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Das Schweigen der Intellektuellen und die Sprachlosigkeit der Kirchen angesichts der Ereignisse des Herbstes 1989

Seminararbeit 2010 21 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schweigende Wortführer? - Die Intellektuellen und die Wende
2.1. Der Begriff des Intellektuellen
2.2. Joachim Fests Kritik an den Intellektuellen
2.3. Äußerungen von Intellektuellen um die und nach der Wende
2.4. Fazit zu Joachim Fest

3. Die kirchliche Sprachlosigkeit - Theorie oder Tatsache?
3.1. Eugen Biser und seine Kritik an den Kirchen
3.2. Äußerungen kirchlicher Vertreter in den Jahren 1989 und 1990
3.3. Fazit zu Eugen Biser

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Anhang 1 Thesenpapier zu Leszek Kolakowski

Anhang 2 Thesenpapier zu Francis Fukuyama

Anhang 3 Thesenpapier zu Joachim Fest

Anhang 4 Thesenpapier zu Jozef Tischner u. einem Interview mit Christian Führer

1. Einleitung

Will man sich über die Bedeutung des Schweigens der Intellektuellen und dabei insbesondere der kirchlichen Vertreter angesichts der Ereignisse des Herbstes 1989 klar werden, so muss man als erstes diese Ereignisse selbst betrachten.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist meist von der „Wende“ die Rede, aber auch der Begriff der „friedlichen Revolution“ wird gebraucht. Diese unterschiedliche Benennung kann auch zu einer sehr unterschiedlichen Würdigung der Bedeutung der damaligen Ereignisse führen. Dies wird deutlich, wenn man z.B. die Veröffentlichungen links orientierter Presseorgane wie dem Neuen Deutschland anlässlich des 20jährigen Jubiläums im Jahre 2009 betrachtet. Hier wurde in der Ausgabe vom 21.11.2009 unter dem Titel „Wende oder Revolution?“ die unterschiedliche Benennung als Beleg für eine verschiedene Wertung der Ereignisse herangeführt.[1] Allerdings kann man ähnliche Äußerungen auch an anderen Stellen finden, wie z.B. Joachim Garstecki in seinem Artikel Die Kirchen in der Friedlichen Revolution 1989 ausführt.[2] Aber auch innerhalb der wissenschaftlichen Publikationen gibt es keine Übereinstimmung in der Benennung und der Bewertung der Ereignisse von 1989. So wird z.B. der Begriff „Wende“ als eine von Egon Krenz geprägte Bezeichnung abgelehnt und der Revolutionsbegriff wird nicht nur von ehemaligen Bürgerrechtlern verwendet. [3]

Je nachdem, ob man von Wende oder Revolution spricht, wird auch das Schweigen und das Reden der Intellektuellen und der Vertreter der großen Kirchen in dieser Zeit verschieden bewertet werden.

In der vorliegenden Arbeit wird davon ausgegangen, dass die Ereignisse von 1989 den Charakter einer Revolution aufweisen, wenn auch der allgemeine Sprachgebrauch von der „Wende“ Verwendung findet. Auf diesem Hintergrund wird in einem ersten Schritt auf die Reaktionen der Intellektuellen eingegangen und diese auf der Grundlage von Joachim Fests Artikel „Schweigende Wortführer“[4] beurteilt. In einem zweiten Schritt wird dann ausgehend von Eugen Bisers Artikeln „Wir dürfen nicht schweigen.“[5] und „Weder Gold noch Silber.“[6] sowie einem Abschnitt aus seinem Werk „Einweisung ins Christentum“ [7] das öffentliche Auftreten von Vertretern der evangelischen und der katholischen Kirche näher betrachtet. Dabei wird sich die Untersuchung nicht nur auf die unmittelbare Zeit der Ereignisse des Herbstes 1989 beziehen, sondern auch Äußerungen in den Monaten vor und nach diesen mit berücksichtigen. Das Hauptaugenmerk der Überlegungen wird hierbei darauf liegen, inwieweit die Äußerungen kirchlicher Vertreter eine Deutung der Ereignisse im Sinne Bisers erkennen lassen. Es wird nicht Gegenstand dieser Arbeit sein zu untersuchen, wie groß der jeweilige Anteil der beiden Großkirchen an der friedlichen Revolution ist.

