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Die enthemmte Ökonomie

Ist Gerechtigkeit noch eine Kategorie der Wirtschaft?

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1.) Der Anlass der moralischen Krise

2.) Vom oikos zur purifizierten Ökonomie - Die Geschichte des menschlichen Wirtschaftens
2.1.) Das Zerbrechen der Aristotelischen Trias
2.2.) Die unintendierte Entfremdung der Ökonomie von der Ethik bei Adam Smith
2.3.) Die Soziogenese der Ökonomie

3.) Von der Schuldigkeit des gemeinen Bankers

4.) Die purifizierte Ökonomie in der Kritik

5.) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Die enthemmte Ökonomie

Ist Gerechtigkeit noch eine Kategorie der Wirtschaft?

Vorwort

In einem Seminar über die Theorien der Gerechtigkeit, bei denen Wirtschaft und Fairness die Protagonisten sind, stellt sich die Frage, ob die heutige Wissenschaft der Wirtschaft, die Ökonomie oder Economics, von sich aus überhaupt noch eine Verquickung zwischen Normativität und wirtschaftlichem Handeln behauptet. Inwiefern die behandelten Theorien der Moralphilosophen noch Anwendung finden auf ein System, das aus tiefster Überzeugung den Standpunkt vertritt, dass - lapidar formuliert - Geld nicht stinkt. Sind Rawl und Dworkin noch Wegsteine unseres Denkens oder handelt es sich dabei nur um weise Worte großer Männer zu verstrichenen Gelegenheiten?

Einleitung

Seit dem Jahr 2008 befindet sich die Weltwirtschaft in der Krise. Wirtschaftliche Stagnation, steigende Arbeitslosigkeit und gleichwohl horrende Stabilisierungstransfers an Banken und marode Staaten haben in der Bevölkerung eine wütende Mehrheit geformt, die die "Zockerbanken" und "Investmenthaie" am liebsten an die Wand gestellt sehen möchte. Magere 2,2 % Wachstum in den USA bzw. 1,7 %1 in der EU verbunden mit etwa 13 Millionen2 Jobs, die durch die Krise vernichtet wurden, haben das Image der früheren Stars der Wirtschaft nachhaltig beschädigt. Der Ruf der Finanzwirtschaft als Produzent von Wachstum und Wohlstand, derer zuliebe die Deregulierung der Märkte vor allem in den USA unter der Bush-Regierung stark zunahm, hat sich so radikal gewandelt, dass "das Image ihres Berufsfeldes nur knapp über dem des Zuhälters liegt"3 wie der Spiegel nach der Bankrenrettung polemisierte.

Doch stellt sich dabei die Frage nach den Gründen für die starke Emotionalisierung gegen die Verursacher der wirtschaftlichen Krise. Besteht doch keinerlei rechtliche oder ethische Verpflichtung von staatlicher Seite den unsolide wirtschaftenden Privatunternehmen vermittels Steuergeldern wieder auf die Füße zu helfen als die ökonomische Sachlogik des geringeren Übels. Die moralische Haftbarmachung der Finanzwirtschaft und, in persona, der Börsenmakler, Investoren, Manager und Banker wirft die Frage nach der Existenz eines ethischen Anspruches im ökonomischen Handeln des Menschen auf. Dreh und Angelpunkt eines solchen Anspruches, und somit Anklage gegen eine Ökonomie, die diesen vermissen lässt, wäre des Menschens Wunsch nach Gerechtigkeit.

Der Mensch als handelndes und dem Handeln Grenzen setzendes Wesen ist in seinem Tun Prinzipien treu oder untreu, die erstmals Montesquieu als Esprits des lois - wenn auch nur im politischen Raum - als Ehre in der Monarchie, Tugend in der Republik und Furcht in der Tyrannis identifizierte. Hannah Arendt gesellt diesen noch den homer'schen Ruhm und die Freiheit einer (attischen) Demokratie hinzu, wie ebenso "Gerechtigkeit, aber auch die Gleichheit, wenn wir darunter die Überzeugung von der ursprünglichen Würde aller, die Menschenantlitz tragen, verstehen"4. Da diese Prinzipien des Handelns5 den Menschen als agierendes Wesen zumindest im politischen Raum leiten, stellt sich folglich die Frage nach dem Verhältnis zwischen eben diesem und dem ökonomischen, wiewohl nach der normativen Durchsetzung letzteren durch besagtes Prinzip der Gerechtigkeit bzw. Gleichheit der Würde. Wenngleich von Arendt unscharf unterschieden, übernehmen wir um der Einfachheit willen ihre Typologisierung, obwohl es sich bei Gerechtigkeit nur um einen schwächeren Ableger des Anspruches der Gleichwertigkeit allen menschlichen Lebens handelt. Denn der Wunsch nach Abschaffung von Willkür und die adäquate Verteilung von Gut abstrakter oder - was zu untersuchen ist - matrieller Natur, was wir Gerechtigkeit nennen, fußt doch auf dem gegenseitigen (An-)Erkennen des Mensch - seins und der damit einhergehenden Einsicht der Gleichwertigkeit und des gleichen Anspruches auf ebendieses Gut.

