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Gesundheit von Einsatzkräften im deutschen Rettungsdienst

Ein Vergleich zwischen der Berufsfeuerwehr und den Hilfsorganisationen - Ergebnisse einer quantitativen Querschnittsstudie

Bachelorarbeit 2011 100 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbetrachtung

Zusammenfassung

Summary

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung

2 Zielsetzung

3 Theoretischer Hintergrund
3.1 Der Rettungsassistent im Rettungsdienst
3.2 Stand der Forschung und Entwicklung im Rettungswesen
3.3 Die demographische Entwicklung als Herausforderung für den Rettungsdienst
3.4 Theoretische Modelle
3.4.1 Stress
3.4.2 Burnout und Engagement
3.4.3 Resilienz
3.4.4 Salutogenese
3.4.5 Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit
3.4.6 Job-Demands-Resources Model
3.4.7 Job-Demand-Control-Model
3.4.8 Zusammenfassung

4 Forschungsfragen und Hypothesen
4.1 Forschungsfragen
4.2 Hypothesen

5 Methoden
5.1 Stichprobenbeschreibung
5.2 Messinstrument der Erhebung
5.3 Aufbau des eingesetzten Fragebogens
5.4 Auswertungsinstrument der Erhebung

6 Ergebnisse
6.1 Ergebnisse zu ausgewählten demographisch-biometrischen Parameter
6.2 Ergebnisse zu Unterschieden der Skalenmerkmalen im Vergleich der Organisationen
6.3 Zusammenhang zwischen Skalenmerkmalen und aus- gewählten Parametern

7 Diskussion und Interpretation

8 Fazit und Ausblick

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang
Quellenangaben zum Fragebogen
Mittelwerte der COPSOQ / WHO 5 Skalen
Fragebogen
COPSOQ – Copenhagen Psychosocial Questionaire
Lebensorientierung (SOC-SKALA)
WHO-5 or = WBI – Bestandteil des

Vorbetrachtung

Seit 1992 arbeitet der Autor dieser Arbeit im Rettungsdienst, als Schulleiter einer staatlich anerkannten Rettungsassistentenschule, als Lehrrettungsassistent und als Hauptbrandmeister der Berufsfeuerwehr (BFW).

Der Wunsch, Kompetenzen und Fähigkeiten weiter zu entwickeln, führte den Autor zum Studium der „Angewandten Gesundheitswissenschaften“. In den ersten 4 Semestern erfolgte die Ausbildung zum Gesundheitsmanager (FH) und in den sich anschließenden 3 Semestern das Aufbaustudium der Gesundheitswissenschaften mit dem angestrebten Abschluss Bachelor of applied Health Sciences. Das Studium der Gesundheitswissenschaft eröffnete dem Autor die Chance, Zusammenhänge der Gesundheitsförderung, Gesundheitsprävention, Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik unter Betrachtung gesundheitswissenschaftlicher Aspekte zu erforschen und kritisch zu hinterfragen.

Die vorliegende Arbeit wird die Gesundheit von Einsatzkräften im deutschen Rettungsdienst (RD) untersuchen und soll auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse als Hilfestellung bei der Entwicklung und Umsetzung neuer Projekte zur Gesundheitsförderung dienen. Die Auswahl des Themas der Arbeit ist auf eine fast 20-jährige Tätigkeit des Autors im Gesundheitswesen zurückzuführen. Im Rahmen der hier zu beschreibenden gesundheitswissenschaftlichen Studie wurde eine Fragebogenerhebung durchgeführt, die Zusammenhänge zwischen den Beanspruchungen der Einsatzkräfte im Rettungsdienst und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Gesundheit untersucht. So kann die Weiterentwicklung von Konzeptionen zur Gesundheitsförderung und Gesundheitsprävention in der Ausbildung von Einsatzkräften des Rettungsdienstes auf der Grundlage dieser hier erarbeiteten wissenschaftlichen Ergebnisse erfolgen (z.B. „Gesunde Einsatzkräfte im Rettungsdienst –GERD®– Projekt mit Zukunft“).

Gesundheitswissenschaftliche Themen wie z.B. die Gesundheitsförderung und Gesundheitsprävention sind bisher weder ein Bestandteil in der Ausbildung zum Rettungsassistenten nach § 3 des Rettungsassistentengesetzes (RettAssG) noch in den Rettungsdienstalltag integriert. Sowohl die großen Hilfsorganisationen (HIOs) des Rettungsdienstes (JUH, MHD, ASB, DRK, DLRG) als auch die Berufsverbände (DBRD, BVRD) und Arbeitsgemeinschaften (z.B. AG der privaten Rettungsdienstschulen) sind vor dem Hintergrund des demographischen Wandels aufgefordert, verstärkt in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und Mitglieder zu investieren.

Der Rettungsdienst ist nach dem Förderalismusprinzip des Grundgesetzes in Deutschland strukturiert, er ist Aufgabe der Länder und wird hiernach durch die Landesgesetze geregelt. Zur Realisierung des Rettungsdienstes wird auf verschiedene subsidäre Modelle zurückgegriffen. Aufgrund der Organisationsvielfalt und Strukturierung der einzelnen Organisationen in Landes- und Kreisverbänden ist im deutschen Rettungsdienst eine weit reichende Zersplitterung zu erkennen, die eine organisationsübergreifende und damit gesundheitsförderliche Einflussmöglichkeit auf dessen (Weiter-) Entwicklung erschwert.

Die Erforschung von Faktoren, die dazu beitragen, die Gesundheit von Einsatzkräften im Rettungsdienst zu erhalten, nimmt in einer Zeit geringer ökonomischer Ressourcen und vor dem Hintergrund des demographischen Wandels einen hohen Stellenwert ein. In der vorliegenden Bachelorarbeit werden die Notwendigkeit und die Bedeutung von Gesundheitsprävention und -förderung für Einsatzkräfte im deutschen Rettungsdienst aufgezeigt.

Mit dem Dank an die Kollegen, 204 Einsatzkräften aus den Bereichen Rettungsdienst/Berufsfeuerwehr, die sich aktiv an der Fragebogenstudie beteiligt haben, verbinde ich die Hoffnung, dass diese Arbeit dazu beiträgt, auf der Grundlage neuer gesundheitswissenschaftlicher Erkenntnisse zukünftig die Gesundheit von Einsatzkräften aus einer erweiterten Perspektive zu betrachten.

Heiko Schumann

Lehrrettungsassistent, Dozent im Rettungsdienst und Berufsfeuerwehrmann

Magdeburg, im September 2011

An dieser Stelle möchte der Autor darauf hinweisen, dass im Text die maskuline Form verwendet wurde, um der Einfachheit halber den Lesefluss zu begünstigen. Es soll betont sein, dass auch Frauen maßgeblich an der notfallmedizinischen Versorgung der Bevölkerung beteiligt sind. Die hier bevorzugte Schreibform stellt keine Diskriminierung dar.

Zusammenfassung

In einer quantitativen Querschnittsstudie wurden für die hier vorliegende Arbeit 204 hauptamtliche Einsatzkräfte des Rettungsdienstes und der Berufsfeuerwehr in Mitteldeutschland mittels standardisierten Fragebogen (COPSOQ, WHO-5) befragt.

Gesundheit im Rettungsdienst wird innerhalb und zwischen den Organisationen der Berufsfeuerwehr und der Hilfsorganisationen bezogen auf die Unterschiede der beruflichen Skalenmerkmale des COPSOQ Fragebogens Anforderungen, Einfluss und Entwicklungsmöglichkeiten, soziale Beziehung und Führung, Beschwerden und Outcomes untersucht. Weiterhin analysiert die Studie Zusammenhänge ausgewählter Skalenmerkmale (Gesundheitszustand, Wohlbefinden, Work-Privacy Conflict, Stress und Burnout) und die Faktoren (Alter, Dienstjahre und Body Mass Index) von Einsatzkräften im Rettungsdienst.

Im Ergebnis dieser Studie wurden von den 25 untersuchten COPSOQ Skalenmerkmalen 19 Skalenmerkmale durch die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen im Rettungsdienst positiver bewertet als von den Einsatzkräften der Berufsfeuerwehr im Rettungsdienst.

