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Kolonialismus und Rassismus im Deutschen Reich

Zur Genese rassistischer Prinzipien im 19. und frühen 20. Jh.

Zwischenprüfungsarbeit 2008 45 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rassismus und Wissenschaftsgeschichte

3. Rassismus in den Kolonialkriegen
3.1 Der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika (1904-1907)
3.2 Der Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika (1905-1908)
3.3 Vergleich und Bewertung der beiden Kolonialkriege

4. Die Kolonialkriege als früher Genozid und Vorläufer des Holocaust?
4.1 Zur Definition und Unterscheidung der Begriffe Genozid und Holocaust
4.2 Zur Anwendung der Kriterien auf die Kolonialkriege
4.3 Zusammenfassung und Gewichtung der Untersuchungsergebnisse

5. Rassistische Geschlechterpolitik? Das Problem der Mischehen
5.1 Imperiales Patriarchat und nationaler Liberalismus als Spielarten des männlichen Rassismus
5.2 Vergleich der Rassentrennungsgesetze in DSWA, DOA und DS
5.3 Die Folgen der Rassentrennung für afrikanische und deutsche Frauen

6. Zusammenfassung und Ausblick: Von Windhoek nach Nürnberg?

7. Literatur

1. Einleitung:

Der deutsche Kolonialismus in Afrika erscheint nicht nur in neueren Untersuchungen zu diesem Themenkreis, sondern bereits in zahlreichen Primärquellen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert als ein äußerst heterogenes und komplexes Phänomen, dessen verschiedene Erscheinungsformen und Wirkungsebenen nur schwer von einander abzugrenzen sind.[1] Denn selbst wenn man sich bei der Beschäftigung mit dieser Epoche der europäischen Geschichte weitgehend auf eine Betrachtung der spezifisch deutschen Spielart des Kolonialismus in Afrika beschränkt und eine weiter reichende europäische oder gar internationale Perspektive, der gerade im Zeitalter der Globalisierung[2] wachsende Bedeutung zukommt, vernachlässigt, sieht man sich immer noch mit einer großen Anzahl von unterschiedlichen Fragestellungen und Forschungsperspektiven konfrontiert, die nur schwer unabhängig von einander untersucht werden können: Zunächst ergibt sich - gerade vor dem Hintergrund aktueller kultur- und mentalitätsgeschichtlicher Forschungsansätze - das Problem einer zeitlichen und räumlichen Eingrenzung dieser Epoche.[3] Denn in diachroner Perspektive stellt sich zwangsläufig die Frage, ob man den Beginn des vergleichsweise späten, kurzen und räumlich stark begrenzten deutschen Kolonialismus auf dem afrikanischen Kontinent mit eher verwaltungspolitischen Entscheidungen, wie sie z.B. auf der Kongo-Konferenz von 1885 getroffen wurden, datieren sollte oder ob man nicht – in einer kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Perspektive - viel eher wesentlich längere Zeiträume betrachten sollte, um genauer hinterfragen zu können, wie sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert auch und gerade in Deutschland ein spezifischer kolonialer Diskurs entwickelte,[4] der schon lange vor den ersten aussagekräftigen Begegnungen zwischen Deutschen und Afrikanern spezifische europäische bzw. deutsche Wahrnehmungsmuster der afrikanischen Bevölkerung etablierte, die weitgehend im luftleeren Raum schwebten aber gerade deswegen eine große Rolle für die langfristige Entwicklung von europäischen und deutschen Vorurteilen gegenüber Afrikanern spielten.[5] Und in räumlicher Perspektive ergibt sich – neben Überlegungen zur jeweiligen Gewichtung von Vorgängen in den verschiedenen deutschen Kolonien in Togo, Kamerun, Deutsch-Ost- und Deutsch-Südwestafrika – vor allem die Frage, ob man sich bei einer Untersuchung des deutschen Kolonialismus eher auf die Vorgänge innerhalb der Kolonien oder auf die Entscheidungen in der kolonialen Metropole Berlin konzentrieren sollte oder ob man drittens die Wechselwirkungen bzw. die Interaktionsformen zwischen Zentrum und Peripherie in den Vordergrund rücken sollte.[6] Derartige Entscheidungen sind vor allem deswegen relevant, weil sie in Form einer methodischen und inhaltlichen Präfiguration zwangsläufig Auswirkungen auf den Verlauf und die Ergebnisse jeder Untersuchung zum Thema Kolonialismus haben müssen.[7] Bezüglich der zu verwendenden Primärquellen ergibt sich weiterhin das Problem, dass im Grunde genommen sämtliche Notizen, Tagebucheinträge sowie Forschungs- und Reiseberichte der deutschen „Kolonialpioniere“ aus nahe liegenden Gründen nicht als verlässliche Informationsquellen über die tatsächlichen Vorgänge bei der Durchquerung und Erforschung des afrikanischen Kontinents betrachtet werden können. Denn nicht zuletzt neuere Untersuchungen von Matthias Fiedler, Johannes Fabian, Birthe Kundrus und anderen haben deutlich gezeigt, dass eine enorme Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und -inszenierung der europäischen Forschungsreisenden auf der einen und ihren tatsächlichen Aktivitäten bzw. objektiven Tätigkeiten und Handlungserfolgen in Afrika bestand.[8] Nicht zuletzt aufgrund dieser äußerst prekären Quellenlage gestaltet sich die historische Rekonstruktion der Beziehungen zwischen europäischen Expeditionsteilnehmern und afrikanischen Ureinwohnern äußerst schwierig. Andererseits ermöglicht aber gerade diese subjektive Befangenheit und Selbstdarstellung vieler europäischer Afrikareisender im Umkehrschluss eine sehr detaillierte Betrachtung der jeweiligen europäischen bzw. deutschen Vorurteile, die in den verschiedenen Phasen des Kolonialismus an die afrikanische Bevölkerung herangetragen wurden. Und vor diesem Hintergrund kann man dann - unter einer kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Perspektive – recht gut nachvollziehen, wie sich im Verlauf der deutschen Kolonisationstätigkeit in Afrika eine spezifische Form der nationalen Überheblichkeit und kulturellen Suprematie der deutschen Kolonisierenden gegenüber den afrikanischen Kolonisierten entwickelte. Und genau dieser Ansatz soll im Verlauf der vorliegenden Arbeit anhand von drei exemplarisch herausgegriffenen thematischen Schwerpunkten verfolgt werden. Dabei soll zunächst im Bezug auf die allgemeine Wissenschaftsgeschichte untersucht werden, welche unterschiedlichen kulturellen, sozialen, politischen und wissenschaftlichen Faktoren im Verlauf des späten 18. und des 19. Jahrhundert zur Herausbildung einer spezifischen Form des Sozialdarwinismus bzw. Rassismus von Europäern oder genauer Deutschen gegenüber der afrikanischen Bevölkerung führten.[9] Dass hier in Anbetracht der enormen Komplexität dieser Thematik und des äußerst beschränkten Umfangs einer Seminararbeit nur einige wenige Schwerpunkte berücksichtigt werden können, bedarf wohl keiner genaueren Begründung. Dennoch bin ich der Ansicht, dass bereits eine knappe und konzise Darstellung wesentlicher Entwicklungsbedingungen des Sozialdarwinismus und Rassismus – jenseits von Detailstudien zu Wissenschaftlern wie Charles Darwin, Herbert Spencer, Joseph Arthur Graf de Gobineau, Samuel Thomas von Soemmering und Ernst Haeckel – ein recht gutes Verständnis für die Ursachen dieser Ideologien vermitteln kann, zumal sich wesentliche Teile dieser Geisteshaltungen in der Interaktion wissenschaftlicher Annahmen und Hypothesen mit weit reichenden sozialen und politischen Transformationsprozessen herausgebildet haben. Insofern sollte es möglich sein, anhand weniger exemplarischer Beispiele, wie der Bevölkerungsentwicklung und des Pauperismus in Deutschland, der Amerikaauswanderung des 19. Jahrhunderts, der Gründerkrise und der zunehmenden sozialen Gegensätze im deutschen Reich, wichtige Ursachen des Sozialdarwinismus aufzuzeigen.

Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse soll dann im zweiten Teil dieser Arbeit versucht werden, die konkrete Entwicklung rassistischer Weltbilder in den deutschen Kolonien in Deutsch- Südwest- und Deutsch-Ostafrika herauszuarbeiten. Dafür soll zunächst das Verhalten der deutschen Kolonisten gegenüber der afrikanischen Bevölkerung vor und während der Kolonialkriege in diesen beiden Regionen untersucht werden.[10] Anschließend soll in einem dritten Teil der Frage nachgegangen werden, inwiefern es sich bei den Kolonialkriegen um einen Genozid der Kolonialisten an der einheimischen Bevölkerung handelte und inwiefern dieser Genozid als Vorläufer des Holocaust an der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich betrachtet werden kann.[11] Schließlich soll im letzten Kapitel dieser Arbeit untersucht werden, wie der bereits vor den und während der Kolonialkriege bestehende Rassismus gegenüber den Afrikanern durch die Gesetze zur Rassentrennung von 1905 und 1906 weiter verstärkt und praktisch festgeschrieben wurde.[12] Dabei soll hier – im Anschluss an die Überlegungen in meinem damaligen Referat zum Thema „Koloniale Männlichkeit im Spiegel der Debatten über Sexualität und Ehe“ – die Forschungsperspektive durch einen Vergleich des Rassismus in Deutsch-Süd- und Deutsch-Ostafrika mit dem Rassismus in Deutsch-Samoa exemplarisch erweitert werden. Auf diese Weise kann meiner Ansicht nach noch einmal verdeutlicht werden, wie stark sich der koloniale Rassismus über phänotypische Merkmale bzw. das äußere Erscheinungsbild der betroffenen Ethnien konstituierte. Im Ausblick der Arbeit möchte ich dann abschließend noch einige Hinweise zu Untersuchungen von Birthe Kundrus geben, die eine direkte Kontinuität zwischen Kolonialkriegen und Holocaust auch bezüglich der Rassentrennung äußerst fraglich erscheinen lassen.

