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Hexenverfolgung in der Schweiz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 32 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Anfänge der Hexenprozesse
2.1 Hohes und spätes Mittelalter
2.2 Frühe Neuzeit

3. Prozesswellen und regionale Schwerpunkte der Hexenverfolgung
3.1 1447-1456
3.2 1457-1466
3.3 1477-1486
3.4 1487-1496
3.5 1497-1506
3.6 Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum 18. Jahrhundert

4. Weitere Beispiele für Hexenprozesse anhand von Quellenarbeit
4.1 Der Prozess gegen Perrissone Gappit 1464
4.2 Der Prozess gegen Jean Poesiouz 1480

5. Zusammenfassung und Abschluss

6. Literaturverzeichnis

7. Materialanhang

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Im Rahmen des Themas Hexenverfolgung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ist besonders das Gebiet der heutigen Schweiz interessant, da sich dieses durch eine vielfältige und dichte Quellenüberlieferung zu den Anfängen im 15. Jahrhundert auszeichnet.[1] Vor allem Städte wie Lausanne, Bern, Fribourg, Neuchâtel und Wallis fallen geradezu als Zentren früherer Verfolgungen ins Auge. Auch viele Autoren wie Richard Kieckhefer und Joseph Hansen, der mit seinem Quellenband eine heute noch nützliche Sammlung zu den damaligen Hexenprozessen herausgebracht hat und im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit Verwendung findet, haben immer wieder das schweizerische Prozessmaterial herangezogen. Des Weiteren liegen Quellen von Inquisitionsprozessen vor, die im Zeitraum von 1438 bis 1528 von Lausanner Dominikanern geführt wurden und sich gegenwärtig im Archives Cantonales Vaudoises befinden.[2] An der Grenze des habsburgisch-eidgenössischen und savoyischen Einflussgebietes durchlief die Entwicklung des europäischen Hexenprozesses eine bedeutsame Phase und die Verfolgungen in Dauphiné, Savoyen[3] -Piemont und der Westschweiz sind nicht von der Hand zu weisen.[4] Zur damaligen Zeit mündeten im Grunde genommen alltägliche Auseinandersetzungen, vor allem in Krisensituationen, in Hexenprozesse und gerade beim Betrachten der Quellen stellt man fest, dass die Verfolgungsperioden und die Beschäftigung mit dem Hexenwesen, das allmählich an Gestalt gewann, ihren Höhepunkt in den Krisenjahren 1400, 1440, 1450, 1480, 1490, 1500 und 1530 erreichten.[5]

Aus diesen Gründen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit den Hexenverfolgungen und –prozessen in der nachmaligen Schweiz, wobei erst ein historisch-chronologischer Überblick gegeben wird und zeitliche sowie regionale Schwerpunkte aufgezeigt werden. Anschließend findet die Quellenarbeit statt, bei der einzelne Lebensschicksale und regionale Prozesse analysiert werden. Hierbei wird auch auf die Vorstellung des Hexenwesens, sowie auf mögliche Gründe und Ursachen der Verfolgungen eingegangen.

2. Die Anfänge der Hexenprozesse

In den folgenden beiden Abschnitten werden die Anfänge der Hexenverfolgungen dargestellt, indem zuerst häretische Sekten im hohen Mittelalter präsentiert werden und anschließend auf die Entwicklung des frühen Hexenwesens im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit eingegangen wird.