Des Weiteren bestehen signifikante Zusammenhänge zwischen dem Gesundheitszustand, Wohlbefinden und Work – (Family) Privacy Conflict, Stress, Burnout, Alter und Dienstjahren. Mit zunehmendem Alter sinkt der Gesundheitszustand. Es zeigt sich, dass im Rettungsdienst nur wenige Einsatzkräfte älter als 45 Jahre sind.

Es ist davon auszugehen, dass weitreichende Handlungsspielräume und Entwicklungsmöglichkeiten der Einsatzkräfte zu einem höheren Gesundheitszustand, höherem Wohlbefinden verbunden mit geringerem Stress und Burnout sowie geringerem Arbeits- Privat- und Familienkonflikt führen.

Die Ergebnisse verdeutlichen, den Handlungsbedarf im Rettungsdienst, der sich aus der Betrachtung der individuellen Ressourcen (Gesundheit & Wohlbefinden) als auch aus den organisationalen Ressourcen (Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten) ergibt. Die Kompetenzerhöhung des Rettungsfachpersonals ist vor diesem Hintergrund eine ernstzunehmende und dringend umzusetzende Aufgabe der Ausbildungseinrichtungen und Organisationen.

Summary

For the present thesis 204 members of medical relief agencies and fire departments from middle Germany were surveyed by means of a standardized questionnaire (COPSOQ, WHO-5) in a quantitative cross-sectional study.

Health was analyzed in and between fire and medical relief agencies regarding the differences in the occupational COPSOQ factors concerning standards, influence and development possibilities, social relationships and leadership, complaints and outcomes. The study additionally analyzed the connections between selected survey factors (state of health, well-being, work-privacy conflict, stress and burnout) and the rescue team members’ factors (age, years of service, and Body Mass Index).

The results of this study showed that out of 25 COPSOQ factors, 19 from the medical relief agencies were judged to be more positive than those of the fire department.

Furthermore there are significant connections between the state of health, well-being, and work-(family) private conflict, stress, burnout, age, and years of service. The state of health decreases with increasing age and years of service. The study has revealed that there are very few members in emergency rescue services over the age of 45.

It is assumed that extensive room for maneuvering and development possibilities lead rescue organizations to better states of health and well-being linked with less stress and burnout as well as less work-private-family conflict.

The results illustrate a need for action in rescue services regarding a combination of individual resources (health and well-being) and organizational resources (influence and development possibilities). In light of this, raising the rescue service personnel’s competence is a serious and urgent task for educational facilities and organizations.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Altersverteilung Rettungsdienst gesamt

Abb. 2 Body Mass Index nach WHO - RD gesamt

Abb. 3 Skalen Anforderungen RD HIOs

Abb. 4 Skalen Anforderungen RD BFW

Abb. 5 Skalen Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten RD HIOs

Abb. 6 Skalen Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten RD BFW

Abb. 7 Skalen Soziale Beziehungen und Führung RD HIOs (1)

Abb. 8 Skalen Soziale Beziehungen und Führung RD BFW (1)

Abb. 9 Skalen Soziale Beziehungen und Führung RD HIOs (2)

Abb. 10 Skalen Soziale Beziehungen und Führung RD BFW (2)

Abb. 11 Skala Arbeitsplatzunsicherheit RD HIOs

Abb. 12 Skala Arbeitsplatzunsicherheit RD BFW

Abb. 13 Skalen Beschwerden, Outcomes RD HIOs

Abb. 14 Skalen Beschwerden, Outcomes RD BFW

Abb. 15 Verlauf Gesundheitszustand RD gesamt zum Alter

Abb. 16 Verlauf Gesundheitszustand RD BFW / HIOs

Abb. 17 Verlauf Gesundheitszustand zu Body Mass Index – Rettungsdienst gesamt

Abb. 18 Verlauf Wohlbefinden zum Alter im RD gesamt

Abb. 19 Verlauf Wohlbefinden zum Alter im RD zwischen BFW und HIOs

Abb. 20 Verlauf Body Mass Index zu Dienstjahren im Rettungsdienst gesamt

Abb. 21 Verlauf Wohlbefinden zu Dienstjahren im Rettungsdienst gesamt

Tabellenverzeichnis

Tab.1 Übergewicht nach BMI – Arbeitszeitmodelle

Tab. 2 Zusammenfassung der Ergebnisse der Dokumentenrecherche

Tab. 3 Übersicht Stichprobe Schumann (2011) und Vergleichsgruppen

Tab. 4 Quellenangaben zum Fragebogen

Tab. 5 Fragekatalog Skalen verkürzter deutscher COPSOQ mit Cronbach´s alpha

Tab. 6 Mittelwerte der COPSOQ / WHO 5 Skalen

Tab. 7 Fragekatalog WHO 5 Fragebogen zum Wohlbefinden

Tab. 8 Alter für BFW RD und HIOS RD

Tab.9 Dienstjahre der Einsatzkräfte der BFW im Rettungsdienst und der HIOs

Tab. 10 Body Mass Index nach WHO für RD, BFW RD und HIOs RD

Tab. 11 T-Test für die Mittelwertgleichheit bei unabhängigen Stichproben BFW RD und HIOs RD

Tab. 12 Pearson Korrelationsmatrix von ausgewählten Skalenmerkmalen und biometrisch-demographischen Merkmalen

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Seit dem Zugunglück von Eschede 1999 sind die Forschungsgebiete von Organisationsentwicklung und Organisationsklimaforschung in den Fokus der Fachöffentlichkeit gerückt (Schumann, 2010). Mit dem Projekt: „Gesunde Einsatzkräfte im Rettungsdienst – GERD®“ entwickelte der Autor dieser Arbeit eine Konzeption für die Auszubildenden und die im Rettungsdienst Tätigen zu Themen der Gesundheitsförderung und Gesundheitsprävention. Die aus diesem Projekt gewonnenen Erkenntnisse waren ein erster Anstoß für die vorliegende Untersuchung. Auf der Grundlage einer folgenden wissenschaftlichen Studie im Rahmen einer Untersuchung zum Thema „Gesundheit von Einsatzkräften im deutschen Rettungsdienst“ beleuchtet der Autor jetzt den Zusammenhang zwischen der Arbeit im Rettungsdienst/Feuerwehr und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Gesundheit.

Ein facettenreiches Anforderungs- und Kompetenzprofil kennzeichnet den Beruf des Rettungsassistenten sowohl in Form von wechselnden Arbeitsbedingungen und Arbeitsanforderungen als auch durch Ungewissheit, Warten auf einen Einsatz, schnellstmöglicher Entscheidungsfindung oder speziellen Arbeitsgefahren (Schumann, 2010). Belastungen werden von den Einzelnen unterschiedlich gut verarbeitet. Täglich hohe Anforderungen und belastende Arbeitsbedingungen beeinflussen die psychische Stabilität, die Arbeitszufriedenheit und die Gesundheit unterschiedlich (ebd.). Nach Kühn et al. (2007) hat der Beruf des Rettungsassistenten komplexe psychische und physische Anforderungs- und Belastungsstrukturen.

„Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der zunehmenden Zahl älterer Mitarbeiter – auch im Rettungsdienst – sind die Arbeitgeber, aber auch die Mitarbeiter selbst gefordert, die psychische und physische Gesundheit der Rettungsdienstmitarbeiter zu erhalten“ (Gebhardt, Klußmann, Maßbeck, Topp & Steinberg, 2006, S. 126).

Der Rettungsdienst in der Bundesrepublik Deutschland gehört zu den öffentlichen Gütern mit Optionsgutcharakter und ist ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Nach Mühlen, Hesse & Haupt (2005) ist der Arbeitsalltag in der Notfallrettung durch den Einfluss physischer Belastungen geprägt, deren Intensität so in anderen Berufen kaum zu beobachten ist. Die Auswirkungen von Belastungen spiegeln sich sowohl in einer Minderung der Arbeitsqualität, einer schwankenden Leistungsfähigkeit, einer Beeinträchtigung von Wohlbefinden und Gesundheit als auch des Burnouts wieder (Stadler, 2006).