2. Schweigende Wortführer? - Die Intellektuellen und die Wende

2.1. Der Begriff des Intellektuellen

Wenn immer wieder davon die Rede ist, dass es die Intellektuellen in den Jahren 1989 und 1990 versäumt haben, sich zu den Ereignissen zu äußern, ja gestaltend mitzuwirken, so muss man zunächst klären, wer mit den Intellektuellen überhaupt gemeint ist.

Hier stößt man sehr schnell auf das Problem, dass es eine einheitliche Definition für die Intellektuellen nicht gibt. So wird z.B. in der Einleitung in die Diskussion des IASL online Forum - Geschichte und Kritik der Intellektuellen darauf hingewiesen, dass „zum Begriff und Phänomen des Intellektuellen ... die unterschiedlichsten und z.T. sich widerstreitenden Definitionen und Konnotationen, Theorien und Auffassungen über die Rolle und Funktion des Intellektuellen“ [8] existieren. Ein Autor, auf den man in diesem Zusammenhang immer wieder stößt, ist M.R. Lepsius mit seinem Werk „Kritik als Beruf“. Nach ihm sind die Intellektuellen diejenigen, die inkompetente und quasi-kompetente Kritik üben, um gesamtgesellschaftliche Zielvorstellungen zu formulieren. Dieses würde vor allem auf Schriftsteller, Künstler, Journalisten und Publizisten zutreffen. Dabei wird unter inkompetenter Kritik eine Kritik verstanden, welche sich nicht auf formale Kompetenz (aufgrund von sozialer Stellung oder Berufszugehörigkeit) berufen kann. Eine quasi-kompetente Kritik wird Journalisten zugeschrieben, deren Berufsautonomie keinen Beschränkungen unterliegt [9]. Auch wenn man weitere Definitionen betrachtet, scheint ein wesentlicher Punkt in den meisten zu sein, dass es sich bei einem Intellektuellen um jemanden handelt, der ein „Spezialist für das Wort ... [mit] Distanz zur Realität, Mangel an praktischer Erfahrung [und] Neigung zur Kritik“[10] ist.

Einen weiter gefassten Begriff findet man z.B. bei Ralf Dahrendorf, der unter Intellektuellen diejenigen versteht, „die Kultur, d.h. die symbolische Welt des Menschen, einschließlich Kunst, Wissenschaft und Religion, schaffen, verteilen und anwenden“[11]. Danach könnte man neben den bei Lepsius aufgeführten Personengruppen auch Wissenschaftler und Vertreter der Kirchen (Priester, Bischöfe, Theologen) zu den Intellektuellen zählen, was für die Betrachtung der Positionen von Fest und Biser wichtig ist.

2.2. Joachim Fests Kritik an den Intellektuellen

In seinem Artikel „Schweigende Wortführer“ [12] setzt sich Fest mit dem Verhalten der Intellektuellen zur Zeit der Wende auseinander. Dabei ist in diesem Artikel nur schwer klar ersichtlich, wen Fest mit den Intellektuellen meint. Aus der überwiegenden Nennung von Schriftstellern kann man schließen, dass er wohl der Definition von Lepsius folgt und zu den Intellektuellen vor allem Schriftsteller und Künstler zählt, da er aber auch Politiker und Parteien (hier vor allem die Grünen) in seine Überlegungen einbezieht, ist sein Begriff des Intellektuellen weiter zu fassen als bei Lepsius. Ob er allerdings so weit gehen würde wie Dahrendorf, der ja auch Vertreter der Kirchen zu den Intellektuellen zählt, ist aus dem vorliegenden Artikel nicht zu ersehen, da sich Fest hier nicht ausdrücklich zu den Kirchen äußert.

Fest geht bei seinen Überlegungen von dem auffälligen Widerspruch zwischen den vielfältigen Äußerungen der Intellektuellen in der Bundesrepublik anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution und ihrem Schweigen in Bezug auf die aktuellen Ereignisse in den Ländern des Ostblocks aus. Dieses Schweigen der Intellektuellen sei einerseits erstaunlich, andererseits aber auch verständlich, wenn man sieht, wie stark sie durch die vorbildlose Revolution außer Fassung gebracht wurden. [13] Erstmals habe es eine Revolution ohne das „Element sozialrevolutionärer Emphase, ... ohne Vordenker [und] ohne intellektuelle Beteiligung“ [14] gegeben, die außerdem im Wesentlichen friedlich verlief. Somit fielen die Ereignisse des Herbstes 1989 völlig aus dem Rahmen dessen, was in der bisherigen Tradition als Revolution gesehen wurde. So hatten „seit der Aufklärung ... alle Revolutionen ein gedankliches Vorläufertum“[15] und Intellektuelle spielten eine führende Rolle. Dass dies nun nicht der Fall war zeigt sich nach Fest an verschiedenen Punkten, wie der Grußadresse des AStA der FU Berlin an Erich Honecker vom 22. September oder dem Aufruf „Für unser Land“ vom 26. November, mit dem sich z.B. Christa Wolf und Stefan Heym an die Bevölkerung der DDR wendeten. Hier zeige sich die große Distanz zwischen den Intellektuellen und dem Volk, welches auf die Straße ging und dadurch auf friedliche Weise die Veränderungen herbeiführte.

