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Der Faktor Alter beim Fremdsprachenlernen und die altersgerechte Unterrichtsgestaltung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 26 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Fremdsprachenunterricht - Inhalte

3. Forschungsstand
3.1 Alter vs. Lernen
3.2 Alter vs. Fremdsprachenlernen

4. Unterrichtsgestaltung
4.1 Unterrichtsgestaltung bei Lernern im Kindesalter
4.1.1 Input
4.1.2 Gesteuertes vs. ungesteuertes Fremdsprachenlernen
4.1.3 Schlussfolgerungen
4.2 Unterrichtsgestaltung bei Lernern im höheren Alter
4.2.1 Mündliche Fertigkeiten
4.2.2 Kognitive Leistungen

5. Schlusswort

Bibliografie

Sekundärliteratur:

Internetquellen:

1. Einleitung

Unser Alter kann Aussagen darüber zulassen, welche Handlungen wir schon beherrschen, welche Fähigkeiten wir nicht mehr Inne haben, wie viel wir möglicher Weise schon erlebt haben, welchen Ausbildungsstand wir wahrscheinlich schon erreicht haben, in welcher Phase unseres Lebens wir uns befinden, welche geschichtlichen Ereignisse wir schon miterleben durften. Es lässt verschiedene Hypothesen über uns zu, doch müssen sich diese nicht immer bestätigen. Das Alter im Kontext des Lernens ist ein hochinteressanter Komplex über den sich nicht nur Lernforscher Gedanken machen. Auch in der breiten Bevölkerung meint man zu wissen, dass das Lernen im Alter viel schwieriger wird und dass Kinder sowieso viel besser lernen können als Erwachsene.

Welche dieser weitläufig verbreiteten Meinungen sich bestätigen lassen, welche Fragen bis heute noch nicht geklärt sind und welche Thesen als widerlegt gelten, soll sich diese Arbeit in Ansätzen widmen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf den Fremdsprachenerwerbskontext gelegt werden, auch weil es in diesem Bereich viele sich widersprechende Meinungen zu geben scheint.

Einleitend soll deswegen auf die Inhalte des Fremdsprachenunterrichts allgemein eingegangen werden, um zu erörtern, was ihm Fremdsprachenunter- richt vermittelt werden soll. Da es sich beim Fremdsprachenlernen um einen Lernprozess handelt, soll daraufhin der kognitive Entwicklungsprozess im Allgemeinen mit seinen Ausprägungsformen in bestimmten Altersstufen in den Fokus der Betrachtungen rücken. Es soll herausgefunden werden, welche Denkprozesse in bestimmten kindlichen Entwicklungsphasen ihren Ausgangspunkt finden, um darauf aufbauend Rückschlüsse für das Fremdsprachenlernen ziehen zu können. Darauf folgend sollen einige Phänomene, die beim Fremdsprachenlernen beobachtbar sind, betrachtet werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf das Erwerbsalter, die Erwerbsumstände und den Lernerfolg gelegt werden. Abschließend soll versucht werden, einige Hinweise für die Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts selbst zu geben. Dies wird vor allem im Hinblick auf die Altersgruppen, die am stärksten beim Fremdsprachenerwerb benachteiligt scheinen, geschehen.