Das Zugunglück von Eschede 1999 führte zu einer Veränderung in der Betrachtungsweise der rettungsdienstlichen Arbeit. Hering (2009) hebt hervor, dass in Gruppen mit einer günstigeren Ressourcenausstattung gesündere Einsatzkräfte mit einer höheren Verbundenheit zu ihren Organisationen anzutreffen sind. Zeit- bzw. Leistungsdruck, Erleben von schwerwiegenden oder tödlichen Verletzungen und Erkrankungen, Misserfolg, fehlendes Feedback und Wechselschichten sind kennzeichnend für die Arbeit des Rettungsdienstes (Bengel, 2004). Belastungen werden von den Einzelnen unterschiedlich verarbeitet. Anhaltend hohe Anforderungen und belastende Arbeitsbedingungen beeinträchtigen die psychische Stabilität sowie die Gesundheit und die Arbeitszufriedenheit. Hohe Belastungen über einen längeren Zeitraum können körperliche und psychische Symptome hervorrufen und bis zur Berufsaufgabe führen. Extreme Situationen sowie der Umgang mit Erkrankungen oder Verletzungen kennzeichnen das Tätigkeitsfeld der Einsatzkräfte im Rettungsdienst und beeinflussen die Gesundheitsvariablen wie Burnout und psychisches Wohlbefinden (Hering & Beerlage, 2004).

Zu den Belastungsfaktoren im Rettungsdienst zählen somit neben der Aufgabenstruktur, der Arbeitsumgebung, den psychologischen und den technischen Anforderungen auch das Arbeitsaufkommen, das Zeitmanagement, die Mehrfachbelastungen sowie die Rollen- und Interaktionsformen der Organisationsstruktur (Bengel, 2004).

Lasogga & Gasch (2007) untersuchten die Arbeitszufriedenheit und stellten deren besondere Bedeutung heraus.

Im Ergebnis einer Befragung unter Mitarbeitern des Rettungsdienstes zu ihrer Arbeitssituation äußern sich 79% kritisch und forderten eine bessere Aufklärung und Darstellung ihres Berufsbildes in der Öffentlichkeit (Teegen & Yasui, 2000). Nach Badelt (2002) ist die Beteiligung an Entscheidungsprozessen ein weiteres Kriterium für die Arbeitszufriedenheit. Eine fehlende Partizipation ist der Auslöser für Unzufriedenheit und Fehlbeanspruchungen am Arbeitsplatz mit Folgeerscheinungen (ebd.).

Runggaldier (1997) gibt die durchschnittliche Verweildauer der Berufsausübung im Rettungsdienst mit 10,5 Jahre an und führt aus, dass die Berufserwartungen oft nicht mit der Berufswirklichkeit korrelieren (Runggaldier, 1997).

Verschiedene Faktoren beeinflussen den Faktor Erholung (z.B. Freizeit). Hier entstehen durch übermäßige Belastung mit geringer Kompensations- und Regenerationszeit eine Beeinträchtigung und Störung der Gesundheit (Oppolzer, 1993).

9,2 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten regelmäßig oder ständig in der Nacht (Seifert, 2005). Entgegen dem Biorhythmus werden die Körperfunktionen einer tagesperiodischen Wechselanforderung unterzogen. Der normale Biorhythmus der „Inneren Uhr“ ist so gesteuert, dass zwischen der trophotropen Phase (Erholungsbereitschaft) in der Nacht und der ergotropen Phase (Leistungsbereitschaft) am Tage ein ständiger Wechsel stattfindet. Eine zusätzliche Belastung, die mit großer Anstrengung kompensiert werden muss ist das Arbeiten gegen den Biorhythmus und somit gegen die ,,Innere Uhr" (Body Clock).

Nach arbeitsmedizinischen und arbeitswissenschaftlichen Forschungen führt eine Desynchronisation der Zeitstruktur zu erheblichen gesundheitlichen Risiken (Priester, 1994). Kreislaufstörungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Fehl-ernährung und Übergewicht sind Folgen der ungünstigen Arbeits-zeitbedingungen (Beermann, 2008).

Gebardt et al. (2006) befragten 2004 mittels eines standardisierten Fragebogens 382 Rettungsdienstmitarbeiter zu Arbeitsbelastungen. 39% gaben Nackenschmerzen, 33% Schulterschmerzen, 48% Rückenschmerzen und 25% Knieschmerzen an.

„Die Herausforderungen früh zu erkennen und Probleme offen zu benennen, ist der beste Weg, sie zu lösen“ (Köhler, 2008). Die demographische Entwicklung führt in allen Industriestaaten zu großen Finanzierungsproblemen im Gesundheitswesen und somit auch im Rettungsdienst. Dies stellt eine zusätzliche Herausforderung an eine effiziente und langfristig wirksame Gesundheitsforschung.

Kernpunkt der Bachelorarbeit ist die Darstellung wesentlicher Beeinflussungsfaktoren und Zusammenhänge zwischen der Arbeit im deutschen Rettungsdienst/Feuerwehr und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Gesundheit. Die vorliegende Arbeit leistet anhand von Forschungsergebnissen einen Beitrag, um frühzeitig Interventionen zur Gesundheitsrisikominderung im Einsatzwesen des Rettungsdienstes einleiten zu können.

1.2 Gang der Untersuchung

Die nachfolgenden Kapitel stellen als erstes eine Präzisierung des Themas der Bachelorarbeit vor (Kap. 2). Daran schließt sich eine wissenschaftliche Recherche und Dokumentation theoretischer Hintergründe und Rahmenmodelle an (Kap. 3). Das Kapitel 4 beschreibt anhand von Forschungsfragen und dazugehörigen Hypothesen die Untersuchungs- und Auswertungsschwerpunkte der Fragebogenstudie. Die angewendete Methodik wird in Kapitel 5 vorgestellt. Ebenso erfolgen hier auf der Grundlage der Stichprobenbeschreibung die Ausführungen zum Messinstrument (Fragebogenbatterie) und zu ausgewählten Untersuchungsskalen. Die Ergebnisdarstellung (Kap. 6) gliedert sich in einen ersten Teil mit Ausführungen zu Unterschiedsergebnissen zwischen den Teilstichproben der im Rettungsdienst Tätigen bezogen auf die Untersuchungsskalen. In einem zweiten Teil werden Zusammenhänge zwischen den Untersuchungsskalen sowie zwischen ausgewählten Parametern der Stichprobendemografie beschrieben.

Die Diskussion zu den Ergebnissen (Kap. 7) ermöglicht eine diesbezügliche Bewertung sowie die Entwicklung von Schlussfolgerungen für die Gesundheitsförderung im gegenwärtig tätigen Rettungsdienstsystem und für nachfolgende Forschungsvorhaben. Abschließend (Kap. 8) sind Empfehlungen zur Praxisimplikation der erreichten Ergebnisse im Ausbildungssystem des Rettungsdienstes beschrieben.

2 Zielsetzung

Die vorliegende Arbeit dient der Beschreibung und Untersuchung der Gesundheit von Einsatzkräften im deutschen Rettungsdienst und ihren Zusammenhänge zu Belastungs- und Beanspruchungsfaktoren auf der Grundlage vorliegender wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eine Differenzierung wird im Rahmen der Untersuchung zwischen dem Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr und dem Rettungsdienst der Hilfsorganisationen vorgenommen.

Das Berufsbild des Rettungsassistenten (RA) in Deutschland ist datiert aus dem Jahr 1989 mit dem Erlass des Rettungsassistentengesetzes (RettAssG). Die noch junge Berufsgruppe ringt daher um den gebührenden Stellenwert (Kühn, Luxem & Runggaldier, 2007).

