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Franz Kafkas literarische Auseinandersetzung mit dem Vater-Sohn-Konflikt am Beispiel von „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“

Bachelorarbeit 2011 39 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Autobiografischer Hintergrund

3. Kafka und der Expressionismus

4. „Die Verwandlung“
4.1 Exposé und Figurenkonstellation
4.2 Die Symbolik der Verwandlung zur Käfergestalt
4.3 Macht, Ohnmacht und biografischer Bezug
4.4 Ödipaler Konflikt, Verdrängung und psychologischer Bezug
4.5 Ausbeutung, Betrug und ökonomischer Bezug
4.6 Bilanz für die Lesart der „Verwandlung“

5. „Das Urteil“
5.1 Exposé und Figurenkonstellation
5.2 Die Symbolik der Öffnung des Leibes und der Seele
5.3 Bürgerliche Existenz als Grundmotiv
5.4 Deutungsproblematik
5.5 Befreiungsversuche, Heiratsproblematik und Machtansprüche
5.6 Bilanz für die Lesart des „Urteils“

6. Analogien in „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ hinsichtlich der Vater-Sohn- Beziehung

7. Schlussbemerkungen

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kafkas literarisches Werk ist in der Vergangenheit wiederholt Gegenstand zahlreicher, unterschiedlichster literaturwissenschaftlicher Untersuchungen geworden. „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ wurden als zwei seiner bekanntesten Erzählungen in der Wissenschaft unzählige Male analysiert und interpretiert. Einige der Untersuchungen führten zu einschlägigen Ergebnissen; man konnte beispielsweise nachweisen, dass eine autobiografische Betrachtungsweise der Erzählungen einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt Franz Kafkas bietet und hier ein Konfliktpotential gegenüber der Vaterfigur erkennen lässt, dessen Ausmaß der geneigte Leser nach tiefgründiger Interpretation der Werke in diesen wiederzufinden vermag.

Der Verfasser selbst schlug vor, „Die Verwandlung“ gemeinsam mit seinen Werken „Der Heizer“ und „Das Urteil“ unter dem Titel „Die Söhne“ oder gemeinsam mit den Erzählungen „Das Urteil“ und „In der Strafkolonie“ unter dem Titel „Strafen“ herauszugeben.[1] Die geplante Veröffentlichung unter den oben genannten Titeln weist darauf hin, dass sowohl „Die Verwandlung“ als auch „Das Urteil“ vom Motiv der angespannten Beziehung von Vater und Sohn durchzogen ist.

Es gibt weiterhin Indizien dafür, dass die psychologischen und familiären Spannungen in der Lebensproblematik Kafkas eine reale Rolle spielten. Dazu gehören unter anderem Isolation und Einsamkeit, Klaustrophobie, Enttäuschung und sowohl finanzieller als auch emotionaler Druck.[2]

Viele Autoren haben Kafkas Werke bereits vor – um nur wenige zu nennen – biografischen, psychologischen, religiösen oder gar marxistischen Hintergründen interpretiert, ihre Ausführungen sind meist nachvollziehbar und schlüssig, basieren jedoch teils einzig auf der Analyse weniger Primärtexte und scheinen deshalb oft so abstrakt, dass sie einer eigenen Interpretation bedürfen. In der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, zwei Werke Kafkas zwar ebenso textnah zu untersuchen, aber dabei die Person Kafkas und dessen Umfeld nicht außer Acht zu lassen.

Die Symbolhaftigkeit vieler Details in „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ ist auch mit einigem interpretatorischen Aufwand noch nicht vollständig durchschaut – die relativ junge Wortschöpfung „kafkaesk“ beschreibt diese Novellen nach wie vor am besten – deshalb stellen auch diese Ausführungen nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Trotzdem soll sich die vorliegende Arbeit dem Versuch einer eingehenden Analyse der beiden genannten Werke widmen. Dabei soll Franz Kafkas literarische Auseinandersetzung mit dem Vater-Sohn-Konflikt am Beispiel von „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen. Dazu konzentriert sich die Arbeit, ausgehend von biografischen Tatsachen und Betrachtungen des sozialhistorischen Umfelds Kafkas, grundlegend auf eine tiefgründige Interpretation der einzelnen Werke und auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn in diesen, um daraus Aussagen über die Beziehung zwischen den handelnden Personen abzuleiten und eventuelle Analogien zwischen den Werken „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ hinsichtlich der Vater-Sohn-Thematik aufzuzeigen. Schließlich soll die Frage im Vordergrund stehen, warum Franz Kafkas literarischen Werken stets die Motivik eines Vater-Sohn-Konflikts eigen ist. Diese Untersuchung widmet sich der Suche nach außerliterarischen Aspekten im unmittelbaren Umfeld Kafkas und stützt sich auf ausgesuchte Primär- und Sekundärliteratur, die Hinweise darauf liefert, welche Umstände den Autor dazu bewegt haben können, das Motiv des Vater-Sohn-Konflikts wiederholt aufzugreifen und in seinen Texten zu verarbeiten.

