensatz zum instinktgeleiteten Tier nicht mit Notwendigkeit be- stimmt, da „dem Menschen ein Vermögen beiwohnt, sich, unabhängig von der Nötigung durch sinnliche Antriebe, von selbst zu bestimmen.“ (ebd.)

Was heißt es aber, dass auf die „transzendentale Idee der Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe“? Dieses hier fragliche Gründungsverhältnis wird in einer nachfolgenden Bemerkung Kants auf derselben Textseite noch einmal thema- tisch: Die „Aufhebung der transzendentalen Freiheit“, heißt es da, würde zugleich „alle praktische Freiheit vertilgen.“ (ebd.) Ohne transzendentale Freiheit könnte es also keine praktische geben; daher muss transzendentale Freiheit die Bedingung der Möglichkeit praktischer Freiheit sein. Im Folgenden soll nun die eigentliche Bedeutung dieses Begründungsverhältnisses genauer beleuchtet werden. Dabei soll uns die Hypothese leiten, dass dieses Verhältnis nicht, wie es scheinen könnte, zwei verschiedene Arten von Freiheit zu ihrem Gegenstand hat, sondern vielmehr auf zwei verschiedene Ebenen eines Begriffs von Freiheit referiert.4 Akzeptiert man diese Interpretationshypothese, so lässt sich eine sonst sicherlich irritierende Aussage Kants im Kanon -Kapitel der KrV angemessen deuten, derzufolge praktische Freiheit „durch Erfahrung bewiesen werden“ (A802/B830) könne.

Diese Aussage wirkt zunächst äußerst widersprüchlich: Ist doch aus der bisherig- en Darstellung klar hervorgegangen, dass Freiheit als spontaner Anfang einer Kausal- reihe kein Akt innerhalb der Erfahrungswelt sein könne, sondern eine rein transzenden- tale Idee der Vernunft sei. Liest man diesen Satz aber im Kontext der bereits zitierten Aussage, dass dem Menschen ein „Vermögen“ beiwohne „sich, unabhängig von der Nötigung durch sinnliche Antriebe, von selbst zu bestimmen“, so ließe sich ein mög- licher (und dann äußerst offensichtlicher) Widerspruch vermeiden. Bei dem Vermögen, von dem Kant spricht, handelt es sich, wie sich im Weiteren noch zeigen wird, um die Vernunft. Deren Praktizität äußert sich darin, dass sie die Willkür durch Imperative zu bestimmen vermag, die sich, in der Form eines Sollens formuliert, nicht aus der Erscheinungswelt ableiten lassen, und derart die Willkür von allen rein sinnlichen Antrieben unabhängig machen. Die Erfahrung dieser Unabhängigkeit aber ist uns unmittelbar gegeben.

Dann stellt sich aber sogleich die Frage, warum nicht dieses unmittelbare Frei- heitsbewusstsein zur Freiheitsbegründung ausreiche? Ja, warum insistiert Kant darauf, dass die Aufhebung der transzendentalen Freiheit alle praktische Freiheit 'vertilgen' würde? Einen bedeutenden Anhaltspunkt zur Beantwortung dieser Fragen liefert der auf die bereits zitierte Stelle folgende Absatz des Kanon -Kapitels. Dort bemerkt Kant, dass wir im „im Praktischen“, d. h. innerhalb unseres alltäglichen Selbstverständnisses als rationaler Subjekte, davon absehen könnten, ob „das, was in Absicht auf sinnliche An- triebe Freiheit heißt, in Ansehung höherer und entfernterer wirkenden Ursachen nicht wiederum Natur sein möge“ (A803/B831). Da Menschen im Allgemeinen sich so ver- halten, als ob sie frei wären, würde es eigentlich nur darauf ankommen, eine praktische „Vorschrift des Verhaltens“ aus der Vernunft abzuleiten, während die faktische Legitimi- tät jenes Freiheitsanspruches eine „bloß spekulative Frage“ sei, „die wir, so lange als unsere Absicht auf Tun oder Lassen gerichtet ist, bei Seite setzen können“ (ebd.).

