Lade Inhalt...

Normgenese im Kapitalismus

Vergleich der Autoren Max Weber, Norbert Elias und Eva Illouz in Bezug auf soziale Normierung im Kapitalismus

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation

3. Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

4. Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus

5. Vergleich der Texte und Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Der Begriff Gesellschaft enthält in der heutigen Soziologie viele Facetten, wie vielfältige Gesellschaftsbegriffe (Konsumgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Multioptionsgesellschaft, Risikogesellschaft). Basis bilden dabei meistens die klassischen soziologischen Theorien über die Gesellschaft. Soziologische Theorien befassen sich mit der gesellschaftlichen Ordnung, die sie über die Relativität sozialen Handelns durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu erklären oder aber aus dem individuellen Handeln zu rekonstruieren versuchen.

In dieser Arbeit sollen die zentralen Aussagen von drei Autoren zur heutigen Disziplinargesellschaft und zur Normgenese im Kapitalismus früher und heute dargestellt werden. Die Autoren repräsentieren nicht nur unterschiedliche Epochen in der Entwicklung des Kapitalismus, sondern auch unterschiedliche Epochen der sozialen Normgebung und der sozialen Kontrolle in der Gesellschaft. Hier wird auch erkennbar, dass alle Autoren eigene Ansätze zur Erklärung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft entwickelt haben. Deshalb wird diese Arbeit beleuchten, wie sich das Menschenbild und die gesellschaftliche Entwicklung innerhalb des Systems Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Zum anderen wird in allen drei Texten das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft betrachtet, ein Kernthema der Soziologie. Um dieses Verhältnis zu analysieren, möchte ich in dieser Arbeit drei Koordinaten überprüfen: Die gesellschaftliche Entwicklung hin zur Zivilisation, das

Menschenbild und die Modi der Normgenese. Hierzu untersuche ich je einen Text von Max Weber, Norbert Elias und Eva Illouz.

Im letzten Teil möchte ich ein Resümee ziehen und einen abschließenden Überblick über

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Gesellschaftskonzepte geben.

2. Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation

Norbert Elias (1897-1990) studierte Philosophie und war einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts.

Bei der Lektüre von Norbert Elias´ und Max Webers Texten fällt auf, dass sie im Kern all ihrer Theorien ein bestimmtes Menschen- und Gesellschaftsbild vermitteln. Elias will ein Modell entwickeln, in dem er das Wesen unserer Gesellschaft erklärt. Max Weber will sämtliche Macht- und Herrschaftsgefüge in unserer Gesellschaft erklären. Daher beziehen sich beide Autoren auf die Koryphäen der Soziologie wie Foucault und Durkheim.[1]

Im folgenden beziehe ich mich auf das dritte KapitelDie Entwicklung moderner Gesellschaften ist geprägt von Komplexitätssteigerungen und Spezialisierung. Auf diese Weise werden wechselseitige Abhängigkeiten geschaffen von Menschen zueinander und der zwischenmenschliche Umgang in der Gesellschaft ändert sich. Hatten die Menschen früher einige wenige, aber emotional enge Bindungen zu ihren Mitmenschen, so hat der Mensch des 21. Jahrhunderts eine Vielzahl an sozialen Rollen inne, die mit noch mehr zwischenmenschlichen Beziehungen ausstaffiert sind. Diese Beziehungen sind aber eher rationaler als emotionaler Natur. Arbeitsteilung und längere Handlungsketten erfordern eine Entemotionalisierung sozialer Beziehungen und einen „gesellschaftlichen Zwang zum Selbstzwang“.[2] Nur so ist gewährleistet, dass das öffentliche Leben in zivilisierten Bahnen und möglichst berechenbar abläuft. Durch die entstehende „Selbstzwangapparatur“[3] erstellen die Individuen dann die Basis für weitere Ausdifferenzierungsmöglichkeiten in der Gesellschaft, denn nur dadurch, dass im momentanen System die Gesellschaft friedlich funktioniert, besteht die Möglichkeit, die Selbstkontrolle weiter zu erhöhen.

Der Prozess der Zivilisation ist immer ein Prozess der Selbstdisziplinierung von Individuen gewesen.[4] Elias beschreibt im Zuge seiner Arbeit sowohl die Entwicklung der Soziogenese[5] als auch der Psychogenese[6]. Norbert Elias stellt die Frage, wie es zu diesem Prozess gekommen ist. Die Zivilisation sei kein Prozess, der von einzelnen Menschen bewusst gesteuert werde. Vielmehr beruht er auf selbstständig ablaufenden Wandlungen im psychischen Habitus der einzelnen Menschen. Zivilisation wird definiert als die Veränderung des menschlichen Verhaltens in eine bestimmte Richtung.[7] Im Zuge dieser Arbeit will ich mich v. a. auf den Aspekt der Entwicklung des Menschen vom Fremdzwang zum Selbstzwang beschäftigen. In der kapitalistischen Gesellschaft wird dem Menschen von klein auf ein Automatismus als Selbstzwang angezüchtet, der für die Leistungsbereitschaft des Individuums wichtig ist. Das führt dazu, dass Anforderungen von außen so internalisiert werden, dass das Individuum diese für seine eigenen Ziele hält. Der Einzelne will das tun, was er tun soll.[8]

Neben dem bewussten Selbstzwang entsteht bei den Individuen auch eine immer stärkere Selbstkontrollapparatur, ein Selbstzwang, deren sich der Einzelne nicht bewusst ist. Diesem kann sich der Einzelne auch dann nicht erwehren, wenn er es in seinem Bewusstsein will.[9] Diese arbeitet automatisch und äußert sich beispielsweise darin, seine Aggressionen zu unterdrücken, seine sexuellen Gefühle gegenüber einem potentiellen Geschlechtspartner zu unterdrücken oder nicht verbal zu äußern und ähnliches. Bestimmte Verhaltensweisen werden durch schwere psychische Blockaden effektiv unterbunden.