2. Autobiografischer Hintergrund

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren. Seine Eltern Hermann und Julie Kafka arbeiteten in einem eigenen kleinen Geschäft für Modeartikel. Franz Kafka war das älteste von sechs Kindern, von denen zwei Brüder in jungem Alter verstarben. Er studierte zwischen 1901 und 1906 Jura an der deutschen Universität in Prag und beendete dieses Studium erfolgreich. In den folgenden Jahren arbeitete er als Jurist für verschiedene Firmen. In seiner Freizeit schrieb Franz Kafka hauptsächlich Erzählungen und veröffentlichte diese in Zeitschriften.[3]

Kafka heiratete nie, war jedoch zweimal verlobt und unterhielt amouröse Beziehungen zu verschiedenen Frauen.[4]

Im Laufe seines Lebens veröffentlichte Franz Kafka sieben Bücher, hinterließ nach seinem Tod am 3. Juni 1924 außerdem drei unvollendete Romane und unzählige Aufzeichnungen in Tage- und Notizbüchern.[5]

„Hinsichtlich der Wechselbeziehung zwischen Leben und Werk ist bei Kafka eine Ambivalenz festzustellen, die er selbst häufig in seinen autobiographischen Schriften zum Ausdruck bringt.“[6] Vor allem die Beziehung zwischen Franz Kafka und seinem Vater Hermann Kafka wird in verschiedenen Werken verarbeitet.

„Hermann Kafka wurde am 14. September 1852 in Wosek [...] geboren“[7] und arbeitete sich im Laufe seines Lebens zu einem erfolgreichen Händler hoch.[8] Seinem Sohn erschien er „distanziert, ablehnend und lieblos“[9].[10] Hermann Kafka erzog seinen Sohn autoritär, was als typisch für seine Zeit, seine Herkunft und seine Kultur gilt.[11]

Vater Kafka durchlief eine harte Kindheit und arbeitete sich aus ärmlichen Verhältnissen hoch zu einem Ladenbesitzer in Prag. Seine bittere Kindheit hielt er später den eigenen Kindern entgegen, welchen er wiederholt vorhielt, dass sie nicht verstünden, wie gut es ihnen ginge. Seinen Sohn Franz Kafka erzog er mit groben Methoden und Drohungen von oben herab. Er ließ ihn erfahren, dass er im Vergleich zu ihm ein Nichts sei. Hermann Kafka allein bestimmte über Haushalt und Geschäft und nahm damit eine äußerst autoritäre Stellung gegenüber der Familie ein. Dieser gegenüber fühlte er sich entfremdet, vor allem dem Sohn Franz und der Tochter Ottla. Franz Kafka selbst erlebte sich vor dem Vater als unsicher und fühlte sich unterdrückt. Der körperliche Vergleich mit dem Vater ließ den Sohn unvollkommen wirken. Während die Gestalt des Vaters groß, kräftig und grobschlächtig wirkte, war Franz Kafka hoch gewachsen, doch eher dünn. Der ewige Vergleich mit dem Vater erdrückte den Sohn, dieser fühlte sich unwohl in der eigenen Haut. Was Hermann Kafka an Selbstsicherheit ausstrahlte, fehlte dem Sohn, dessen Charakter hingegen von hoher Sensibilität geprägt war. Franz Kafka hatte offensichtlich Angst vor dem Vater, er versuchte immer mehr ihm auszuweichen, mied die Unterhaltung mit ihm. Die Führungsposition des Vaters uferte in eine geringe Selbstachtung und Schwäche Franz Kafkas. Dieser konnte sich seine Andersartigkeit im Vergleich mit dem Vater nicht erklären und machte sich schließlich Selbstvorwürfe. Er gab sich selbst die Schuld für seine Schwäche, nahm sich die Vorwürfe des Vaters zu Herzen und verzweifelte unter dem Druck der väterlichen Gewalt.[12]

Erst später rechnet der Sohn mit dem Vater ab; in einem Brief an ihn legt er seine Gefühle dar. Der leidende Sohn schreibt: „Faßt du dein Urteil über mich zusammen, so ergibt sich, daß du mir zwar etwas [...] Böses nicht vorwirfst, aber Kälte, Fremdheit und Undankbarkeit.“[13] Auf einer der folgenden Seiten des Briefes fügt er hinzu:

„Jedenfalls waren wir so verschieden und in dieser Verschiedenheit einander so gefährlich, daß, wenn man es hätte im voraus ausrechnen sollen, wie ich, das langsam sich entwickelnde Kind, und Du, der fertige Mann, sich zueinander verhalten werden, man hätte annehmen können, daß Du mich einfach niederstapfen wirst, daß von mir nichts übrig bleibt.“[14]

Schließlich schreibt der Sohn: „Ich hatte vor Dir das Selbstvertrauen verloren.“[15]

Es gibt Indizien dafür, dass die psychologischen und familiären Spannungen, wie sie in den Werken „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ präsentiert werden, in der Lebensproblematik Kafkas eine reale Rolle spielten. Wie anfangs bereits erwähnt, schlug Kafka vor, „Die Verwandlung“ gemeinsam mit dem Werk „Das Urteil“ unter dem Titel „Die Söhne“ oder „Strafen“ zu veröffentlichen.[16] Allein aus diesem Kontext heraus lassen sich eindeutige Schlüsse über existierende Parallelen zwischen Kafkas Leben und seinen Werken ziehen. Die geplante Veröffentlichung unter den oben genannten Titeln weist darauf hin, dass „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ vom Motiv der angespannten Beziehung von Vater und Sohn und sogar von einem Strafmotiv durchzogen sind.[17] „Die Verwandlung“ beispielsweise, „verdankt ihre Niederschrift einer bis in die Fundamente reichenden Lebenskrise, und sie ist parabolische Darstellung einer solchen“[18], heißt es in neueren Forschungen.