Vor allem der friedliche Verlauf dieser Revolution habe das Vorstellungsvermögen mancher wohl derart überschritten, dass sie nur in alten Kategorien denken und reagieren konnten. So wird am Beispiel der Grünen gezeigt, dass viele Intellektuelle eine Wende zum Guten in der Welt wohl nicht für möglich gehalten hätten, sondern nur mit Apokalypsen rechneten. Die aktuellen Äußerungen zeigten eine Fixierung auf Ideologien sowie ein Denken in eingefahrenen Gleisen, und in ihnen werde eine Teilnahmslosigkeit gegenüber den Menschen in der DDR (und den anderen Ostblockstaaten) deutlich, welche bereits in den Jahren zuvor zu beobachten war. Obwohl die Unrechtsverhältnisse in der DDR bekannt waren, fanden sich in der Bundesrepublik doch kaum Fürsprecher für die Menschen in der DDR, und dies war selbst in den Novembertagen des Jahres 1989 noch so. Hierin sieht Fest einen „Mangel an elementarem, humanem Mitgefühl“[16] und nur wenige, wie z.B. Willy Brandt, hätten in dieser Zeit die Worte gefunden, „die nicht nur der Emotion des Augenblicks, sondern auch der politischen Vernunft gerecht wurden“ . [17]

Fest konstatiert, es gäbe immer noch eine Tendenz zu Utopien. Aber keine Ideologie habe sich als überlegen gezeigt (auch nicht der Kapitalismus) sondern die offene Gesellschaft. Und so betrachtet er als Lektion dieser Epoche, dass Utopien Trugbilder seien, welche immer in Unterjochungssystemen enden würden.[18] Das Schweigen der Intellektuellen könne dann auch damit erklärt werden, dass sie noch nicht von Utopien und Träumen lassen könnten (was nach Fest aber unbedingt notwendig wäre) und darum die Ereignisse von 1989 verpasst hätten. Andererseits kann man jedoch auch sagen, dass es zwar kein wirkliches Schweigen gab, aber die Äußerungen der Intellektuellen gerade ihr Festhalten an Utopien verdeutlichten, durch welches sie sich von den Wünschen und Vorstellungen des Volkes distanzierten, ja ihre Entfremdung zeigten.[19]

Nicht ein (von Intellektuellen entworfenes) Idealbild oder eine Leitidee habe die Menschen auf die Straße gebracht, sondern allein die Unerträglichkeit der Lebensbedingungen, und möglicherweise ist gerade darin, so Fest, der Grund für den friedlichen Verlauf der Revolution zu sehen. [20]

2.3. Äußerungen von Intellektuellen um die und nach der Wende

Will man die These vom Schweigen der Intellektuellen überprüfen, so ist es notwendig, öffentliche Aussagen, die im Vorfeld und nach der Wende von Intellektuellen getroffen wurden, zu betrachten. [21]

[...]


[1] „Konservative Geister rühmen die erste geglückte deutsche Revolution von 1989. Eher links stehende Antipoden tun sich schwer mit ihr und ihren Ergebnissen... [Eigentümlich] ist, das ausgerechnet staatliche Einrichtungen und Ämter ... in Bezug auf » 1989« eine enge Affinität zum Revolutionstopos pflegen, während der alltägliche Sprachgebrauch der ganz überwiegenden Mehrheit in der Gesellschaft die Rede von der »Wende« bevorzugt.“ M. Sabrow, Wende oder Revolution? - Keinesfalls nur eine scholastische Frage. Der Herbstumbruch vor 20 Jahren im deutschen Geschichtsbewusstsein, in: Neues Deutschland (Online), http://www.neues- deutschland.de/artikel/159604.wende-oder-revolution.html (Stand 25.04.2010 14:25), 4 Seiten, 1.

