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Zu früh geboren, und dann?

Versorgung von frühgeborenen Kindern am Beispiel des FamilieNetz Dresden und wie Case Management dabei und in der Nachsorge unterstützen kann

Hausarbeit 2012 26 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die komplexe Problematik frühgeborener Kinder
2.1 Organische Komplikationen
2.2 Frühkindliche Regulationsstörungen

3 Stationäre Unterstützung von Eltern frühgeborener Kinder
3.1 Begriffsdefinition Case Management
3.2 Case Management in der Arbeit des FamilieNetz Dresden
3.2.1 Erstkontakt und Assessment
3.2.2 Beginn des Unterstützungsprozesses
3.2.3 Psychosoziale Elternbegleitung
3.2.4 Elternschulung zur Versorgung des frühgeborenen Kindes
3.2.5 Evaluation der Elternschulung
3.2.6 Entlassungsplanung

4 Wie kann Case Management in der Nachsorge unterstützen
4.1 Ziel und Inhalt der Nachsorge
4.2 Gesetzliche Grundlagen und Finanzierung
4.3 Case Management in der sozialmedizinischen Nachsorge
4.3.1 Theoretische Aspekte der Nachsorge
4.3.2 Perspektiven der Nachsorge in der Praxis

5 Zusammenfassung / Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„ Da werden Hände sein, die Dich tragen und Arme, in denen Du sicher bist, und Menschen, die Dir ohne Fragen zeigen, dass Du willkommen bist. “ (Verfasser unbekannt)

Eine Schwangerschaft dauert in der Regel neun Monate, 40 Wochen oder auch 280 Tage. In dieser Zeit erleben die zukünftigen Eltern viele Veränderungen. Sie ist geprägt von Planung, Organisation und Vorbereitung auf das freudige Ereignis. Normalerweise ist das eine lange Zeit. Doch was ist, wenn das Kind nicht zum geplanten Geburtstermin sondern deutlich früher, in vielen Lebensfunktionen unreif und für alle unvorbereitet zur Welt kommt? Was ist, wenn die werdende Mutter um das Schwangerschaftserlebnis ‚beraubt‘ wird und das Wachsen des Kindes sowie die ersten Bewegungen im Bauch nicht spüren kann? Ein nicht zu verachtender Aspekt, geht es doch nicht zuletzt um die emotionale Bindung von Mutter und Kind.

Welche Komplikationen gilt es bei der Frühgeburt des Kindes zu beherrschen und welche Probleme entstehen dadurch und im weiteren Verlauf für die Eltern, Geschwister und das soziale Umfeld? Welche Schwierigkeiten sind zu meistern, sowohl bei der Versorgung und Betreuung des Kindes, aber auch beim alltäglichen Familienleben, welches sich durch solch ein Ereignis zumeist schlagartig und nachhaltig ändert. Wer kümmert sich danach um die umfassende Situation der Familie? 280 Tage sind eine lange Zeit, normalerweise!

Durch meine persönlichen Erfahrungen mit Freunden, welche Eltern von frühgeborenen und kranken Kindern sind, in Gesprächen mit meiner Frau die seit etwa 18 Jahren als Kinderkrankenschwester auf einer neonatologisch-pädiatrischen Intensivstation1 tätig ist und nicht zuletzt durch den Kontakt mit den teilweise ebenfalls schwer erkrankten Müttern der Frühgeborenen in meiner Funktion als Fachkrankenpfleger einer

Zu früh geboren, und dann?

Intensivstation, habe ich mir die Frage gestellt, wie den Betroffenen mit ihren vielschichtigen Problemen geholfen werden kann.

Bei der Recherche zu diesem Thema fand ich eine Umfrage aus dem Jahr 2010, bei der es sich um die Verbreitung und den Nutzen unterstützender Therapieangebote, ergänzend zur medizinischen Behandlung von Frühgeborenen handelt. Dabei fiel auf, dass insbesondere die Nachsorge als sehr bedeutsam bewertet wurde, sie aber noch immer am wenigsten verbreitet ist (vgl. Vonderlin et al., 2010, S. 42 ff.).