2. Rassismus und Wissenschaftsgeschichte:

Aus neueren Untersuchungen zur Genese des Rassismus bzw. des breiten Spektrums von Vorurteilen und Stereotypen, die von den Bewohnern der nord- und westeuropäischen Industrienationen und der USA gegenüber den Bewohnern der Entwicklungs- und Schwellenländer in den südlichen und östlichen Kontinenten der Erde vertreten wurden und werden, geht recht deutlich hervor, dass sich der europäische und amerikanische Rassismus spätestens seit dem 19. Jahrhundert parallel zum Fortschritt in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen entwickelten.[13] Hierbei wird im Folgenden allerdings genauer zwischen der Entwicklung in den Geistes- und Naturwissenschaften zu unterscheiden sein. Bereits im 18. Jahrhundert, das allgemein als Zeitalter der Aufklärung in die Geschichtsbücher eingegangen ist, zeichneten sich in verschiedenen Wissenschaftsbereichen Tendenzen ab, die als Primärformen von rassistischen Ideologien und Denkmodellen betrachtet werden können.[14] So stellten z.B. die von Lavater betriebenen Forschungen zur Physiognomik einen ersten Versuch dar, aus dem Phänotyp bzw. dem äußeren Erscheinungsbild eines Menschen, Rückschlüsse auf dessen charakterlichen und moralischen Wert zu ziehen.[15] Man versuchte hier also, rein äußerliche Faktoren als Indizien für innere Werte zu betrachten. Auf diese Weise wollte man z.B. Möglichkeiten finden, um anhand des äußeren Erscheinungsbildes eines Menschen, also seiner anatomischen Beschaffenheit, seines Gesichtsausdrucks, seiner Mimik und Gestik und seiner Körpersprache, entscheiden zu können, ob es sich bei diesem Menschen um einen Verbrecher oder ein moralisch integeres Mitglied der menschlichen Gesellschaft handelte. In diesem Zusammenhang spielten natürlich auch die unterschiedlichen Hautfarben von Menschen aus verschiedenen Ethnien eine zentrale Rolle. Und zudem versuchten bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert Gelehrte wie Thomas Samuel von Soemmering, Vergleiche zwischen den Schädelformen von Afrikanern und Affen anzustellen und aus hierbei vermeintlich festzustellenden Ähnlichkeiten Rückschlüsse auf eine biologisch bedingte geistige und kulturelle Inferiorität der Afrikaner gegenüber den Europäern zu ziehen. Derartige Bestrebungen, die Afrikaner als entwicklungsgeschichtliches Verbindungselement zwischen Primaten und europäischem Homo Sapiens zu betrachten, waren damals eine unmittelbare Konsequenz der vorwissenschaftlichen Suche nach dem „missing link“ zwischen Tier und Mensch, das man damals in Afrika vermutete. Wie weit Grundformen des Rassismus schon in dieser frühen Entwicklungsphase verbreitet waren, zeigt beispielsweise auch ein Kapitel aus Lessings berühmtem kunstästhetischen Werk Laokoon, in dem er das Wirkungsprinzip der „Lächerlichkeit“ am Beispiel eines fiktiven Liebesschwurs eines europäischen Mannes gegenüber einer hässlichen afrikanischen Hottentotten-Frau darzustellen versucht.[16] Weitere wichtige Anstöße zur Entwicklung des Rassismus gaben dann einerseits der Übergang von der klassischen Natur- und Kulturgeschichte zur modernen Biologie und andererseits der Wechsel von der historischen Nationalökonomie zur modernen Soziologie.[17] In diesem Zusammenhang muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass viele moderne Geistes- und Naturwissenschaften, wie die Geographie, die Ethnologie, die Anthropologie, die Psychologie, die Soziologie und die Biologie als professionalisierte Wissenschaftssysteme erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts aus vielfältigen früheren Vorläufern entstanden sind. Und der Entwicklungsprozess der Wissenschaften vollzog sich im 19. Jahrhundert eindeutig unter dem Primat der Naturwissenschaften, deren Siegeszug entschieden durch die vielfältigen technischen Neuerungen dieses Zeitalters befördert wurde. Schon seit der Französischen Revolution von 1789 und den Aufklärungsdiskursen des 18. Jahrhunderts (Leibniz, Lessing, Herder, Voltaire, Diderot, etc.) spielte der Gedanke des vermeintlich unaufhaltsamen wissenschaftlichen, technischen und damit auch menschlichen Fortschritts im Verlauf der Geschichte eine entscheidende Rolle. Die Frage, wohin dieser Fortschritt aber letztlich führen sollte bzw. wozu er eigentlich nützlich sein sollte, wurde dabei allerdings nur sehr selten gestellt und noch seltener zufrieden stellend beantwortet. Wissenschaftler, die sich im 18. (z.B. Schiller) oder 19. Jahrhundert mit eher fortschrittskritischen Fragestellungen beschäftigten, galten und gelten in der Öffentlichkeit meistens als schrullige Kulturpessimisten und wurden daher nie recht ernst genommen.[18] Nicht zuletzt durch die Einführung von Dampfschiff und Eisenbahn als neuen Massentransportmitteln und die gigantische Ausdehnung der jeweiligen Verbindungslinien und Streckennetze sowie durch die Einführung vollkommen neuer Medien und Kommunikationsmittel entstand in den Naturwissenschaften der Eindruck, dass kaum irgendetwas technisch nicht machbar und der Fortschritt der Menschheit insgesamt unaufhaltsam sei.[19] So wie im Mittelalter der Katholizismus wurde im 19. Jahrhundert der grenzenlose wissenschaftlich-technische Fortschritt zu einer allgemeinen Glaubensgrundlage oder (Ersatz-)religion.[20] Dies umso mehr, als durch die philosophischen Überlegungen Nietzsches und die psychoanalytischen Untersuchungen Freuds auch die letzten Bastionen den christlichen Glaubens im Bereich von menschlicher Ethik, Moral und Transzendenz nachhaltig in Frage gestellt und für einige Zeitgenossen sogar vollständig erschüttert worden waren.[21] Newton und Darwin galten im 19. Jahrhundert als die beiden unerreichbaren wissenschaftlichen Giganten, an denen sich alle anderen Wissenschaftler in irgendeiner Weise orientieren mussten. Und so wie man mit Newtons physikalischen Axiomen die Entwicklung des unbelebten Kosmos vollständig erklären zu können glaubte, meinte man mit Hilfe von Darwins Evolutionstheorie die biologische Genese sämtlicher Tier- und Pflanzenarten schlüssig erklären zu können.[22] Allerdings bestand in den Augen der Zeitgenossen ein wichtiger Unterschied zwischen der Entwicklung und Ausdehnung der Himmelskörper auf der einen und der Genese und Vervollkommnung der menschlichen Rassen auf der anderen Seite: Während die Entstehung und Ausdehnung des Kosmos ehernen astrophysikalischen Regularitäten folgte und daher keinerlei regulierendes Eingreifen des Menschen möglich und erforderlich war, galten für die Entwicklung der verschiedenen menschlichen Rassen andere Gesetzmäßigkeiten. Denn Darwin hatte in seiner 1859 erschienen Schrift „On the Origin of Species by Means of Natural Selection“ durch evolutionstheoretische Beobachtungen gezeigt, dass in der Natur nur diejenigen Arten langfristig überleben konnten, die sich optimal an die jeweiligen Umweltbedingungen und Lebensräume anpassen konnten und überdies in der Lage waren, sich auch im Kampf mit konkurrierenden Arten um Territorien, Ernährungsgrundlagen und Sexualpartner behaupten zu können.[23] Übertragen auf die verschiedenen menschlichen Rassen bedeutete dies, dass auch hier nur diejenigen Rassen langfristig überleben konnten, die in der Lage waren, sich optimal an ihre Lebensräume anzupassen und konkurrierende Arten aus ihren Territorien zu verdrängen. In diesem Sinne bemühte sich z.B. der deutsche Zoologe Ernst Haeckel in seiner 1869 erschienenen „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“[24], die zentralen Grundannahmen von Charles Darwin zur Evolution der verschiedenen Tier- und Pflanzenarten (natürliche Selektion, Konkurrenzkampf, survival of the fittest) auf die Evolution der menschlichen Rassen anzuwenden. Aber es kamen hier noch drei weitere Aspekte hinzu: Erstens gab es in der Natur keinerlei sozialstaatliche Maßnahmen zur Förderung von genetisch unterlegenen bzw. minderwertigen Rassen gegenüber genetisch überlegenen bzw. höherwertigen Rassen, zweitens wurde eine kontraproduktive Vermischung von verschiedenen Arten durch naturgegebene Fortpflanzungsschranken verhindert und drittens gab es hier offensichtlich nicht im selben Umfang das von Malthus für die menschlichen Rassen beschriebene Problem, eines ständigen Schrumpfens von Ressourcen und Lebensräumen aufgrund der (künstlich geförderten) überproportionalen Entwicklung der Menschheit. Mit diesen drei Punkten verhielt es sich nun aber bei den menschlichen Rassen vollkommen anders. Daraus ergab sich folgendes schwerwiegendes Problem: Wenn man erstens davon ausging, dass Darwin, Malthus und die anderen Evolutionstheoretiker, die deren Thesen unterstützten, mit ihren Annahmen über die Entwicklung der verschiedenen Arten im Zuge der natürlichen Evolution grundsätzlich richtig lagen und zweitens davon ausging, dass sich die Evolutionstheorie eins zu eins vom Tier- und Pflanzenreich auf die menschliche Gesellschaft übertragen ließe, dann musste man Mittel und Wege finden, um die sozialstaatlichen Fördermaßnahmen auf die Mitglieder der wirklich wertvollen menschlichen Rassen beschränken, die Vermischung von höher und minderwertigen Rassen verhindern und das Schrumpfen von Ressourcen und Lebensräumen für die höherwertigen Rassen verhindern zu können.[25] Und als diese Postulate auf der wissenschaftlichen Agenda erschienen, waren der moderne Rassismus und Sozialdarwinismus geboren. Denn diese relativ neuen und unbestreitbaren wissenschaftlichen Paradigmen des 19. Jahrhunderts korrespondierten mit ereignisgeschichtlichen, sozio-ökonomischen und geopolitischen Umbrüchen und Transformationsprozessen von kaum geringerer Tragweite, von denen hier nur die wichtigsten herausgearbeitet werden sollen: Zunächst war es im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Folge der Industriellen Revolution und der Explosion der Geburtenraten zu einem enormen Anstieg der Weltbevölkerung und somit natürlich auch zu einer extremen Zunahme der Bevölkerungszahlen in Deutschland gekommen. So vergrößerte sich die Weltbevölkerung von ca. 950 Millionen Menschen im Jahr 1800, über 1,2 Milliarden 1850 auf 1,6 Milliarden Menschen im Jahr 1900. Und in derselben Zeitspanne steigerte sich die Einwohnerzahl in Deutschland (auf dem Territorium des Deutschen Reichs von 1871) von ca. 23 Millionen Menschen um 1800 über 35 Millionen 1850 auf über 56 Millionen Menschen 1900.[26] Aufgrund der fortschreitenden Urbanisierung und der technisch rationellen Produktionsformen in den Großstädten auf der einen sowie des Niedergangs der landwirtschaftlichen Ökonomie und der Manufakturen in den ländlichen Bereichen auf der anderen Seite, konnte aber nur ein geringer Teil der Bevölkerung einen geeigneten bzw. hinreichend rentablen Arbeitsplatz finden. Dies wiederum hatte zunächst vor allem zwei Konsequenzen: Erstens wurden immer größere Teile der arbeitslosen ländlichen Bevölkerungsschichten und der erwerbslosen Industriearbeiter in die Armut getrieben, ein Vorgang der in der historischen Forschung als Pauperismus bzw. Entstehung des modernen Proletariats bekannt geworden ist, und zweitens entschlossen sich immer mehr Menschen aufgrund dieser für sie untragbaren sozioökonomischen Zustände, aus Europa zu fliehen und vor allem in den USA, dem damaligen Land der „unbegrenzten Möglichkeiten, ein neues Leben anzufangen:[27] Dies war die Geburtsstunde des so genannten „American Dream“, der die Möglichkeit des relativ schnellen und problemlosen Aufstiegs vom „Tellerwäscher zum Millionär“ verhieß. Dass die Wirklichkeit jedoch vollkommen anders aussah und ein Großteil der Auswanderer in den USA ebenfalls scheiterte, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Wie dem auch sein mag: Beide Entwicklungsprozesse, also die verstärkte Proletarisierung der Massen, die sich natürlich auch zunächst als neues sozialgeschichtliches Phänomen im 19. Jahrhundert herausgebildet hatten,[28] auf der einen und die Amerikaauswanderung von Europäern bzw. Deutschen auf der anderen Seite, stellten für die Reichsregierung in Berlin, ebenso wie für die Regierungen in anderen europäischen Ländern, ein ernstzunehmendes Problem dar. Denn die mittellosen und unterprivilegierten Massen, die unter dem Einfluss vom Marx und Engels und der politischen Parteien der Sozialdemokraten (später auch Kommunisten) relativ schnell politisiert worden waren, waren nicht länger bereit, ihre soziale Schieflage klaglos hinzunehmen und stellten eine ernstzunehmende Bedrohung für den Mittelstand, die Oberschicht und die Stabilität des Regierungssystems im Allgemeinen dar.[29] Deshalb musste nach Möglichkeiten gesucht werden, um diesen ständig drohenden Krisenherd ohne allzu große Zugeständnisse beschwichtigen zu können. Und hierfür bot sich – zumindest theoretisch - die Auswanderung in die neu gegründeten deutschen Kolonien an, da man hier erstens – den Gesetzmäßigkeiten des Sozialdarwinismus folgend – nicht, wie z.B. in den USA, die genetische Auflösung der deutschen Rasse in einem Schmelztiegel der Nationen zu befürchten hatte und die Kolonien zweitens als ein soziales Ventil verwenden konnte, um die Bedrohung der höheren sozialen Klassen und der Regierungsvertreter durch das aufbegehrende Proletariat möglichst gering zu halten.[30] Und schließlich konnten drittens die seit der Industriellen Revolution und der Ausdehnung von Liberalismus und possessivem Kapitalismus (sog. Manchester Kapitalismus) ständig verschärften Klassengegensätze zwischen den Lohnarbeitern auf der einen und den Unternehmern und Regierungsvertretern auf der anderen Seite tendenziell entschärft werden, wenn es gelang, die ständig schwelenden Klassenkonflikte durch die Postulierung eines übernationalen und Einheit stiftenden Rassenkampfes zu relativieren und in ihren Konsequenzen einzuschränken.[31]