2. Der Fremdsprachenunterricht - Inhalte

Fremdsprachenunterricht soll den Lernenden befähigen können, in der fremden Sprache angemessen zu kommunizieren. Zum Kommunizieren gehört sowohl den anderen verstehen zu können, als auch von seinem Kommunikations- partner verstanden zu werden. Kommunikation kann sowohl auf mündlicher als auch auf schriftlicher Ebene stattfinden. Hieraus ergeben sich zwei Dimensionen, auf denen die fremdsprachlichen Fertigkeiten eingeteilt werden können. Eine kommunikative Handlung kann somit mündlich oder schriftlich und rezeptiv oder produktiv sein. Zu den mündlichen Fertigkeiten gehören das Hörverstehen als rezeptive und das Sprechen als produktive kommunikative Handlung. Die schriftlichen Fertigkeiten sind das Leseverstehen (rezeptiv) und das Schreiben (produktiv). Sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unterrichts treten die Fertigkeiten sehr selten isoliert voneinander auf. Denn eine Kommunikation, die auf dem Austausch von Informationen basiert, erfordert sowohl die rezeptiven als auch die produktiven Fertigkeiten.1 Zudem gewinnt auch das kombinierte Verstehen von Bild und Text mit der Entwicklung eines immer umfangreicher werdenden Medienkanons an Wichtigkeit für den Fremdsprachenunterricht. Die entsprechenden Fertigkeiten hießen somit Hör-Seh-Verstehen und Lese-Seh- Verstehen, welche zum Beispiel beim Schauen von Filmen notwendig oder beim Lesen von Comics und Werbung von Bedeutung sind.2 Es reicht jedoch nicht, nur die entsprechenden Fertigkeiten in der Zielsprache zu beherrschen. Kompetente Sprecher zeigen laut Storch ein Sprachverhalten, dass sich durch Angemessenheit, Geläufigkeit und Korrektheit auszeichnet.3 Angemessen ist das Sprachverhalten somit dann, wenn es „den pragmatischen Bedingungen der Kommunikationssi- tuation und den soziokulturellen Konventionen der jeweiligen Sprachgemein- schaft“4 entspricht. Hierbei handelt es sich, anders als bei der Beherrschung der Fertigkeiten, die bei Storch mit Geläufigkeit gemeint sind, vor allem um deklarative Wissensbestände. Korrektheit bezeichnet nicht nur die Kompetenz, sprachlich fehlerfreie Äußerungen zu produzieren, sondern meint auch die Urteilsfähigkeit, um korrekte von fehlerhaften Äußerungen zu unterscheiden. Die Urteilsfähigkeit ergibt sich aus impliziten Wissensbeständen, die sie z. B. bei der Korrektur nutzt und expliziten Wissensbeständen, die benötigt werden, wenn die Urteile begründet werden sollen. Es bleibt festzuhalten, dass Fremd- bzw. Zweitsprachenlerner explizit auf viele Wissensbestände zurückgreifen, die der Muttersprachler nur rein implizit beherrscht.5 Zudem wird seit den achtziger Jahren auch die interkulturelle Kompetenz als im Fremdsprachenunterricht zu vermittelnde Fertigkeit angesehen.6 Denn für eine erfolgreiche Verständigung in der Zielsprache muss der Lernende auch mit der Zielkultur umgehen können. Dabei ist nicht nur das explizite und reproduzierbare Wissen über die Zielkultur gemeint (landeskundliches Wissen), sondern auch die entsprechende Handlungs- kompetenz. Dies kann durch den „Erwerb der Fähigkeit zu mehrperspektivischer Wahrnehmung fremdkultureller Gegebenheiten, der Empathie und der kritischen Toleranz“7 geleistet werden. Fremdverstehen und das Bewusstsein über die eigene Andersartigkeit können dabei helfen, dass der Fremdsprachenlerner im Kontakt mit Muttersprachlern die erhaltenen Informationen auch auf interpersonaler Ebene zu verstehen und zu interpretieren weiß.

Der Fremdsprachenunterricht, der das globale Ziel der Vermittlung einer kommunikativen Handlungskompetenz verfolgt, muss es sich deswegen zur Aufgabe machen, die oben genannten kommunikativen Fertigkeiten zu vermitteln. Um den Lernprozess möglichst erfolgreich zu gestalten, ist es wichtig bei der Unterrichtsplanung und -gestaltung verschiedene Faktoren zu berücksichtigen. Ein Faktor, der bei der Wahl der Unterrichtsmethoden, des Unterrichtsmaterials und der Unterrichtsprogression eine sehr bestimmende Rolle spielt, ist das Alter der Lernenden. Das Alter bestimmt darüber, was und vor allem wie gelernt wird. Einen Überblick darüber, welche Erkenntnisse in der Forschung zum Thema Alter und Lernen bzw. Alter und das Lernen fremder Sprachen bereits gemacht werden konnten, soll das folgende Kapitel bieten.

3. Forschungsstand

Weisheiten wie „Lernen ist ein lebenslanger Prozess“ oder „man lernt doch immer wieder dazu“ sind allgemein bekannt und auch anerkannt. Dass die Fähigkeit des effektiven Lernens jedoch erst erworben werden muss und dass sie sich im Laufe eines Lebens verändert, soll in diesem Kapitel thematisiert werden. Hierzu wird zunächst auf die kognitiven Entwicklungsprozesse im Allgemeinen und darauf folgend auf die Phänomene beim fremdsprachlichen Lernen im Speziellen eingegangen werden.