Vor diesem Hintergrund existieren bisher nach Beerlage, Arndt, Hering & Springer (2007) nur wenige empirisch fundierte nationale und internationale Studienergebnisse für die Gestaltung langfristiger gesundheitsfördernder und engagementsfördernder arbeitsorganisatorischer Rahmenbedingungen. In den bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen im Tätigkeitsfeld der Einsatzkräfte im Rettungsdienst wurden hauptsächlich Extremsituationen im Einsatz sowie der Umgang mit Erkrankungen oder Verletzungen analysiert. Die daraus resultierenden Folgen auf die Gesundheitsvariablen wie Burnout oder psychisches Wohlbefinden sind in Hering & Beerlage (2004) beschrieben.

Der Zusammenhang mit der Qualität der Verbundenheit von Mitarbeitern zu ihrer Organisation besteht zwischen dem Engagement und dem Burnout. Bedeutende Einflussfaktoren dazu sind Commitment, Alter, Ausbildungstand, Kompetenzen, Arbeitsbedingungen, Entscheidungsfreiheit, Herausforderungen der Arbeit, Führungsstil und Merkmale der Organisation (Hering, 2009).

Es zeigt sich in Querschnittserhebungen, dass das Phänomen Burnout weniger mit potentiell traumatisierten Einsatzmerkmalen, als vielmehr mit tätigkeitsbezogenen und arbeitsorganisatorischen Belastungen zusammenhängt (Beerlage et al., 2007; 2008; 2009). Insbesondere im Einsatzalltag sind Ressourcen der Gesundheitskompetenzentwicklung vor allem vom organisationsspezifischen „Klima“ der sozialen Unterstützung durch Vorgesetzte und Kameraden bzw. Kollegen begründet (Beerlage et al., 2007). Diese Ergebnisse stellen eine wichtige Grundlage für die hier zu entwickelnden Fragestellungen und daraus abzuleitenden Hypothesen dar.

In der Arbeits- und Organisationspsychologie werden Ressourcen für die organisationale Gesundheit in einer Vielzahl von Einzelindikationen diskutiert, u.a. Arbeitszufriedenheit und Mitarbeiterzufriedenheit (Schüpach & Zölch, 2003), soziale Beziehungen und soziale Unterstützung (Bamberg, Ducki, & Metz, 1998) sowie die Entwicklung einer Aufgabenorientierung betreffend (Ulich, 2001).

Im Rahmen der hier zu beschreibenden gesundheitswissenschaftlichen Studie wurde eine Fragebogenerhebung auf der Grundlage bisheriger Forschungen und deren Schlussfolgerungen zum Thema „Gesundheit von Einsatzkräften im deutschen Rettungsdienst“ durchgeführt.

Ziel der Bachelorarbeit ist die Darstellung wesentlicher Zusammenhänge und Beeinflussungsfaktoren zwischen der Arbeit im Rettungsdienst/Feuerwehr und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Gesundheit. Der Autor dieser Arbeit stellt Bezug zu den Herausforderungen des demographischen Wandels und der Arbeitszufriedenheit für den Rettungsdienst in Deutschland her.

3 Theoretischer Hintergrund

3.1 Der Rettungsassistent im Rettungsdienst

Rettungsassistentengesetz

Am 10. Juli 1989 wurde das Gesetz über den Beruf des Rettungsassistenten als Rettungsassistentengesetz (RettAssG) veröffentlicht. Auf politischen Druck von Ärzten, Medien, Organisationen und Interessengruppen erfolgte der Reformprozess der präklinischen Versorgung im deutschen Gesundheitswesen, der zu einem grundlegenden Umbau von Unfallrettung und Krankentransport führte (Kessler, 2008).

Das Rettungsassistentengesetz blickt auf eine lange geschichtliche Entwicklung zurück, die Änderung erfolgte zuletzt durch Artikel 8 der sechsten Zuständigkeitsanpassungs-Verordnung am 21. September 1997 (Kurtenbach, 2005).

Der bereits 1973 von der Bundesregierung eingebrachte Entwurf eines Gesetzes über den Beruf des Rettungssanitäters scheiterte an der parlamentarischen Zustimmung aus Gründen der Finanzierung (Kurtenbach et al., 1997). Demgegenüber trat das Rettungsassistentengesetz 1989 mit der Ausbildung- und Prüfungsverordnung für Rettungsassistenten in Kraft. Das Ausbildungsziel der Rettungsassistenten wird in § 3RettAssG definiert. Ausbildungsinhalte, die die Gesundheitskompetenz, die Gesundheitsförderung und die Gesundheitsprävention fördern sind hier nicht implementiert.

Der Beruf des Rettungsassistenten

Das Einsatzgebiet der Rettungsassistenten ist der direkte Patientenkontakt im Rettungsdienst und im Krankentransport. Hier ist der Rettungsassistent innerhalb seines Aufgabenspektrums verschiedenen Anforderungen ausgesetzt.

Die Erwartungen unterschiedlicher Bezugspersonen im rettungsdienstlichen Einsatz aneinander sind oft disparat (unvereinbar) (z.B. Rettungsassistent und Notarzt oder Rettungsassistent und Geschäftsführer) (Kühn et al., 2007). Nach Kühn et al. (2007) erfordert die Arbeit des Rettungsassistenten zu Zeiten, in denen der Körper sich üblicherweise erholt, eine psychische und physische Höchstleistung. Der Schichtdienst stellt nicht nur für den menschlichen Organismus eine erhebliche Belastung dar, sondern auch für die Familie und Partnerschaft.

Berufspolitische Debatte

Die berufspolitische Debatte über die Zukunft des Rettungsassistenten findet eine bundesweite Aufmerksamkeit, da viele Aspekte des gesellschaftspolitischen Miteinanders und der Auswirkungen des demographischen Wandels für den Rettungsdienst angesprochen sind.

In einer Stellungnahme der Bundesärztekammer 2007 findet sich das seit vielen Jahren längst überfällige Engagement für die Novellierung der Rettungsassistentenausbildung, da die derzeitige zweijährige Rettungs-assistentenausbildung nicht mehr dem komplexen Berufs- und Anforderungs-bild des Rettungsfachpersonals gerecht wird.

Nach Pantzer (2007) stellt sich mit einer Novellierung der Rettungsassistenten-ausbildung die Frage der Ausbildungsziele und des Kompetenzspektrums neu.

Die berufspolitische Diskussion um die Ausbildung (inhaltlich und strukturell) der Rettungsassistenten verläuft seit Jahren kontrovers. Der Lehrgang für Rettungsassistenten ist lt. § 4 RettAssG von einer staatlich anerkannten Schule durchzuführen. Über die Organisation und Struktur der Ausbildungsstätten können die Länder hierbei selbst bestimmen. Um den Rettungsdienstschulen eine größere Dispositions- und Organisationsfreiheit zu gewähren, erfolgt keine weitere Präzisierung der Ausbildungsinhalte zeitlich und sachlich bezogen auf die einzelnen Ausbildungsabschritte (Kühn et al., 2007). „Die Berufsausbildung im Rettungsdienst unterliegt nicht dem Berufsbildungsgesetz (BBiG). Die rechtliche und administrative Regelung der Berufsausbildung im Rettungsdienst entspricht nicht dem in der BRD allgemeinen üblichen Grundstrukturen des Berufsbildungssystems“ (Kühn et al., 2007, S. 675). Diese Situation stellt die Ursache für ein unübersichtliches und qualitativ kaum überprüfbares Unterrichts- und Ausbildungskonglomerat dar.

3.2 Stand der Forschung und Entwicklung im Rettungswesen

Nach Beerlage, Arndt, Hering & Springer (2007) existieren bisher für die Gestaltung langfristiger gesundheitsfördernder und engagementsfördernder arbeitsorganisatorischer Rahmenbedingungen nur wenige empirisch fundierte nationale und internationale Studienergebnisse. In der Bundesrepublik Deutschland (ohne Niedersachsen) waren im Jahr 2000 fast 32000 Personen beschäftigt (Behrendt, 2008). Die Personalstruktur im Rettungsdienst in Deutschland setzt sich aus den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kräften sowie den Zivildienstleistenden zusammen. Letztere stehen zum Zeitpunkt der Erhebung der Bachelorarbeit in Deutschland nicht mehr zur Verfügung.