Aber neben den Vorteilen, die sich durch die Expansionsmöglichkeiten der deutschen Bevölkerung in den afrikanischen Kolonien, die Verringerung der Klassengegensätze im Deutschen Reich durch Auswanderung unzufriedener oder karriereorientierter Einwohner in die Kolonien und die allmähliche Verlagerung der sozialen Streitfragen vom Klassen- auf den Rassendiskurs ergaben, spielten bei der Legitimation bzw. wissenschaftlichen Begründung des Kolonialismus noch zwei weitere Motive eine wichtige Rolle: Erstens war man gerade vor dem Hintergrund der so genannten Gründerkrise von 1873, die zu einem schwerwiegenden kulturellen Einbruch in der Wirtschaft des Deutschen Reichs geführt hatte, darauf bedacht, möglichst schnell neue Absatzmärkte und Rohstoffquellen für die deutsche Wirtschaft im Ausland zu erschließen[32] und zweitens führten die - weiter oben bereits dargestellten - vermeintlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entwicklung der menschlichen Rassen im Zusammenhang mit dem relativ hohen technischen und zivilisatorischen Entwicklungsniveau der deutschen Gesellschaft zu der Überzeugung, dass das Deutsche Reich in Afrika eine umfangreiche kulturelle Erziehungs- und Bildungsmission zu erfüllen habe.[33] Und all diese Überlegungen verbanden sich nun in etwa seit der Kongo Konferenz im Jahre 1884 in Deutschland in eigentümlicher Weise mit der zunehmenden Institutionalisierung und infrastrukturellen Durchdringung des Kolonialismus in den afrikanischen Herrschaftsgebieten vor dem Hintergrund des Strebens einer so genannten „verspäteten Nation“ nach einem „Platz an der Sonne“. Dabei lässt sich meiner Ansicht nach gerade anhand der Entwicklung des kulturellen und zivilisatorischen Sendungsbewusstseins der Europäer bzw. hier der Deutschen sehr gut zeigen, wie einerseits der Wissens- und Entwicklungsstand der Deutschen im Vergleich zu den Afrikanern rein normativ als höherwertig definiert wurde und wie andererseits der Widerspruch zwischen sozialdarwinistisch motivierten Überlegenheitsvorstellungen auf der einen und sozialstaatlich motivierten Förderungsabsichten auf der anderen Seite zumindest zeitweilig in der Schwebe gehalten werden konnte: Matthias Fiedler und Johannes Fabian haben in ihren Werken „Zwischen Abenteuer, Wissenschaft und Kolonialismus“ und „Im Tropenfieber“ sehr instruktiv herausgearbeitet, wie sich im Verlauf der verschiedenen Begegnungen zwischen deutschen Forschern, Missionaren und Siedlern allmählich jene Vorstellung der deutschen Überlegenheit herausbildete, die dann vor dem Hintergrund der sozialdarwinistischen Diskurse des späten 19. Jahrhunderts in eine spezifische Form des Rassismus mündete, wie er z.B. in den später zu untersuchenden Kolonialkriegen und den Debatten über die Rassentrennung in Deutschland und in den Kolonien zum Ausdruck kam.[34] Als die ersten deutschen Abenteurer und Forscher nach Afrika kamen, fanden sie dort zunächst Umweltbedingungen, Lebensformen und Infrastrukturen vor, die ihnen angesichts ihrer persönlichen Sozialisation und Enkulturation in Deutschland vollkommen fremd waren. Aber das eigentliche Probleme bestand meiner Ansicht nach häufig gar nicht einmal darin, dass die Deutschen in Afrika vollkommen andere Infrastrukturen und soziale Netzwerke vorfanden als sie diese von Deutschland her kannten, sondern eher darin, dass sie aufgrund einer spezifischen personalen und nationalen Unschärferelation, die man vielleicht auch teilweise als mangelnde Empathie interpretieren könnte, überhaupt nicht in der Lage waren, dort Infrastrukturen oder soziale Bindungen zu erkennen, wo es diese zwar nach ihren europäischen bzw. deutschen Vorstellungen überhaupt nicht gab, sie aber im kulturellen Kontext der Afrikaner durchaus vorhanden waren.[35] Diese Problematik kann man sich vielleicht am besten mit Hilfe eines einfachen Vergleichs vor Augen führen: Wenn sich z.B. anlässlich einer Hochzeit in Deutschland die Angehörigen von zwei verschiedenen deutschen Familien treffen, kann es - je nach der sozialen und geographischen Herkunft der beiden Familien - bereits bei sehr einfachen gemeinsamen sozialen Handlungen, wie z.B. der Gestaltung einer gemeinsamen Feier, zu ersten Irritationen kommen: So kann es sein, dass dem einen oder anderen Mitglied aus Familie A das von Familie B zubereitete Essen nicht schmeckt, die von Familie B ausgesuchte Tanzmusik zu laut ist oder überhaupt nicht gefällt oder die von Familie B vorgenommene Einrichtung der Räumlichkeiten nicht gefällt. Und in gleicher oder ähnlicher Weise können Angehörige von Familie B auf das Verhalten von Mitgliedern aus Familie A reagieren. Sieht man hier einmal von potentiellen Problemen innerhalb der jeweiligen Familien und von der Problematik eines möglichen Generation-Clash[36], also dem Konfliktpotential zwischen den Mitgliedern verschiedener Altersgruppen ab, so kann man davon ausgehen, dass es in der Regel möglich sein sollte, zumindest einen zeitlich befristeten Minimalkonsens zwischen den beiden Familien zu finden, durch den ein sozial verträgliches Miteinander für den kurzen Zeitraum der Feierlichkeiten bzw. späterer Verwandtschaftsbesuche hergestellt werden kann. Vergleicht man diese Form der Interaktion nun aber mit den sozialen Beziehungen zwischen Deutschen und Afrikanern im Zeitalter des Kolonialismus, so kann man unschwer erheblich Unterschiede erkennen: Erstens war die soziale und kulturelle Diskrepanz zwischen Deutschen und Afrikanern aufgrund ihrer vollkommen unterschiedlichen Sozialisation und Enkulturation wesentlich höher, zweitens war diese Beziehung in keiner Weise zeitlich befristet, sondern lief auf eine langfristige Koexistenz hinaus und drittens, und dies ist vielleicht der wichtigste Unterschied, war diese Beziehung im höchsten Maße asymmetrisch und von Seiten der Deutschen hierarchisch strukturiert. Dies ist schon allein an dem Umstand zu erkennen, dass sich Deutsche und Afrikaner zur Aushandlung ihrer Handelsverträge nicht auf einem neutralen Boden trafen, sondern dass die deutschen Forscher und Handelsreisenden ohne irgendeine mündliche oder schriftliche Genehmigung, also vollkommen unangemeldet und ungefragt, in den Lebensraum der Afrikaner eindrangen.[37] Aus diesen Gründen mussten sich meiner Ansicht nach bereits bei den ersten Begegnungen zwischen deutschen Forschern und Afrikanern schwerwiegende Probleme ergeben: Während die Afrikaner die deutschen Forscher mit ihren riesigen Karawanen, die der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten, Forschungs- und Arbeitsmaterialien dienten, zunächst als exotische Gäste betrachteten, deren äußeres Erscheinungsbild, Lebensweise, Sitten und Bräuche sie in Ruhe kennen lernen und mit denen sie eine natürliche soziale Beziehung aufbauen wollten, betrachteten die Deutschen die Afrikaner nicht als gleichwertige Interaktionspartner, sondern als Objekte ihrer wissenschaftlichen Forschung oder als unmündige bzw. minderwertige Vertragspartner, denen man mit geringem strategischen Aufwand sehr schnell einen Großteil ihres Land- und Viehbesitzes abnehmen konnte und die sich zusätzlich auch als billige oder gänzlich unbezahlte Arbeitskräfte nutzen ließen.[38] Dass sich bereits bei den ersten Kontakten zwischen Deutschen und Afrikanern asymmetrische Beziehungsmuster ausbildeten, war meiner Ansicht nach - abgesehen von deutschen Vorurteilen, einseitigen Geschäftsinteressen und sozialdarwinistischem Gedankengut – auch eine praktische Folge des extrem schmalen Zeitfensters, innerhalb dessen die deutschen Forscher eine bestimmte Wegstrecke in Afrika zurücklegen und ihre jeweiligen Handelsaufträge erfüllen mussten. Wenn man sich vor Augen führt, dass etwas intensivere Beziehungen zwischen deutschen Forschern und Afrikanern, mit denen nicht unmittelbare ökonomische Interessen verfolgt wurden, bei den Expeditionen durch Afrika im Grunde genommen nur dann - mehr oder weniger unfreiwillig - zustande kamen, wenn die geplante Reise aufgrund widriger Umstände für eine gewisse Zeit unterbrochen werden musste, kann man sich leicht vorstellen, dass deutsche Forscher kaum Gelegenheit hatten, sich ein angemessenes Bild von der afrikanischen Kultur und Lebensweise zu machen, selbst wenn sie dies gewollt hätten.[39] Die oberflächlichen Beziehungen, die während der deutschen Expeditionen in Afrika intentional aufgebaut wurden, dienten indessen nur dazu, möglichst schnell zu einem für die deutsche Seite vorteilhaften Vertragsabschluss über den Verkauf von Land und Leuten sowie anderen natürlichen Ressourcen an die Kolonisten zu kommen. Und auch die Art und Weise, in der diese Verträge abgewickelt wurden, war von vornherein asymmetrisch: Denn selbst wenn die deutschen Kolonisten nicht von Anfang an beabsichtigt hätten, die Afrikaner bei der Aushandlung der Verträge zu übervorteilen, was angesichts der eurozentristischen und sozialdarwinistischen Grundhaltung, mit der sie an die Eingeborenen herantraten, sehr unwahrscheinlich ist und auch von den Quellen nicht bestätigt wird,[40] dann hätten sie die vormodernen Vertragsregeln der Afrikaner kaum angemessen verstehen und in gerechter Weise auslegen können. Dies war eine unmittelbare Folge der vollkommen unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Bezugssysteme in Deutschland und in Afrika. Während sich in Deutschland spätestens seit dem Aufblühen der Städte und Handelshäuser im Hochmittelalter eine kapitalistische Ökonomie mit schriftlich fixierten Vertragstexten[41] und Münzen bzw. Geld als universellem Tauschmittel herausgebildet hatte, was wiederum mit weit reichende Auswirkungen auf sämtliche soziale Beziehungen verbunden war, befanden sich die afrikanischen Stämme noch auf der Ebene einer rein oralen Kultur und des Naturaltausches, der vollkommen anderen Spielregeln folgte. In einer Gesellschaft mit geringer Ausprägung der schriftlichen und materiellen Kultur und einer starken sozialen Bindung durch Treue- und Gefolgschaftsbündnisse, wie sie z.B. dem Merowinger Reich im frühen Mittelalter entsprach, konnten Land, Leute und natürliche Ressourcen nicht in einem einmaligen Verkaufsakt ihren Eigentümer wechseln. Zur Sicherung derartiger Vertragsabschlüsse war vielmehr eine ständige oder zumindest häufige Präsenz des jeweiligen Besitzers oder eines Stellvertreters auf dem erworbenen Grund und Boden erforderlich, da nur so die erforderlichen sozialen Beziehungen zwischen den Vertragspartnern gepflegt werden konnten. Wenn sich nun aber die deutschen Kolonisten nach dem Erwerb riesiger Flächen häufig jahrelang nicht mehr auf diesem Land blicken ließen oder nur einzelne kleine Stationen auf den ausgedehnten Territorien errichteten, musste für die Afrikaner zwangsläufig der Eindruck entstehen, dass die deutschen Kolonisten ihr Land nicht nutzten und deshalb auch keinen Besitzanspruch mehr auf dieses Land erhoben. Denn ein Vertragsrecht, dass bestimmte Häuptlinge – lediglich zum Zweck der Vertragsunterzeichnung - willkürlich zu Alleinherrschern über riesige Territorien stilisierte und den Erwerb von Grundbesitz vollkommen von sozialen Beziehungen und der Anwesenheit des Eigentümers entkoppelte, war den Afrikanern zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.[42] Und darüber hinaus zeigt z.B. schon ein kurzer Blick auf die komplizierten Auseinandersetzungen mit dem Eigentumsbegriff bei Proudhon,[43] dass auch die europäischen Definitionen des Eigentumsbegriffs damals keineswegs eindeutig waren. Und auch heute scheint der Eigentumsbegriff, zumindest im Bezug auf den Besitz von großen Flächen im Ausland und auf das Verhältnis zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern, noch keineswegs eindeutig geregelt zu sein. Unter diesen Umständen verstärkte das mangelnde Verständnis der deutschen Kolonisten für die ökonomische Quid-pro-Quo-Mentalität der Afrikaner deutsche Vorurteile und ließ Afrikaner, die kaum genutzte Flächen wieder in Besitz nahmen, in den Augen der Europäer bzw. Deutschen als vertragsbrüchig erscheinen. Wie schwierig es selbst heute noch ist, unser geschichtliches Verhältnis als Europäer oder Deutsche zu fremden Kulturen in wissenschaftlich neutraler und unvoreingenommener Weise zu analysieren, zeigt sich schon allein an der Verwendung von Abtönungspartikeln, wie „noch“, beim Vergleich der Entwicklungsniveaus in Deutschland und Afrika im Zeitalter des Kolonialismus. So wird z.B. schon durch die oben von mir verwendete Formulierung: „Während sich in Deutschland bereits seit dem Aufblühen der Städte und Handelshäuser […] eine kapitalistische Ökonomie herausgebildet hatte, befanden sich die afrikanischen Stämme noch auf der Ebene des Naturaltausches“ der Eindruck erweckt, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den afrikanischen Stämme im Vergleich zur deutschen Ökonomie des Hochkapitalismus rückständig gewesen seien, obwohl dies nur in einer eurozentristischen Perspektive behauptet werden kann. Man sieht also, dass es auch für heutige Historiker noch äußerst schwierig ist, bei der Beschreibung anderer Kulturen einen neutralen Standpunkt zu wahren, weil auch diese Wissenschaftler durch die spezifischen europäischen Erfahrungen mit der Moderne und durch die damit einhergehende Entwicklung des Sprachverständnisses nachhaltig geprägt worden sind.