Vor circa vier Jahren wurde im Fachbereich Neonatologie und Pädiatrie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden ein Projekt, das FamilieNetz Dresden, implementiert, das sich die Versorgung von Frühgeborenen und deren Eltern, von der Geburt bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus, zur Aufgabe gemacht hat. Wie wird dabei den Familien geholfen, ist die Unterstützung für die Betroffenen in allen Fällen ausreichend und was geschieht nach dem Krankenhausaufenthalt im dann beginnenden Alltag? Kann die Methode Case Management nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in der Nachsorge die Familien unterstützen, mit der neuen und oft schwierigen Situation zurecht zukommen?

2 Die komplexe Problematik frühgeborener Kinder

Die jährliche Rate an Frühgeborenen in Deutschland liegt bei ca. 9 % aller Geburten (vgl. Keller et al., 2010, S. 1625 f.). Diese Zahl deutet bereits an, um was für eine Herausforderung es sich in der Nachsorge handeln könnte. Dem medizinischen Fortschritt, den die Neonatologie in den letzten Jahren verzeichnen konnte, ist es zu verdanken, dass sich die Überlebensrate bei Frühgeborenen deutlich verbessert hat, auch wenn sie von Behinderung oder Entwicklungsstörungen bedroht sind (vgl. Sarimski, 2000, S. 9 f.). Dennoch können etwa 95 % der Kinder ohne gravierende Komplikationen nach Hause entlassen werden (vgl. Jorch, 2006, S. 7 f.).

Wo aber liegt der Unterschied zwischen reif- und frühgeborenen Kindern? Sind Frühgeborene nicht einfach nur ein paar Wochen zu zeitig auf der Welt und verbleiben bis zum errechneten Geburtstermin in der Klinik?

Wird ein Kind vor der 37 + 0 Schwangerschaftswoche geboren, spricht man per Definition von einem frühgeborenen Kind, wobei das Geburtsgewicht nicht relevant für die Bezeichnung ist. Dennoch spielt das Gewicht eine Rolle bei der Klassifikation der Gruppen der Frühgeborenen. Demnach werden Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1500g (very low birthweigt infants) von Kindern mit einem extrem niedrigen Geburtsgewicht unter 1000g (extremly low birthweigt infants) unterschieden (vgl. Garbe, 2008, S. 49 ff.). Jedoch ist weniger das Geburtsgewicht, als vielmehr die Schwangerschaftswoche ausschlaggebend, da mit jeder Schwangerschaftswoche mehr im Bauch der Mutter das Komplikationsrisiko für die Kinder sinkt (vgl. Jorch, 2006, S. 11 f.). Entscheidend für das Frühgeborene ist deshalb der meist lebenswichtige Umstand, dass es in einer Fachklinik für Neonatologie2 zur Welt kommt (vgl. Garbe, 2008, S. 49 ff.). „Das Grundproblem sehr kleiner Frühgeborener bleibt […] die Unreife von Organsystemen und -funktionen, die […] zu einer Reihe von […] Folgeschäden führen können“ (C.P. Speer, 2007, S. 436). Deshalb ist eine Betreuung von früh- geborenen Kindern in bestmöglich ausgestatteten Perinatalzentren3 von Bedeutung (vgl. C.P. Speer, 2007, S. 436). Zur Qualitätssicherung in der Versorgung Frühgeborener wurde durch den gemeinsamen Bundesausschuss4 ein Stufenkonzept entwickelt, in dem die Anforderungen der behandelnden Einrichtungen geregelt sind. Dabei werden die perinatalen Zentren nach ‚Level 1‘ zur Versorgung neugeborener Kinder mit höchstem Risiko, ‚Level 2‘ für die flächendeckende intermediäre Versorgung und in perinatale Stützpunkte sowie Geburtskliniken unterschieden (vgl. Vereinbarung des gemeinsamen Bundesausschusses …, 2009).

Was sind nun die erwähnten Komplikationen, mit denen frühgeborene Kinder am Beginn und im weiteren Verlauf ihres Lebens zu kämpfen haben?