Durchschnittlich fallen ca. 53,1 Millionen Jahresstunden des Rettungsdienstfachpersonals (ohne Niedersachsen) an. Differenziert betrachtet entspricht der Anteil an hauptamtlichen Kräften hierbei 84%, der Anteil an zivildienstleistenden Kräften 9% und an ehrenamtlichen Kräften 7% (Behrend, 2008).

Heringshausen, Hering, Nübling & Brauchle (2009) untersuchten in einer Studie 545 Rettungsfachkräfte. Die Auswertung dieser empirischen Untersuchung zeigt auf, dass das Vergabefahren im deutschen Rettungsdienst, Ausschreibungen alle vier bis sechs Jahre durchzuführen, starke Auswirkungen bezogen auf die Arbeitsplatzunsicherheit zeigt (doppelt so hohe Einstufung im Vergleich zur COPSOQ (Copenhagen Psychosocial Questionaire) Vergleichsgruppe, hier 6821 Mitarbeiter aus Gesundheitsberufen). Die verwendete verkürzte deutsche COPSOQ Version von Nübling et al. (2005) ist ein Ergebnis der deutschen COPSOQ Erprobungsstudie (Langversion), die im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) von der Freiburger Forschungsstelle für Arbeit- und Sozialmedizin (FFAS) und externer Kooperationspartner im Zeitraum von 2003 – 2005 durchgeführt wurde.

Eingeschätzt werden kann, dass sich in Deutschland im Vergleich zu den USA und Großbritannien der Forschungsstand zu Belastungen und Beanspruchung in der Arbeitswelt „Rettungsdienst“ eher zurückhaltend verhält (Schreml, Audorf-Bolm & Woitowitz, 1986). Wissenschaftliche Untersuchungen in diesem Bereich sind bis auf wenige publizierte Fachartikel in Rettungsdienstzeitschriften als gering einzuschätzen. Problematisch für das Untersuchungsdesign bei Einsatzkräften ist die Tatsache, dass das Rettungsfachpersonal zumeist nur als Teilgruppe der untersuchten Gesamtheit der Feuerwehrleute erfasst wird (Reichl, Thrift & Reichl, 1981; Murphy, 1994; AMD, 1996).

Bedeutsame Ergebnisse zur Höhe von Arbeitsbelastungen und beruflicher Unzufriedenheit wurden von Runggaldier (1997) veröffentlicht. Die durchschnittliche Dauer der Berufsausübung von Einsatzkräften wird hier mit 10,5 Jahren als durchschnittliche Dauer angegeben. Hypothetisch formulierte er, dass Berufserwartungen häufig nicht mit der Berufswirklichkeit korrelieren (Runggaldier, 1997).

2009 veröffentlichte Heringshausen (2009) Fragebogenergebnisse zum Zusammenhang des Body Mass Index (BMI) der World Health Organization (WHO) mit unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen (24 Stunden, 12 Stunden und 8 Stunden) bei Rettungsdienstfachkräften (N=545) (vgl. Tab. 1). Häusler (1995) belegt die Entstehung von Übergewicht nicht nur durch ungesunde Ernährung, sondern vor allem durch das Zusammenwirken von Zeitdruck, Hektik und einseitiger Verpflegung.

Tab. 1: Übergewicht nach BMI - Arbeitszeitmodelle - Quelle: Heringshausen (2009)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zwischen den Gruppen des 24 Stunden Dienstes und des 8 Stunden Dienstes zeigt die Auswertung der Daten des Body Mass Index (BMI) nach Heringshausen (2009) einen statistisch bedeutsamen Unterschied (signifikant).

Andere Autoren zeigen in ihren Untersuchungen zur Belastung durch die Arbeit im Rettungsdienst, dass sich die subjektiv hoch empfundene körperliche Belastung einschränkend auf die Freizeiterholung (keine Unternehmungen) nach dem Dienst auswirkt (20% der Rettungsdienstmitarbeiter) (Brecheisen 1992). Eine signifikante Erhöhung des Katecholamin und des Cortison am Tag der Früh- und Nachtschicht im Vergleich zum Ruhetag beschreibt eine Untersuchung von 44 Rettungssanitätern (RS) (Schreml et al., 1986). Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt Jamner (1991) bei der Untersuchung von 30 Rettungssanitätern als Zeichen von Stress und Anspannung.

In einer Untersuchung zu Beanspruchungsfolgen und Beeinträchtigungen im Rettungsdienst steht die Qualität der Verbundenheit von Beschäftigten zu ihrer Organisation nach Hering (2009) in engem Zusammenhang zu Engagement und Burnout.

Die Befragung von 3317 Einsatzkräften zu belastenden Erfahrungen bei Einsätzen in der Feuerwehr, dem Rettungsdienst und der Bundespolizei ergab, dass die Kollegen mindestens eine traumatisierende Erfahrung im Rahmen ihres Dienstes erlebt hatten (Teegen, 1999). Dem gegenüber machen Beerlage et al. (2009) deutlich, dass die Verdachtsdiagnose Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) in Zusammenhang mit einem beruflichem Ereignis für Einsatzkräfte der Organisationen mit Sicherheitsaufgabe nur für ca. 1% der Befragten vergeben wird (Beerlage et al., 2009). Erhebungen von Teegen (1999) sowie Wagner, Heinrich und Ehlert (1998) führen jedoch einen Verdachtsdiagnoseanteil der PTSB von 18% bis 35% an. Hierbei besteht die Möglichkeit, dass die Einsatzkräfte innerhalb der letzten 10 Jahre ausgeschieden sind.

Fundierte gesundheitswissenschaftlich, salutogenetisch orientierte empirische Untersuchungen bei Einsatzkräften in der Feuerwehr, dem Rettungsdienst und der Bundespolizei fokussieren in jüngster Literatur auf ein breites Spektrum eingeschränkter psychischer und körperlicher Gesundheit sowie Beanspruchungsfolgen wie Burnout.

Forschungsstand zu Organisationskultur und Organisationsklima

Ein nicht unerheblicher Anteil in der Organisationsforschung befasst sich mit den Eigenschaften und Merkmalen, durch die Organisationen besser beschrieben und unterschieden werden. In der empirischen Organisationsforschung sind die am häufigsten verwendete Begriffe die der Organisationskultur und des Organisationsklimas. Beide Begriffe lassen eine inhaltlich scharfe Trennung zu. Organisationskultur- und Organisations-klimaforschung werden beforscht, am häufigsten finden sich Studien zur Organisationsklimaforschung. Die Aussagekraft dieser Studien, bezogen auf die Gesundheit, wird als bedeutsam eingeschätzt (Beerlage et al., 2007).

3.3 Die demographische Entwicklung als Herausforderung für den Rettungsdienst

In allen Lebensbereichen ist beeinflusst durch den demographischen Wandel, die Begrenztheit von Ressourcen immanent. Der Umgang innerhalb dieser Grenzen gehört zu den Herausforderungen des Alltags (Fuchs, 2010).

Die Folgen einer alternden Gesellschaft (demographischer Wandel) erstrecken sich unbestritten auf die Lebensbereiche Berufswelt, Bildungsangebote, Stadtplanung, Freizeitgestaltung, Konsumverhalten, Gesundheitsversorgung, etc. (Prückner & Madler, 2009).

Im Forum des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler (2008) zum demographischen Wandel heißt es: „Der demographische Wandel wird unsere Gesellschaft und unser Miteinander verändern. Welche vielfältigen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche das mit sich bringt, beginnen wir in Deutschland gerade erst richtig zu erfassen. (…) Die Herausforderungen früh zu erkennen und Probleme offen zu benennen, ist der beste Weg, sie zu lösen“.

Wichtige Fakten der demographischen Entwicklung:

- bis zum Jahr 2050 leben 14 Millionen Menschen weniger als heute (Statistisches Bundesamt, 2006)
- der Anteil der älteren Bevölkerung wird deutlich ansteigen (destatis, 2006)
- jeder dritte Deutsche wird 2020 älter als 60 Jahre sein (Bertelsmann Stiftung, 2008; BMFSFJ, 2006; destatis, 2006)
- die Umkehrung der Bevölkerungspyramide wirkt sich unmittelbar auf die künftig verfügbaren Arbeitskräfte aus (BMFSFJ, 2006).