[...]


[1] Vgl. Hierzu z.B. Jürgen Osterhammel, Kolonialismus: Geschichte-Formen-Folgen, München: C.H.Beck, 2001, S. 7-8 u.v.a. S. 8, wo Osterhammel unter Hinweis auf die wesentlich präziseren Bestimmungsmöglichkeiten des Phänomens „Imperialismus“ konstatiert: „Kolonialismus ist mithin ein Phänomen von kolossaler Uneindeutigkeit“. Vgl. ferner Winfried Speitkamp, Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart: Reclam, 2005, S. 9-14 u. Andreas Eckert, Kolonialismus, Frankfurt a.M.: Fischer TB, 2006, S. 2-10. Als repräsentative u. oft zitierte Primärquelle vgl. va. D. Friedrich Fabri, Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung, Gotha 1879, S. III-VI (Vorwort) u. S. 1-12 (Hauptteil). Bereits im Vorwort weist Fabri mit folgenden Worten auf die politische u. gesellschaftliche Komplexität seines Themas hin: „Ein paar Digressionen, die man in einer Schrift über die Kolonialfrage kaum erwarten wird, die aber beispielsweise einzufügen schon die innere Logik, welche alle Bedürfnisse und Strebungen eines öffentlichen Gemeinwesens verbindet, gestatten dürfte, empfehle ich dem Schutze des werthen Lesers.“

[2] Vgl. zum Zusammenhang zwischen primärer und sekundärer Globalisierung z.B. Eckert, ebd., S.2f.: „Inzwischen hat sich weitgehend herumgesprochen, dass die Globalisierung nicht erst in den 1980er Jahren mit der Krise des Sozialstaates, neuen Kommunikationsmöglichkeiten und der Explosion der Finanzmärkte begann. Versteht man unter Globalisierung >>den Aufbau, die Verdichtung und die zunehmende Bedeutung weltweiter Vernetzung<< (Osterhammel/Petersson), so wurde dieser Prozess bereits im frühen 16. Jahrhundert irreversibel. […] Wenn das, was heute als Globalisierung in aller Munde ist, eine frühe Phase hat, so ist dies untrennbar mit der kolonialen und imperialen Expansion der europäisch-westlichen Staaten seit den >>Entdeckungsfahrten<< des 16. Jahrhunderts verbunden.

