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Das Habituskonzept nach Pierre Bourdieu

Rezeptionsformen und Anschlussmöglichkeiten aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 28 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Habitusbegriff nach Pierre Bourdieu
2.1 Zur Bedeutung des Habitus im Rahmen der Gesellschaftstheorie Bourdieus 5
2.2 Definition des Habitus und seiner charakteristischen Eigenschaften
2.3 Zur allgemeinen Kritik

3 Das Verhältnis der Erziehungswissenschaft zur Habitustheorie
3.1 Anschlussmöglichkeiten an Themen der Erziehungswissenschaft
3.2 Grenzen der erziehungswissenschaftlichen Rezeption

4 Rezeptionsformen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive
4.1 Der biographietheoretische Lernhabitus (H. Herzberg)
4.1.1 Möglichkeiten des Habituskonzepts für den Kontext von Lernprozessen
4.1.2 Grenzen des Habituskonzepts als Rahmenbedingung von Lernprozessen
4.2 Die Interessengenese in der Weiterbildung (A. Grotlüschen)
4.2.1 Möglichkeiten des Habitus für die Erklärung von Interessengenese
4.2.2 Grenzen des Habitus für die Erklärung von Interessengenese
4.3 Die Autonomie im Feld der Weiterbildung (J. Wittpoth)
4.3.1 Möglichkeiten der Habitustheorie im Hinblick auf selbstgesteuertes Lernen
4.3.2 Grenzen der Habitustheorie Hinblick auf selbstgesteuertes Lernen

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Hinführung zum Thema

Die Praxis (ist) der Ort der Dialektik von opus operatum und modus operandi, von objektivierten und einverleibten Ergebnissen der historischen Praxis von Strukturen und Habitusformen.“ (Bourdieu 1987, S. 98)

Pädagogische Interaktion findet niemals losgelöst von gesellschaftlichen Einflüssen statt. Es ist neben dem individuellen Bezug immer auch eingebettet in einen kulturellen, institutionellen und gesellschaftlichen Kontext. Man spricht daher auch von einer soziokulturellen und sozioökonomischen Durchdringung der pädagogischen Praxis. Ausgehend von diesem Umstand kann es sich demnach als sinnvoll erweisen, auch die Theorien und Konzepte der Nachbardisziplin Soziologie im erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu berücksichtigen. Durch einen interdisziplinären Blickwinkel besteht dann die Möglichkeit, gesellschaftliche Strukturen in ihrer Bedeutung für pädagogische Prozesse adäquat zu erfassen. Auch aktuell werden in der Erziehungswissenschaft zahlreiche soziologische Konzepte diskutiert. Allerdings erfolgt die Diskussion auf unterschiedliche Art und Weise. Zum einen besteht die Möglichkeit, entsprechende Theorien hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf einen konkreten pädagogischen Sachverhalt zu untersuchen. Dazu werden die Konzepte in ihrer ursprünglichen Form herangezogen und im jeweiligen Kontext als maßgebliche Bedingung erörtert. Zum Teil aber werden in verschiedenen Konstellationen soziologische Ansätze für die Verwendung in einem erziehungswissenschaftlichen Kontext modifiziert und transformiert. Die soziologischen Konzepte dienen dann lediglich als theoretisches Fundament für die Entwicklung entsprechender Modelle in einem erziehungs-wissenschaftlichen Zusammenhang.

Im folgenden Verlauf wird die Rezeption des Soziologen Pierre Bourdieu aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive betrachtet. Bourdieu legt mit seiner Theorie der Praxis (1976) einen gesellschaftstheoretischen Entwurf vor, der in vielerlei Hinsicht Differenzen zu den bereits bestehenden Gesellschaftstheorien aufweist. Besondere Aufmerksamkeit erhält in dieser Arbeit das Habitus-Konzept und seine Bedeutung innerhalb des erziehungswissenschaftlichen Diskurses. Fokussiert werden dabei nicht nur die Anschlussmöglichkeiten, die das Konzept bietet. Vor allem die Grenzen, die der Habitustheorie vor dem Hintergrund eines pädagogischen Verständnisses gesetzt werden, sollen hier Berücksichtigung finden.

Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, auf welche Art und Weise die Habitus-Theorie Einlass findet in die erziehungswissenschaftliche Debatte. Die im Folgenden diskutierten Beispiele der erziehungswissenschaftlichen Rezeption Pierre Bourdieus werden daher bezüglich ihres Umgangs mit dem Habitus-Konzept analysiert und kritisch reflektiert.

Vorgehensweise

Um die Rezeptionsformen und Anschlussmöglichkeiten des Bourdieuschen Habitus aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive betrachten zu können, wird zunächst in Kapitel 2 das Habituskonzept nach Bourdieu entfaltet. Dabei werden nacheinander die Kontextualität der Habitustheorie und die Charakteristika des Habitus selbst fokussiert. Auch die Kritikpunkte des Ansatzes werden hier berücksichtigt. Basierend auf einer solchen theoretischen Skizze des Habituskonzepts erfolgt dann die Auseinandersetzung mit Bourdieus Habitus aus einem erziehungswissenschaftlichem Blickwinkel. Gegenstand des dritten Kapitels ist daher zum einen die Anschlussfähigkeit des Habitus an Themen der Erziehungswissenschaft, aber auch die Schwierigkeiten der Rezeption im Kontext erziehungswissenschaftlicher Auseinandersetzung. Beides erfolgt hier zunächst aus einer allgemeinen Perspektive heraus, bevor dann in Kapitel 4 Anschlussmöglichkeiten und Rezeptionsformen in ihrer Konkretheit dargestellt werden. Es werden drei Beispiele der Rezeption Pierre Bourdieus vorgestellt und hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit dem Habitus kritisch reflektiert: Das Konzept des biographietheoretischen Lernhabitus von Heidrun Herzberg, die Diskussion des Autonomiebegriffs im Feld der Weiterbildung im Anschluss an Jürgen Wittpoth und die Frage der Interessengenese in der Weiterbildung in Anlehnung an Anke Grotlüschen.

Abschließend werden die gewonnen Erkenntnisse in einen Gesamt-zusammenhang gestellt und kritisch diskutiert. In diesem Rahmen soll dann nochmals die Bedeutung Pierre Bourdieus und seines Habitus für die Erziehungswissenschaft thematisiert werden.

Literaturauswahl

Das Werk Pierre Bourdieus ist sehr umfangreich. In Auseinandersetzung mit dem Habituskonzept aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive wird vor allem auf seine Ausführungen zum Habitus in den zentralen Arbeiten „Entwurf einer Theorie der Praxis“ (1976), „Die feinen Unterschiede“ (1984) und „Sozialer Sinn“ (1987) rekurriert.

Die Rezeption Bourdieus in der Erziehungswissenschaft erfolgt in den unterschiedlichsten thematischen Zusammenhängen. Die ausgewählten Beispiele, die den Umgang mit dem Habitusbegriff demonstrieren sollen, entstammen allesamt dem erwachsenenpädagogischen Diskurs.

2 Der Habitusbegriff nach P. Bourdieu

Als Grundlage für die nachfolgende Auseinandersetzung mit dem Habitus-Konzept aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive, wird zunächst in knapper Form die allgemeine Gesellschaftstheorie Bourdieus umrissen. Der Habitus wird in diesen Kontext eingeordnet und dann in seinen Einzelheiten besprochen.