Selbstverständlich ist die demographische Entwicklung für unser Gesundheitsversorgungssystem bedeutungsvoll. Das Fachpersonal im Rettungsdienst wird als besonders exponierte Gruppe für psychische und physische Belastungen bezeichnet (Gebhardt et al., 2006). Infolge der berufspolitischen Interessen und des demographischen Wandels unterliegt der Bedarf nach notfallmedizinischer Leistung einer ständigen Veränderung. Benannt werden kann neben dem quantitativen Missverhältnis zwischen „Alten“ und „Jungen“, auch die Mortalitätsreduktion, die Zunahme älterer Menschen, die steigende Lebenserwartung sowie das Sinken der Geburtenzahlen und die gesellschaftlichen Einflüsse. Sinkende oder gleich bleibend niedrige Geburtenzahlen bei steigender Lebenserwartung führen zur Alterung der Bevölkerung mit Bevölkerungsrückgang. Das Ergebnis ist ein unausgewogener Altersaufbau (Kühn et al., 2007). Marktwirtschaft, Wettbewerbsprinzip, Ressourcenbegrenzung und Kostenreduktion führen zu einer Veränderung in der Versorgungslandschaft.

Weitreichende Auswirkungen auf die Einsatzkräfte im Rettungsdienst und der Feuerwehr hat der Prozess des demographischen Wandels, ausgehend von einer immer älter werdenden Gesellschaft mit sinkenden Geburtenzahlen. Anhand der Ergebnisse der mittleren Variante der zehnten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung ist trotz abnehmender Bevölkerung bis 2050 ein Ansteigen der Einsatzkennzahlen von 25% anzunehmen, was im Verhältnis zu den dann vorhandenen Bevölkerungszahlen 56% entspricht. (Behrend & Runggaldier, 2009). Schon mittelfristig führt diese demographische Entwicklung zu deutlichen Steigerungen der Einsatzzahlen und zu veränderten Patientenstrukturen. Damit verbunden sind auch eine höhere Beanspruchung und Belastung im Einsatzwesen (Runggaldier, 2009). Speziell im Rettungsdienst/Feuerwehr kommt es darauf an, dass das eingesetzte Personal kurzfristig physische und physische Höchstleistungen erbringen kann (Bonack, 2010).

Vor dem Hintergrund dieser mittleren Bevölkerungsprognose ist auch davon auszugehen, dass sich die Arbeitsbelastungen im Rettungsdienst und der Feuerwehr vervielfachen werden. Diese demographischen Auswirkungen werden sich in der gesundheitlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Situation widerspiegeln.

Die Unternehmen und Organisationen im Rettungsdienst/Feuerwehr sind bereits in der Gegenwart gefordert sich damit auseinander zu setzen, den Arbeitsplatz der Zukunft zu gestalten, um mit einer alternden gesunden Belegschaft auch weiterhin im globalen Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Auswirkungen des demographischen Wandels erfordern im Gesundheitswesen deutliche Veränderungen (Koch, Wendt, Lackner & Ahnefeld, 2008). Die Schaffung notwendiger Rahmen- und Strukturbedingungen wird zu einem der Hauptaufträge werden (Prückner, Luiz & Steinbach-Nordmann, 2008).

Steigende Anforderung und Ressourcenoptimierung zeigen zusammengefasst eine Komprimierung des Leistungsgeschehens und erfordern eine Anpassung der Professionalisierung und Qualifizierung der Beschäftigten im Einsatzwesen Rettungsdienst/Feuerwehr. Damit wird die Betrachtung der eigenen Gesundheit durch die Einsatzkräfte in Zukunft im Sinne einer Ressourcenoptimierungsnotwendigkeit der Organisationen an Bedeutung gewinnen. Der wichtigste Erfolgsgarant des deutschen Rettungswesens ist das Personal (Runggaldier, 2009).

Hier kann das Projekt „Gesunde Einsatzkräfte im Rettungsdienst –GERD®– Projekt mit Zukunft“ mit dem Fokus auf die zukünftigen Einsatzkräfte und deren zu entwickelnde, veränderte Haltung zu Gesundheitsprävention als erfolgversprechende Umsetzung erprobt werden.

3.4 Theoretische Modelle

3.4.1 Stress

Der Stressbegriff muss hinsichtlich einer genauen Definition als uneinheitlich eingeschätzt werden. Die Konzepte zu Beanspruchung, Belastung, Eustress, Distress, Risikofaktoren wurden zum Teil synonym, aufeinander bezogen oder abgegrenzt voneinander beschrieben. Je nach Wissenschaftsdisziplin und Fokus werden differenzierte Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Stressmodelle deutlich (Lauterbach, 2005).

Die Deutsche Industrienorm (DIN EN ISO 10075) definiert psychische Belastung im Sinne erfassbarer Einflüsse, die in ihrer Gesamtheit auf den Menschen einströmen und psychische Wirkungen zeigen. Dieser Belastungsbegriff ist eng mit dem Kontext der Arbeits- und Organisationspsychologie verbunden. Der ursprüngliche Stress – Begriff geht auf den Physiologen Hans Selye (zit. nach Zimbardo und Gerrig, 2008) zurück. Stress definierte er als Überbeanspruchung des menschlichen Organismus auf Grund der Einwirkung starker physischer, nervlicher und psychischer Belastungen. Zimbardo und Gerrig (2008) definieren Stress als Antwort des Organismus auf Reizereignisse. Hervorgerufen werden sie durch ein Muster spezifischer und unspezifischer Reaktionen, die Fähigkeiten zur Bewältigung strapazieren und überschreiten, was zur Beeinträchtigung des Gleichgewichtes führt. Die Ursache für Stressfaktoren sind so genannte Stressoren. Laut Walter (2004) sind Stressoren abhängig von der Unvorhersehbarkeit, der Mehrdeutigkeit, der Unkontrollierbarkeit, den Antizipation negativer Konsequenzen, den Umweltbedingungen, dem sozialen Umfeld aber auch von der Persönlichkeit. Die Auseinandersetzung mit dem Stressbegriff als notwendige menschliche Reaktion, um Bedrohungssituationen abzuwenden soll an dieser Stelle ebenso erwähnt werden (Ulich, 2001). Nitsch (1981) beschreibt Stress als Lösungsversuch, sich gegebenen Anpassungsanforderungen zu stellen. Diese Annahme wird in biologischen, sozialen und psychologischen Stressmodellen unterschiedlich thematisiert und definiert (Hering, 2009).

Lazarus (1966, zit. nach Lazarus & Folkmann, 1984) entwickelte das transaktionale Stressmodell. Er ging entgegen anderer Stresstheorien davon aus, dass nicht die Eigenschaften der Reize oder Situationen Bedeutung für die Reaktion haben, sondern stellt die subjektive Bewertung der Stressoren durch den Betroffenen in den Vordergrund.

Zahlreiche Untersuchungen der Humanwissenschaften widmen sich dem Thema Stress in der Arbeit mit Bezug auf die Gesundheitsauswirkungen und unterscheiden drei zentrale Modellvorstellungen: reizzentrierte Modelle, reaktionszentriete Modelle, relationale Stressmodelle (Zimbardo & Gerrig, 2008).

Lauterbach (2005) definiert den Stressprozess in zeitlicher Dimension, bei der die Auswirkungen und die Qualität des Stressors durch die Auseinandersetzung, die Interaktionen sowie die Rahmenbedingungen zu einer Veränderung im Bewältigungs- und Ressourcenmanagement führen. Somit ist Stress nicht als linearer Prozess, sondern als komplexer Prozess zu verstehen. Daraus folgend resultiert, dass Wechselwirkungen zu Vorannahmen, Erklärungen, Bewertungen und Beschreibungen der Situation entstehen und wahrgenommene oder verfügbare Ressourcen der Bewältigung zu beachten sind (Lauterbach, 2005).