[3] Vgl. hierzu z.B. Speitkamp, ebd., S. 13: „Je nach Erklärungsmuster bieten sich unterschiedliche Daten für den Auftakt zum Wettlauf um Kolonien an“ und Pascal Grosse, Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland, 1850-1918, Frankfurt a.M., New York 2000, S. 20ff.: „Die Deutungen des deutschen Kolonialismus kranken jedoch insgesamt daran, daß sie ihn auf die diplomatischen, ökonomischen und administrativen Entwicklungen in den deutschen Kolonien bzw. auf die koloniale Propaganda in der Metropole einengen.“

[4] Vgl. Grosse, ebd. S. 22: „Zu einer sinnvollen Interpretation gehört aber vor allem auch der vielschichtige kolonialistische Diskurs, der den deutschen Kolonialismus nicht auf die Kolonialpolitik der Jahre zwischen 1884 und 1919 mit einem Epilog bis 1945 eingrenzt, sondern ihn als einen integralen Bestandteil der deutschen Gesellschafts-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte versteht.“

[5] Vgl. hierzu z.B. Matthias Fiedler, Zwischen Abenteuer, Wissenschaft und Kolonialismus. Der deutsche Afrikadiskurs im 18. und 19. Jahrhundert, Köln: Böhlau, 2005, S. 12: „Unter dem zentralen Begriff der Kolonialphantasie wendet sich Susanne Zantrop in ihrer Studie den spezifischen Ausprägungen des kolonialen Gedankens im deutschprachigen Raum vor 1884 zu und folgt dabei der These, dass sich bereits in der ,vorkolonialen’ Zeit gerade aufgrund der fehlenden kolonialen Erfahrung ein distinkter Diskurs herausbildet, der sich in einigen nachhaltigen Punkten von dem der anderen europäischen Kolonialmächte unterscheidet.“

[6] Vgl. Speitkamp, ebd., S. 11: „Die vorliegende Darstellung will mit der Wiederaufnahme des älteren Begriffs der >>Kolonialgeschichte<< (Valentin, 1915) die enge, wenn auch ständigem Wandel unterworfene Verbindung und Wechselwirkung zwischen Metropole und Kolonien ausdrücken“ u. Eckert, ebd., S. 5: „[Jüngere Forschungen] betonen die Handlungsspielräume der Kolonisierten und beschreiben die koloniale Situation als einen Prozess ebenso vielfältiger wie widersprüchlicher Auseinandersetzungen.“

[7] Vgl. Speitkamp, ebd. S. 13.

[8] Vgl. Fiedler, ebd. S. 173: „Wie gesehen, verwenden die Afrikareisenden große Energie darauf, sich als handelndes und befehlendes Subjekt in den Mittelpunkt zu schreiben; sich also einen – wie in vielen Beispielen deutlich wird – fiktiven Handlungsspielraum zu erschaffen, der ihnen in der Heimat nicht im Entferntesten zur Verfügung gestanden wäre [Sic! Korrekt wäre: „hätte“]. […] So stellen sie sich beispielsweise gerade aufgrund ihrer Disziplin und Härte innerhalb ihrer Reisegruppe häufig als die alleinigen Führer mit beinahe unbeschränkter Befehlsgewalt dar. Führt man dies mit der Beobachtung zusammen, dass solche Reisen immer Gemeinschaftsunternehmen waren, lässt sich hier die Utopie einer ausdrücklich bürgerlichen Machtposition erkennen.“ Vgl. ferner Johannes Fabian, Im Tropenfieber: Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas, München: Beck, 2001. S. 58: „Das mythische Bild eines einsamen Heroismus warf seine Strahlen auf den Forschungsreisenden und auch auf seine Expedition oder Karawane. Streng genommen geschah es nur selten, daß ein Europäer allein eine Expedition leitete (als Beispiele sind Pogge, Buchner und Thomson zu nennen). Doch mit einer Ausnahme hatten alle Reisebeschreibungen, sieht man von Zitaten aus anderen Werken oder Dokumenten ab, nur einen einzigen Erzähler. Der Forscher als Heros ist vor allem der Autor als Heros.“ Vgl. schließlich Birthe Kundrus, Die Kolonien - >>Kinder des Gefühls und der Phantasie<<, in: dies. (Hg.): Phantasiereiche, Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Franfurt a.M./New York: Campus, 2003, S. 8: „Wie vielleicht auf keinem anderen Gebiet der Historie waren in der europäischen Expansion Phantasie, Plan und Praxis stets eng aufeinander bezogen.“

[9] Vgl. hierzu allgemein v.a. Hansjoachim W. Koch, Der Sozialdarwinismus. Seine Genese und sein Einfluß auf das imperialistische Denken, München: Beck, 1973 u. Grosse, ebd.

[10] Vgl. hierzu v.a. Speitkamp, ebd., S. 123-137.

[11] Vgl. hierzu v.a. Helmut Bley, Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914, Hamburg 1968, Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907, Berlin: Links, 2005 u. Birthe Kundrus, Wir alle sind gewaltbereit, in: Der Spiegel, 11 (2008), S. 54.

[12] Vgl. hierzu v.a. Lora Wildenthal, A New Colonial Masculinity: The Men’s Debate over “Race Mixing” in the Colonies, in: dies, German Women for Empire, 1884-1945, Durham/London 2001, S. 79-130.

[13] Vgl. Koch, ebd., S. 15ff.: „Schon vorher aber [vor den Ereignissen des Jahres 1848] war, vor allem als Reaktion auf die Französische Revolution, eine Strömung entstanden, die, obgleich sie in keiner Weise die Fundamente des liberalen Credo anzutasten versuchte, nichtsdestoweniger unter dem Einfluß der wachsenden Industrialisierung, der Technologie und der Fortschritte der Naturwissenschaften von der A-priori-Annahme naturrechtlicher Theorien abrückte zur Empirik. Die De-facto-Ersetzung des Naturrechts durch den „wissenschaftlichen Beweis“ führte zwangsläufig zu einem Bekenntnis zu den Naturwissenschaften und zur Technik, mit Konsequenzen, die den Zielen des Liberalismus diametral entgegengesetzt waren. […] Der „Fortschritt“ wurde zum Altar, auf dem seine extremeren Exponenten bereit waren für den Perfektionismus der Zukunft das Bestehende von gestern zu opfern; er wurde zum Schlagwort, seine Dynamik als unaufhaltbar beschworen. […] Die an Popularität gewinnende Evolutionslehre zeigte die Evolution im Tier- und Pflanzenleben als einen der Mechanismen des ewigen Fortschritts. Wenn man sie auf die politische und soziale Umwelt übertrug, konnte man mit ihrer Hilfe extremste innen- und außenpolitische Haltungen rechtfertigen.“

[14] Vgl. z.B. Fiedler, ebd. S. 60: „Anzumerken bleibt, dass sich im Verlauf des 18. Jahrhundert eher die Vorgehensweise Christoph Meiners durchsetzte, der von äußerlichen Merkmalen moralische Wertunterschiede ableitet und den Topos der Hässlichkeit des afrikanischen Körpers benutzt, um die Superiorität der Europäer deutlich zu machen. In seiner Schrift Über die Natur der Afrikanischen Neger macht er […] beispielsweise deutlich, dass eine Gleichheit von Europäer und Afrikaner nicht nur „unmöglich“ sei, sondern geradezu „ungerecht“. Denn, so Meiners, einige „Völker“ hätten eben eine „natürliche Anlage zur Sclaverei.“ Sömmerings bereits erwähnte Vergleichung zwischen den Schädelformen von Affen und Afrikanern aufgreifend, unternimmt Meiners im Verlaufe seiner Schrift den Versuch, die Inferiorität der Afrikaner gegenüber den Europäern durch die Übertragung körperlicher Merkmale auf charakterliche Eigenschaften zu beweisen. Sie seien „hässlicher“, hätten „kleinere Schädel“ und seien von daher auch von „geringerer Geisteskraft“.“

[15] Vgl. Johann Caspar Lavater, Von der Physiognomik und hundert physiognomische Regeln, Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1991 u. folgende Internetquelle, nach der hier zitiert wird: htttp://gutenberg.spiegel.de/lavater/physiogn/physiogn.htm: „Physiognomik ist die Wissenschaft, den Charakter des Menschen im weitläufigsten Verstande aus seinem Aeußerlichen zu erkennen. […] Der moralische Charakter oder die sittliche Gemüthsbeschaffenheit des Menschen, sollte nicht auch diese nach dem bloßen Urtheile der Vernunft, aus dem Aeußerlichen des Menschen erkennbar sein?“