3.1 Alter vs. Lernen

Lernen beginnt bereits kurz nach der Geburt. Schon bei Säuglingen im Alter von wenigen Wochen können Gedächtniseffekte nachgewiesen werden. Das Erkennen der Stimme der Mutter oder auch deren Geruch gehören zu den über- lebenswichtigen Gedächtnisinhalten, die schon bei sehr jungen Säuglingen festgestellt werden konnten. Somit ist von einem Lernen ab dem Zeitpunkt der Geburt auszugehen.8 Allgemein lassen sich die kognitiven Leistungsunterschiede in den Bereichen der Gedächtnisspanne bzw. Informationsverarbeitungskapazität, der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, der Aufmerksamkeitsfokussierung und der Hemmungseffizienz im Laufe der kognitiven Entwicklung feststellen. Die Gedächtnisspanne bezeichnet die Fähigkeit, Informationseinheiten (sogenannte Items) gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis zu erhalten und zu verarbeiten. Die Informationsverarbeitungskapazität bei Kleinkindern liegt mit ca. 2 Items deutlich unter der von Erwachsenen mit 7 (+/- 2) Items. Ältere Erwachsene wiederum zeigen einen Abfall bei der Anzahl der verarbeiteten Informationseinheiten gegenüber den jüngeren Erwachsenen. Die Geschwindigkeit, mit der diese Items verarbeitet werden können, nimmt ebenfalls bis ins junge Erwachsenenalter, vor allem aber zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr, zu und in höherem Alter wieder ab. Die Fähigkeit, die für die Aufgabenstellung irrelevanten Information auszublenden und sich folglich auf die relevanten Information zu konzentrieren, muss ebenfalls im Laufe des kognitiven Entwicklungsprozesses erworben werden.9 Zu erwähnen ist, dass dieses Phänomen auch bei Lernern im fortgeschrittenen Erwachsenenalter wieder aufzutreten scheint.10 Keine Unterschiede scheint es hingegen bezüglich des Vergessensprozesses zwischen Kindern und Erwachsenen zu geben.11

Lernleistungen können durch entsprechende Verarbeitungs- bzw. Gedächtnisstrategien gesteigert werden. Diese müssen jedoch erst im Laufe der kognitiven Reifung ausgebildet und erworben werden. Kindern fehlen diese Strategien bzw. sie müssen sie erst erlernen und sie dann auch einsetzen. So neigen Kinder zum Beispiel im Gegensatz zu Erwachsenen dazu, nicht spontan semantische Beziehungen zwischen gleichzeitig zu lernenden Informations- einheiten bei der Enkodierung herzustellen, wenn die Aufgabenstellung dies nicht explizit vorgibt. Da aber miteinander verknüpfte Informationen (mentale Netzwerke) viel besser wieder erinnert werden können als separat gespeicherte, stehen sie deswegen älteren Lernern in der Reproduktionsleistung nach.12

Gedächtnisstrategien sind Aktivitäten, die vom Lerner während oder nach der Informationsaufnahme eingesetzt werden, um die Information ausreichend tief zu verarbeiten und später wieder auf sie zurückgreifen zu können. Es gibt unterschiedliche Gedächtnisstrategien, die jeweils dem Aufgabentyp entsprechend eingesetzt werden können. Kinder müssen diese Strategien erst noch erwerben. Hierzu gehört beispielsweise das spontane Wiederholen von Itemketten, das schon bei Fünf- bis Sechsjährigen beobachtet wird. Mit zunehmendem Alter werden diese Memorisierungstechniken dann noch verfeinert, um deren Effizienz zu steigern. Unklar ist jedoch bis jetzt, ab wann bei den jungen Verwendern das Bewusstsein darüber, dass es sich dabei um eine Strategie handelt, vorhanden ist.13

Als weitere Strategie gilt das Kategorisieren von Information, um Informationsmengen strukturiert abspeichern zu können. Erste Ansätze lassen sich bereits im Vorschulalter wahrnehmen, allerdings wird eine Gruppierung in diesem Alter meist noch rein assoziativ und eher selten vorgenommen. In der weiteren kognitiven Entwicklung ist mit prozeduralem und hierarchischem Kategorisieren zu rechnen. Hierbei ist anzumerken, dass die Kategorisierungsmechanismen von Erwachsenen sich stark von denen der Kinder unterscheiden können, deren Gruppierungen bei den Kindern also nicht zu Leistungssteigerungen führen würden. Es wird angenommen, dass vor allem die Anhäufung von immer größer werdenden Wissensbeständen für die Ausbildung dieser Strategie verantwortlich ist.14 An dieser Stelle scheinen gerade die Lerner im Fortgeschrittenen Alter im Vorteil zu sein, da sie, bedingt durch ihr Lebensalter, vermutlich auf die größten Erfahrungs- und Wissensbestände zurückgreifen können und sich somit vielseitige Verknüpfungsmöglichkeiten für neue Informationsbestände bieten.15