Alles in allem sind Parallelen zwischen Kafkas Leben und Gregor Samsa sowie Georg Bendemann in den Erzählungen „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ offensichtlich und dürfen als Mittel zu einer eingehenden Interpretation der hier untersuchten Werke nicht außer Acht gelassen werden:

„Wenn sich Erzählwelt und lebensgeschichtlicher Hintergrund derart verschlingen, wird es nicht überraschen, daß selbst unbedeutend scheinende Nebenpunkte durch Autobiographisches bestimmt sein können, besonders wenn diese in den Erlebnisrahmen fallen, aus dem sich die Geschichte speist.“[19]

Es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern eine Interpretation vor dem Hintergrund der Autobiografie Kafkas wirklich sinnvoll erscheint. Unzählige Arbeiten haben bereits Parallelen zwischen dem realen Leben des Autors und dessen Werken aufgezeigt, doch dem Verfasser dieser Arbeit erscheint es selbstverständlich, dass jegliche Literatur von autobiografischen Motiven geprägt ist. Sinnvoller erscheint es also hier, nicht nur den lebenswirklichen Bezug zur Literatur zu suchen, sondern sich ebenfalls die Frage zu stellen, welche weiteren Ursachen Kafka dazu bewegten, den Vater-Sohn-Konflikt in seinem Werk auf eine Art darzustellen, die den Leser auch heute noch verwundert, da er bei wenigen anderen Autoren in dieser besonderen Art dargestellt wurde.

3. Kafka und der Expressionismus

Kafka hat, wie viele Autoren vor und nach ihm, autobiografische Motive in seinen Werken verarbeitet. Es steht außer Frage, dass der Vergleich zwischen der Lebenswirklichkeit des Autors und seinen Werken bei der Interpretation seiner Werke hilfreich, wenn nicht unabdingbar ist. Doch ebenso zwingend ist die Auseinandersetzung mit der Zeit, in welcher der Autor lebte.

Die Literatur gilt schon seit langer Zeit als Bühne des offen ausgetragenen Vater-Sohn-Konflikts. Schon in der Frühzeit wurden in der Dichtung Generationskonflikte thematisiert und motivisch verarbeitet. Die Geschichte des Chronos aus der griechischen Mythologie ist allseits bekannt. Der Titan verspeist seine eigenen Kinder aus Angst vor einer Weissagung, die besagt, dass er durch eines von ihnen seine Herrschaft verlieren würde.

In der biblischen Geschichte begegnen wir der Figur des Absalom, der den Versuch unternimmt den eigenen Vater, König David, zu stürzen und sich damit gegen die vorherrschenden Hierarchien auflehnt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Konflikt zwischen Vater und Sohn in zwei Werken Kafkas, welche Jahrhunderte nach den oben aufgeführten Werken entstanden, aber trotzdem den selben Generationskonflikt thematisieren. Das besondere Interesse an diesen beiden Texten resultiert also nicht aus der Wiederkehr der genannten Thematik, sondern aus der Art, wie der Vater-Sohn-Konflikt von Kafka hier verarbeitet wurde.

Die Auseinandersetzung mit dem sozialhistorischen Umfeld eines Autors stellt oft den Schlüssel zur Interpretation seiner Werke dar. Ebenso wie Franz Kafka vom familiären Umfeld geprägt war, war er sicherlich auch das Produkt der Zeit, in welcher er lebte. Es erscheint also zweckmäßig, sich vor der Analyse eines literarischen Werkes mit dem sozialhistorischen Umfeld auseinanderzusetzen, in welchem es entstand.

Sowohl „Die Verwandlung“ als auch „Das Urteil“ wurden im Jahr 1912 beendet.[20] Die Entstehungszeit dieser Werke fällt damit, zumindest literaturhistorisch betrachtet, in die Epoche des Expressionismus, dessen Begrifflichkeit jegliche Literatur beschreibt, welche zwischen den Jahren 1910 und 1925 produziert wurde und ideologische, ästhetische und gesellschaftskritische Gemeinsamkeiten aufzeigt.[21] Sozialhistorisch lehnten sich die Expressionisten gegen die vorherrschenden veralteten Normen des Wilhelminischen Kaiserreiches auf. Damit wandte sich ein Großteil der Schriftsteller gegen den bestehenden Autoritätsanspruch ihrer Väter und hinterfragte die Entwicklung der Gesellschaft. Als typische Motive des Expressionismus ergaben sich folglich die Entfremdung des Individuums von Arbeit und Familie durch Modernisierungsprozesse wie Industrialisierung, Monopolisierung der Städte, Bürokratisierung und Technisierung.[22] Der Vater-Sohn-Konflikt im bürgerlichen Milieu tauchte nun häufig in der Literatur des Expressionismus auf und stand z.B. in den Werken Hasenclevers oder Werfels stellvertretend für den Drang nach der Überwindung des veralteten gesellschaftlichen Systems. Autoren widersetzten sich auf dem Papier jeglicher Autorität; der Familie, der Obrigkeit im schulischen und universitären Bereich, dem Militär und endlich den Vätern selbst. Damit entstand ein Riss zwischen den Generationen; der dem Expressionismus typische Generationskonflikt und damit eine potentielle revolutionäre Kraft gegenüber traditioneller Kleinbürgerlichkeit und konservativen Vätern wurde geboren:

„Der Vater – Sohn – Konflikt ist, in Wien, München oder Berlin ganz ähnlich wie in Prag, Standardthema [...] Intellektueller der expressionistischen Generation [...] und er steht im Zentrum ihrer Kämpfe mit den Repräsentanten und Institutionen gesellschaftlicher Macht.“[23]

