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Heranwachsende zwischen Konformität und Individualisierung

Identitätsbildung und Sozialisation durch Medien

Hausarbeit 2012 33 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung und Ziel der Arbeit

2. Theoretische Verortung und Begriffsbestimmung
2.1. Was ist ‚die Jugend‘?
2.2. Individualisierung
2.3. Identität
2.3.1. aus sozialtheoretischer Sicht
2.3.2. Riesman: Außenleitung
2.3.3. individualisierungstheoretische Ansätze: ‚Patch-Work-Identität‘
2.4. Sozialisationskontexte
2.4.1. Familie - Ablösung von den Eltern
2.4.2. peer groups - Orientierung an Gleichaltrigen
2.4.3. Medien als Sozialisationsinstanz

3. Aufwachsen in der heutigen Mediengesellschaft - Die Bedeutung der Medien für Sozialisation und Identitätsbildung Heranwachsender
3.1. Mediennutzung Jugendlicher - exemplarisch am Medium TV
3.1.1. Nutzungsmuster
3.1.2. Nutzungsmotive
3.2. Medien als Entwicklungsfaktor
3.2.1. Identitätsformation durch Medien
3.2.2 Medienpersonen als Vorlage zur Bearbeitung differenter Identitätsbilder
3.2.3. Mediennutzung zwischen Selbst- und Fremdsozialisation
3.3. Medien als Risiken für das sich entwickelnde Individuum

4. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einführung und Ziel der Arbeit

Medien sind in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Persönliche Organisation und Kommunikation, Informations- und Wissensbeschaffung, Freizeitbeschäftigung, u.v.m. der erste Schritt dazu geht meist über die Medien selbst. Radio, Zeitung, Internet und Fernsehen sind vom alltäglichen Leben nicht mehr weg zu denken: wir leben in einer Mediengesellschaft. Infolgedessen nehmen Medien unumstritten enormen Einfluss auf alle erdenklichen Lebensbereiche.

Gerade Kinder und Jugendliche verfügen meist über das größte Freizeitrepertoire, wel- ches sie dann auch häufig zum Medienkonsum nutzen. Hiermit stellt sich automatisch die Frage nach dem Einfluss von Medien auf den Sozialisationsprozess und die Identi- tätsbildung selbst. Im Verlauf dieser Arbeit soll analysiert werden, ob man heutzutage tatsächlich von einer mediatisierten Identitätsbildung und Sozialisation sprechen kann und welchen Einfluss die (Massen-) Medien, das Fernsehen im Speziellen, auf den So- zialisations- und Identitätsbildungsprozess von Heranwachsenden ausüben können. Da- bei sollen auch die Risiken und Chancen einander gegenüber gestellt werden, die sich für Jugendliche beim ‚Konsum‘ massenmedialer Angebote ergeben.

Sozialisation und Identität stehen in erster Linie für die Persönlichkeitsbildung eines Menschen - das Individuum formt sich. Hierbei tut sich jedoch ein großer Widerspruch auf: einerseits leben wir in einer individualisierten Gesellschaft, andererseits beziehen die Sozialisanden ihre Informationen aus einem Netz von Massenmedien, gerichtet an ein breites (Massen-) Publikum. Wie sich Jugendliche aktuell im Diskurs zwischen Konformität (z.B. Medien-Output) und Individualisierung (z.B. Gesellschaftsformen) befinden, ist ein äußerst spannendes Forschungsfeld und wird im Folgenden genauer beleuchtet.

Um dies genauer analysieren zu können, müssen zunächst die zugrunde liegenden Be- griffe definitorisch geklärt werden. Durch die Einbeziehung theoretischer Grundlagen sollen Sozialisationsprozesse und Identitätsbildung durch Medien, sowie das Nutzungs- verhalten Jugendlicher unter Berücksichtigung der etwaigen medialen Risiken, aufge- zeigt werden.