2.1 Hohes und spätes Mittelalter

Will man von den Anfängen der Hexenprozesse in der zu untersuchenden Region berichten, muss man einige Jahrhunderte zurückgehen und die Ketzer, eine große Bewegung von Glaubensabtrünnigen, nennen, die sich ab dem 11. Jahrhundert ausbreiteten.[6] Ihre angeblichen Anschauungen und Delikte wurden nämlich teilweise auf die späteren Hexensekten übertragen und haben nicht unerheblich die Hexenverfolgungen mitbegründet.[7] Nur kurz zu nennen wären hier die Katharer, aus orientalisch-osteuropäischen Traditionen kommend, und die Waldenser, welche sich auf Grund der „Verweltlichung“ der Kirche (z.B. Anhäufung von Reichtümern) von dieser losgesagt hatten.[8] Dies führte bei Vertretern der Kirche wiederum zu der Ansicht, die Ketzer betrieben Idolatrie, Apostasie und Sodomie; sie würden in weltabgewandten Orten leben und dort Versammlungen (Sabbat) veranstalten, bei denen sie angeblich den Teufel huldigen, zaubern und Kinder verspeisen würden.[9] Doch obwohl weder die Waldenser noch die Katharer etwas mit Zauberei zu schaffen hatten, verankerte sich die Vorstellung einer solchen Sekte und die anscheinende Omnipräsenz des Teufels im Bewusstsein breiter Gesellschaftsschichten.[10] Die Kirche versuchte diese Gruppierungen zu bekämpfen, was zu Inquisitions- und Predigtkampagnen führte. Außerdem konnte jeder Opfer von Beschuldigungen wegen Dämonenverehrung werden, gleichgültig welcher Gesellschaftsschicht er angehörte.[11] Die individuell gedachte Zauberei breitete sich so nach und nach zur kollektiv definierten klassischen Ketzerei aus und häretische Elemente, wie der Luftflug, fanden sich später in dem neuzeitlichen Delikt der Hexerei wieder.

Bis 1430 tauchen die Begriffe Hexe und Hexerei noch nicht auf, weder in den Quellen einer Visitation von 1411-1414 in der Diözese Genf noch in der Statuta Sabaudiae Amadeus´ VIII. von 1430, wo lediglich die Zahl der Exkommunizierten wegen Zauberei und Wahrsagerei genannt wird, aber jegliche Untersuchungen zum Zaubereiwesen fehlen.[12] Ungefähr zehn Jahre später allerdings heißt es in einer Erklärung des Papstes Eugen IV., in Savoyen wimmele es von „ stregule vel stregones seu Waudenses[13]. Man kann folglich einen reziproken Aufladungs- und Verschmelzungsprozess von Ketzerei, Zauberei und Strigenglauben ausmachen, der nicht selten mit der Feuerstrafe belegt wurde.[14]

Eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung des jungen Hexenglaubens spielte das Pontifikat Felix´ V[15]. und das Basler Konzil. Zu Beginn des Konzils 1431 und vor allem seit der Wahl Amadeus´ VIII. zum Papst 1439 fand eine rege Personalfluktuation der Geistlichen von und nach Basel statt. Der Gegenpapst Felix V. demonstrierte mit seinen Personalentscheidungen, wie eng die savoyischen Gebiete zusammenrückten (besonders Lausanne, das Bistum Maurienne und Aosta). Durch die direkte Kommunikation innerhalb der Eliten konnte sich der junge Hexenglaube, von Dauphiné und Piemont kommend, bis in die Gebiete der entstehenden Eidgenossenschaften ausdehnen.[16]

1430/40 fanden im gesamten französisch-italienisch-westschweizerischen Gebiet Ketzer-, Zauberei- und peu à peu auch Hexenprozesse statt.[17] Als Reaktion darauf wurden einige Werke verfasst, in denen eine erste Vorstellung des Hexenwahns greifbar wird. Zu nennen wären hier die Berichte des Dominikaners Johannes Nider (Formicarius, fertiggestellt 1436-1438) und des Luzerner Chronisten Hans Fründ über die Hexen im Wallis, das Traktat Ut magorum et maleficiorum errores (um 1436) des (weltlichen!) Richters Claude Tholosan[18] aus der Dauphiné und die anonymen Errores Gazariorum[19] (entstanden in der 2. Hälfte der 1430er) sowie ein Ausschnitt aus dem Champion des Dames (1440-1442) des Humanisten Martin Le Franc (Sekretär Felix´ V. auf dem Basler Konzil), der ein überaus plastisches Bild der Anhänger des Hexenwesens zeichnet.[20] Auch auf literarischer Ebene spielte sich also die Kommunikation durch die Rezeption von Fachliteratur ab, deren Verbreitung besonders durch die Erfindung der Druckerpresse 1450 erleichtert wurde.[21] Die Begrifflichkeit des Traktates Errores Gazariorum ähnelt der in savoyischen Inquisitionsprozessen, erstmals greifbar am Prozess im Pinerolo in Piemont 1387/88.[22] Auf diese Zeitebene wird letztlich die Entstehung der Hexensekte datiert.