Der Bruch mit Staat, Gesellschaft und Familie schien die Grundbedingung für eine bessere Zukunft zu werden. Der Kampf der Jugend gegen die Vertreter der alten Gesellschaftsordnung wurde zum dichterischen Motiv und beinhaltete nicht allein den Konflikt zwischen Vätern und Söhnen, sondern auch denjenigen zwischen alter und neuer Weltordnung. Die Werte der Väter unterschieden sich von denen der Jugend, sie schienen nicht in die Zeit sozio-ökonomischer Umwälzungen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zu passen, sondern wirkten anachronistisch, was zur Folge hatte, dass das Wertesystem der Väter angezweifelt und ihre Autorität gegenüber der jüngeren Generation in Frage gestellt wurde. Dieser Konflikt wurde von der realen Tatsache zu einer literarischen Angelegenheit in der deutschen Dichtung, der gemeinsame Erfahrungshorizont der Schriftstellergeneration des Expressionismus verband sie in Geist und Werk. Sie kämpften gegen das Zeitalter der Modernisierung, gegen die Macht des Profits, gegen soziale und kulturelle Zustände und damit gegen eine ganze Generation von Vätern, welche all diese Missstände verkörperten und folglich Hindernisse auf dem Weg zu Fortschritt und Veränderung darstellten.[24]

Im Allgemeinen beschreibt die Begrifflichkeit des Vater-Sohn-Konflikts einen Machtkampf zwischen zwei männlichen Vertretern unterschiedlicher Generationen und damit die Auseinandersetzung zwischen der Selbstständigkeit anstrebenden Jugend und der Autorität innehabenden Erwachsenenwelt. In diesem Zusammenhang werden Konflikte naturgemäß nicht mit Gewalt ausgetragen, denn meist verpflichten gesellschaftliche Normen die ältere Generation zu Fürsorge gegenüber der Jugend und letztere zu Gehorsam gegenüber den Eltern. Entgegen dieser Lebenswirklichkeit stellt die Literatur eine Bühne für den aggressiven Kampf der Söhne gegen die Väter dar. In Hasenclevers „Der Sohn“ beispielsweise lehnt sich die Jugend gegen die Autorität der Väter auf; der Sohn geht mit dem Revolver auf den Vater los. Die Literatur des Expressionismus muss also als das Spiegelbild der vorherrschenden Gesellschaftsstruktur und der damaligen sozialen Konflikte angesehen werden.

Sicherlich müssen diese Überlegungen in die Analyse der Werke „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ einbezogen werden, wenn es gilt, Ursachen für das Auftauchen des Generationskonflikts und dessen Verarbeitung in den Texten zu interpretieren. Sowohl Kafkas Werke „als auch die spezifische Positionierung Kafkas innerhalb des literarischen Lebens [tragen] deutliche Züge des Expressionismus“[25] und „die Themen seiner Werke sind charakteristisch für die Epoche“[26]. Denn schließlich lag das Zentrum der europäisch-deutschsprachigen Avantgarde in Berlin, München, Leipzig, Wien und Zürich, aber eben auch in Prag[27], wo, wie bereits erwähnt, Kafka die hier zu analysierenden Erzählungen verfasste.

4. „Die Verwandlung“

4.1 Exposé und Figurenkonstellation

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“[28] Mit diesen unheilschwangeren Worten beginnt Kafkas bekannte Novelle „Die Verwandlung“. Die Metamorphose Gregor Samsas zu einem Käfer wird für den Rest des Textes als selbstverständlich angesehen und weder erklärt noch in Frage gestellt. Für Gregor selbst jedoch, vorher als Handelsreisender tätig und Haupternährer der Familie, ist sie bittere Realität – dieser sieht sich nun gezwungen, seine verbleibenden Tage in seinem Zimmer zu verbringen. Verstoßen, verlassen, ungeliebt und ungeduldet, unverstanden und des Familienlebens verwiesen, verlebt Gregor seine letzten Tage im Körper eines Ungeziefers, bevor er schließlich einsam verendet.

Im Zentrum der Handlung des Werkes „Die Verwandlung” steht eine recht überschaubare Anzahl von Charakteren. Alle Figuren bewegen sich rund um Gregor selbst. Zu diesen Personen gehören vordergründig sein Vater, seine Mutter und seine Schwester Grete. Außerdem werden im Verlauf des Textes Dienstmädchen erwähnt, welche aber im weiteren Fortgang entlassen werden. Zu Beginn tritt für einen kurzen Augenblick der Prokurist aus Gregors Firma in Erscheinung und aus finanziellen Gründen beherbergt die Familie später drei Zimmerherren als Untermieter, welche für bereitgestellte Kost und Logie zahlen.

Die Familienmitglieder nehmen eine zentrale Rolle in der Gedankenwelt Gregors ein, welche der Leser durch dessen Perspektive kennenlernt. Während die Dienstmädchen nur am Rande erwähnt werden, der Prokurist nur kurz als Drohgebärden von sich gebender Handlanger des Chefs eingeführt und die Zimmerherren eher geduldet als eingehend charakterisiert werden, beschränkt sich Gregors Gedankenhorizont offensichtlich vordergründig auf die Handlungen seiner Familie.

Alle Familienmitglieder, eingeschlossen Gregor selbst, durchlaufen innerhalb der Handlung des Textes unterschiedliche Stadien der Veränderung ihres Charakters.

Die Mutter Gregors wird als hilflose Frau in die Handlung eingeführt, welche beim ersten Anblick ihres in einen Käfer verwandelten Sohnes in Ohnmacht fällt. Während sie sich zu Beginn ungemein vor der Insektengestalt Gregors fürchtet, besinnt sie sich im Verlauf der Handlung auf die wahre Identität dieses Geschöpfs und behauptet sich sogar, indem sie ihren Sohn vor des Vaters Zorn schützt; „um Schonung von Gregors Leben“[29] bittet. Zum Ende der Erzählung hin aber nimmt sie erneut die Rolle der unsicheren, schwachen und daher passiven Frau ein.