2. Theoretische Verortung und Begriffsbestimmung

2.1. Was ist ‚die Jugend‘?

Das Leben eines Menschen wird grundsätzlich in verschiedene Lebensabschnitte ge- gliedert, diese können wie folgt benannt werden: Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Ruhestandsalter. In der Alltagssprache treffen wir häufig auf Redewendungen wie ‚die Jugend von heute‘. Doch wie kann die ‚Jugendphase‘ an sich abgrenzend definiert werden? Jugend kann zum Beispiel, basierend auf Gesetzestexten, die Zeitspanne vom 14. Lebensjahr an bedeuten, welche die Strafmündigkeit eines Heranwachsenden beti- telt, sie lässt jedoch im Unklaren, wann sie endet. Es gibt keine explizite gesetzliche Regelung. Die Abgrenzung vom jugendlichen Strafrecht zum Erwachsenenstrafrecht ist vom persönlichen Entwicklungsstand abhängig und variiert von Individuum zu Indivi- duum.

ÄSoziologisch betrachtet meint Jugend, wiederum die Lebensphase, in der ein Mensch nicht mehr die stark in familiäre Zusammenhänge eingebundene Rolle des Kindes spielt, zugleich aber auch noch nicht die Rolle des Erwachsenen einnimmt, die zur vollgültigen Wahrnehmung gesellschaftlicher Aufgaben - etwa zur Gründung einer Familie - berechtigt.“1

Hierbei gerät die gesellschaftliche Betrachtung in den Fokus. Die Jugend als Lebensphase gesehen bildet das Bindeglied zwischen Kind- und Erwachsensein und macht ‚gesellschaftlich handlungsfähig‘. Der Jugendliche befindet sich im Übergang zwischen dem klassischen Ablösen von der Familie und dem damit einhergehenden Orientieren an seinen Gleichaltrigen-Gruppen.

ÄIn allen Ansätzen wird Jugend als Moratorium verstanden, in welchem Jugendliche eine Identität herausbilden, in mehrfacher Weise mit Entwicklungsaufgaben konfrontiert sind und zwischen Integration und Individuation auszubalancieren haben, wobei Medien- und Konsummarkt, Familie, Schule und Peers zentrale Sozialisationskontexte sind.“2

Klaus Hurrelmann definiert die Jugendphase als ÄLebensabschnitt, der durch ein Ne- beneinander von noch unselbständigen, quasi kindheitsgemäßen, und selbständigen, quasi schon erwachsenengemäßen Handlungsanforderungen charakterisiert ist.“3 Dieses Zitat zeigt die offene definitorische Spannbreite des Begriffs deutlich. Festgemacht wird der Schritt vom Kind zum Erwachsenen an vielen unterschiedlichen Faktoren: vom Be- reich der Leistung, Familienablösung, Gleichaltrigenkontakte, politische Partizipation, berufliche Rolle, partnerschaftliche bzw. sexuelle Rolle, Rolle als Kulturbürger uvm.4 ÄTrotz Ausdehnung und Entstrukturierung der Jugendphase erweist sich ein Aspekt als kontinuierliches Kennzeichen: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst.“5

2.2. Individualisierung

Gemäß vielen soziologischen Begriffen ist die Individualisierung nicht einfach definito- risch zu bestimmen. ÄIndividualisierung mag vieles, ja fast alles und damit nichts zu erklären.“6 Christoph Lau konstatiert Individualisierung als bereits vorhandenes Mo- ment der Moderne: eine ÄErosion traditioneller Gemeinschaftsbindungen und ihre Kon- sequenzen […], Freisetzung von traditionellen Gemeinschaftsbindungen und reaktive, sekundäre Einbeziehung in neue Vergemeinschaftungsprozesse.“7. Laut Peter A. Berger stellt die ÄIndividualisierungsthese ein Beispiel für Komplexitätssteigerung durch Komplexitätsreduktion“8 dar. Markus Schroer gibt anfangs eine weitgefasste Definiti- on: Ädie Herauslösung des Einzelnen aus traditionalen Sozialbeziehungen. […] An ihre Stelle treten selbst gewählte soziale Bindungen, die auch wieder abgewählt werden können.“9