Die Inquisitionsgerichtsbarkeit übten im Nordteil (in den Diözesen Lausanne, Genf und Sion) der Dominikaner Uldry de Torrenté und im Südteil der Franziskaner Ponce Feugeyron aus.[23] Der Inquisitor musste in der Regel erst von den weltlichen Mächten gerufen werden, was über den Bischof von Lausanne zu erfolgen hatte. Er erteilte dem Inquisitor den entsprechenden Auftrag und ließ sich im Inquisitionsgericht vertreten. In diesem saßen aber auch Vertreter der weltlichen Autorität, sodass es sich in der Westschweiz um gemischte Gerichte handelte. Die weltlichen Herrschaften konnten dadurch ungehindert Einfluss nehmen.[24] In Fribourg fanden in den Jahren 1399 und 1430[25] zwei Waldenserprozesse statt. Hierbei ist anzumerken, dass nicht nur der zweite Freiburger Waldenserprozess von Uldry de Torrenté geleitet wurde, sondern auch die ersten Hexenprozesse[26] (1438 in Dommartin und 1439 in Neuchâtel) während die weltlichen Fribourger ihre erste Hexenjagd 1437-1442, die mindestens dreizehn Hinrichtungen zur Folge hatte, ganz auf eigene Faust führten.[27] Die beiden Urteile, die Torrenté am 20. Juni 1439 in Neuchâtel fällte, sind heute noch im Staatsarchiv der Stadt zu finden.[28] Beide endeten mit der Feuerstrafe. Der erste Prozess fand gegen Jaquet dou Plain (auch Duplan) statt, der wegen „[…] heresi ydolatria et criminibus pluribus aliis enormibus[29] angeklagt worden war. Außerdem soll er gegen den Glauben verstoßen haben und einen Pakt mit dem Teufel eingegangen sein: „ contra sacrosanctum fidem orthodosiam “ und „ homagium et fidelitam dyabolo nature humano inimico et adversario nostro faciendo[30]. Dou Plain wurde dem weltlichen Arm als „hartnäckiger und nicht reuiger“ Häretiker übergeben und seine Güte konfisziert.[31] Der zweite Beschuldigte an dem Tag war Hanchement Le Maselier (Enchimandus Le Maseller), der von einem anderen Angeklagten des Mordes, der Häresie und des Verspeisen von Menschenfleischs angezeigt worden war: „ de heresi, homicidio, comestione carnis humane et criminibus pluribus aliis inormibus [ sic ]“[32]. Wie ein Wolf soll er seine eigenen Kinder verzehrt und unter Aufrufung des Teufels Hagel gemacht haben. Er wurde nicht nur, wie dou Plain an den weltlichen Arm übergeben, sondern auch als „nicht reuiger Häresiarch“ betitelt, was noch schlimmer war als die Bezeichnung Häretiker.[33]

Insgesamt betrachtet lässt der hohe Anteil an männlichen Angeklagten in diesem Zeitraum (1438-1442) Rückschlüsse auf die Entstehung der Hexenprozesse aus den Ketzerprozessen zu. Dass diese und andere Prozesse an der Schwelle vom Ketzer- zum Hexenprozess standen, zeigt auch die Tatsache, dass manche Angeklagte (wie z.B. Aymonet Mangetaz (auch Maugetaz)) sich freiwillig bekannt haben um Buße zu tun oder (wie z.B. Oudot Barthelot) nach Rom gepilgert sind um durch Wallfahrten die Absolution zu erhalten. Die Motive lassen den „[…] Ursprung der Neuchâteler Prozesse in den regionalen Traditionen der Ketzerverfolgungen deutlich werden“[34].