Den größten Anteil der Zuneigung Gregors zu seinen Familienmitgliedern genießt seine Schwester Grete. Auch sie verändert ihren Charakter, zumindest jedoch ihr Verhalten gegenüber Gregor mit Fortlauf der Handlung. Während sie sich anfangs als einzige wirklich um Gregors leibliches Wohl sorgt und sich für ihn um Nahrung und Sauberkeit in seinem Zimmer bemüht, ist am Ende sie diejenige, welche die Entscheidung trifft, sich des Bruders in Insektengestalt zu entledigen: „...wir müssen versuchen, es loszuwerden“[30]. Am Ende der Handlung des Werkes haben alle Familienmitglieder der Familie eine für die Novelle titelgebende Wandlung vollzogen.

Franz Kafka begann sein Werk „Die Verwandlung“ im November 1912 und beendete seine Arbeit daran im Januar 1913.[31] „Die Entstehungszeit der Geschichte steht unter keinem glücklichen Stern. Befürchtungen [...], von der Familie abgelehnt und vom Vater verurteilt zu sein, alles das verdunkelt die Existenz des Dichters in diesen Jahren und gibt der Erzählung ihren düsteren Charakter“[32], lautet es in einer Analyse des Werkes. Doch inwiefern projiziert Kafka tatsächlich die eigene Lebensproblematik auf sein Schreiben und welche anderen außerliterarischen Phänomene mögen ihn dazu bewegt haben, die offensichtliche Vater-Sohn-Motivik zu verarbeiten?

4.2 Die Symbolik der Verwandlung zur Käfergestalt

Unübersehbar und zugleich charakteristisch für die Literatur Kafkas ist das groteske der Situationen, in welchen sich die Protagonisten befinden. Der Sohn in „Die Verwandlung“ findet sich zu einem Käfer verwandelt, überspringt den Prozess des Aufbegehrens gegen die eigene körperliche Veränderung, versucht sich seinen Zustand nicht einmal zu erklären. Der Sprung vom Ernährer und damit vom Oberhaupt der Familie zum entmachteten, entkräfteten, allein physisch unterlegenden Sohn ist unmittelbar. Interessant ist also, warum Kafka in einer Zeit, in der andere Schriftsteller die Söhne über die Väter triumphieren lassen, einen Protagonisten schafft, der von vornherein nicht den Hauch einer Chance im Konflikt mit dem Vater hat und den Jüngeren auch noch im Körper eines Insekts in die Handlung einführt. Viele Literaturwissenschaftler haben sich bereits mit dieser Frage beschäftigt und die Metamorphose Gregors zu einem Käfer zu erklären versucht. Doch eigentlich spielt die körperliche Verwandlung des Protagonisten für die Erzählung keine handlungsgebende Rolle, sondern unterstreicht nur dessen Hilflosigkeit, Schwäche und Ohnmacht und erklärt seine Isolation von Familie und Außenwelt. Fingerhut, beispielsweise, erklärt, dass die Verwandlung im eigentlichen Sinne gar keine ist; Gregor bleibt ja im Wesentlichen ein Mensch, nur eben in einem Insektenkörper.[33]

Nachdem Gregor erkennt, dass er zu einem Ungeziefer verwandelt ist, stößt der Leser auf den Hinweis des Erzählers, dass die Situation keinem Traum entspringe.[34] „Man wird den Käfer also zunächst als (fiktionale) Realität betrachten müssen.“[35] Gerade die Frage nach dem Sinn der für die Erzählung titelgebenden Verwandlung zum Insekt scheint der Schlüssel zur Interpretation der Erzählung zu sein. Der Versuch die Metaphorik der Verwandlung zu begreifen eröffnet Interpretationsmöglichkeiten auf biografischer, psychischer und ökonomischer Ebene.

4.3 Macht, Ohnmacht und biografischer Bezug

Die Familie nimmt in der Erzählung „Die Verwandlung“ eine wichtige Rolle in Gregors Leben ein. Sie bestimmt sein Leiden bei der ungewollten Arbeit, welche er aufnimmt, um „die Schuld der Eltern an ihn [den Chef] abzuzahlen“[36]. Die Sorge der Eltern gilt anfangs nicht unbedingt der Gesundheit ihres Sohnes, sondern vordergründig seinem Versäumnis, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Gegen Ende des ersten Kapitels wenden sich die Eltern gar gegen ihren Sohn: Während die Mutter vor der erschreckenden Gestalt des Sohnes flüchtet, zwingt der Vater Gregor mit dem Stock und zorniger Artikulation zurück in sein Zimmer. Die harte Behandlung, welche Gregor hier von seinem Vater erfahren muss, ist deutliches Zeichen einer körperlichen Unterlegenheit und sozialer Disposition des Sohnes und kann an dieser Stelle als erster Hinweis darauf verstanden werden, wie stark sich die Charaktere des Vaters und des Sohnes im Hinblick auf bestehende Machtverhältnisse innerhalb der Familie unterscheiden. Soweit aus dem ersten Kapitel ersichtlich, wird Gregors Leben von den Eltern gelenkt. Sein Berufsleben wird durch sie bestimmt, seine Schwäche als Insekt kann als Zeichen der Unterlegenheit gedeutet werden. Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass Gregors Beine sich anfänglich nur mit größter Konzentration und höchstem Kraftaufwand bewegen lassen. Das Problem, seine Beine zu beherrschen, kann als Verbildlichung der Lebensproblematik Gregors interpretiert werden.