Die Triebregulierung ist in jedem Menschen unterschiedlich in ihrer Ausprägung. Wohnort, berufliche Situation und Familiensozialisation bestimmen stark darüber, in welcher Qualität und Quantität die Selbstkontrollapparatur arbeitet.

Norbert Elias beschreibt anschaulich die Unterschiede im psychischen Habitus eines modernen Großstädters und eines mittelalterlichen Bürgers.[10] So waren in vergangenen Jahrhunderten die Menschen freier, was das unmittelbare Ausleben ihres Affekthaushalts betrifft. Diese Tatsache führt dazu, dass Menschen unmittelbar bedroht sind von den Gewaltaffekten anderer. In einer solcherart aufgebauten Gesellschaft hat der Stärkere die Möglichkeit, seinen sexuellen, aber auch seinen aggressiven Affekten freien Lauf zu geben. Genauso besteht aber auch die ständige Gefahr der Erniedrigung und körperlichen Leides, falls ein Mensch in die Gewalt eines anderen gerät.[11] Der Prozess der Zivilisation ist ein über viele Jahrhunderte schleichender Prozess der Verhaltensregulierung, die positive wie negative Extrema zu verhindern sucht.

Wer in unserer Gesellschaft auf offener Straße jubelnd die Arme in die Höhe reißt und herumschreit, weil er seinen Glücksaffekten über die neu gewonnene Liebschaft freien Lauf lässt, wird als verrückt empfunden. Allerdings gibt es in allen Gesellschaften bestimmte Ereignisse, an denen das stärkere Ausleben von Affekten ausdrücklich erlaubt ist. Dazu zählt in unserer Gesellschaft etwa das Public Viewing während einer Fußball-Weltmeisterschaft, in allen Kulturen generell das Feiern ausschweifender Feste.

Elias beschreibt, dass in der gefährlichen mittelalterlichen Gesellschaft, in der Leben Extremen von großen Lust- und starken Unlustgefühlen unterworfen war, der psychiche Habitus des Menschen ganz anders modelliert war als in der heutigen, von relativer emotionaler Stabilität geprägten Gesellschaft.[12] Genauso wie es eine Kontrollapparatur in der Gesellschaft gibt, so existiert auch eine Kontrollapparatur im Seelenhaushalt des Individuums.

Doch woher rührt nun dieser allmähliche Wandel der Menschheit hin zu mehr Selbstkontrolle und emotionaler Stabilität? Nicht nur für Norbert Elias ist klar, dass die Errichtung eines Gewaltmonopols in Form des Staates Motor dieser Entwicklung ist.[13] Diese Entwicklung führt ebenso wie die wirtschaftlichen Verflechtungen in der funktionalisierten Gesellschaft zu einer beständigen Weiterentwicklung der Triebmodellierung und –kontrolle. Lange Handlungsketten und Ketten von Interaktionsritualen[14] zwingen dazu, von augenblicklichen Lustgewinnen abzusehen mit Rücksicht auf langfristige Auswirkungen des Verhaltens. Der Begriff Belohnungsaufschub ist hierfür prägend.

[...]


[1] Vgl. Foucault, Michel (1969): Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft.

[2] Elias (1997): S. 323.

[3] Elias (1997): S. 328.

[4] Elias (1997): S. 323.

[5] Der Begriff wurde von Elias geprägt und beschreibt die Entwicklung und Veränderung einzelner gesellschaftlicher Funktionen sowie der Struktur einer Gesellschaft.

[6] Psychogenese beschreibt die Entwicklung und Veränderung einzelner seelischer Fähigkeiten sowie der seelischen Struktur (Psyche) eines Individuums im Verlauf seiner Lebensgeschichte.

[7] Elias (1997): S. 323.

[8] Vgl. Tobias Singelnstein; Peer Stolle (2008): Die Sicherheitsgesellschaft: Soziale Kontrolle im 21. Jahrhundert. VS-Verlag. S. 69

[9] Elias(1997): S. 328.

[10] Elias (1997): S. 333ff.

[11] vgl. ebd.

[12] Elias (1997) : S. 334.

[13] Nenn hier noch nen anderen Soziologen der dassselbe sagt

[14] Der Begriff wurde von Randall Collins geprägt: Collins, Randall (2000): Über die mikrosozialen Grundlagen der Makrosoziologie. In: Steffen Sigmund, Hans-Peter Müller (2000): Zeitgenössische amerikanische Soziologie.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656200901
ISBN (Buch)
9783656220916
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194787
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
normgenese kapitalismus vergleich autoren weber norbert elias illouz bezug normierung

Autor

Zurück

Titel: Normgenese im Kapitalismus