Als Stein des Anstoßes des moralischen Bankrotts, vornehmlich der Finanzwirtschaft, wollen wir dabei drei Hauptanklagepunkte herauskristalisieren:

- die als Gier identifizierte Maximierung der Eigenkapitalrendite
- die Shareholder-Value-Doktrin, also das unternehmensethische Äquivalent eines neoliberalen Marktradikalismus, die mehr Markt und Wettbewerbsintensivierung als Generalschlüssel zur Lösung aller wirtschaftspolitischer Probleme postoliert6 und die sich dabei als unternehmensethisch korrekt versteht
- die Geschäftspraktiken der Finanzwirtschaft im Sinne einer Greater Fool Theory 7, der zufolge Risiken verschleiert und danach gehandelt werden im Hoffen, dass der Preis nicht dem Realwert entspricht, sondern einem - dank der Risikoverschleierung - höher wahrgenommenen In dem nachfolgenden Text wollen wir uns der Frage widmen, ob der Vorwurf der moralischen Entgleisung, der den Vertretern der (Finanz-)Wirtschaft im Zuge der Krise gemacht wird, zulässig ( = legitim zu kritisieren) und zutreffend ( = korrekt im Adressat) ist. Ob im Sinne der geltenden ökonomischen Theorie eine Haftbarmachung für das gesellschaftliche Gut ableitbar ist, wie es um die Hierachie zwischen Ethik, Politik und Wirtschaft bestellt ist und sein sollte, sowie, ob die Ökonomie berechtigt als wertfreier, unpolitischer Raum verstanden wird. Dabei sollen die Umstände der Genese der ökonomischen Wissenschaft in einen historischen Kontext eingebettet und die Auswirkungen auf unser heutiges Begriffs- wie Wissenschaftsverständnis beleuchtet werden. Nicht jedoch soll sich zu einer persönlichen Meinung verstiegen werden, ob Normativität eine immanente Kategorie der Wirtschaft sein sollte.

1.) Der Anlass der moralischen Krise

Die Kritik an der, so der Vorwurf, moralisch entarteten Ökonomie ist keinesfalls ein neuer. Selbst in seiner Heftigkeit und Salonfähigkeit ist er nicht neueren Datums. Auffällig jedoch sind die periodisch auftretenden Schübe in Verbindung mit Krisen des wirtschaftlichen Systems. Sei es ein tatsächliches, wie derzeit in Griechenland, oder lediglich ein gefühltes, wie in Deutschland. Wenngleich von der sogenannten politischen Linken, trotz ihres ambivalenten Verhältnisses zur Ökonomie als notwendiges Übel ihrer Ideologie, stetig vorgetragen, erreicht diese Anklage nur sporadisch, wenn auch periodisch, Mehrheitsfähigkeit. Grund für dieses willkürlich anmutende Urteil ist die schwankende Legitimation des ökonomischen Systems in der Bevölkerung. Zur Erklärung kann die, in der Politologie beliebte, Klassifizierung in in- bzw. outputorientierte Legitimation herangezogen werden. Da sich der ökonomisch handelnde Mensch in dem aktuellen wirtschaftlichen Raum zwar gewissen Gesetzen, nicht jedoch moralischen Direktiven verantworten muss, existiert keine Input, also durch die Handlung gerechtfertigte Legitimation. Dass das System dennoch in Wachstumsphasen Zustimmung genießt, liegt in der Outputlegitimation begründet. Durch die Ergebnisse des durchaus unmoralischen Handelns wird ein Zustand erzeugt, der allen, einer Mehrheit oder den wichtigen Personen eine bessere Situation bietet als die Ausgangslage. In unserem Fall handelt es sich dabei um das durch womöglich unmoralische Akkumulation von Kapital auf Einzelpersonen erzeugte Wachstum, dass allen oder der Mehrheit eine bessere Gegenwart beschert. Erfüllt das System sein Versprechen von Wachstum und Wohlstand nicht mehr ausreichend, erfolgen genannte periodische Krisen der Legitimation und einhergehend die Moralisierung des handelnden Menschens in der Ökonomie.