Erst spät in der Erzählung kann sich Gregor dazu überwinden, sich gegen die Familie aufzulehnen. Zuerst lässt er zu, dass Mutter und Schwester versuchen sein Zimmer auszuräumen, um ihm ein einfacheres Herumkriechen in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Während die beiden dieser Arbeit nachgehen, versteckt sich der Käfer wiederholt unter seinem Tuch und „unterließ auch diesmal, unter dem Leintuch zu spionieren“[37]. Erneut zeigt er damit seinen Gehorsam und seine Rücksichtnahme gegenüber der Familie. Gregor steht der Ausräumung seines Zimmers zwiespältig gegenüber. Er ist nicht gewillt seine Sachen aufzugeben, unterwirft sich aber aus Sehnsucht nach menschlicher Nähe zunächst der Entscheidung von Mutter und Schwester:

„Gregor [erkannte], daß der Mangel jeder unmittelbaren menschlichen Ansprache, verbunden mit dem einförmigen Leben inmitten der Familie, [...] seinen Verstand hatte verwirren müssen. [...] nur die seit langem nicht gehörte Stimme der Mutter hatte ihn aufgerüttelt.“[38]

Doch auch diese Sehnsucht reicht am Ende nicht aus, Gregor von einem Aufbegehren abzuhalten: „Und so brach er denn hervor [...].“[39] Gregor versucht, seinen Besitz zu schützen und lässt sich auf dem Bild einer in Pelz gekleideten Dame nieder, welches er sich nicht nehmen lassen möchte. Dabei muss das Bildnis dieser Frau als einziges Abbild einer Person in Gregors enger Lebenswelt gelten, welche nicht zum innerfamiliären Kreis gehört und damit symbolisch den Kontakt zu der früheren Welt des Reisenden knüpft.

Auch der zweite Teil endet mit einer physischen Konfrontation mit dem Vater, welcher Gregor schließlich mit Äpfeln bewirft und ihn somit in sein Zimmer zurückdrängt. Einer der Äpfel „drang [...] förmlich in Gregors Rücken ein“[40]. Alle Macht Gregors gegenüber der Familie scheint mit Ende des zweiten Kapitels gebrochen zu sein. Seine Unfähigkeit, der Familie in Gestalt eines Insekts finanziell zu helfen, seine Unfähigkeit mit den Lieben zu kommunizieren und schließlich sein Versagen bei dem Versuch den eigenen Besitz vor der Familie zu retten, führt bei Gregor zu einer körperlichen und geistigen Ohnmacht, sein Schicksal zu beeinflussen. Das vorher eigentliche Oberhaupt der Familie kehrt nun in die Position des Sohnes zurück – in die Rolle eines Sohnes, der für seine Vergehen bestraft wird.

Ganz der selbstlose Sohn, stirbt Gregor nach monatelangem Leiden nicht an den Folgen der eigenen Verwandlung, sondern an den ihm von der Familie zugefügten körperlichen und emotionalen Wunden, während Vater, Mutter und Schwester tatenlos zusehen.

Alle körperlichen Wunden Gregors werden ihm vom Vater beigebracht. Die Konfrontation mit der Vaterfigur ist physischer Ausdruck einer hierarchischen Struktur, welche die gesamte Erzählung durchzieht.

Die Wohnung der Familie Samsa wird damit zum Kampfplatz zwischen Generationen, der Konflikt erinnert auffallend an das Leitmotiv des Streites zwischen Vätern und Söhnen in der Literatur und in der Lebenswirklichkeit des Expressionismus.

In der Primärliteratur finden sich Hinweise darauf, dass Kafka sich auch in der Realität gegen den Vater behaupten musste: „Kafka schrieb einmal, daß er den Kampfplatz [...], den er als Kind betreten hatte, nie wieder verließ!“[41] Er beschrieb den Vater als jähzornig[42], streng und unterstellt ihm Stärke und lärmendes Verhalten[43]. „In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt. Deine Meinung war richtig, jede andere war verrückt, überspannt, meschugge, nicht normal“[44], schreibt Kafka im „Brief an den Vater“. Weiter klagt er: „Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit. [...] Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit.“[45] Kafka bezeichnet den Vater weiterhin als einen Tyrannen, der ausgehend von seiner Person, nicht aber von seinem Denken waltet.[46] Er sieht sich selbst in einer deutlich unterlegenen, wehrlosen Position[47] und behauptet schließlich sogar:

„Dadurch wurde die Welt für mich in drei Teile geteilt, in einen, wo ich, der Sklave lebte, unter Gesetzen, die nur für mich erfunden waren und denen ich überdies, ich wußte nicht warum, niemals völlig entsprechen konnte, dann eine zweite Welt, die unendlich von meiner entfernt war, in der Du lebtest, beschäftigt mit der Regierung, mit dem Ausgeben der Befehle und mit dem Ärger wegen derer Nichtbefolgung, und schließlich in eine dritte Welt, wo die übrigen Leute glücklich und frei von Befehlen und Gehorchen lebten.“[48]

Damit beschreibt Kafka sowohl in seinem „Brief an den Vater“ als auch in der literarisch fiktiven Welt Gregors Machtstrukturen, denen er zu entfliehen wünschte. Der autobiografische Bezug ist also unübersehbar, aber reicht sicherlich nicht allein, um die Erzählung zu deuten.