2.2 Frühe Neuzeit

Einen entscheidenden Beitrag an der Rezeption und Verbreitung der neuen Hexenlehre hatte insbesondere der Dominikaner Heinrich Institoris (dt. Kramer) mit seinem Werk Malleus Maleficarum (dtsch. „Hexenhammer“), publiziert im Jahr 1486/87. Es stellt die erste systematische Zusammenfassung des Hexenglaubens dar und legitimiert die Hexenverfolgung.[35] Auf Institoris wird im Folgenden nicht weiter eingegangen, da er sich als päpstlicher Inquisitor im oberdeutschen Raum betätigte.

In Luzern ist die erste bekannte Hinrichtung durch Verbrennen offenbar 1423 in Sursee erfolgt.[36] Es folgten weitere Prozesswellen in den 1450er und 60er Jahren, sowie 1482-1500. Ab 1520 nahm die Intensität wieder zu, sodass man in dem Zeitraum von 1398-1551 mindestens 108 Betroffene ausmachen kann, von denen ein Drittel verbrannt wurde.[37]

In Bern und Solothurn wurden bereits 1454 vermeintliche Hexen verbrannt.[38] Als ordentliche Schutzmaßnahme gegen Zauberei und Hexenwerk ordnete die Berner Obrigkeit im Jahr 1482 Mittel wie Gottesdienste, Messen, Prozessionen sowie den Gebrauch geweihter Gegenstände an.[39] Es ist hinzuzufügen, dass Bern nie einen Westschweizer Inquisitor herangezogen hat.[40] In Basel war die übliche Strafe für Zauberei, aber auch für Blasphemie, der Landesverweis bzw. die Stadtverbannung, was man in den beiden noch heute vorhandenen Leistungsbüchern, Stadtbücher mit Ratsbeschlüssen und Straferkenntnissen, nachlesen kann. So musste zum Beispiel ein junger Mann, weil er geflucht hatte, ein Jahr jenseits der Kreuzsteine (Grenzmarkierungen) verbringen.[41] Für Basel liegen vierzehn Hexenprozessakten vor, aus denen hervorgeht, dass ab 1550 die Prozesse für ein halbes Jahrhundert aufhörten und erst 1602 wieder in Gang kamen. Auffällig ist, dass die Humanität der Verfahren in Basel ihresgleichen sucht, denn nur 1624 soll eine Hexe hingerichtet worden sein.[42] Soldan und Heppe erklären sich dies mit der reformierten Geistlichkeit, z.B. unter Jakob Grynäus (S. 398). Nichtsdestotrotz, muss diese Angabe Soldans und Heppes kritisch betrachtet werden, denn Hansen führt in seiner Sammlung bereits mehrere Quellen auf, die Verbrennungen in Basel dokumentieren.[43] Knappe 20 Jahre später wurde in Basel die Folter gar nicht mehr angewendet.[44]

Mit Einsetzen der überkonfessionellen Blütezeit der Dämonologie begannen ab 1570 im Schweizer Kanton Zürich systematische Hexenverfolgungen.[45] Obwohl Soldan und Heppe die erste Hexenverbrennung in dieser Stadt auf 1654 datieren, finden sich auch hier im Züricher Staatsarchiv nachweisbare Quellen, die den ersten Fall im Jahr 1493 schildern.[46] Trotz allem gehört Zürich zu den Städten mit der niedrigsten Verfolgungsrate in ganz Schweiz.[47]