Interessanterweise sind die aktuell geforderten Konsequenzen jedoch keineswegs eine stärkere Betonung der Ethik durch den handelnden Menschen in der Ökonomie, sondern vielmehr seine Begrenzung durch amoralische und sachdienliche motivierte Gesetze - wie die Verbote von Leerverkäufen8 und Derivaten9. Wiewohl dem Menschen nicht die Fähigkeit zur Moral abgesprochen wird, besteht kein Glaube an den Willen zum ethischen Handeln. Die Ökonomie erlebt somit keine Normativierung durch die Vernunft im Sinne eines kantschen Imperatives "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz [der Ökonomie] werde ." Sie erleidet nur einen Übergriff der Politik, wird in ihrem Innersten jedoch nicht berührt.

Wenn sich die Anklage gegen das ökonomische System auch in ein moralisierendes Mäntelchen hüllt, so scheint der Konsens Klagender wie Beklagter zu sein, dass die Ökonomie eine reine dem ethischen Wert nicht verpflichtete Sphäre sei.

2.) Vom oikos zur purifizierten Ö konomie - Die Geschichte des menschlichen Wirtschaftens

2.1.) Das Zerbrechen der Aristotelischen Trias

Die Lehre vom oikos, dem Wirtschaften bezog sich in seinem namentlich griechischen Ursprung auf die Hauswirtschaft, die, glauben wir der Interpretation Arendts über die Grenzen des Politischen, diesem abgesondert war, ja, vielmehr eine Vorstufe, eine Notwendigkeit für das z ó on politik ó n war, um von der Arbeit befreit in der Polis seine Fähigkeit zur Politik ausüben zu können10. Keineswegs bestandt ein Knecht - Herrschaftsverhältnis zwischen Politik und Ökonomie, wie es heute zuweilen anmutet, insofern die Politik Sorge dafür zu tragen habe, der Ökonomie möglichst günstige Umstände zu bereiten. Als - so die Lehrmeinung - an Wert geringster Bereich der aristotelischen Trias, in der die Ethik den Bereich des Politischen, dieser aber den der Wirtschaft überwölbte, war der oikos nicht Teil des Öffentlichen Raumes, sondern vielmehr Gegenstück der polis11. So schreibt Hesiod „Erst einmal ein Gehöft (oikos), eine Frau, einen Ochsen zum Pflügen.“ und definiert damit die (Haus-)Wirtschaft als eine Spähre des Privaten. Wurden die alltäglichen Bedürfnisse durch den oikos befriedigt, sicherte die polis die Autonomie. Bei Aristoteles finden wir hinsichtlich der Hierarchie widersprüchliche Aussagen. Behauptet die Nikomachische Ethik den Vorrang des oikos...

Denn der Mensch ist von Natur aus mehr ein Paar bildendes Wesen als ein Staaten bildendes [ politikon ] Lebewesen, ebenso wie die Hausgemeinschaft [ oikia ] früher [ proteron ] und notwendiger ist als der Staat und die Fortpflanzung unter Lebewesen weiter verbreitet ist [als die Staatenbildung].12

[...]


1 Gurría/Padoan (2010)

2 Gurria (2011)

3 Pauli (2011)

4 Arendt (1993)

5 Ebda. Arendt (1993)

6 Thielemann (2009)

7 Stöttner (2009)

8 Veröffentlichung des BMF(a)

9 Veröffentlichung des BMF(b)

10 Stahl (2003)

11 Arendt (2010)

12 Aristoteles (1986)

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656194606
ISBN (Buch)
9783656195306
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194378
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisches Institut
Note
1,5
Schlagworte
Philosophie Gerechtigkeit Gerechtigkeitstheorie Politische Ökonomie Aristotelische Trias Adam Smith purifizierte Ökonomie

Autor

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