2.1 Organische Komplikationen

Die nach der Geburt möglicherweise akut auftretenden organischen Komplikationen können trotz intensivmedizinischer Behandlung im weiteren Verlauf zu chronischen Krankheiten führen, welche meist nach der Entlassung aus dem Krankenhaus regelmäßige Therapie- und Behandlungsmaßnahmen zur Folge haben. Nachfolgend möchte ich beispielhaft einige akute organische Störungen benennen.

Atemnotsyndrom: Die im Mutterleib noch fruchtwassergefüllten Lungenbläschen müssen bei jedem Neugeborenen nach der Geburt entfaltet und belüftet werden. Surfactant ist ein Gemisch aus Fetten und Eiweißen, welches die Lungenbläschen ausgleitet und deren Oberflächenspannung senkt, wodurch sie sich entfalten können (vgl. Jorch, 2006, S.113 f.). Je zeitiger ein Kind geboren wird, umso weniger Surfactant ist vorhanden. Damit steigt das Risiko des Atemnotsyndroms, wodurch im weiteren Verlauf eine chronische Lungenerkrankung, die bronchopulmonale Dysplasie (BPD) entstehen kann (vgl. Frei et al., 2009, S.26 f.). Da die BPD bei Entlassung oft nicht ausgeheilt ist, benötigen die Kinder meist weiterhin eine regelmäßige Therapie (Medikamente, Sauerstoff, Physiotherapie) und Überwachung am Monitor5 (vgl. Jorch, 2006, S.145). Gleiches gilt für ein Viertel aller Frühgeborenen, bei denen regel- oder unregelmäßig kurzzeitige Apnoephasen6 auftreten können, die länger als 30 Sekunden anhalten. Dadurch kann es zum Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut, zu

Bradykardien7 oder als sichtbares Zeichen für die Eltern, zu einer Verminderung des Muskeltonus kommen (vgl. Frei et al., 2009, S. 27).

Nekrotisierende Enterokolitis: Bei Frühgeborenen ist der Darm nur sehr dünn und für die Verdauung der zum Wachstum erforderlichen Nahrungsmengen noch nicht ausgelegt. Dadurch kann es schon bei leichten Darmentzündungen zur Translokation8 von Darmkeimen und damit zur Peritonitis9 kommen. Außerdem kann die Darmwand rissig werden und dadurch Darminhalt in den Bauchraum gelangen. Aus diesem Grund wird teilweise ein künstlicher Darmausgang notwendig (vgl. Jorch, 2006, S.126 f.).

Zentrales Nervensystem: Die Gefahr eine Hirnblutung zu erleiden ist bei Frühgeborenen höher als bei Reifgeborenen (vgl. Jorch, Hübler, 2010, S. 489 ff.) und in den ersten drei Tagen nach Geburt am höchsten (vgl. Jorch, 2006, S.121). Ursächlich dafür ist eine erhöhte Vulnerabilität10 des, die Hirnventrikel unmittelbar umgebenden, Gefäßsystems und die besondere Anfälligkeit z. B. auf Blutdruckschwankungen, einer verminderten Durchblutung oder Schwankungen des pH-Wertes im Blut. Durch Läsionen11 können die Blutgefäße platzen und eine Hirnblutung erzeugen (vgl. Frei et al., 2009, S. 27).

Asphyxie bezeichnet einen Sauerstoffmangel vor, während oder nach der Geburt, wodurch es in Abhängigkeit des Ausmaßes zu vorübergehenden Funktionsstörungen lebenswichtiger Organe oder ausgeprägten Langzeitschäden bei Frühgeborenen kommen kann. Ein Beispiel dafür wäre die Periventrikuläre Leukomalazie, in der Erwachsenenmedizin gleichzusetzen mit Hirninfarkt oder Schlaganfall (vgl. Jorch, 2006, S.110 f.).

Die meisten Komplikationen treten innerhalb der ersten sechs Lebenswochen ein, oftmals sogar in den ersten drei Wochen (vgl. Jorch, 2006, S.133).