[2] „Bestritten wird inzwischen nicht der Anteil der Kirchen am demokratischen Aufbruch der DDR, sondern die Tatsache, dass überhaupt eine „Friedliche Revolution“ stattgefunden hat. Die DDR sei 1989 lediglich implodiert, „.eine Revolution ist das nicht gewesen, sanfte Revolutionen sind ein romantischer Schmuh“ (Burkhard Müller in: Süddeutsche Zeitung vom 7. November 2008). Doch dergleichen Schmuh fiel nicht vom Himmel, sondern hatte eine Vorgeschichte, die im richtigen Augenblick erstaunliche Wirkungen entfaltete.“ J. Garstecki, Die Kirchen in der Friedlichen Revolution 1989 Vorgeschichten, ökumenische Lernprozesse und Synergie-Effekte, in: http://www.bistumlimburg.de/index.php?_10=4aeef4bfx4593943d.doc&_0=16&sid=633cb695413e86a4c5cf 5958af807e9f (Stand 23.04.2010, 13:22), 5 Seiten, 4.

[3] „Der Begriff „friedliche“ oder „demokratische Revolution“ wird keineswegs allein von ehemaligen Bürgerrechtlern favorisiert, die die von Egon Krenz geprägte Bezeichnung „Wende“ ablehnen. Verfechter des Revolutionsbegriffs verweisen auf den erfolgreichen und friedlichen Aufstand der DDR-Bevölkerung gegen die SED-Führung, die für 40 Jahre Willkürherrschaft und wirtschaftlichen Niedergang stand. ... Im Gegensatz dazu ist „Wende“ eine vom Honecker-Nachfolger Egon Krenz geprägte Bezeichnung, die seinen Willen zu einer Reform der SED, aber auch zu deren Machterhalt als Regierungspartei der DDR zum Ausdruck brachte.“

C. Schröder, Die Darstellung der friedlichen Revolution in der DDR im Schulbuch Eine Expertise, erarbeitet für die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin 2004, 4.

[4] J. Fest, Schweigende Wortführer. Überlegungen am Ende des Jahres 1989, in: ders., Nach dem Scheitern der Utopien. Gesammelte Essays zu Politik und Geschichte, Reinbek b. Hamburg 2007, 52-60.

[5] E. Biser, Wir dürfen nicht schweigen. Erwägungen zur kirchlichen Sprachlosigkeit: Stimmen der Zeit 208 (1990) 219-228.

[6] Ders., Weder Gold noch Silber. Zum sprachlichen Fehlverhalten nach der Wende: Stimmen der Zeit 211 (1993) 343-350.

[7] Ders., Einweisung ins Christentum, Düsseldorf 1997.

[8] B. Scheideler, Einleitung in die Diskussion, IASL online Forum - Geschichte und Kritik der Intellektuellen, in: http://iasl.uni-muenchen.de/discuss/lisforen/scheidel.htm (Stand 27.05.2010, 15:30 Uhr), 12 Seiten, 1.

[9] Zu den dargestellten Positionen von M.R. Lepsius vgl. W. Jäger, I. Villinger, Die Intellektuellen und die Deutsche Einheit, Freiburg i.Br. 2 1997, 19f.

[10] G. Jäger, Schriftsteller als Intellektuelle, IASL online Forum - Geschichte und Kritik der Intellektuellen, (pdf - Version des Beitrags) in: http://iasl.uni-muenchen.de/discuss/lisforen/intel1.htm (Stand 27.05.2010, 15:45 Uhr), 27 Seiten, 3.

[11] Zitiert nach B. Scheideler, Einleitung in die Diskussion, 3.

[12] Siehe FN 3.

[13] Vgl. Fest, Wortführer, 52.

[14] Ebd. 53.

[15] Ebd. 53.

[16] Ebd. 55.

[17] Ebd. 56.

[18] Vgl. ebd. 55-58.

[19] Vgl. ebd. 58-60.

[20] Vgl. ebd. 59.

[21] Für dieses Kapitel wird vor allem W. Jäger, I. Villinger, Die Intellektuellen, herangezogen. In diesem Buch wird, ausgehend von der Definition der Intellektuellen bei Lepsius (die als für die DDR besonders gut zutreffend betrachtet wird), in Kapitel zwei auf 149 Seiten eine ausführliche Chronik von Äußerungen der Intellektuellen gegeben, welche vom 14.09.1989 bis zum 04.11.1990.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656194651
ISBN (Buch)
9783656197287
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194366
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
friedliche Revolution Wende Herbst 89 Intellektuelle Joachim Fest Eugen Biser Kirche

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