3.4.2 Burnout und Engagement

Seit einigen Jahren werden Burnout und gesundheitliche Beeinträchtigung empirisch untersucht und aus verschiedenen Perspektiven heraus diskutiert. Eine einheitliche Begriffsdefinition zu Burnout (englisch: burn out – ausbrennen) existiert nicht. Schaufeli & Buunk (2002) definieren Burnout als Prozess bzw. Zustand psychischer Erschöpfung. Haisch, Weitkunat & Wildner (1999) definieren Burnout als ausgebrannt sein aufgrund von Überlastungsgefühlen. Maslach & Leitner (2001) beschreiben Burnout als Arbeitsplatzproblem, in dessen Kontext der Umgang mit Stressfaktoren erlernt werden muss. Burnout wird als Merkmal einer Fehlfunktion innerhalb des Unternehmens interpretiert, das mehr über den Arbeitsplatz als die Arbeitskräfte aussagt (ebd.).

Die Verwendung des Burnoutbegriffes geht auf den deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Herbert Freudenberger zurück, welcher erstmals 1974 einen wissenschaftlichen Artikel zum Thema Burnout - Syndrom publizierte.

Laut Internationaler Klassifikation Psychischer Störungen (International Classification of Diseases - ICD 10) ist Burnout keine Krankheit mit klarem diagnostischem Bezug, sondern eine geistige, körperliche und emotionale Erschöpfung. Einzuordnen sind diese Faktoren unter der ICD 10 Gliederung „Z“: – als Faktoren, die eine Beeinflussung des Gesundheitszustandes und daraus resultierend die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems nach sich ziehen (DIMDI, 2011).

Die Auswirkungen ungünstiger Arbeitsbedingungen und Belastungen spiegeln sich in der subjektiv wahrgenommen Qualität von Gesundheit, z.B. dem Ausmaß des Wohlbefindens, der Belastbarkeit und der Beeinträchtigung wider. Für ein Burnout der Einsatzkräfte im Rettungsdienst ist die Datenlage als gering einzuschätzen (Hering & Beerlage, 2004; Hering, 2009).

Gesundheitsstörungen, die jedoch keine „Krankheiten“ (im Sinne der ICD 10 Klassifikation) sind, erhöhen u.U. die Vulnerabilität für krankheitsrelevante Störungen. Diese können durch ungünstige Arbeitsbedingungen ausgelöst werden und führen zu einer Beeinträchtigung des körperlichen und psychosozialen Wohlbefindens, des beruflichen Engagements, der individuellen Leistungsfähigkeit und der Einsatzfähigkeit (Hering & Beerlage, 2004; Beerlage, Hering & Nörenberg, 2006; Hering, 2009; Burisch, 2006; Enzmann & Kleiber, 1989).

3.4.3 Resilienz

Rudolf, Voderholzer und Hohagen (2006) definieren Resilienz als Fähigkeit der Aufrechterhaltung von Gesundheit trotz vorhandener Risikofaktoren oder Vorzeichen einer Erkrankung (Widerstandsfähigkeit). Was erhält den Menschen gesund? Mit dieser zentralen Frage beschäftigt sich die Resilienz- und Schutzfaktorenforschung (Lyssenko, Rottmann & Bengel, 2010). Die Bewältigung von Belastungen und Risikolagen ist mit hohen Anforderungen an die Entwicklung emotionaler, sozialer und kognitiver Kompetenzen und reflexiver Fähigkeiten verknüpft. Resilienz bezeichnet somit konkret die psychische Widerstandsfähigkeit (engl. resilience = Spannkraft, Strapazierfähigkeit, Elastizität). Die Grundlagen für die Entstehung risikomindernder beziehungsweise schützender Faktoren von Resilienz werden insbesondere innerhalb und außerhalb einer Person gesehen. Schutzfaktoren sind Einflüsse, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Störungen bei Vorliegen von Belastungen vermindern (ebd). Nach Schumacher, Leppert, Gunzelmann, Strauß und Brähler (2005) geht der Risiko - Resilienz - Ansatz der Frage nach, wie es gelingt sich trotz ausgeprägter Belastungen und Risiken gesund zu erhalten bzw. sich bei Störung und Erkrankung im Vergleich zu Anderen deutlich schneller zu regenerieren. Ein protektiver Effekt kann sich nur entfalten und damit den Risikofaktor moderieren und abpuffern, wenn eine Ressource bereits vor dem Eintreten einer Belastung vorhanden ist (Lyssenko, Rottmann & Bengel, 2010).

Zu den Bewältigungsstrategien liegen uneinheitliche Befunde vor. Mit einer resilienten Anpassung geht eher eine aktive und problembezogene Bewältigungsstrategie einher. Vermeidungsstrategien und emotionsbezogenes Coping scheinen in bestimmten Situationen eine schützende Wirkung zu haben (ebd). Nach Ansicht von Petermann und Niebank (1999) ist die Resilienz das positive Gegenstück zur Vulnerabilität.

Die Kenntnis über die Determinanten der Resilienz fördert das Empowerment, beugt psychischen Erkrankungen vor und verbessert das Selbstmanagement bei Erkrankungen (Rudolf, Voderholzer & Hohagen, 2006).

Ein besonderes Interesse an resilienten Gesundheitsressourcen findet sich im Kontext der Lebenslaufforschung wieder. Diese prozessuale Sichtweise ermöglicht eine Beachtung des Einflusses und der Wechselwirkungen personenbezogener und umweltbezogener Maßnahmen zur Gesunderhaltung (Kruse, 2004).

3.4.4 Salutogenese

Salutogenese („salus“ - lat. für Unverletztheit, Heil und Glück sowie „genese“ -griech. für Entstehung) ist als ressourcenorientiertes Konzept im Gegensatz zur Pathogenese dem defizitorientierten Konzept nicht nur als Kehrseitenmodell entstanden, sondern als ein bahnbrechender Prozessgedanke zu Gesundheit. Das integrative Gesundheitsmodell des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1979) beinhaltetet als wichtige Bausteine die Konstrukte des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums, des Kohärenzsinns (sense of coherence = SOC) sowie die Elemente von Stressoren und Spannungszuständen (Vulnerabilität) und generalisierten Widerstandsressourcen (Resilienz) (BZGA, 2001). Es lässt sich eine Verbindung zur Stressforschung (vgl. Lazarus und Folkmann, 1984) herstellen.

Warum bleiben viele Menschen auch mit hohen Belastungsanforderungen gesund? Welche Faktoren tragen dazu bei, dass sie unter diesen Bedingungen gesund bleiben, Stressoren widerstehen oder sich auch nach Störungen der Gesundheit wieder erholen? Wie gelingt es Menschen mehr gesund und weniger krank zu werden (Waller, 2006)?

Das Ergebnis des Bemühens des Organismus, das Verhältnis zwischen bedrohlichen (vulnerablen Faktoren) und andererseits gesundheitsförderlichen (schützenden, resilenten Faktoren) Anteilen in Richtung zumindest eines Gleichgewichts zu beeinflussen, scheint manchen Menschen eher zu gelingen. Diese verfügen nach Antonovsky (1979) über drei Grundorientierungen bzw. Einstellungen (Sense of Coherence), die Gesundheit bzw. Gesundung befördern. Die Ausprägung dieser Dimensionen:

1. Verstehbarkeit (comprehensibility = Erfahrungen werden als sinnhaft, vorhersehbar, durchschaubar und erklärbar wahrgenommen),
2. Bewältigbarkeit (manageability = Herausforderungen werden als bewältigbar wahrgenommen, Gaube an die Verfügbarkeit geeigneter Ressourcen) und
3. Sinnhaftigkeit (meaningfulness = Herausforderungen werden als prinzipiell lohnenswert bewertet)

bestimmen die Wahrnehmung von Stressoren (wertfrei als Herausforderungen benannt) (Antonovsky, 1997). Die Aktualität im Modell von Antonovsky wird nach wie vor durch die Komplexität und die notwendige Interdisziplinarität in den Vorstellungen zu Gesundheitsverhalten und Gesundheitsprävention als Orientierungsrahmen bestimmt. Lauterbach (2005) schreibt hierzu, dass durch die Salutogenese eine Möglichkeit geschaffen wird, Ausgangspunkte für konkrete Entwicklungsprozesse herzustellen, die im gesundheitsförderlichen Sinne „weit über das Vermeiden schädigender, pathogener Einflüsse …hinausgehen“ (Lauterbach, 2005, S. 30).