ÄMit diesem Begriff ist ein Ensemble gesellschaftlicher Entwicklungen und Erfahrungen gemeint, das vor allem durch zwei Bedeutungen gekennzeichnet ist [...]: Individualisierung meint zum einen die Auflösung vorgegebener sozialer Lebensformen - zum Beispiel das Brüchigwerden von le- bensweltlichen Kategorien wie Klasse und Stand, Geschlechterrollen, Familie, Nachbarschaft usw.; oder auch […] der Zusammenbruch staatlich verordneter Normalbiographien, Orientierungs- rahmen und Leitbilder.“10

Diese strukturelle Auflösung bringt auch Äneue institutionelle Anforderungen, Kontrol- len und Zwänge“11 mit sich. Individualisierung löst traditionelle Muster auf und führt Menschen in völlig neue Gegebenheiten: man muss sich nun um sich selbst bemühen und kann nicht mehr unbedingt auf vorgegebenen Pfaden wandeln. Die traditionellen Biographieformen sind verschwunden und die sicheren Lebensverläufe damit ebenfalls. Ä[…] Anforderungen, die nichts befehlen, aber das Individuum dazu auffordern, sich gefälligst als Individuum zu konstituieren: zu planen, zu verstehen, zu entwerfen, zu handeln […].“12 Das Paradoxe am Prozess der Individualisierung ist, dass man zu einer Wahlfreiheit förmlich gezwungen wird. Alles steht einem offen, alles muss alleine be- wältigt werden, aber es muss eben - man kann sich dem nicht entziehen. Der Mensch befindet sich mit seiner Identitätsbildung in einem Entscheidungszwang, welchem ihm die individualisierte Gesellschaft auferlegt hat. ÄDie Folgen - Chancen wie Lasten - ver- lagern sich auf die Individuen, wobei diese freilich, angesichts der hohen Komplexität der gesellschaftlichen Zusammenhänge, vielfach kaum in der Lage sind, die notwendig werdenden Entscheidungen fundiert zu treffen, in Abwägung von Interesse, Moral und Folgen.“13

Die Menschenbilder ändern sich grundlegend. Individualisierung katapultiert Leitbilder nach draußen, auch über die Wege von Werbung, Massenmedien und Massenkonsum. Der ‚homo optionis‘ kann nun über alles noch so Kleindifferenzierte selbst entscheiden und trägt wesentlich zu seiner Identitätsbildung bei.14 ÄDas Individuum wird so zum Kern der Entwicklung seines Lebenslaufs, seiner Identität und seiner privaten Lebensführung.“15 Individualisierung begrenzt einerseits die Handlungsmöglichkeiten eines Individuums, erweitert die Handlungsoptionen aber auch gewaltig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eigene Darstellung, Daten entnommen aus: Berger, P.A. (1996): 289.

2.3. Identität

Identität ist ein sehr weitgefasster Begriff, der viele Definitionsbereiche und Theorien miteinschließt. Identitätsbildung kann als subjektive Verarbeitung von Lebensprozessen gesehen werden, die jeder Einzelne mit sich selbst ausmachen muss. Identität ist jedoch kein abgeschlossener Prozess, sondern ein sich immer weiterentwickelndes Ganzes, das grundsätzlich keinen Grenzen unterliegt (auch wenn dies nicht immer eine soziologi- sche Tatsache darstellt). Die Identität weist Züge des subjektiven Charakters eines Men- schen auf. Alle Merkmale die ein Individuum ausmachen, finden sich in seiner Identität wieder. Gemäß dem Wörterbuch der Soziologie Ägeht es dem einzelnen Menschen bei der Bestimmung und Auseinandersetzung mit seiner Identität nicht nur um wahrge- nommene eigene Stabilität, sondern auch um eigene Veränderung - zum Beispiel zwi- schen Jugendzeit und frühem Erwachsenenalter: um biographische Kontinuität/ Diskon- tinuität.“16

ÄIdentitätssuche erfolgt in Auseinandersetzung mit sozialen Vorgaben, Normen und Erwartungen und darauf bezogen als mehr oder weniger geradlinige Übernahme oder aber als Distanzierung und Kritik gegenüber Identfikationsangeboten. Solche Auseinandersetzungen, etwa mit realen oder medialen Vorbildern, können als gezieltes Nachdenken über das eigene Selbstverständnis erfol- gen.“17