Besonders heftig waren die Hexenverfolgungen in Genf, was sich, so Soldan/ Heppe, teilweise „[…] aus dem theokratischen Staatsbegriff Calvins und aus (seinem) mächtigen Einfluß [ sic ] […] auf die Strafgesetzgebung der Stadt […]“[48] erklärt. Denn alles was vor Gott strafbar war, war auch vor dem Staatsgesetz strafbar. Calvin wollte, da ja Gott ausdrücklich befohlen hatte, die Zauberei mit der Todesstrafe zu ahnden (Bezug auf Exodus 22,17), dass alle Zauberer in Genf vernichtet würden, was sich besonders an der außergewöhnlichen Strenge und „[…] beklagenswerten Härte […]“[49] in den Gerichtsverfahren zeigte. Außerdem wütete seit 1542 die Pest, was von der Bevölkerung auf ein Komplott von „Pestbereitern“ zurückgeführt wurde.[50] Im Jahr 1545 wurden in Genf mehrere Männer als Hexen verbrannt und Calvin drängte aktiv auf die Ausdehnung der Verfolgung.[51] Dies ging sogar so weit, dass der Kerkermeister dem Rat erklärte, dass alle Gefängnisse der Stadt nun überfüllt wären.[52] Die Verhafteten wurden mit glühenden Zangen gezwickt, an den Schwibb- oder Schnellgalgen gehängt, eingemauert oder begingen vor Verzweiflung Selbstmord.[53]

Der Nachfolger Calvins Lambert Daneau (1530-1596) initiierte das Wiedereinsetzen der Verfolgungen in Savoyen und der Westschweiz.[54] Der erste bis zur Hinrichtung durchgeführte Prozess im deutschen Teil von Bern war 1571. Im welschen Teil von Bern wurden ab 1591 in vier Jahren 56 Hexen hingerichtet, in den darauffolgenden vier Jahren bis 1600 allerdings genauso viele pro Jahr (also 255 Tote).[55]

Auch im Waadtland des reformierten Bern[56] sah es nicht besser aus, sodass die Berner Regierung den Amtsleuten einschärfen musste, nur bei begründetem Verdacht einschreiten zu dürfen und sich vorher zu erkundigen, unter welchen Umständen die Taten überhaupt verübt worden waren.[57] Außerdem musste die beschuldigte Person in mindestens drei weiteren Prozessen benannt bzw. angezeigt worden sein, was in der neuen Prozessordnung von 1600 festgehalten wurde.[58] Daraufhin sank die Zahl der Exekutierten zwar, war aber immer noch sehr hoch, und stieg ab 1613 wieder zunehmend, um bis 1666 einen Schnitt von 75 pro Jahr zu erreichen.[59] Zwischen 1581-1620 wurden im Waadtland des reformierten Bern mindestens 970, wohl aber über tausend Menschen als Hexen verbrannt, was der größten Hexenverfolgung im protestantischen Europa entspricht.[60]

Um den Angeklagten ein Geständnis abzuringen, wurden häufig Tortur und Folter angewendet. In Bern unterschied man zwischen „ziemlicher“ und „notwendiger“ bzw. „strenger“ Tortur; benutzt wurden hauptsächlich die Strecke oder das Seil, was auf Grund der physischen Schmerzen fast alle zum Geständnis zwang.[61] Erwies sich die Anklage des Beschuldigten als nicht haltbar, erging die Freisprechung mit einer Zensur auf Urfehde, d.h. dem Versprechen, dass man sich nicht rächen würde, und der Freigesprochene musste für die Prozesskosten aufkommen (oder er wurde, wie bereits erwähnt, des Landes oder der Stadt verwiesen).[62] Das Todesurteil erfolgte nicht nur durch Indizienbeweise, sondern es musste auch ein Eingeständnis des Beschuldigten hinzukommen. Die Vollstreckung wurde anschließend durch das Landgericht ausgeführt; die Obrigkeit hielt sich bloß das Milderungs- oder Begnadigungsrecht vor oder war als Seelsorge für den Todgeweihten da.[63]

Die letzten Hinrichtungen in der Schweiz fanden 1779 in Graubünden und 1782 im reformierten Kanton Glarus statt.[64]

3. Prozesswellen und regionale Schwerpunkte der Hexenverfolgung

Immer wieder gab es in der Untersuchungsregion Phasen gesteigerter Hexenverfolgung. Anhand von erhaltenem Quellenmaterial werden im Folgenden die größten Prozesswellen und einige regionale Beispiele aufgeführt. Des Weiteren wird versucht, mögliche Ursachen für derartige Prozessmassierungen zu bestimmen.