[16] Vgl. G.E. Lessing, Laokoon, Stuttgart: Reclam, 1994, S. 179f.: „Die drolligsten Züge von dieser Art hat die hottentottische Erzählung: Tquassouw und Knonmquaiha, in dem „Kenner“, einer englischen Wochenschrift voller Laune, die man dem Lord Chesterfield zuschreibt. Man weiß, wie schmutzig die Hottentotten sind; und wie vieles sie für schön und zierlich und heilig halten, was uns Ekel und Abscheu erwecket. Ein gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel herabhangende Brüste, den ganzen Körper mit einer Schminke aus Ziegenfett und Ruß an der Sonne durchbeizet, die Haarlocken von Schmer triefend, Füße und Arme mit frischem Gedärme umwunden: dies denke man sich an dem Gegenstande einer feurigen, ehrfurchtsvollen, zärtlichen Liebe; dies höre man in der edeln Sprache des Ernstes und der Bewunderung ausgedrückt, und enthalte sich des Lachens!“

[17] Vgl. Grosse, ebd. S.44: „Der Biologismus löste sich von der anthropologischen Natur- bzw. Kulturgeschichte, die Soziologie von der historischen Nationalökonomie:“

[18] Vgl. Koch, ebd. S. 19: „Die Frage nach dem Fortschritt wohin wurde nur von sehr wenigen erhoben, und einige der wenigen Skeptiker wurden in unserer Zeit zu Kulturpessimisten gestempelt.“

[19] Vgl. ebd., S. 16: „Mit der Bevölkerungszunahme wuchsen die Industriezentren; diese wurden miteinander verbunden durch ein rasch sich ausbreitendes Eisenbahnnetz, sowie die Kontinente durch das Dampfschiff.“ Vgl. ferner Speitkamp, ebd., S. 14f.: „Zugleich schrumpften die Entfernungen. Eisenbahn, Dampfschiff (seit 1860 Ablösung des Segelschiffs im Überseeverkehr) und Telegraph (erstes Transatlantikkabel 1866) überbrückten große Räume schneller als zuvor, und neue Verkehrswege wie der Suezkanal (1869) verkürzten die Strecken. Nachrichtenagenturen (in Europa seit der Jahrhundertmitte) verbreiteten Neuigkeiten rascher als Post und Kurriere.“

[20] Vgl. Koch, ebd., S. 19: „So liegt es auch vollkommen in der Logik der Entwicklung, daß die Fortschrittsidee der Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts in eine biologisch beweisbare Evolutionstheorie umgemünzt wurde, um so mehr, als der Fortschrittsglaube im neunzehnten Jahrhundert ebensosehr eine Religion war wie im Mittelalter der Katholizismus.“

[21] Vgl. z.B. Silvio Vietta, Lyrik des Expressionismus, Tübingen: Fink, 1999, S. 4: „Zur Erfahrung der Orientierungslosigkeit und Dissoziation des Ich trug wesentlich auch Nietzsches Nihilismusbegriff bei. Er meint, wie der späte, aber kompakt zusammenfassende Aphorismus über den >>Hinfall der kosmologischen Werte<< […] deutlich macht, nicht nur, dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden sei auf Grund der Einsicht in die psychologischen Entstehungsbedingungen der Vorstellung eines transzendenten Wesens, sondern dass der ganze Bereich absoluter und metaphysischer Wertsetzungen einer grundsätzlichen Skepsis nicht Stand zu halten vermöge. Alle Wertbegriffe des Abendlandes werden von Nietzsche begriffen als reine >>Zweck-Hypothesen<< zur >>Aufrechterhaltung und Steigerung menschlicher Herrschafts-Gebilde<<. Als einzig >wirkliche< Kategorie bleibt die der Macht. >>Wille zur Macht<< - das und nichts anderes ist nach Nietzsche das Gesetz des Lebens. Alle >idealistischen< Begriffe stünden, als Hilfsmittel zur Durchsetzung von Machtinteressen, unter seinem Diktat.“

[22] Vgl. z.B. Koch, ebd. S. 25: „In Frankreich und Großbritannien führte die Verbreitung der Ideen Isaac Newtons über die Natur des Kosmos zu der Annahme, die Gegenwart sei der Vergangenheit in allen Aspekten überlegen; […] Von der Idee eines naturbedingten dynamischen „Fortschritts“ ausgehend, war es verhältnismäßig leicht, das Konzept der „Evolution“ in diesen Prozeß einzubeziehen. […] Es war nur logisch, wenn man von der Erklärung der Entstehung des Erdplaneten zur Erklärung des Entstehens seiner Bewohner schritt.“

[23] Vgl. Charles Darwin, The Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, Gutenberg text HTML at the British Library, 2006, introduction, http://www.gutenberg.org/dirs/etext99/otoos610.txt: „In the next chapter the struggle for existence among all organic beings throughout the world, which inevitably follows from the high geometrical ratio of their increase, will be considered. This is the doctrine of Malthus, applied to the whole animal and vegetable kingdoms. As many more individuals of each species are born than can possibly survive; and as, consequently, there is a frequently recurring struggle for existence, it follows that any being, if it vary however slightly in any manner profitable to itself, under the complex and sometimes varying conditions of life, will have a better chance of surviving, and thus be NATURALLY SELECTED. From the strong principle of inheritance, any selected variety will tend to propagate its new and modified form.”

[24] Vgl. Ernst Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte, 1869.

[25] Vgl. Grosse, ebd., S. 51: Zwei Aspekte waren in diesem Kontext von hervorragender Bedeutung. Erstens sollten die Europäer ihre biologischen und kulturellen Eigenschaften als Europäer beibehalten, trotz der von den mitteleuropäischen Bedingungen abweichenden physischen und kulturellen Umwelt; zweitens war ihre biologische Existenz auch für die Zukunft zu sichern, mit dem Ziel, das System einer weißen Suprematie aufrechtzuerhalten […] Der wichtigste Berührungspunkt zwischen Kolonialpolitik und Eugenik betraf jedoch die Organisation der sexuellen Beziehungen zwischen den Angehörigen der Kolonialmacht und den kolonialen Untertanen. Die war der Gegenstand der >>kolonialen Mischehenfrage<< bzw. des >>Rassenmischungsproblems<<. Vgl. ferner auch ebd. S. 47.

[26] Vgl. Speitkamp, ebd., S. 14.

[27] Vgl. ebd., S. 15: „Das 19. Jahrhundert wurde zum Jahrhundert der Überseewanderungen. In den frühen 1870er Jahren verließen jährlich über 350.000 Menschen Europa, Anfang der 1880er Jahre stieg der Jahresdurchschnitt auf über 500.000 an, darunter waren 1881 und 1882 jeweils rund 200.000 Deutsche.“

[28] Vgl. Koch, S. 16: „: „Mit der Bevölkerungszunahme wuchsen die Industriezentren; diese wurden miteinander verbunden durch ein rasch sich ausbreitendes Eisenbahnnetz, sowie die Kontinente durch das Dampfschiff. Innerhalb dieses als fast megalopolitisch zu bezeichnenden Rahmens formten sich „die Massen“, entwickelten sie ihr politisches Bewusstsein wie auch ihre politische Effektivität.“

[29] Vgl. als Beleg für das politische Bestreben, die Bedrohung der Regierungsautorität durch die unterprivilegierten Klassen abzuwehren, z.B. das Soziallistengesetz (eigentlich „Reichsgesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“) Bismarcks: Imanuel Geiss, Geschichte griffbereit, 6 Bände, Dortmund: Harenberg, 1993, Bd. 5 (Begriffe), S. 550 (rechte Spalte).

[30] Vgl. Speitkamp, ebd. S. 18f.: „Viertens sahen Kolonialagitatoren in der Imperialpolitik der Möglichkeit, >>Parteihader<< im Inneren zu überwinden, die Arbeiter auf die nationale Aufgabe in Übersee zu verpflichten und den Nährboden der >>socialdemokratischen Agitation<< auszutrocknen, nicht zuletzt auch unruhige Arbeitermassen in deutsche Kolonien abzuleiten.“

[31] Vgl. für eine sehr differenzierte historische Analyse dieses staatlich geförderten Übergangs vom Klassen- zum Rassenkampf v.a. Walter Seitter (Hg.), Michel Foucault, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Berlin: Merve, 1986, S. 47ff.: „Desgleichen wird das Thema der binären Gesellschaft, die in zwei Rassen, in zwei sprachlich, rechtlich usw. fremde Gruppen [bzw. Klassen] geteilt ist, ersetzt durch das Thema einer Gesellschaft, die biologisch monistisch ist – nur dass sie von gewissen heterogenen Elementen bedroht ist – die ihr aber nicht wesentlich sind, die den Gesellschaftskörper nicht in zwei feindliche Teile teilen [sic!], sondern gewissermaßen… unfallhaft (pardon!) sind. Das sind die Fremden, die sich eingeschlichen haben; das sind die Abweichenden; das sind die Nebenprodukte dieser Gesellschaft. Der Staat, der in der Gegenhistorie der Rassen [dem Klassenkampf] notwendigerweise unrecht und das Instrument einer Rasse gegen eine andere war, wird nun zum Schützer der Integrität, Überlegenheit und Reinheit der Rasse. Die monistische, staatliche und biologische Idee der Reinheit der Rasse löst die Idee des Kampfes der Rassen [bzw. Klassen] ab. […] Der Rassismus ist buchstäblich der revolutionäre Diskurs – aber umgedreht.“

[32] Vgl. zur Gründerkrise Speitkamp, S. 16f.