Der Identitätssuche wird im Jugendalter jedoch keine bewusste Reflexion zugeschrie- ben, vielmehr geht die Bildung der Identität durch experimentelle Verhaltensweisen von Statten. Jugendliche orientieren sich an Vorbildern, Gleichaltrigen, Jugendkulturen, etc. und formen so spielerisch viele Varianten der späteren Identität. Jedoch ist Identität eben nicht als eine strickt geregelte Lebensphase zu verstehen, welche ihr Ende mit Ein- tritt in das Erwachsenenleben einnimmt; sie ist verstanden als Äquasi lebenslanger Pro- zess, der eine alltägliche Identitätsarbeit in Form einer nie endenden Konstruktionsleis- tung des Subjekts erfordert“18.

2.3.1. aus sozialtheoretischer Sicht

ÄUnter Identität versteht man die subjektive Verarbeitung biographischer Kontinuität/ Diskontinuität und ökologischer Konsistenz/ Inkonsistenz durch eine Person in Bezug auf Selbstansprüche und soziale Anforderungen.“19 Trotz aller individueller und subjek- tiver Aspekte ist die Identitätsbildung vorallem auch abhängig von sozialstrukturellen Umweltfaktoren. ÄDamit vollzieht sich Identitätsentwicklung im Jugendalter nicht durch einen unbegrenzten Möglichkeitsraum, sondern ist gebunden an die je individuel- len ökonomischen, sozialen und kulturelle Voraussetzungen des Einzelnen, die sein Aufwachsen durch das Elternhaus strukturierten Lebenswelt bestimmen.“20 Da sich die Identitätsfindung durch Orientieren und Vergleichen strukturiert, ist selbstverständlich, das sozialstrukturelle Faktoren der alltäglichen Lebensumwelt eine große Rolle spielen, auch wenn sich jeder Charakter auf seine persönliche Art und Weise formen wird.

ÄInsbesondere die soziologische Perspektive verweist auf eine hohe Bedeutung von Er- fahrungswelten und Rollen, die in Interaktionen mit anderen Menschen durchlebt wer- den und die eigene Identität formen.“21 Vorgelebte Rollenmuster in der Familie, später in schulischen Institutionen, in Gleichaltrigen-Gruppen, aber eben auch in den Medien gezeigte Rollenmuster, bestimmen das identitätsstiftende Verhalten von Jugendlichen. Erfahrungswelten müssen ein Vorbild haben. Man muss zunächst etwas beobachten und miterleben, bevor man seinen eigenen Erfahrungshorizont damit erweitert. Identität kann aufgespalten werden, in eine Innenperspektive und die wahrgenommene Außen- perspektive dieser. Die Außenperspektive bezieht sich dann auf die sozialen Anforde- rungen, welche das Individuum betreffen.

2.3.2. Riesman: Außenleitung

Identität ist ein sehr weit abgestecktes soziologisches Wissenschaftsfeld. Angefangen bei Simmel, über Mead, Goffman, Parsons, Erikson, Krappmann, Keupp u.v.m. haben sich unzählige Theoretiker mit diesem Themengebiet befasst. Viele Theorien weisen Aspekte auf, die passend für die Fragestellung der Arbeit erscheinen. Um den Umfang bewältigen zu können, habe ich mich dazu entschlossen, Identität anhand der ‚Außenlei- tung‘ von David Riesman zu erläutern. Prägnant erscheint bei dieser Theorieauslegung, dass sie bereits vor über 60 Jahren verfasst wurde, sich jedoch ideal in die heutige Mas- senmediengesellschaft einfügt. Riesman unterscheidet bei der Charakterbildung drei mögliche Typen: traditions-geleiteter, innen-geleiteter und außen-geleiteter Mensch.