2.2 Frühkindliche Regulationsstörungen

Ein frühgeborenes Kind reagiert auf viele Umweltreize und ihre Veränderungen noch nicht wie ein reifgeborenes Kind. Anders als bei Neugeborenen, ist es noch nicht in der Lage seine Aufmerksamkeit und Bewegungen selbstregulierend zu steuern. In Abhängigkeit von Schwangerschaftswoche und Geburtsgewicht sowie seiner organischen Entwicklung sind die Körperfunktionen meist instabil. Zwar sind die Sinnesorgane schon entwickelt, aber noch nicht vollständig und damit in ihrer Funktion eingeschränkt. Somit kann das Frühgeborene die Umgebungsreize nicht entsprechend verarbeiten. Ist sein instabiles System mit der Reaktion auf die Umwelt überfordert, gerät das Kind in Stress. Dauert der Reiz, z. B. Streicheln des Frühgeborenen durch die Mutter, trotz sichtbarer Zeichen (offene Hand mit gespreizten Fingern, nervöses Zucken) an, kann dies sein physiologisches Gleichgewicht beeinträchtigen (vgl. Sarimski, 2000, S. 38). Daher ist es für die Eltern wichtig, die ‚Sprache‘ ihres Kindes zu kennen.

Aber nicht nur durch die anfänglichen medizinischen Probleme Frühgeborener kann Nachsorge sinnvoll werden und ein Arbeitsfeld für Case Management entstehen, auch im weiteren Verlauf bis hin zum Schulalter verläuft die Entwicklung im Vergleich zu Reifgeborenen meist anders. „Sehr frühgeborene Kinder haben somit ein etwa 10-25mal höheres Risiko für schwere kognitive Defizite als Reifgeborene“ (Sarimski, 2000, S. 20). Betrachtet man die Entwicklung frühgeborener Kinder auf lange Sicht, kann es im Verlauf zu Bewegungs- und Wahrnehmungsstörungen (Sehen, Hören, Fühlen) kommen. Aber auch Auffälligkeiten im Verhalten wie Unruhe, Konzentrationsmängel bis hin zu einer verminderten Intelligenz sind möglich. Meist wird letzteres erst im Schulalter auffällig (vgl. Jorch, 2006, S. 139 f.).

Die genannten Probleme zeigen den möglichen Bedarf für Unterstützung der Familien und Kinder in den unterschiedlichen Bereichen auf. Dazu kommt, dass die Eltern oftmals verunsichert, hilflos und mit der Situation überfordert sind. Aber auch Selbstvorwürfe über die frühe Geburt und die Angst, etwas falsch zu machen und damit dem Kind zu schaden, spielen eine Rolle (vgl. Sarimski, 2000, S. 59). Außer den, für die Beziehung sehr wichtigen Besuchen auf der Intensivstation, bleibt den Eltern nur wenig zur Unterstützung. Soll nach der Entlassung aus dem Krankenhaus der Alltag gelingen, ist es wichtig die Eltern zu ‚Experten‘ für Ihre Kinder zu machen. Wenn Sie die Zeichen der Kinder richtig verstehen, deuten und entsprechend auf sie reagieren, ist dies ein wichtiger Baustein für ein sicheres und selbständiges Alltagsleben.

[...]


1 Intensivstation zur Behandlung von Früh- und Neugeborenen sowie schwerkranken Kindern

2 Neonatologie beschäftigt sich mit der medizinischen Versorgung von Früh- und Neugeborenen

3 Einrichtung zur Versorgung von Früh- und Neugeborenen

4 der Gemeinsame Bundesausschuss ist das oberste Gremium der Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen der BRD

5 überwacht werden Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung

6 Atemstillstände

7 erniedrigte Herzfrequenz

8 bezeichnet das durchwandern von Mikroorganismen durch die Darmschleimhaut

9 Bauchfellentzündung

10 Verletzbarkeit von Blutgefäßen

11 Schädigung einer anatomischen Struktur

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656199212
ISBN (Buch)
9783656205180
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194455
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH) – Sozialwissenschaftliches Fortbildungsinstitut
Note
Schlagworte
Case Management Frühgeborene Nachsorge Problematik frühgeborener Kinder Psychosoziale Elternbegleitung

Autor

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