2.1 Zur Bedeutung des Habitus im Rahmen der Gesellschaftstheorie Bourdieus

„Der Habitus ist Ergebnis und zugleich Kernstück der Praxistheorie Bourdieus.“ (Bohn 1991, S. 41)

Pierre Bourdieu konzipiert den Habitus im Kontext der Frage nach der gesellschaftlichen Reproduktion. Von entscheidender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Frage, warum Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster in veränderten sozialen Verhältnissen fortbestehen, auch wenn sie sich bereits als unangemessen, sogar hinderlich erwiesen haben. Der Begriff der Reproduktion erweist sich laut Bourdieu als hilfreich, um die Einflussfaktoren für gesellschaftlichen Wandel zu identifizieren. Denn über die Reproduktion lasse sich die Abhängigkeit der Produktion von den sozialen, politischen und kulturellen Formen ihrer Ermöglichung thematisieren (Trinkhaus/Völker 2009, S. 210).

Anders als beispielsweise das Schicht- oder Klassenmodell entwirft Bourdieu das Gedankenmodell eines dreidimensionalen sozialen Raums. Mit dieser Form der Darstellung integriert Bourdieu den „Raum der sozialen Positionen“, der an die Verfügbarkeit von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital gebunden ist, und den „Raum der Lebensstile“, der Einstellungen und Gewohnheiten nachzeichnet. Die dritte Dimension ist die Zeit in Form von sozialen Mobilitätsbewegungen (vgl. Suderland 2009, S. 219f.).

Innerhalb des sozialen Raums haben sich Felder mit spezifischer Logik etabliert. Diese Felder stellen sich als „Netz von sozialen Positionen, Machtverhältnissen und Handlungsregeln“ mit definierten Zielen dar. Zusätzlich umfasst ein soziales Feld die unterschiedlichen Akteure, die sich hinsichtlich Habitus und Kapital unterscheiden (vgl. Rehbein/Saalmann 2009a, S. 100; Rehbein/Saalmann 2009 c, S. 135).

Ausgehend also von seiner Kritik an einseitigen subjektivistischen bzw. objektivistischen Perspektiven konzipiert Bourdieu den Habitus als eine vermittelnde Instanz, die beide Positionen integrieren soll (vgl. Bourdieu 1976, S. 164ff.). Die Theorie der Praxis stellt folglich einen Versuch dar, subjektive Strukturen mit objektiven Gegebenheiten zu verknüpfen und den „verderblichen“ Dualismus zu überwinden (Bourdieu 1987, S. 49). Die sozialen Felder erweisen sich sozusagen als Ort des Geschehens, denn sie sind mit den spezifischen Schemata eines Habitus verknüpft, über den die Akteure wiederum auf das Feld zurückwirken. Die Praxis sei der Ort der Dialektik von opus operatum und modus operandi, von objektivierten und einverleibten Ergebnissen der historischen Praxis von Strukturen und Habitusformen, so Bourdieu (ebd., S. 98). Die soziale Welt existiert demnach in dem Verhältnis von Habitus und Feld.

2.2 Definition des Habitus und seine charakteristischen Eigenschaften

Der Habitus-Begriff steht für ein „System von Differenzen“ und beinhaltet eine Grundhaltung gegenüber der Welt (Bourdieu 1984, S. 279). In der Auseinandersetzung mit der Welt wird der Habitus im Kontext von Sozialisations- bzw. Habitualsierungsprozessen erworben. Dabei ist der Habitus „nicht nur strukturierende, […] sondern auch strukturierte Struktur“ (ebd., S. 279).

Der Habitus ist zum einen als ein Produkt der sozialen Strukturen gedacht, also als eine Entsprechung des Sozialen im Individuum. Eine positiv behaftete Handlungsweise werde im Habitus sedimentiert und durch Einübung dann inkorporiert. In dem sich eine solche Handlungsweise zu einer Gewohnheit entwickelt, werde sie dann habitualisiert (vgl. Rehbein/Saalmann 2009b, S. 114). Der Begriff der Inkorporierung weist deutlich darauf hin, dass der Habitus körpergebunden und von somatischer Natur ist.

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Details

Seiten
28
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656194972
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194338
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
Pierre Bourdieu; Habitus Pädagogik Weiterbildung Rezeption Lernhabitus Interessengenese Autonomie

Autor

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