Vom traditionsgeleiteten Menschen wird erwartet, dass er sich in einer gewissen Art und Weise verhält. Hierbei ist zunächst nicht wichtig, dass er seine eigene Persönlichkeit entwickelt. Der innen-geleitete Typ sieht als seine Sozialisationsinstanzen zunächst ausschließlich seine Eltern. Er wird von Riesman nicht als unabhängiger Mensch gesehen, sondern ist auf eine gewisse Weise ständig von Autoritäten abhängig, kann jedoch Äein hohes Maß an charakterlicher Stabilität entwickeln“22. ÄIm Gegensatz zu diesem Typ lernt der außen-geleitete Mensch, Signale von einem sehr viel weiteren als dem durch seine Eltern abgesteckten Kreis aufzunehmen.“23 Hierbei wird eine Gemeinsamkeit zwischen dem traditions-geleiteten und dem außen-geleitetem Menschen ersichtlich: Beide leben in einer gruppenspezifischen Umgebung, wodurch ihnen die persönliche Standhaftigkeit fehlt, alleine durchs Leben zu gehen.

ÄDas gemeinsame Merkmal der außen-geleiteten Menschen besteht darin, dass das Verhalten des Einzelnen durch die Zeitgenossen gesteuert wird, entweder von denjenigen, die er persönlich kennt, weder von jenen anderen, mit denen er indirekt durch Freunde oder durch Massenunterhal- tungsmittel bekannt ist. […] Die von dem außen-geleiteten Menschen angestrebten Ziele verän- dern sich jeweils mit der sich verändernden Steuerung durch die von außen empfangenen Signa- le.“24

Die Identitätsbildung erfolgt hier nicht mehr direkt durch die Familie, wie in vielen an- deren Ansätzen ersichtlich, sondern orientiert sich an der sozialen Umgebung des Indi- viduums. Wie der weitgefasste Begriff ‚Umgebung‘ deutlich macht, gibt es ein breites Spektrum an Umwelten, in denen sich der Mensch zurechtfinden muss. Einen wichtigen Aspekt bietet in diesem Ansatz die ‚Achtung‘ vor anderen. Gemäß Riesman erscheint es fast schon paradox, dass das Individuum um die Aufmerksamkeit derer kämpft, denen er Aufmerksamkeit widmet und sich nach deren Verhaltensweisen und Werturteilen zugleich richtet.25 ÄAnstatt seine Leistungen an denen der großen Männer der Vergan- genheit zu messen und sein Streben nach solchen hoch am Himmel stehenden Sternen zu richten, bewegt sich der außen-geleitete Mensch auf einer Milchstraße von fast, wenn auch nicht gänzlich unterscheidbaren Zeitgenossen.“26

2.3.3 individualisierungstheoretische Ansätze: ‚Patch-Work-Identität‘

Im Zuge von Modernisierung und Individualisierung haben sich viele gesellschaftliche Ordnungen und Gefüge grundsätzlich verändert: ÄVerbindlichkeits- und Bedeutungsver- lust von Normen und Vorgaben, an denen sich Individuen in ihrer Lebensführung orien- tieren können bzw. müssen“27. Dies ist auch der ‚Identitätsbildung‘ zuschreibbar: ÄMan erhält seine Stellung in der Gesellschaft nicht mehr zugewiesen, sondern muss sie - in- nerhalb der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - selbst erreichen“28. Die Individua- lisierung versetzt das Individuum in eine gewisse Zwangsrolle. ÄDie Bewältigung sozia- ler Anforderungen ist zunehmend dem einzelnen überlassen, ohne daß [sic!] er diese Freiheit gewollt hat.“29 Die modernisierte Gesellschaft bietet weitläufige Möglichkeiten, das Individuum selbst muss sie jedoch für sich wahrnehmen. Heranwachsende können somit ein individuelles Wesen werden, müssen es aber auch. Es gibt keine andere Mög- lichkeit.

ÄDiese normative Anforderung, die eigene Identität zu bilden und zu stabilisieren, wird durch eine ausdifferenzierte soziale Umwelt, eine Vielfalt von möglichen Lebensentwürfen und Wertsyste- men sowie unter Bedingungen von beruflicher und biografischer Mobilität durchaus problema- tisch.“30