4.4 Ödipaler Konflikt, Verdrängung und psychologischer Bezug

Das Schreiben hatte für Kafka teils eine therapeutische Funktion. Er selbst äußerte: „Ich habe [...] ein großes Verlangen, meinen ganzen bangen Zustand aus mir herauszuschreiben.“[49]

Einige Wissenschaftler haben es daher als nötig empfunden, die Erzählung „Die Verwandlung“ vor einem psychologischen Hintergrund zu analysieren.

Im Mittelpunkt der Suche nach psychoanalytischen Ursachen für den wiederholt auftauchenden Vater-Sohn-Konflikt in Kafkas Leben und Werk steht oft der ödipale Mythos, der das Verhältnis von Vater, Mutter und Sohn charakterisiert und als ein Ursprung der Distanz zwischen Vater und Sohn in „Die Verwandlung“ gelten kann, sofern Gregors Verwandlung zum Insekt als Regression verstanden wird.[50]

Etwas zugespitzt beschreibt der Ödipuskomplex „den unterbewussten Vaterhaß, verdrängte, blutschänderische Neigung“[51], also durchaus ein Phänomen, welches an den Protagonisten in „Die Verwandlung“ erinnert und welches Franz Kafka dazu bewogen haben mag, eine solche Polarisierung zwischen Vater und Sohn wiederholt in seinen Werken aufzugreifen.

Muss der Protagonist Gregor in der Gestalt eines verhassten Ungeziefers die körperliche Gewalt des Vaters also deshalb ertragen, weil Franz Kafka mit einem ödipalen Konflikt kämpfte oder an Kastrationsängsten litt? Muss er deshalb an den ihm vom Vater zugefügten Wunden verenden? In einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kafkas Leben beschreibt Fischer die Eifersucht, welche Franz Kafka auf seinen Vater verspürte, da er die Mutter für sich allein haben wollte und sieht dieses Gefühl unter anderem als Ursache für das Auftauchen des Vater-Sohn-Konflikts im Werk des Autors.[52]

Schlägt man sich auf die Seite der Wissenschaftlerin, können Hinweise auf eine Verarbeitung des ödipalen Konflikts durchaus in der Erzählung gefunden werden: An einer Stelle im Text bittet Frau Samsa den Vater, welcher Gregor um den Esstisch herum verfolgt, um Schonung des Kindes, bar jeder Kleidung, welche sie im Getümmel verlor, umarmt sie ihren Mann, verschmilzt mit ihm und beschützt damit den Sohn. Diese Situation beschreibt sowohl exakt die Grundzüge des Freudschen Ödipuskomplexes als auch eine Kindheitserinnerung Kafkas, in der Hermann Kafka schreiend um den Tisch herumläuft, versucht den Sohn zu fassen und nur die Mutter ihr Kind retten konnte.[53] Ist damit der Ödipuskomplex in Leben und Werk Kafkas bestätigt?

Die psychologische Herangehensweise an die Interpretation des Textes scheint dem Verfasser des Textes etwas spekulativ – ödipaler Konflikt und Kastrationsangst bei Kafka sind nicht bewiesen und ebenso wenig ist belegt, dass Kafka sich mit der Psychoanalyse oder der Person Freuds eingehend auseinandergesetzt hat, auch wenn eine Tagebucheintragung darauf hinweist, dass ihm Freud zumindest nicht unbekannt war.[54]

Viel greifbarer erscheint vor psychoanalytischen Hintergründen noch die Rolle Gregors als Verdränger.[55] Gregors Versuch zu Beginn der Erzählung, die Verwandlung ignorierend das Alltagsleben als Handelsreisender aufzunehmen, statt den Ernst seiner Lage einzusehen oder immerfort fest an eine Besserung seiner Situation zu glauben, sein Unverständnis gegenüber der Räumung seines Zimmers, welches mit Gegenständen ausgestattet ist, die ein Käfer einfach nicht benötigt, sind Indizien für Verdrängungsversuche, die dem Leser ins Auge fallen.

Will man also psychoanalytisch argumentieren, so gibt es Näherliegendes zu verdrängen als den Wunsch, dem Vater die Mutter wegzunehmen; so ist des Helden ganze Lebenslage eine Lebenslüge, nämlich Gegenstand ständiger Verdrängung, und der seelische Zustand Gregors zu Beginn der Erzählung ihr Ergebnis.“[56]

Was der Auslegung der Geschichte als Ergebnis ödipaler Konflikte widerspricht, ist der Umstand, dass Gregors sexuelle Motivation gegenüber der Schwester Grete sehr viel offensichtlicher ist, als die gegenüber der Mutter. Wenn also die Vaterfigur im Wege steht, dann nicht der Begierde Gregors nach der Mutter, sondern nach der Schwester, denn schließlich sinnt Gregor darüber nach, letztere in seinen Bann zu ziehen:

„Er wollte sie nicht aus seinem Zimmer lassen, wenigstens nicht, solange er lebte; seine Schreckgestalt sollte ihm zum ersten mal nützlich werden [...]; die Schwester aber sollte nicht gezwungen, sondern freiwillig bei ihm bleiben [...].“[57]

Hat Kafka also die Metamorphose des Protagonisten Gregors in einen Käfer inszeniert, um diesen in der Gestalt des Käfers an ödipalen Konflikten leiden zu lassen, seine Verdrängungsversuche zu unterstreichen oder über den Ausdruck seiner Schwäche der Schwester näherkommen zu lassen? Eine Interpretation in psychologischer Hinsicht scheint möglich, aber eben auch spekulativ.

[...]


[1] Vgl.: Hutchinson, Peter; Minden, Michael: Die Verwandlung. Franz Kafka. Leipzig: Kurt Wolff Verlag, 1915. S. 9.