3.1 1447-1456

Um die 1450er Jahre begannen die Prozesse vor allem im westlichen Teil der Untersuchungsregion auszuufern und sind überwiegend im französisch-italienisch-westschweizerischen Grenzgebiet festzustellen, wo Nachrichten vom Wallis bis ins Dauphiné erhalten sind.[65]

In der ersten Prozesswelle sind vor allem die Hexenprozesse in der Diözese Lausanne in den Jahren 1448-1449 repräsentativ. Hier wurden fünf Prozesse durchgeführt, die den in den Errores Gazariorum beschriebenen Hexenbegriff deutlich darstellen.[66] Aus diesem Grund wird im Folgenden stellvertretend auf das Schicksal von Jaquet(us) Durier aus Vevey, wo die Hexenjagd auf Initiative des Lausanner Reformbischofs Georges de Saluces stattfand, eingegangen.

Durier soll einen Mann mit der Hand berührt haben, die mit einer Salbe bestrichen war. Der Mann, Johann de Mossel, soll daraufhin verstorben sein.[67] Außerdem soll Durier Gott, der Taufe, den Sakramenten usw. abgeschworen haben und einen Pakt mit dem Teufel eingegangen sein und diesem einen Treueeid geleistet haben (flectando genua).[68] Er soll dadurch in eine Hexensekte (hier Waldensersekte genannt) aufgenommen worden sein („[…] fuit intrusus in quaddam sectam, que vulgariter dicitur valdensiam heriticorum[69] ). An diesem Beispiel wird die schadenbringende Macht einer Hexe/ eines Hexers deutlich, die so auch in der Errores Gazariorum beschrieben wird: „[…] de quo unguento si quis semel tactus fuerit, irremediabiliter mala morte, aliquando diutius in infirmitate persistendo, aliquando subito moriendo, interimitur.[70]

Die Abhängigkeit solcher Passagen der Quellen von bereits vorgegebenen Vorstellungen des Hexenwesens, wie sie eben in den Errores Gazariorum beschrieben werden, machen es nicht leicht, die Prozesse in ihrer Vorgeschichte zu untersuchen und diese auf ihre Wertneutralität zu prüfen. So erfährt man leider nur sehr wenig über die Person des Jaquet Durier, über soziale Hintergründe und die Auseinandersetzungen, die schließlich zum Hexenprozess geführt haben. Anzumerken ist jedoch, dass der Prozess Duriers, der einmal Magister medici genannt wird, im zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftreten der Pest in Vevey steht. Eine missglückte oder erfolglose medizinische Tätigkeit könnte hier der Auslöser für den Prozess gewesen sein.[71]

Weitere quellenbelegte Fälle sollen hier nur namentlich erwähnt werden. Interessante Prozesse, die sich ebenfalls aus dem neuen Begriff vom Hexenwesen speisen, wären zum Beispiel die Verurteilungen von Catherine Quicqetat, Petrus Mugner (Pierre Munier)[72] und Catherine de Chynal.

3.2 1457-1466

Auch in der zweiten Verfolgungsperiode lassen sich regionale Schwerpunkte ausmachen. In dem genannten Zeitraum ereigneten sich fünf Prozesse in der Gegend südwestlich von Fribourg[73] und eine weitere Prozesswelle in den 1450er und 60er in Luzern, wo 12 Frauen angeklagt wurden. Vier der Frauen wurden verbrannt, die anderen mussten Urfehde schwören.[74]

Die erhaltenen Luzerner Geständnisprotokolle der beiden Angeklagten Els von Mersburg und Margret Jegerin lassen „[…] einen vollausgebildeten Hexenbegriff“[75] erkennen. Beide Angeklagten sollen Schaden- und Liebeszauber ausgeübt haben, nachdem sie auf Anraten einer Hexenmeisterin den Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten.[76] Während des Hexensabbats, der unter Vorsitz des Teufels stattfand (übrigens häufiges Detail in den Prozessakten), sollen sie Hagel und Unwetter verübt haben. Nachfolgend ein Beispiel aus dem Protokoll die Wettermacherei betreffend:

(„[…] da wurde sy zornig und ging von im über ein wasser und wurffe das hinder sich

mit beiden handen in die lufte, in aller tufel und sunderlich in Beelzebups und Krutlis

namen, der under den tufeln ir houbtmeister wer und dem si sich geeignet hette, und

fluchte dem bettler daß vallend ubel und daß in der hagel und die stral slüge; daß wer

ouch ira lieb gewesen. Also in dem sye hagel ouch komen, den hab sy gemacht [ sic ]“)[77].