Viele Jugendliche, positioniert in den heutigen Gesellschaftsbestimmungen, sind mit einer Aufweichung der typischen Lebensmuster konfrontiert. Diese Art von Sinnmangel verändert auch die Identitätsbildung grundlegend. Der gesellschaftliche Prozess der In- dividualisierung und die Entstehung neuer ‚Patch-Work‘-Identitäten gehen mit dem ÄVerbindlichkeits- und Bedeutungsverlust von Normen und Vorgaben“31 einher. ÄDiese Individualisierungstendenzen haben allerdings oftmals einen hohen Preis; denn Jugend- liche werden heute für ihre Verortung im sozialen Gefüge, für ihre Lebenskarriere weit- gehend selbst verantwortlich gemacht.“32 Dies stellt die Jugendlichen vor eine doppelte Herausforderung: Nicht nur das Bewältigen der Jugendphase selbst, sondern auch das auf sich allein gestellt sein und die große Selbstverantwortung darin.

[...]


1 Ecarius, Jutta et al. (2011): Jugend und Sozialisation. Wiesbaden: 14.

2 ebd.: 41.

3 Hurrelmann, Klaus (1999): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 6. Auflage. Weinheim/ München: 46.

4 vgl. Hurrelmann, K. (1999): 39ff.

5 Langenohl, Susanne (2009): Musikstars im Prozess der Geschlechtsidentitätsentwicklung von Jugendlichen. In: Meyen, Michael (Hrsg.): Mediennutzung. Band 15. Berlin: 22.

6 Kron, Thomas (Hrsg.) (2000): Individualisierung und soziologische Theorie. Opladen: 7.

7 Lau, Christoph (1988): Gesellschaftliche Individualisierung und Wertwandel. In: Luthe, Heinz Otto/ Meulemann, Heiner (Hrsg.): Wertewandel - Faktum oder Fiktion? Frankfurt am Main/ New York: 219.

8 Berger, Peter A. (1996): Individualisierung. Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt. Opladen: 279.

9 Schroer, Markus (2000): Negative, positive und ambivalente Individualisierung. In: Kron, Thomas (Hrsg.): Individualisierung und soziologische Theorie. Opladen:13.

10 Beck, Ulrich/ Beck-Gernsheim, Elisabeth (1994): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt am Main: 11.

11 ebd.: 12.

12 Beck, U./ Beck-Gernsheim, E. (1994): 14.

13 ebd.: 15.

14 vgl. Beck, U./ Beck-Gernsheim, E. (1994): 16.

15 Junge, Matthias (2002): Individualisierung. Frankfurt am Main: 63.

5

16 Endruweit, Günter/ Trommsdorff, Gisela (1989): Wörterbuch der Soziologie. Band 2. Ich - Rückkoppelung. Stuttgart: 279.

17 Scherr, Albert (2009): Jugendsoziologie. Einführung in die Grundlagen und Theorien. 9., erweiterte und umfassend überarbeitete Auflage. Wiesbaden: 126.

18 Langenohl, S. (2009): 23.

19 Endruweit, G./ Trommsdorff, G. (1989): 279.

20 Langenohl, S. (2009): 23.

21 Schramm, Holger/ Hartmann, Thilo (2007): Identität durch Mediennutzung? In: Hoffmann, Dagmar/ Mikos, Lothar: Mediensozialisationstheorien. Neue Modelle und Ansätze in der Diskussion. Wiesbaden: 207.

22 Riesman, David (1958): Die einsame Masse. Hamburg: 41.

23 ebd.

24 ebd.: 38.

25 vgl. Riesman, D. (1958): 150.

26 ebd.: 150.

27 Scherr, A. (2009): 131.

28 Schmidt, Jan (2011): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0. 2., überarbeitete Auflage. Konstanz: 76.

29 Jäckel, Michael (1996): Wahlfreiheit in der Fernsehnutzung. Eine soziologische Analyse zur Individualisierung der Massenkommunikation. Opladen: 47.

30 Schmidt, J. (2011): 76f.

31 Scherr, A. (2009): 131.

32 Ferchhoff, Wilfried (2007): Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert. Lebensformen und Lebensstile. Wiesbaden: 106.

Details

Seiten
33
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656196990
ISBN (Buch)
9783656197744
Dateigröße
868 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194439
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
Heranwachsende Konformität Individualisierung Identität Sozialisation Medien Jugendliche Identitätsbildung

Autor

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Titel: Heranwachsende zwischen Konformität und Individualisierung