[33] Vgl. ebd., S. 18 und Fabri, ebd., S. 95ff. u. S. 105-108 u. hier v.a. S. 107: „Gewichtiger freilich noch ist die Erwägung, daß ein Volk, daß auf die Höhe politischer Macht-Entwicklung geführt ist, nur so lange seine geschichtliche Stellung mit Erfolg behaupten kann, als es sich als Träger einer Kultur-Mission erkennt und beweist. […] Aber die politische Macht […] führt zur Härte, ja zur Barberei, wenn sie nicht den ideellen, den sittlichen, wie ökonomischen Cultur-Aufgaben ihrer Zeit zu dienen bereit und willig ist.“

[34] Vgl. hierzu die folgenden Kapitel 3-6.

[35] Vgl. zum Problem der Unschärfe im kolonialen Diskurs z.B. Michael Pesek, „Eine Gründungszene des deutschen Kolonialismus – Peters’ Expedition nach Usagara, 1884“, in: Marianne Beckhaus-Gerst/Reinhard Klein-Arendt (Hg.), Die (koloniale) Begegnung. AfrikanerInnen in Deutschland. Deutsche in Afrika 1880-1918, Frankfurt a.M. 2003, S. 262: „Historiker der vorkolonialen Geschichte Afrikas haben darauf hingewiesen, dass die Berichte der europäischen Reisenden im 19. Jahrhundert nicht ohne die Berücksichtigung ihres Entstehungskontextes gelesen werden dürfen. Auf die in der Geschichtsschreibung hinlänglich diskutierte Bedeutung der den verschiedenen europäischen Reisenden inhärenten Wahrnehmungs- und Wertungsmuster als Unschärferelation bei der Beschreibung afrikanischer Gesellschaften braucht hier nicht mehr hingewiesen zu werden. Neuere Forschung lenkt den Blick auf die Praxis des Reisens und das Reisen als eine besondere Form der Wissensproduktion. Reisende in Afrika, wie möglicherweise auch anderswo, waren selten nur mehr als Durchreisende, ihre Beobachtungen Momentaufnahmen, die kaum mehr als nur wenige Schritte weg von der Reiseroute entstanden und darüber hinausreichten.“ Vgl. hierzu ferner auch Johannes Fabian, Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas, München: Beck, 2001 und James Clifford, Routes: travel and translation in the late twentieth century, Harvard University Press, Cambridge/ Massachussetts 1997.

[36] Vgl. Christian Hruschka, Aspekte des Generationenkonfliktes: pädagogische Konstante oder gesellschaftliches Produkt?, Erlangen-Nürnberg: Univ. Diss., 2004.

[37] Vgl. Fabian, ebd. S. 47: „`Alles ist Anlaß zu persönlicher Erforschung auf dem geheimnisvollen Kontinent, zu dessen friedlicher Eroberung uns das wohlverstandene gesellschaftliche Interesse, der Wille, die Neugier oder der Glaube verpflichten [meine Hervorhebungen; die Interessen der Eingeboren hingegen blieben völlig belanglos u. wurden nicht einmal erwähnt]´ (Becker 1887, Bd. 1, S. 495) […] Daß zu der Zeit, in der Becker diese Äußerungen niederschrieb, kaum jemand, der an Forschungsreisen beteiligt war, noch an friedliche Eroberung glauben konnte – Becker selbst war in bewaffnete Konflikte und militärische Operationen verwickelt gewesen -, ist erneut einer der Widersprüche, die den Mythos des wissenschaftlichen Reisenden anscheinend eher nährten als zerstörten.“ u. Speitkamp, S. 26f.: „Die Konquistadoren […] waren keine selbstlosen Sachwalter nationaler Interessen. Vielmehr ging es um persönlichen Ruhm oder schnelle Gewinne. […] Das zeigt sich eindringlich an den Verträgen, die deutsche Kaufleute oder Überseereisende mit heimischen Herrschern abschlossen. Sie gelten als Musterbeispiele eines rücksichtslosen, menschenverachtenden Vordringens.“

[38] Vgl. Fabian, ebd. S. 86: „Für die durch solche Vorgänge [Gabentausch und soziale Beziehungen zu Afrikanern] verursachte Belastung gab es einen doppelten Grund: die Begegnung zweier Kulturen und den Einbruch einer im Rahmen beschränkter Projekte ausgeübten Wissenschaft in das tägliche Leben der Afrikaner. Besonders wenn diese, wie es offenbar häufig vorkam, solche Unterbrechungen genossen, benutzten sie Geschenke, um Zeit zu gewinnen und gegenseitige Verpflichtungen herzustellen. Europäer mögen den Austausch nützlich gefunden haben, aber sie sahen ihn immer als beschränktes Mittel, um Verbindungen herzustellen und zu Vertragsabschlüssen zu kommen, und nur selten als Möglichkeit, einen Raum für gründlichere ethnographische Erkundungen zu öffnen.“

[39] Vgl. ebd. S. 85: „Tatsächlich erhalten wir den allgemeinen Eindruck, daß Aktivitäten, aus denen sich die Ethnographie zusammensetzt – Beobachten, Erkundigen, Gespräche führen, sich Notizen machen -, ohne erzwungene oder sonstwie ungeplante Aufenthalte während der Reise kaum stattgefunden hätten.“

[40] Vgl. Speitkamp, ebd., S 29: „Peters schildert in seinen Erinnerungen, wie er beim Vordringen in Ostafrika durch Alkohol, taktische Kniffe und kleine Machtdemonstrationen seine Verhandlungspartner gefügig gemacht und Verträge zur Unterschriftsreife gebracht habe.“ Vgl. ferner Fabri, S. 28: „Die Ureinwohner, meist der sogenannten rothen Rasse angehörig, sind ausnahmslos Jäger und Viehzüchter, also in der Volkszahl äußerst spärlich entwickelt und bestimmt, die Platzhalter [meine Hervorhebung] zu sein bis auf die Zeit, wo der weiße Mann bei ihnen eindringen und ihre rasch sich mindernde Zahl in immer eingeschränktere Gebiete zurückdrängen sollte.“

[41] Vgl. zum Problem der Kollision zwischen einer oralen und einer schriftlich-materiellen Kultur z.B. Michael Pesek, ebd., S. 260f.: „Es war die schriftliche Form des Vertrages, welche dessen Gültigkeit über den Moment hinaus behauptete. Aber Peters Bemerkungen, `(…) vor den Salven wichen sie scheu zurück´ und `(…) drei Salven von den Dienern abgegeben, demonstrierten den Schwarzen ad oculos, was sie für den Fall einer Kontraktbrüchigkeit zu erwarten hätten´, markierten das Flüchtige und Spielerische des Vertrags. Ad oculos – der Vertrag behielt seine Gültigkeit [zumindest für die Afrikaner] nur am Ort oder auch im Moment der Anwesenheit Peters.“

[42] Vgl. zum Problem der ungleichen Vertragsvoraussetzungen z.B. Kurt Büttner, Die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik in Ostafrika; eine kritische Untersuchung an Hand unveröffentlichter Quellen, Akademie-Verlag, Berlin 1959, S. 50: „Allgemein hatte das `offizielle´ Völkerrecht festgelegt, `dass solche Verträge keine Rechtstitel im völkerrechtlichen Sinne auf Erwerb der Gebietshoheit begründen´ könnten, da die Häuptlinge ja keine Hoheitsrechte besässen und folglich auch keine übertragen könnten.“

[43] P. J. Proudhon, Was ist das Eigentum?, Erste Denkschrift, mit einer Einführung von M. Kramer, Verlag für Sammler 1971.

Details

Seiten
45
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656198871
ISBN (Buch)
9783656200413
Dateigröße
813 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194677
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
kolonialismus rassismus deutschen reich genese prinzipien

Autor

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Titel: Kolonialismus und Rassismus im Deutschen Reich