Die Notwendigkeit zur konzeptionellen Weiterentwicklung sah bereits Antonovsky (1979) selbst aufgrund der Dynamik gesundheitswissenschaftlicher Erkenntnisgewinne. Andere Autoren weisen ebenso auf Grenzen des Modells und empirisch erforderliche Untersuchungen zum wertvollen Zusammenhang zwischen Kohärenzsinn und psychischer Gesundheit hin (Hurrelmann, 2010; Waller, 2006).

3.4.5 Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit

Unterschiedliche Fachdisziplinen haben sich wissenschaftlich mit den Auswirkungen und Folgen von Belastung und Beanspruchung als Konstrukte für die Beschreibung von Themen der Lebenszufriedenheit und des Wohlbefindens befasst. Die differentielle Psychologie entwickelte Modelle des subjektiven Wohlbefindens (Mayring, 1994; Becker, 1994) und setzte sich mit Komponenten von Lebensqualität als breitem Gebiet der Wissenschaft auseinander. In Franze (2002) wird darüber hinaus der klinischen Psychologie mit ihren Konzepten zur psychischen Gesundheit und den Dimensionen des psychological well-beeing (Franze, 2002) Bedeutung in der wissenschaftlichen Diskussion gewährt. Die arbeitsmedizinische und organisationspsychologische Forschung sieht den Schwerpunkt der Bedeutung von Belastungs- und Beanspruchungskonzepten in der individuellen Gesundheitsentwicklung auch in Zusammenhang mit Auswirkungen im sozialen und familiären Bereich (Heringshausen, Karutz und Brauchle, 2010).

Der hier zu untersuchende Rettungsdienst sieht sich mit einer Merkmalsliste von hohen Anforderungen konfrontiert. Entsprechendes ist publiziert und soll an dieser Stelle nur Erwähnung finden. Hohe Belastungen und Beanspruchungen wie im Rettungsdienst sind wertneutral zu definieren und lassen sich nicht kausal mit einer Beeinträchtigung von Wohlbefinden verbinden (ebd).

Der Begriff des Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit ist für den Rahmen dieser Arbeit dem der gesundheitlichen Lebensqualität vorzuziehen, da Letzterer kontextgebunden eher in der Therapie- und Rehabilitationsverlaufsforschung zu finden ist (Beermann, 2008).

Belastungsfaktoren im Rettungsdienst werden in den Arbeitsbedingungen, der Arbeitsorganisation, der Arbeitstätigkeit selbst und in den sozialen Beziehungen gesehen. Für die Begriffsbestimmung des Wohlbefindens wird die Gesamtheit temporärer (kurz-, mittel-, langfristig) positiver Stimmungen und Gefühle in Zusammenhang mit Umwelteinflüssen und dazugehörigen Bewertungsprozessen durch die Person betrachtet (ebd.) Costa (2003, zit. nach Heringshausen, Karutz und Brauchle, 2010) betont das Ausmaß und die Qualität von sozialer Unterstützung (insbesondere familiär) sowie Integration für die individuelle Gesundheitsentwicklung.

Zusammenfassend wird die Bedeutung von individuellen Copingstrategien, der Qualität sozialer Integration und Unterstützung durch den Familienverband in Abhängigkeit zur Art der Belastung für die hier geplante Untersuchung von Beanspruchungsfolgen für die Gesundheit im Rettungsdienst betont.

3.4.6 Job Demands-Resources Model (JD-R Model)

Das Job Demands-Resources Model ist theoriebezogen mit dem Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie verbunden und prüft gruppenspezifische Zusammenhänge, wie z.B. das Wohlbefinden der Mitarbeiter und die daraus resultierende Leistungsbereitschaft (Bakker & Dermerouti, 2007). Das JD-R Model ist eine Alternative zu andere Modellen von Wohlbefinden wie das Demand-Control-Support Model - DCSM (Anforderungs-Kontroll-Modell) nach Karasek & Torell (1990) und das Effort-Reward-Imbalance Model – ERI (Gratifikationskrisen-Modell) nach Siegrist (1996).

Schaufeli & Bakker (2004) untersuchten auf der Grundlage des JD-R Models gruppenspezifische Zusammenhänge in Wahrnehmung subjektiver arbeitsspezifischer Gesundheit, Zusammenhänge zu Organisationsmerkmalen und zu Organisationsprofilen. Nach Bakker & Dermerouti (2007) wird unterstellt, dass das Verhältnis von Arbeitsanforderungen und Ressourcen die Unterschiede bei der subjektiven arbeitsbezogenen Gesundheit in Organisationseinheiten im Einsatzwesen definieren. Unterteilt wird das JD-R Model in die Kategorien Arbeitsanforderungen und Job-Ressourcen.

Hering, Arndt & Beerlage (2007) bilden auf der Basis von Rettungsdienstdaten

Organisationsgruppen, die sich bezogen auf die Ausprägung arbeitsorganisatorischer Merkmale voneinander abgrenzten. Ein Vergleich erfolgte anhand der Indikatoren Burnout und Wohlbefinden des arbeitsbezogenen Gesundheitszustandes.

3.4.7 Job-Demand-Control-(Support)-Model (DCSM)

Zu den bedeutendsten organisations- und arbeitspsycholgischen Anforderungs- und Ressourcenmodellen im Kontext arbeitsbezogener Stressforschung gehört das Job-Demand-Control-Model (JDCM), welches auf den amerikanischen Soziologen Robert Karasek (1979) zurückgeht (Karasek & Theorell, 1990).

Das JDCM setzt sich mit den Themen der Arbeitsbelastung, der arbeitsbezogenen Gesundheit sowie der Organisationsentwicklung auseinander. Es bezieht sich auf Zusammenhänge zwischen Arbeitsanforderungen (job demand) und Handlungsspielraum/Kontrolle (control). Johnson, Hall & Theorell (1989) erweiterten das Modell von Karasek (1997) um den Faktor der sozialen Unterstützung in Organisationen (social support) (DCSM).

Hering (2009) führt an, dass die Möglichkeit der Einflussnahme und der Kontrolle über die Ausführung der Arbeit, sowie die an die Arbeit gestellten Anforderungen den Gesundheitszustand der Beschäftigten beeinflusst. Das DCSM beschreibt somit die Zusammenhänge zwischen relevanten Belastungen, Anforderungen und Belastungsfolgen (Akerboom & Maes, 2006). Nübling et al. (2005) führen an, dass umfangreiche Handlungsspielräume und soziale Unterstützung den negativen Berufsanforderungen protektiv entgegen wirken.

Das DCSM spiegelt zusammengefasst das gesundheitliche Risiko, resultierend aus den Arbeitsbelastungen (z.B. Zeit- und Leistungsdruck), den Kontrollmöglichkeiten (Handlungsspielräume) und der sozialen Unterstützung (z.B. Vorgesetzte) wider.

3.4.8 Zusammenfassung

Die hier genannten Modelle dienen dazu, Fragestellungen und Methoden zur Bearbeitung des Themas Gesundheit im Ausbildung- und Organisationsprozess abzuleiten.

Die hier vorgestellten Modelle werden dem Anspruch gerecht werden, Gesundheit in der Form transparenter Vernetzung komplexer Bestandteile zu beschreiben. Sie schaffen damit eine Plausibilität, die für Menschen unter Anforderungsbelastung nutzbar ist, um Veränderungsprozesse für eine Gesundheitsorientierung einzuleiten.

Abschließend sind einige Ergebnisse aus der Dokumentenrecherche (Tab. 2) für Schlüsselbegriffe dieses Kapitels zusammengestellt.

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Titel: Gesundheit von Einsatzkräften im deutschen Rettungsdienst