Die Angabe, dass die Angeklagte über Wasser gegangen sein soll, erinnert an Jesus und trägt dadurch blasphemische Züge. Beide Frauen gaben letztlich an, einige Jahre zuvor schon Hagelschäden mit Hilfe eines Pulvers verursacht zu haben.[78] Außerdem wird in den Luzerner Akten auch über den Hexenflug berichtet. Entsprechungen findet man auch in diesem Fall bei Fründ und in den Errores Gazariorum.[79] Blauert machte darauf aufmerksam, dass (durch weitere Beispiele bestätigt) die Hexenprozesse „in vielfacher motivischer Abhängigkeit standen“ (S.70), sodass eine ganze Reihe von Städten den Hexenbegriff aufgegriffen und akzentuiert haben.[80]

Im Valle Leventina, welches seit dem 13. Jahrhundert weitgehende Autonomie genoss, wurden in Zeiten politischer Instabilität Hexenprozesse inszeniert. 1457-1459 herrschte zwischen dem Herzogtum Mailand und dem Schweizer Kanton Uri eine hoheitliche Konkurrenzsituation. Das Tal versuchte, „durch Hexenprozesse ein Machtvakuum mit eigenen Gerichtskompetenzen zu füllen“[81] um politische Selbstverwaltung zu bewahren bzw. zu legitimieren. Die Prozesse wurden erst abgebrochen, als auch Mitglieder der Oberschicht durch übermäßige Verleumdungen auf dem Scheiterhaufen starben.[82]

In der Periode 1467-1476 sind die Verfolgungen deutlich zurückgegangen, vor allem in Lausanne und Luzern, wo jeweils nur ein Prozess nachweisbar ist.

[...]


[1] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.7.

[2] Ebd.

[3] Anm.: Zu dem ehemaligen Herzogtum Savoyen gehörten das ganze Gebiet um den Genfer See inklusive des Pays de Vaud, das obere Wallis, das Aostatal, das Gebiet um Chambéry und das ganze Piemont bis Nizza (Behringer, S.37). Siehe dazu auch Karte M3.

[4] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.8f.

[5] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.15.

[6] Vgl. Rummel/ Voltmer, S.20.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Rummel/ Voltmer, S.21.

[10] Vgl. Rummel/ Voltmer, S.22.

[11] Vgl. Rummel/ Voltmer, S.23f.

[12] Vgl. Blauert, Ketzer, S.16.

[13] Hansen, S.18.

[14] Vgl. Behringer, S.38.

[15] Anm.: Felix V. war Herzog Amadeus VIII. von Savoyen und wurde 1439 auf dem Basler Konzil zum Gegenpapst gewählt, nachdem Eugen IV. abgesetzt worden war.

[16] Vgl. Blauert, Ketzer, S.19 [für den gesamten Abschnitt].

[17] Vgl. Blauert, Ketzer, S.15.

[18] Anm.: Claude Tholosan soll über 200 Hexenprozesse angestrengt haben und der Meinung gewesen sein, die Verfolgung sei Sache des Staates und nicht der Kirche. Sein Herrschaftsgebiet war übrigens eine Hochburg spätmittelalterlichen Waldensertums. In dem oben erwähnten Traktat legt er sein intellektuelles und juristisches Verständnis des Hexenwesens nieder (Blauert, Ketzer, S.17f.).

[19] Anm.: Der Hexenbegriff umfasst hier Delikte wie Wettermacherei (v.a. Hagel), das Töten und Verspeisen von Kindern, das Abschwören an Gott und sexuelle Ausschweifungen. Außerdem findet sich hier die Vorstellung vom Teufelspakt, von der Sektenbildung und der Teilnahme am Sabbat.