Die wohl erfolgreichste Gedächtnisstrategie ist das Elaborieren,16 da sie sich durch eine sehr starke Verarbeitungstiefe auszeichnet. Sie wird allerdings, obwohl sie bereits bei Kindern im Vorschulalter beobachtet werden konnte, frühestens mit ca. 14 Jahren spontan verwendet. Der Grund dafür ist vermutlich, dass für effektives Elaborieren ein gut entwickeltes Arbeitsgedächtnis, das viele Informationen gleichzeitig und parallel verarbeiten kann, benötigt wird. Dieses ist bei jüngeren Kindern noch nicht entsprechend ausgeprägt.17 Die letzte hier aufgeführte Strategie ist weniger eine Strategie als ein Überprüfungs- mechanismus. Das Selbstprüfen, bei dem der Lerner sich selbst hin auf erworbene Wissensbestände prüft, um dann zu entscheiden, welche Kenntnisse er nochmals wiederholen und vertiefen muss, um sie in der Test- oder Prüfungssituation wiederzugeben, kann als Kontrollinstanz fungieren.

Alle hier aufgeführten Gedächtnisstrategien werden von erwachsenen Lernern wesentlich effektiver und umfangreicher genutzt, um Wissen zu speichern und zu reproduzieren. Kinder eignen sich diese erst im Laufe ihrer Entwicklung an. Sie wären zwar meist schon in früheren Entwicklungsphasen verfügbar, doch werden sie wegen zu geringer Effektivität bedingt durch die nicht ausreichende kognitive Entwicklung meist erst in späteren Entwicklungsphasen genutzt.18

[...]


1 Vgl. Storch, Günter: Deutsch als Fremdsprache - Eine Didaktik. Theoretische Grundlagen und praktische Unterrichtsgestaltung. München: Fink 1999. S. 15.

2 Vgl. ebd.: 15f.

3 Vgl. ebd.: 18.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. Storch 1999: 18f.

6 Vgl. Krumm, Hans-Jürgen: Curriculare Aspekte des interkulturellen Lernens und der interkulturellen Kommunikation. In: Bausch, Karl-Richard/Christ, Herbert/Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Francke 2003 4. S. 138-144. S. 138.

7 Vgl. Grau, Maike/Würffel, Nicola: Übungen zur interkulturellen Kommunikation. In: Bausch, Karl-Richard/Christ, Herbert/Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Francke 2003 4. S. 312-314. S. 312.

8 Vgl. Küst, Jutta: Implizite Gedächtnisleistungen bei Kindern. Experimentelle Untersuchung zur Altersinvarianz. Sozialwissenschaften Diss. Konstanz, 1998. S. 26f.

9 Vgl. Lukesch, Helmut: Psychologie des Lernens und Lehrens. Regensburg: Roderer 2001. Bd. 2. S. 189f, 205f.

10 Vgl. Berndt, Annette: Fremdsprachengeragogik: Ontogenetische Grundlagen des Sprachenlernerns im Alter. In: Neusprachliche Mitteilungen 2/2001. S. 77-84. S. 81.

11 Vgl. Lukesch 2001: 192.

12 Vgl. ebd.: 194f.

13 Vgl. ebd.: 197f.

14 Vgl. Lukesch 2001: 198f.

15 Vgl. ebd.: 211.

16 Unter Elaboration versteht man das Erstellen einer mentalen Repräsentation im Gedächtnis während der semantischen Verarbeitung. Durch die intensive und umfangreiche Verarbeitung kann auf elaborierte Gedächtnisinhalte auch später besser zugegriffen werden. (vgl. Oberauer 2006: 142).

17 Vgl. Lukesch 2001: 199f.

18 Vgl. ebd.: 198f.

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656198574
ISBN (Buch)
9783656200406
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194399
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Lernervariablen individuelle Lernfaktoren Alter Fremdsprachenerwerbsprozesse Lifelong Learning altersgerecht kognitive Leistungen DaF

Autor

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