Allerdings könne dabei nicht ausgeschlossen werden, dass „die Vernunft selbst […] nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei“ (ebd.), also, determi- niert durch „entferntere“ psychologische, physiologische oder physikalische Ursachen, letztlich nur scheinbar frei sei. Das Problem besteht demnach darin, dass wir uns zwar in unserem unmittelbaren Selbstbewusstsein aufgrund unserer Vernunftbestimmungen als spontan wirkende „Naturursachen“ wahrnehmen, aber aus dieser rein empirischen Perspektive zugleich nicht garantieren können, dass die Vernunft selber nicht natur- kausal bedingt sei. Dies fasst Kant auf folgende Weise zusammen: „Wir erkennen also die praktische Freiheit durch Erfahrung, als eine von den Naturursachen, nämlich eine Kausalität der Vernunft in Bestimmung des Willens, indessen daß die transzendentale Freiheit eine Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst (in Ansehung ihrer Kausalität, eine Reihe von Erscheinungen anzufangen), von allen bestimmenden Ursachen der Sinnen- welt fordert“ (ebd.).

Diese Unabhängigkeit der Vernunft von Naturursachen in der Bestimmung der Willkür ist aber nur im Rahmen eines transzendentalen Freiheitsbegriffs denkbar. Hieraus wird nun auch das Begründungsverhältnis zwischen transzendentalem und praktischen Freiheitsbegriff, und vor allem seine eigentliche Relevanz verständlich. Denn erst ein transzendentaler Freiheitsbegriff vermag die absolute Unabhängigkeit der Vernunft von den Ursachen der Erscheinungswelt abzusichern, und insofern würde seine Aufhebung tatsächlich alle praktische Freiheit vertilgen.

[...]


1 Die in Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich im Folgenden auf: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, nach der ersten u. zweiten Originalausgabe hrsg. v. Jens Timmermann, Hamburg 1998.

2 Damit orientiert sich diese Arbeit an einem begründungstheoretischen Interpretationsansatz wie er u. a. vertreten wird von:; Willaschek, Marcus: Praktische Vernunft. Handlungstheorie und Moralbegrün- dung bei Kant, Weimar 1991; Rohs, Peter: Gedanken zu einer Handlungstheorie auf transzendental- philosophischer Grundlage, in: Prauss, Gerold [Hrsg.]: Handlungstheorie und Transzendentalphilo- sophie, Frankfurt a. M. 1986. Rohs beginnt zwar mit der lapidaren Behauptung, dass der Dualismus zwischen empirischem und intelligibelen Charakter „unkritisch, auch unfruchtbar“ (Ebd.,223) sei, ent- wickelt dann aber anhand einer Analyse der transzendentalen Einheit der Apperzeption bei Kant und im Anschluss an Freges Begriff des Gedankens eine Unterscheidung zwischen Ursachen und Gründen (Gedanken und Vorstellungen), die sich mit Gewinn für eine Rekonstruktion gerade der dritten Antinomie anwenden lässt.

3 Diese theoretische Engführung von göttlicher Schöpfungshandlung und menschlicher Handlungsfrei- heit bei Kant behandelt: Ertl, Wolfgang: Kants Auflösung der „dritten Antinomie“. Zur Bedeutung des Schöpfungskonzepts für die Freiheitslehre, München 1998. Auch Heimsoeth betont diese Nähe - allerdings so stark, dass die beiden Momente bei ihm ineinander fallen. Etwa wenn er meint, das Ein- setzen einer freien Handlung entspräche „genau dem allgemein transzendentalen, vom kosmologisch- en Regressus aus sich ergebenden Gedanken un-bedingter, die Reihe von Wirkungen anfangender Kausalität.“ (Heimsoeth, Heinz: Transzendentale Dialektik, Zweiter Teil, Berlin 1967, S.341) Dabei bemerkt er aber selber zugleich den eigentlichen Unterschied zwischen Schöpfungsakt und mensch- licher Wahlfreiheit: „Wirklich 'ursprüngliche' Handlungen […] kann es im Weltzusammenhang als Zeitlichem nicht geben.“ (Ebd., S.353).

4 Hinsichtlich der Problematik des Kanon -Kapitels und des komplexen Verhältnisses zwischen den Freiheitsbegriffen Kants sei hier verwiesen auf: Schönecker, Dieter: Kants Begriff transzendentaler und praktischer Freiheit. Eine entwicklungsgeschichtliche Studie, Berlin 2005.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656203254
ISBN (Buch)
9783656203971
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194807
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Kant Kritik der reinen Vernunft Dialektik Dritte Antinomie Transzendentalphilosophie Ursachen Gründe intelligibeler Charakter Noumenon Ding an sich Freiheit Kausalität aus Freiheit Praktische Vernunft Willensfreiheit Freiheit des Willens Determinismus Transzendentaler Idealismus Begründung Verantwortung

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