[2] Vgl.: Ebd. S. 8.

[3] Vgl.: Robertson, Ritchie: Franz Kafka. Leben und Schreiben. Darmstadt: WBG, 2009. S. 7.

[4] Vgl.: Ebd. S. 8.

[5] Vgl.: Ebd.

[6] Firtina, Özlem: Familie in Kafkas Schreiben. Biographische Situation und literarische Verarbeitung. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2005. S. 9.

[7] Alt, Peter-André: Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie. 2., durchgesehene Auflage. München: C.H. Beck, 2008. S. 21.

[8] Vgl.: Hutchinson, Peter; Minden, Michael: Die Verwandlung. Franz Kafka. Leipzig: Kurt Wolff Verlag, 1915. S. 1.

[9] Ebd. (Übersetzung des Verfassers)

[10] Vgl.: Ebd.

[11] Vgl.: Ebd.

[12] Vgl.: Robertson, Ritchie: Franz Kafka. Leben und Schreiben. Darmstadt: WBG, 2009. S. 12 - 14.

[13] Kafka, Franz: Brief an den Vater, hrsg. und kommentiert von Michael Müller. Stuttgart: Reclam, 1995. S. 8.

[14] Ebd. S. 10.

[15] Ebd. S. 36.

[16] Vgl.: Ebd. S. 9.

[17] Vgl.: Ebd.

[18] Binder, Hartmut: Kafkas „Verwandlung“ Entstehung – Deutung – Wirkung. Frankfurt am Main: Stroemfeld, 2004. S. 80.

[19] Ebd. S. 74.

[20] Vgl.: Engel, Manfred; Auerochs, Bernd (Hrsg.): Kafka – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler, 2010. S. 152, 164.

[21] Vgl.: Bogner, Ralf G.: Einführung in die Literatur des Expressionismus. 2., unveränderte Auflage. Darmstadt: WBG, 2009. S. 8ff.

[22] Vgl.: Ebd.

[23] Anz, Thomas: Franz Kafka. Leben und Werk. München: C.H. Beck, 2009. S. 30f.

[24] Bogner, Ralf G.: Einführung in die Literatur des Expressionismus. 2., unveränderte Auflage. Darmstadt: WBG, 2009. S. 24f.

[25] Bogner, Ralf G.: Einführung in die Literatur des Expressionismus. 2., unveränderte Auflage. Darmstadt: WBG, 2009. S. 14.

[26] Ebd.

[27] Vgl.: Kemper, Hans-Georg; Vietta, Silvio: Expressionismus. 6., unveränderte Auflage. München: Wilhelm Fink Verlag, 1997. S. 15.

[28] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Durchgesehene Ausgabe 2001. Stuttgart: Reclam, 2001. S. 5.

[29] Ebd. S. 44.

[30] Ebd. S. 56.

[31] Vgl.: Scholz, Ingeborg: Analysen und Reflexionen. Bd. 22. 6. Überarbeitete Auflage. Hollfeld: Joachim Beyer Verlag, 2003. S. 32.

[32] Ebd. S. 33.

[33] Vgl.: Fingerhut, Karlheinz: Die Verwandlung. In: Müller, Michael (Hrsg.): Franz Kafka. Romane und Erzählungen. Interpretationen. Stuttgart: Reclam, 1994. S. 44.

[34] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Das Urteil. In: Insel Taschenbuch. 3541. Berlin: Insel Verlag 2011. S. 11.

[35] Jagow, Bettina von; Jahraus, Oliver (Hrsg.): Kafka – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. S. 425.

[36] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Durchgesehene Ausgabe 2001. Stuttgart: Reclam, 2001. S. 44.

[37] Ebd. S. 36.

[38] Ebd. S. 37.

[39] Ebd. S. 39.

[40] Ebd. S. 43.

[41] Kafka, Franz: Brief an den Vater. Frankfurt am Main: Insel, 2003. S. 39.

[42] Vgl.: Ebd. S. 12.

[43] Vgl.: Ebd. S. 14.

[44] Ebd. S. 18.

[45] Ebd. S. 17.

[46] Ebd. S. 18.

[47] Ebd. S. 21.

[48] Ebd. S. 22.

[49] Brod, Max (Hrsg.): Franz Kafka. Tagebücher 1910 – 1923. New York: Schocken, 1948-1949. S. 185.

[50] Jagow, Bettina von; Jahraus, Oliver (Hrsg.): Kafka – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. S. 427.

[51] Ebd. S. 18.

[52] Vgl.: Fischer, Dagmar: Franz Kafka. Der tyrannische Sohn. Andro-Sphinx-Ödipus- und Kastrationskomplex. Schlüssel zum Verständnis seiner Prosa. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2010. S. 48.

[53] Vgl.: Binder, Hartmut (Hrsg.): Kafka – Handbuch. Der Mensch und seine Zeit. 1. Stuttgart: Kroener, 1979. S. 160.

[54] Koch, Hans-Gerd;Müller, Michael (Hrsg.): Franz Kafka. Tagebücher. Bd. 1. Frankfurt am Main: Fischer, 1990. S. 461.

[55] Jagow, Bettina von; Jahraus, Oliver (Hrsg.): Kafka – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. S. 427.

[56] Ebd. S. 427f.

[57] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Das Urteil. In: Insel Taschenbuch. 3541. Berlin: Insel Verlag, 2011. S. 79f.

Details

Seiten
39
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656197393
ISBN (Buch)
9783656198208
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194421
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
Schlagworte
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Titel: Franz Kafkas literarische Auseinandersetzung mit dem Vater-Sohn-Konflikt am Beispiel von „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“