[20] Vgl. Utz-Tremp, S.5.

[21] Vgl. Rummel/ Voltmer, S.31.

[22] Vgl. Blauert, Ketzer, S.18.

[23] Vgl. Blauert, Ketzer, S.17.

[24] Vgl. Modestin/ Utz-Tremp: http://www.zeitenblicke.historicum.net/2002/01/modestin/modestin.html (abgerufen am 11.08.2010).

[25] Anm.: Zu dem Waldenserprozess von 1430 siehe AEF, Geistliche Sachen Nr.26.

[26] Anm.: Zu dem Inquisitionsprozess in Vevey 1438 gegen Aymonet Mangetaz siehe ACV, Ac 29, S.1-3.

[27] Vgl. Modestin/ Utz-Tremp: http://www.zeitenblicke.historicum.net/2002/01/modestin/modestin.html (Abschnitt 2, abgerufen am 11.08.2010).

[28] Vgl. Utz-Tremp, S.550.

[29] AEN, Urkunde H 7/14.

[30] AEN, Urkunde H 7/14..

[31] Vgl. Utz-Tremp, S.551.

[32] AEN, Q 30.

[33] Vgl. Utz-Tremp, S.551.

[34] Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.48.

[35] Vgl. Rummel/ Voltmer, S.31.

[36] Vgl. Hansen, S.529 (Verfahren gegen Verona Rehagin; aus dem StAL).

[37] Vgl. Jäggi, S.144.

[38] Vgl. von Müller/ Glutz-Blotzheim, S.34 (M1) und S.282 (M2).

[39] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.209.

[40] Vgl. Modestin/ Utz-Tremp: http://www.zeitenblicke.historicum.net/2002/01/modestin/modestin.html (abgerufen am 11.08.2010).

[41] Vgl. StABS, Ratsbücher A2, fol. 6v.

[42] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.398.

[43] Siehe dazu z.B. S.556 (erste nachweisbare Hinrichtung einer Hexe 1451 in Basel) und S.611.

[44] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I. S.399.

[45] Vgl. Behringer, S.49.

[46] Vgl. Hansen, S.592.

[47] Vgl. Pfister: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D11450-1-2.php (abgerufen am 12.08.2010).

[48] Soldan/ Heppe, Bd. I, S.387.

[49] Ebd.

[50] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.388.

[51] Vgl. Behringer, S.45.

[52] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.388.

[53] Ebd.

[54] Ebd.

[55] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.394.

[56] Anm.: Die bernische Annexion der Waadt fand 1536 statt.

[57] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.389.

[58] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.395.

[59] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.396f.

[60] Vgl. Behringer, S.50.

[61] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.391f.

[62] Vgl. Soldan/ Heppe, Bd. I, S.392.

[63] Ebd.

[64] Vgl. Behringer, S.86.

[65] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.65.

[66] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.64.

[67] Vgl. ACV, Ac 29, S.18.

[68] Vgl. ACV, Ac 29, S.10.

[69] ACV, Ac 29, S.13.

[70] Hansen, S. 120 (Ausschnitt aus den Errores Gazariorum).

[71] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.66.

[72] Anm.: Zu den (editierten) Quellen der Prozesse von Quicqetat (auch Quicquat) und Munier siehe Ostorero oder im ACV, Ac 29, S.29-43 und S.44-55.

[73] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.66.

[74] Vgl. Jäggi, S.144 (siehe dazu auch die Quellensammlung von Hansen, S.553ff, S.561, S. 576).

[75] Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.69.

[76] Ebd. (Prozess zu finden in den Luzerner Akten in SAV 3).

[77] Vgl. Hansen, S.553ff.

[78] Ebd.

[79] Vgl. Hansen, S.119f und 122.

[80] Vgl. Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, S.70.

[81] Rummel/ Voltmer, S.107f.

[82] Rummel/ Voltmer, S.108.

Details

Seiten
32
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656194927
ISBN (Buch)
9783656194811
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194389
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Hexenverfolgung Schweiz Mittelalter Hexen Aberglaube
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Titel: Hexenverfolgung in der Schweiz